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SWR1 3vor8

Meine Tochter ist seit einigen Monaten im Kindergarten. Neulich hat sie ein Poesiealbum mitbekommen. Ich hatte davor schon lange keins mehr in der Hand. Klar, irgendwann mal in der Schule. Darin die üblichen Fragen: Deine Augenfarbe? Dein Lieblingstier? Dein Vorbild? Manche haben damals dort Lothar Matthäus eingetragen. Klar, er war der Kapitän der Weltmeistermannschaft 1990. Andere Michael Jackson. Den King of Pop. Und manche haben dort „Jesus“ hingeschrieben. Auch irgendwie verständlich. Er hat ja schon gute Sachen gemacht.

Einige davon stehen in dem Brief eines gewissen Petrus an Mitchristen. Über einen Teil des Briefes wird heute in den evangelischen Gottesdiensten gepredigt. Petrus schreibt da: Jesus hat nie ein unwahres Wort gesagt. Wurde er beschimpft, hat er nicht zurückgeschimpft. Er hat sich sogar umbringen lassen. Wegen seiner Überzeugungen. Für alle anderen Menschen. Und warum hat er das alles gemacht? Damit er ein Vorbild für uns ist.

Mir hat das lange Zeit eingeleuchtet. Vielleicht liegt sogar in irgendeinem Keller ein Poesiealbum in einer Andenkenkiste. Und darin steht, dass „Jesus“ mein Vorbild sei. Ob ich das heute auch noch so hinschreiben würde? Ich weiß es nicht. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits finde ich immer noch, dass Jesus ein vorbildlicher Mensch war. Menschen können gut zusammen leben, wenn sie wie Jesus handeln. Das glaube ich. Andererseits hat Jesus auch Sachen gemacht, die traue ich mir nicht zu. Zum Beispiel mich umbringen lassen.

Ich glaube, Petrus sieht das auch so. Denn nachdem er aufgezählt hat, was Jesus gemacht hat, schreibt er: „Jesus hat unsere Sünde mit seinem Leib hinaufgetragen ans Kreuz, dadurch sind wir für die Sünde tot und können für die Gerechtigkeit leben“ (1. Petr 2, 24). Für mich heißt das: Ich muss nicht wie Jesus sein. Das tut mir gut. Entlastet mich. Aber ich kann versuchen, mich an Jesus zu orientieren. Nicht lügen, nicht zurückschimpfen, andere gut behandeln. Mich dafür einsetzen, dass alle zu ihrem Recht kommen. Das wird mir nicht immer gelingen. Und wenn ich mir das dann zu sehr zu Herzen nehme, kann es mich runter ziehen. Meine Seele kann traurig werden, wenn ich zu viel von mir erwarte.

Letztlich bin ich in den Momenten mir selbst gegenüber ungerecht. Denn ich verlange zu viel von mir. Deswegen muss ich mir dann wieder bewusst machen: Ich bin nicht Jesus! Und das verlangt auch niemand von mir. So wie andere damals nicht Lothar Matthäus oder Michael Jackson waren. Ich kann es aber so machen, wie sie: Die einen haben Fußball trainiert, weil sie Matthäus gut fanden. Andere Musik gemacht und geübt, weil sie Jackson gut fanden. Und von Jesus kann ich immer mehr lernen, wie ich gut mit anderen Menschen umgehe.

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