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SWR1 3vor8

„Gutmenschen“ nennt man sie heute, früher hätte man vielleicht „Heilige“ gesagt: Menschen, die ihre Überzeugung oder ihren Glauben konsequent umsetzen und sich deshalb für ihre Mitmenschen einsetze  im Vertrauen auf Gottes Beistand.
Schon immer haben sich andere geärgert über solche Gutmenschen. Das ist doch naiv, was sie tun, sagen viele. Sie denken zu wenig daran, was am Ende herauskommt bei dem, was sie machen. Aber ist es nicht besser, erst einmal das Notwendige zu tun? Erst einmal dem Verletzten helfen, den Hungernden Brot geben, dem Flüchtling ein Dach über dem Kopf – und sehen, was danach nötig ist?
Es ist doch eigentlich gut, wenn jemand auch so lebt, wie er redet und glaubt? Wenn es anders wäre, würden wir denken: das ist aber nicht glaubwürdig, was er sagt. Manchmal denke ich: Es ist das eigene schlechte Gewissen, dass sich über die Gutmenschen und die Heiligen ärgert. Man weiß genau, dass es eigentlich richtig ist, was sie tun. Aber ich selber kriege das nicht so hin. Warum auch immer. Dann ist es leichter, die anderen als gefährliche Gutmenschen zu beschimpfen, oder als komische Heilige.
Jesus hat wohl gewusst, dass Menschen so sind. Heute steht in den evangelischen Gottesdiensten eine Geschichte im Mittelpunkt, die wie ein Spiegel ist. Jesus hat sie erzählt. Da hat ein König einem seiner Untergebenen seine Schulden erlassen. Niemals hätte der den riesengroßen Betrag zurückzahlen können. Und kaum ist der Mann seine Schulden los, packt er einen an der Gurgel, der ihm einen viel kleineren Betrag schuldet (Mt 18, 21-35). Und Jesus legt dem König die entscheidende Frage in den Mund: „Und du? Warum hast du kein Erbarmen mit dem anderen so wie ich mit dir?“
Ich finde, die Geschichte ist wie ein Spiegel. Und ich erkenne mich darin wieder. Ich glaube, dass Gott mir meine Schuld vergibt. Ich habe ein Leben, für das ich nur dankbar sein kann. Es gibt Menschen um mich herum, die mich unterstützen und mir Freude machen. In dem allen spüre ich die Barmherzigkeit Gottes.
Aber wie oft fällt es mir schwer, genauso barmherzig zu sein. Wenn jemand mich geärgert hat, dann kann ich das lange nicht vergessen. Und es fällt mir schwer, freundlich zu denen zu sein, die mich enttäuscht haben. Und wenn ich von meinem guten Leben etwas abgeben soll für die, die alles verloren haben, dann versuche ich erstmal, mich zu drücken.
Dabei lebe ich doch von der Barmherzigkeit anderer. Sollte ich also nicht auch barmherzig sein?
Ich finde: „Gutmensch“ ist eigentlich ein Ehrentitel. Genauso wie „Heilige“. Sie tun, was vor Augen liegt und machen Gottes Barmherzigkeit spürbar.

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