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SWR1 3vor8

Karfreitagsstimmung. Kennen Sie das?
Wenn alles tot scheint und man keine Hoffnung mehr hat? Wenn die Liebe gestorben ist? Wenn man nicht weiß, wie es weitergehen soll? Dann ist Karfreitagsstimmung. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Jesus hat so geschrien, als er hingerichtet wurde. Sogar Jesus selbst, an dessen Tod am Kreuz wir Christen heute denken, kannte also die Karfreitagsstimmung.
Solche Karfreitagsstimmung ist eigentlich Sünde, sagt der Glaube. Sünde ist für den Glauben erst mal nichts Moralisches sondern dass man nicht an Gott glauben kann. Dass man ihm nicht vertrauen kann und nicht auf das Leben, das er für seine Geschöpfe gedacht hat. Wo sie einander leben helfen und einander gut tun. Wo keiner das Gefühl haben muss, er kommt zu kurz. Am Karfreitag kann man das nicht glauben. Da kann man nicht an den lieben Gott glauben, der es gut meint mit den Menschen. Wenn man es genau nimmt, ist das Sünde. Diese Sünde macht das Leben kaputt.
Gibt es einen Weg heraus aus der Karfreitagsstimmung? Kann man sein Gottvertrauen und das Vertrauen ins Leben wieder finden, wenn alles zu Ende scheint?
Heute wird in den Evangelischen Gottesdiensten ein Stück aus dem Hebräerbrief aus der Bibel vorgelesen. Darin steht: Der Karfreitag selbst ist so ein Weg zurück ins Vertrauen. Jesus selbst, heißt es da, „ist ein für allemal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben." (Hebr. 9, 26) Er hat sich geopfert, damit Menschen wieder auf Gott vertrauen können. Sogar, wenn alles dagegen spricht. Sogar wenn man sagen muss: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen". so wie er das gesagt hat.
Ich glaube: Jesus hat sein Leben gegeben, damit wir genau das sehen und glauben können. Damit Schluss ist mit der Sünde, die sagt: Ich kann Gott nicht vertrauen. Er kümmert sich ja nicht um mich. Er lässt mich zugrunde gehen. Wahrscheinlich gibt es ihn gar nicht.
An Jesus kann man sehen: Gott verlässt auch die nicht, für die alles zu Ende ist. Auch die nicht, die sich selber alles verdorben und kaputt gemacht haben. Zu einem Verbrecher, der mit ihm hingerichtet wurde, hat er gesagt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!" Nicht einmal der Tod ist eine endgültige Grenze und auch keine Strafe. Das hat Jesus dem anderen, der mit ihm sterben musste, versprochen.
Und ein paar Tage später haben seine Anhänger es erlebt, gesehen, erfahren: Nach dem Tod geht der Himmel auf! Und auch wenn alles zu Ende schien: Es gibt neues Leben. Und Karfreitag ist es immer nur vorübergehend. Gott sei Dank.

 

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- Passionsgeschichte in den Evangelien

Es ist ein faszinierendes Bild. Ich stand lange davor. Da wird ein hilfloser Mensch, der aus eigener Kraft nicht mehr gehen kann, von einem anderen über die Schultern gelegt und getragen. Es ist eine Art „Steinrelief". So jedenfalls erinnere ich mich an das Bild. Es stammt aus dem 12. Jh. und befindet sich in der Basilika St. Madeleine in Vézelay in Burgund. Wenn man es genauer anschaut, entdeckt man etwas Besonderes. - Die Vorderseite zeigt, wie sich Judas, ein Jünger Jesu, mit einem Strick erhängt.  Das entspricht der Botschaft der Evangelien im Neuen Testament. Davon ist heute, am Palmsonntag, in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Nachdem er Jesus „verraten" hatte - wie es dort heißt - hatte Judas keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Die Evangelien tun sich offensichtlich schwer mit dieser tragischen Gestalt an der Seite Jesu. Warum sich Judas das Leben nimmt, bleibt im Dunkeln. Doch mit diesem Ende wollte sich der Künstler von Vézelay nicht zufrieden geben. Und so hat er in großer künstlerischer und gläubiger Freiheit diese tragische Judasgeschichte weiter geschrieben. Auf der Rückseite des Reliefs legt sich Jesus den toten Judas über die Schultern und trägt ihn als der „Gute Hirte" zurück zu den Seinen. Diese Szene zeigt, dass sich Jesus zu keiner Zeit veranlasst sah, sich von Judas zurückzuziehen, ihn von seiner Zuneigung auszuschließen. Ein starkes Bild und was für eine Botschaft! - Es bleibt nicht bei der Verzweiflung und beim Strick. Da ist einer, der die Last des Unerträglichen mit trägt und aushält. Was für eine Barmherzigkeit! Was für eine Liebe! Eben: das „Erkennungsmerkmal" Jesu. Mit seiner Botschaft - in Stein gemeißelt - trifft der Künstler mitten hinein ins Zentrum der biblischen, der christlichen Botschaft. Und diese Botschaft zeigt Barmherzigkeit - innerhalb und außerhalb der Kirche. Sie lädt ein zu einer Kultur der Vergebung, die nicht nachträgt, verurteilt und ausschließt, sondern einen Neuanfang möglich macht. Diese Botschaft könnte auch ein „Erkennungszeichen" sein für eine glaubwürdige und überzeugende Kirche. Da ist Jesus, der den Judas - der sich selbst getötet hat - vom Baum holt und über den Schultern trägt. Ich hoffe: Für alle, die unter einer solchen Situation leiden und sich schuldig fühlen - eine ungemein tröstliche Botschaft.

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