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SWR1 3vor8

Ihr seid jetzt traurig. Doch ich werde euch wiedersehen. Dann wird euer Herz voll Freude sein und diese Freude kann euch niemand mehr nehmen (Joh 16, 22)

Wir sehen uns! Es klingt in meinen Ohren immer ein bisschen oberflächlich, wenn Menschen sich so verabschieden. Wir sehen uns! Das kann heißen, ich will mich jetzt nicht festlegen. Also Ciao: Wir sehen uns! Na, so wichtig ist ihm das anscheinend nicht, denke ich dann.
Genau genommen, ist diese Floskel aber auch ganz tröstlich, wenn man Abschied nehmen muss. Wir bleiben auf jeden Fall in Verbindung, so kann man das ja auch verstehen. Wir brauchen uns nicht extra zu verabreden. Wir gehen uns nicht verloren. Auch wenn es zwischendrin immer mal längere Pausen gibt: wir sehen uns! Das ist doch selbstverständlich.
„Wir sehen uns" kündigt Jesus seinen Jüngern an, auch in einer Abschiedssituation. Seine Verhaftung, seine Verurteilung stehen kurz bevor. Da nimmt er Abschied. In der Bibel heißt das so: Ihr seid jetzt traurig. Doch ich werde euch wiedersehen. Dann wird euer Herz voll Freude sein und diese Freude kann euch niemand mehr nehmen.
Vielleicht hat er an ein Wiedersehen nach dem Tod gedacht - dass im Haus Gottes viele Wohnungen sind und dass man sich einmal dort wiedersehen wird, darauf hat er vertraut. Ich glaube das auch. Wie das sein wird, darauf bin ich gespannt. Ich hoffe, dass man alle Konflikte gut sein lassen kann und nur noch das zählt, was man an Liebe miteinander geteilt hat Ich erinnere mich an das Buch des inzwischen verstorbenen Hans-Dieter Hüsch[1], der sehr poetisch beschreibt, wie er sich dieses Wiedersehen vorstellt. „Wir sehen uns wieder" heißt das Buch und manchmal tröste ich mich mit diesem Satz, zum Beispiel, wenn ich an die Freundin denke, die vor einiger Zeit gestorben ist und die mir so fehlt.
Ich glaube aber, dass Jesus damals noch etwas anderes gemeint hat mit seinem „Wir werden uns wiedersehen"! Nachdem er hingerichtet war, haben seine Jünger ihn nämlich wieder gesehen. In den Wochen nach seinem Tod, als er ihnen so gefehlt hat, wenn sie sich da getroffen haben, vor allem aber, wenn sie miteinander gegessen und getrunken haben, dann war er plötzlich bei ihnen. Manchmal haben sie ihn erst gar nicht erkannt. Manchmal haben sie erst hinterher gemerkt: Er war dabei! Wir haben ihn nicht verloren. So ähnlich erleben Leute das bis heute. Manchmal schon beim Kaffeetrinken nach einer Beerdigung: je mehr man von dem Verstorbenen erzählt, desto lebendiger wird er. Und auf einmal kann man miteinander lachen, obwohl doch alle in ihren schwarzen Kleidern da sitzen und es eigentlich zum Weinen ist.
Wenn man sich geliebt hat, glaube ich deshalb, geht man sich nicht verloren. Das beruhigt mich. Und eines Tages werden wir uns sehen. Darauf freue ich mich.


[1] Hans Dieter Hüsch, Wir sehen uns wieder. Geschichten zwischen Himmel und Erde, Kindler Verlag

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