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SWR1 3vor8

Ich bin Peter Kottlorz von der Katholischen Kirche. Einen schönen guten Morgen!
Arrogant, abweisend und beleidigend, so tritt Jesus an einer Stelle im Matthäus-Evangelium auf, die heute in den katholischen Kirchen gelesen wird.
Jesus arrogant und beleidigend? Ja, tatsächlich, wenn man diese Stelle hört, dann zeigt sich ein völlig ungewohnter, erschreckend schroffer Jesus.
Was war passiert? Jesus war wohl stinksauer wegen Auseinandersetzungen mit den religiösen Autoritäten in Jerusalem. Deswegen ging er von dort weg auf’ s Land, durch ein Gebiet von so genannten Heiden, also Menschen, die nicht jüdischen Glaubens waren und damit für Juden minderwertig. Dort hängt sich eine Frau an ihn und bittet ihn um Hilfe für ihre kranke Tochter. Und wie reagiert der genervte Jesus? Er redet nicht mal mit ihr! Beachtet sie nicht. Sie lässt aber nicht locker und läuft jammernd und schreiend hinter ihm her, so dass seine Jünger ihn bitten, sich doch endlich um diese Frau zu kümmern, damit sie ihre Ruhe haben. Und was sagt er zu seinen Jüngern? „Diese Frau geht mich nichts an, ich bin nur zu den Juden gesandt!“
Und es kommt noch schlimmer: Als die Frau vor ihm niederfällt und ihn um Hilfe anfleht, sagt er: “Es ist nicht recht, das Brot den Kindern weg zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“
Im Klartext: Jesus nennt diese Frau eine Hündin! Ein ganz schlimmes Schimpfwort zu seiner Zeit. Aber nicht einmal von dieser brutalen Beleidigung lässt die Frau sich abschrecken und antwortet: “Ja du hast recht Herr, aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Da endlich reagiert Jesus und sagt:
„Frau, dein Glaube ist groß, was du willst soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt,“ heißt es in der Bibel.
Puh, das ist schon starker Tobak, das Verhalten Jesu und die verzweifelte Unterwürfigkeit, aber auch kluge Hartnäckigkeit dieser Frau.
Was nehme ich mit aus dieser Geschichte? Dass Jesus auch genervt sein konnte? Dass er zu Fernheilungen fähig war? Dass ihn Hartnäckigkeit und Glaube erweichen konnten? Ja, das alles, auch. Aber am wichtigsten erscheint mir, dass diese Frau Jesus dazu gebracht hat nicht hart oder stur zu bleiben. Dazu gebracht hat seine durchaus auch engen Grenzen zu sprengen. Und selbst zu erfahren, zu lernen, dass der Glaube, verzweifelter, tiefer Glaube, nicht trennt, sondern verbindet und heilt. Über alle vermeintlichen und wirklichen Grenzen hinweg.
Einen schönen Sonntag wünsche ich ihnen! https://www.kirche-im-swr.de/?m=4295