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SWR1 3vor8

Wer in einer Fernbeziehung leben muss, kann immerhin telefonieren. Man kann sich am Telefon gemeinsam freuen, sich Sorgen von der Seele reden. Hören, was der andere sagt. Das Telefon macht es leichter, getrennt zu leben.
Und wenn man nicht telefonieren oder mailen kann? Manchmal geht das ja nicht oder jedenfalls nicht sofort. Dann kann man aber doch in Gedanken mit denen reden, die man liebt und kennt. Das hilft manchmal auch. Viele reden auch in ihren Gedanken noch mit verstorbenen Angehörigen. Hören, was die wahrscheinlich gesagt hätten. Ich finde das gar nicht so verrückt, wie es vielleicht klingt.
So stelle ich mir auch die Sache mit dem Geist vor, den Jesus versprochen hat für die Zeit, wenn er nicht mehr da ist. Er hat gesagt: „Wenn aber … der Geist der Wahrheit kommen wird, der vom Vater ausgeht, der wird als Zeuge für mich auftreten.“ (Joh 15, 26) Der Geist Gottes wird von dem reden, was Jesus gesagt hätte. In den evangelischen Gottesdiensten wird heute über dieses Versprechen nachgedacht.
Ich glaube: Er redet nicht einfach so, der Geist Gottes. Man muss ihn ausdrücklich fragen. So wie die Menschen, die mit ihren Toten ganz bewusst ein Gespräch anfangen. Man muss ihm erzählen, was   man auf dem Herzen hat. Dann kann man auch seine Antwort hören.
Man muss ausdrücklich fragen. Das habe ich von Martin Niemöller gelernt. Der war U-Boot Kommandant im ersten Weltkrieg, Pfarrer in den 20er und 30erJahren des vorigen Jahrhunderts, dann jahrelang Häftling im KZ, später Kirchenpräsident und Gegner der Wiederbewaffnung und des Wettrüstens. Niemöller hat erzählt, dass er immer wieder gefragt hat: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Mit dieser Frage hat er über die Ereignisse seiner Zeit nachgedacht. Und die Antworten, die er gefunden hat, die haben ihn dazu gebracht, auch mal seine Meinung zu ändern. Zunächst war er glühender Patriot und Nationalist. Aber er hat sich gefragt: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Und wahrscheinlich gehört: „Selig sind die Friedenstifter!“ Oder: „Liebt eure Feinde!“ Da hat er seine Meinung geändert. Dafür haben ihn die Nazis dann ins KZ gesteckt.
Wahrscheinlich muss man sich ein bisschen in der Bibel auskennen, damit man den Geist Gottes hören kann. Wie soll man sonst unterscheiden können, wer da mit einem spricht? Aber genauso wichtig ist es, mit wachen Augen in die Welt zu schauen. Wahrnehmen, was passiert. Mit den Christen in islamischen Ländern. Mit den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Bei den Landleuten, die keine Fremden in ihrer Nachbarschaft wollen. Hinschauen, was da passiert Und fragen: „Was würde Jesus dazu sagen?“. Ich bin überzeugt: So kann man Gottes Geist hören.

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