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SWR1 3vor8

„Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern an den der anderen!" (Phil 2,4) Für den Apostel Paulus ist das die Voraussetzung eines gedeihlichen Zusammenlebens. An diesem Sonntag soll die Predigt in den evangelischen Gottesdiensten das aufgreifen. „Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern an den der anderen!" Das klingt gut - aber auch ein bisschen weltfremd. Finden Sie nicht?
Im Alltag geht es doch offensichtlich anders zu: Schon Berufsanfänger lernen, dass die wichtigste Frage ist: Was möchte ich für mich erreichen und wie kann ich das meiste rausholen? Und auch in manchen Familien und zwischen Lebenspartnern hat das Vorteilnehmen angefangen: Was muss ich einbringen und was kriege ich dann dafür? Wenn ich den Abwasch mache, übernimmst du dann die Kinder?
Bloß: Richtig gut ist das nicht. Denn so kommen immer welche zu kurz. Wer zum Beispiel für andere Menschen sorgen muss und will, für die alten Eltern oder für Kinder, der kann nicht alles für sich tun, was er vielleicht gern machen würde. Der muss seinen Vorteil hinten anstellen. Und wie viele Menschen sind von vornherein benachteiligt - weil sie mit einem Handicap aufwachsen oder in Verhältnissen, die es einem schwer machen, voran zu kommen. Manche resignieren dann und geben sich auf. Andere werden traurig und wütend.
Dann fängt der Kampf an. Der Kampf um Eigeninteressen, um Vorteile und Vorrechte. In der Familie, am Arbeitsplatz und weltweit zwischen den Völkern und Nationen. Wo jeder um seinen Vorteil kämpft, kann am Ende niemand wirklich gut leben: jeder fühlt sich bedroht oder meint, dass er zu kurz kommt, keiner fühlt sich wohl.
Deshalb empfiehlt die Bibel, immer auch an die anderen zu denken. Was fehlt meinem Lebenspartner, damit er gern lebt und seine Lebensfreude uns beiden gut tut? Was brauchen die Menschen, die immer noch keine Chance haben auf Wohlstand, damit sie nicht kämpfen müssen, sondern ihren Lebensunterhalt erarbeiten können wie ich auch? Natürlich kann ich mir fast alles leisten - aber vielleicht wäre es ja für unser Miteinander besser, ich würde meine Ansprüche mal ein bisschen zurückstecken?
Wenn jeder seinen Vorteil nur für sich will, dann bleibt der Vorteil ein knappes Gut. Es gibt immer nur den einen, den man für sich gewinnen kann. Aber wenn jeder auch den Vorteil des anderen im Blick hat, dann „vermehren" sich die Vorteile, Ich finde, das ist ein einleuchtender Gedanke und gar nicht weltfremd. Heute nennen wir das win-win-Situation. Hatte das anscheinend auch schon im Sinn.

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