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SWR1 3vor8

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12, 24) Dieser Satz steht in den evangelischen Gottesdiensten heute im Mittelpunkt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Trocken und kühl gelagert, bleiben Körner beinahe für immer. Bei Ausgrabungen findet man manchmal in Jahrtausende alten Gefäßen Saatkörner und die Archäologen können daraus ihre Schlüsse ziehen.
Nur wenn man die Körner in die Erde aussät, wächst am Ende der Weizen. Das Korn in der Erde platzt auf, treibt einen Keim und vergeht. So weit, so selbstverständlich.
Und wenn man den Satz vom Weizenkorn auf Menschen überträgt? Wie klingt er dann? „Wenn es stirbt, dann bringt es viel Frucht“?
Ich denke an Boris Nemtsov, den sie in Moskau vor gerade 2 Wochen erschossen haben, an Anna Politkowskaja, auch sie wurde als Regimekritikerin ermordet. Ich denke an Martin Luther King oder an die Inderin Jyoti Singh Pandey, die 6 Männer in Indien vergewaltigt haben, so dass sie gestorben ist. Diese Menschen sind gestorben, nur weil sie eine Überzeugung hatten. Oder einfach so, weil die anderen die Macht hatten, sie zu töten.
Mich macht das ganz mutlos. Soll ich wirklich denken: Es hat gar keinen Sinn, den Mund aufzumachen. Man bringt sich nur unnötig in Gefahr. Und in manchen Ländern müssen Frauen einfach zu Hause bleiben.
Der Satz aus der Bibel widerspricht dem : „Wenn das Weizenkorn stirbt, dann ist es nicht einfach nur tot. Dann bringt es viel Frucht“. Ist das wirklich so? Ist es wirklich nicht umsonst, was die mutigen Menschen getan haben und manchmal auch erlitten?
In Indien haben Zehntausende protestiert, die Lage der Frauen wird jetzt offen diskutiert und das Strafrecht ist verschärft worden. Die Situation der Schwarzen in Amerika hat sich verbessert, auch wenn sie noch immer nicht gut ist. In Moskau gehen tausende auf die Straße und verlangen Meinungsfreiheit. Und irgendwann werden sie ihr Ziel erreichen.
„Wenn das Weizenkorn stirbt, dann bringt es viel Frucht.“. Jesus hat diesen Satz gesagt und von sich selber geredet. Auch Jesus ist hingerichtet worden. Alles, wofür er gelebt hatte, schien zunächst sinnlos. Seine Freunde und Freundinnen waren zunächst ganz verzweifelt. Aber Gott hat ihn auferweckt. Da war sein Geist wieder da, der ihnen Mut gemacht hat. Sie haben angefangen, im Geist Jesu zu leben. Und gespürt: Manchmal verändert sich das Leben erst dann, wenn eine Katastrophe passiert. Wenn einer stirbt. Gerade dann kann ein Wunder passieren. Der Tod des einen öffnet vielen anderen die Tür zu neuem Leben.
So verändert sich das Leben. Manchmal sogar die Welt. „Wenn das Weizenkorn stirbt, dann bringt es viel Frucht“ – mit diesem Satz trösten sich viele.

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