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SWR1 3vor8

„Ihr seid ein Brief Christi!“ Das hat Paulus an die ersten Christen in Korinth geschrieben (2. Kor 3,3). Bisher hat mich das immer ein bisschen erschreckt. Wenn das für die ersten Christen gegolten hat, dann doch eigentlich auch für mich heute. Was für eine Aufgabe! An mir soll man ablesen können, was Jesus Christus der Welt sagen will? Ich sehe meine Unzulänglichkeiten und fühle mich dieser Verantwortung nicht gewachsen. 
„Ihr seid ein Brief Christi!“. Heute wird über diesen Bibelabschnitt in den evangelischen Gottesdiensten gepredigt. Deshalb habe ich nochmal neu nachgedacht. Und jetzt ist mir aufgefallen: Ich muss den Brief ja nicht selbst schreiben! Ich bin nicht verantwortlich dafür, was drin steht und wie er aussieht, der Brief an die Menschen um mich herum. Gottes Geist, steht da nämlich im 2. Korintherbrief, Gottes Geist schreibt seine Briefe. Das entlastet mich.
Und außerdem: Nicht bloß ich – jeder einzelne ist so ein Brief. Meine Kollegen, meine Kinder, meine Nachbarn, meine Freundinnen – lauter Briefe von Gott.
So gesehen habe ich schon viele Briefe von ihm gekriegt:
Liebesbriefe – zum Beispiel von meiner Tochter, die anruft und sagt: Das war schön, am Wochenende bei dir. So erholsam. Ich komme gern bald mal wieder. Gut, dass es dich gibt. Da klopft mir richtig das Herz. So einen Liebesbrief kriegt man nicht alle Tage.
Danksagungen: Der Kollege bedankt sich, dass ich ihm aus der Patsche geholfen habe, als er etwas vergessen hatte. Das hätte nicht jede getan, sagt er. Danke, dass du dich für mich ins Zeug gelegt hast.
Manchmal kriege ich auch Beschwerdebriefe: Ich finde, so kannst du nicht mit mir umgehen, beklagt sich jemand. Du hättest mich vorher fragen müssen. Du kannst doch nicht einfach so über meinen Kopf hinweg entscheiden. Da erschrecke ich und merke: Er hat Recht, und nehme mir vor, das beim nächsten Mal besser zu machen. Gut, dass er sich gemeldet hat.
Und wenn ich es brauche, wird auch mal jemand für mich zum Trostbrief: Ich verstehe, dass es dir im Moment nicht so gut geht. Sollen wir mal zusammen ins Kino gehen? Und hinterher zusammen ein Bier trinken? Mit so einer Aussicht, sieht die Welt manchmal schon wieder anders aus.
Ihr seid ein Brief Christi – hat Paulus den Christen in Korinth geschrieben. Ich finde, das ist ein schönes Bild. Ich bin gespannt, was für ein Brief als nächstes bei mir ankommt. Und ich hoffe, dass ich manchmal auch so ein Brief für andere sein kann.

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