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SWR1 3vor8

Stellen Sie sich vor, es würde nicht mehr gesungen auf der Welt. Es gäbe keine Chöre mehr, Schweigen in der Badewanne, kein „you'll never walk alone" im Fußballstadion, kein Gesang in der Kirche. Oder SWR1, ohne die Stimmen von ABBA, Led Zeppelin oder Freddie Mercury. Kein Gute-Nacht-Lied für unsere Kinder, damit sie beschützter einschlafen . Möchten Sie sich eine Welt vorstellen ohne singen? Wo man niemandem beim singen zuhören könnte, wenn man es selber nicht so gut kann? Oder mit anderen mitsingen. Was für ein trauriges, lebloses Leben.
In den Kirchen wird heute extra erinnert an die Gottesgabe des Singens. Der heutige Sonntag heißt in den Kirchen sogar so: „Kantate", zu Deutsch „singt." Man könnte auch sagen: „Jetzt singt schon, von Herzen, auch wenn ihr es nicht ganz könnt."
In den evangelischen Kirchen wird dazu heute noch an eine Begebenheit erinnert, die in der Bibel erzählt wird. Sie macht deutlich, wie viel Lebenskraft im Singen steckt.
Die Geschichte erzählt von Paulus und seinem Freund Silas. In Kleinasien, der heutigen Türkei, geraten sie der Provinzjustiz in die Fänge: Sie hätten sich „als Juden" staatsfeindlich verhalten. Der Prozess ist alles andere als rechtsstaatlich. Sie werden gefoltert. Man steckt sie in die „hinterletzte" Gefängniszelle. Paulus und Silas hätten allen Grund, zu verzweifeln.
Aber - erzählt die Bibel - sie verzweifeln nicht. Ihre Seelen stehen auf. Mitten in der Nacht fangen sie an zu singen: Loblieder für Gott. Ich stelle mir vor, dass das anfänglich eher zögerlich und zaghaft geklungen hat.
Aber das ist das Erstaunliche beim Singen: Wenn man erst mal anfängt, führt es einem Kraft zu. Singen macht einen größer. Weil man tiefer atmet und das macht Körper und Geist weiter und belebt.
Und singen kann einen auch umstimmen. Von Moll nach Dur.
Singen kann die Seele aufhellen, wenn ihr vorher ganz dunkel war. So geht es auch Paulus und Silas. Während sie zu Gott singen, stehen sie selbst innerlich auf. Sie werden freier in ihrem Gefängnis.
Und dann steht in dieser Geschichte noch eine kleine Bemerkung, die ich besonders schön finde. Sie zeigt was Singen noch kann. „Die anderen Gefangenen hörten ihnen zu," heißt es. Die Lebenskraft des Singens überträgt sich auf andere Menschen und strahlt auf sie aus.
Wenn ich mir das klar mache, was man mit der Gabe zu singen von Gott an Möglichkeiten geschenkt bekommen hat. Da gibt es nur eins: Selber singen. Mit- Singen. Oder auf jeden Fall aufmerksam hinhören.

Nachdem man ihnen viele Schläge verabreicht hatte, ließen sie die beiden ins Gefängnis werfen. Dem Gefängniswärter wurde eingeschärft, sie besonders gut zu bewachen.
Befehlsgemäß brachte er sie in die hinterste Zelle und schloss ihre Füße in den Holzblock.
Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder. Die anderen Gefangenen hörten ihnen zu.
(Apg 16,23-25)

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