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SWR1 3vor8

(zu Jes. 40, 1-5; 9-11 + 2Petr. 3, 8-14)

„Das Schönste im Leben ist nicht die Erfüllung, sondern die Erwartung der Erfüllung“. Das hat die italienische Schauspielerin Anna Magnani gesagt. Und dieser Satz passt ganz gut zum heutigen 2. Advent. Er passt, auch wenn ich ihm so allgemein wie er formuliert ist, nicht folgen mag. Denn es gibt durchaus Erfahrungen in denen die Erfüllung das Schönste ist und nicht die Sehnsucht danach. Zum Beispiel wenn ich mich nach einem Streit wieder versöhne, dann ist das viel schöner als meine Sehnsucht danach. Was mir aber trotzdem an dem Satz von Anna Magnani gefällt, ist dass er mir klarmacht, wie stark Sehnsüchte, Hoffnungen und Erwartungen sein können. Und genau da kommt für mich der Advent ins Spiel. Mit seiner großen, alten und unstillbaren Sehnsucht. Einer Sehnsucht nach Mehr. Nach mehr als nur Glühwein und Gebäck durch die Sehnsucht nach Gemeinschaft. Nach mehr als nur Zusammensein, durch die Sehnsucht nach Liebe. Nach mehr als dieser oft so zerstrittenen Welt, durch die Sehnsucht nach Frieden. 
In den Katholischen Kirchen ist heute von diesen zeitlosen Sehnsüchten die Rede.
Beim Propheten Jesaja geht es um die tiefe Sehnsucht nach Frieden in der Stadt Jerusalem. Welch schmerzlich-schöne Vision. Schmerzlich-schön, weil diese Friedensvision fast 3000 Jahre alt und noch immer nicht erfüllt ist. In dieser Stadt, in der sich drei Weltreligionen beheimatet fühlen und doch gerade durch sie ein Hort des Friedens sein müsste… Da könnte man schon verzweifeln oder zumindest die Geduld verlieren.
In einem anderen Text der heute in den Katholischen Kirchen zu hören ist, geht es genau darum: um die Ungeduld und Unsicherheit beim Warten.
Die ersten Christen hatten die starke Erwartung, dass der auferstandene Jesus bald wiederkäme und mit ihm das Reich Gottes. Aber er kam nicht. Darum tröstet der Autor dieses Textes im 2. Petrusbrief die Seinen damit, dass die göttliche Zeitrechnung eben eine andere sei. Dass bei Gott 1000 Jahre seien wie ein Tag. Und ermahnt die Christen geduldig zu sein und bereit. Weil sie eben nicht wissen können wann es soweit ist. Aber hoffen. Hoffen, darauf dass die Erfüllung dieser Welt mit göttlichem Frieden irgendwann kommt. Und unbeschreiblich schöner sein wird als alle irdische Sehnsucht danach. Diese Hoffnung nennt man auch Advent…

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