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SWR1 3vor8

Heute mit Maria Meesters, Pastoralreferentin in Baden-Baden. Guten Morgen.
Die Bibel erzählt mehrere Geschichten, in denen Jesus Tote lebendig macht. Einer ist sein Freund Lazarus. Drei Tage war er schon tot und begraben, als Jesus ihn auferweckt. Der portugiesische Schriftsteller José Saramago hat in seinem Roman „Das Evangelium nach Jesus Christus“ auch diese Geschichte, aber bei ihm geht sie anders aus. Lazarus ist gestorben, Jesus wird geholt, steht kurz davor, ihn wieder zum Leben zu erwecken – und dann lässt er es bleiben. Begründung: Lazarus wird ja wieder sterben und er soll nicht 2 mal den Tod erleiden müssen.
Ich lese beides, die biblische Geschichte und die Romanfassung mit wechselnden Gefühlen. Der Gedanke, geliebte Menschen zurückzubekommen, sie nicht verlieren zu müssen, ist sehr verlockend. Auch der Gedanke, selber leben zu dürfen, gesund, solange die Lust zum Leben da ist. Gleichzeitig weiß ich: es geht nicht. Es gibt sie nicht, die Welt ohne Tod. Die beiden Fassungen der Geschichte von Jesus und dem toten Lazarus geben unser Dilemma wieder: daß wir immer neu und aus tiefster Überzeugung anrennen gegen die Grenze des Todes, daß wir tun, was wir können, um sie hinauszuschieben und um auch die Vorboten des Todes im Leben erträglich zu machen. Und daß wir gleichzeitig nur dann menschlich bleiben, wenn wir den Tod als Tatsache respektieren ihn nicht um jeden Preis hinausschieben. Das fällt heute zunehmend schwer. Denn wir können ja immer mehr tun gegen Krankheit und frühen Tod und erleben die Grenzerfahrungen deshalb oft als Niederlagen.
In dem Roman von Saramago schreckt Jesus davor zurück, seine Macht zu gebrauchen; der Preis, den Lazarus zahlen müsste – ein zweites Mal sterben für ein geschenktes Stück Leben– erscheint ihm zu hoch. In der Bibel erweckt Jesus den Toten zum Leben. Die Frage nach Lazarus’ weiterem Schicksal kommt hier gar nicht in den Blick. Für die biblische Geschichte ist etwas anderes wichtig. Sie drückt den Glauben aus, daß wir mehr erhoffen dürfen als Aufschub, als eine 2.Chance. Wir dürfen bei Gott, in Gott hoffen auf Leben, in dem überhaupt kein Tod mehr ist. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3256