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SWR1 3vor8

Baruch 5,1-9  - 2. Adventssonntag (C

Himmelhoch jauchzend - und - zu Tode betrübt". So ungefähr fühle ich mich, höre ich Texte aus der Bibel, die voller Hoffnung und Zuversicht sind. Deprimiert bin ich, wenn dann wieder die Rede ist von der „Gottesfurcht". Dieser Widerspruch befindet sich in den Texten, die heute - am 2. Adventssonntag - in den katholischen Gottesdiensten zu hören sind. 
Beim Propheten Baruch „führt Gott sein Volk Israel heim in Freude und im Licht seiner Herrlichkeit." Der Apostel Paulus bereitet seine Gemeinden mit großem Vertrauen vor „für den Tag Jesu Christi" (Philipper 1,4-11). Und Lukas erinnert in seinem Evangelium die Menschen - man beachte: alle (!) Menschen - an die Verheißung, dass sie „das Heil sehen werden, das von Gott kommt" (3,1-6). Schöne und erfreuliche Texte. 
Wären da nicht wieder diese Zwischentöne, in denen von der „Gottesfurcht" die Rede ist. So ganz ohne Furcht und Schrecken geht es anscheinend doch nicht. So richtig widersprüchlich klingt: die „Herrlichkeit der Gottesfurcht".
Und was mich dabei ärgert: Nicht wenige Religionsfunktionäre haben das Wort „Gottesfurcht" schon immer dazu missbraucht, den Gläubigen Angst vor Gott einzujagen. Sie mit solchen Drohbotschaften klein und abhängig zu halten. Da klingen dann Vorstellungen mit von Strafe, Gericht und Hölle. - Aber solch geistlicher Missbrauch eines Wortes ist völlig unangebracht. 
Hier ist eben nicht die Rede davon, dass Menschen vor Gott Angst und Furcht haben, vor ihm zittern sollen. Gemeint ist: „Ehrfurcht vor Gott!" - Ehrfurcht hat für mich zu tun mit diskret sein: ich achte, anerkenne, wertschätze einen anderen. Das heißt für mich auch: ich werde nicht zudringlich, aufdringlich, sondern bleibe zurückhaltend. Eben: Ich habe Ehrfurcht vor einem anderen. 
Wenn der Theologe und Arzt Albert Schweitzer dazu mahnt, dass wir  „Ehrfurcht" haben sollen „vor allem, was lebt" - dann gilt das entsprechend auch für Gott. Gott ist kein Kumpel, sondern der unbegreifliche, große und zugleich nahe Gott. Ihm sollen wir mit Ehrfurcht begegnen, mit dem Bewusstsein, dass er der ganz Andere ist. 
Das Neue Testament der Bibel bringt diese Sicht unmissverständlich auf den Punkt, dass in Gott nichts ist, was zu fürchten wäre. Es heißt dort: „Gott ist Liebe, und keine Finsternis ist in ihm" (1 Johannes 1,5). Und: „Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht" (1 Johannes 4,18). 
Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag und einen gesegneten 2. Advent.

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