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SWR1 3vor8

Der Papst kam auf einem Schimmel, ganz in Weiß gekleidet. Vier Bürger hielten einen goldenen Baldachin über ihn. 9 Kardinäle zu Pferd in roten Mänteln und Hüten haben ihn begleitet. Eine städtische Abordnung begrüßte ihn mit allen Ehren. Das war vor 600 Jahren zum Beginn des Konzils von Konstanz. Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten im Sommer konnte man auf Gemälden sehen, wie beeindruckend das war.
Kaiser Wilhelm kam mit einem Prachtschiff übers Mittelmeer, als er 1898 das Heilige Land besuchen wollte. Ein Hafen musste dafür erweitert werden. Historische Wege wurden ausgebaut, Jubelgesänge einstudiert. Eines der Tore von Jerusalem wurde erweitert, damit der Kaiser standesgemäß einziehen konnte. Mit Glanz und Gloria kann man den Leuten imponieren und seine Macht zeigen.
Als Jesus nach Jerusalem kam, ist er auf einem Esel geritten. Seine Freunde gingen zu Fuß. Und der Evangelist Matthäus schreibt dazu: „So ging in Erfüllung, was Gott durch den Propheten gesagt hat… Sieh doch, dein König kommt zu dir! Er ist von Herzen freundlich und reitet auf einem Esel.“ (Mt 21, 4.5)
An diese Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem wird heute in den evangelischen Gottesdiensten erinnert. Warum diese Geschichte, ausgerechnet am 1.Advent, wo einem doch viel eher schon Maria und Josef und das Kind in der Krippe vor Augen sind?
Ich glaube, diese Geschichte kann zeigen, wer dieser Jesus war, dessen Geburt wir Christen an Weihnachten feiern. Er brauchte keinen großen Auftritt. Wer auf dem Esel reitet, hält nicht großartige Reden von oben herab. Wer auf dem Esel reitet, redet mit den Menschen. Der erzählt ihnen Geschichten vom Leben. Der zeigt ihnen, wie ihr Leben gut werden kann.
Ich glaube, es gibt solche Menschen auch heute noch. Die vielen, die mit ihren Kerzen und Gebeten das Ende des DDR Unrechts angestoßen haben. Für mich auch Malala Yousufzai, das tapfere junge Mädchen aus Afghanistan, das aufgedeckt hat, wie viel Unrecht den Mädchen und Frauen dort getan wird und fast mit ihrem Leben dafür bezahlt hätte. Und sicher auch die Frauen und Männer hier bei uns, die sich beharrlich für die Flüchtlinge in ihren Städten und Gemeinden einsetzen und dafür sorgen, dass wir miteinander gut leben können können.
Ich gebe zu: Jesus, der Eselreiter verließ die Stadt ein paar Tage später mit einem Kreuz auf dem Rücken. Die Leute, die die großen Auftritte und die Drohgebärden lieben, hatten die Oberhand gewonnen.
Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf: Es kann anders werden. Weil noch immer Menschen unterwegs sind, die dem Eselreiter nachfolgen. Ich wünschte, es wären mehr.

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