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SWR1 3vor8

„ Ein Gott, der mich leiden sehen will, kann mir gestohlen bleiben. Und ein Gott, der meinen Sohn leiden sehen will, fahre zur Hölle“.
Starker Tobak, dieser Satz des Theologen Ernst Schneck, der selbst einen Sohn verloren hat. Heute ist Karfreitag, der Tag, an dem wir Christen der Kreuzigung Jesu gedenken. Karfreitag, der Tag an dem es heißt da habe Gott seinen Sohn Jesus geopfert. Geopfert für die Schuld der Menschen. Wie soll das zu verstehen sein? Ein Gott, der einen Sohn hat und diesen Sohn auch noch opfert, ihn qualvoll sterben lässt. Auch ich kann und will mir diese Vorstellung nicht zu eigen machen. Als Vater von drei Kindern schon gar nicht.
Welchen Sinn könnte denn der Kreuzestod Jesu haben? Wenn ich dieses Vater-Sohn Opfer als Denkmodell ablehne? Ich habe ein Gegenbild dazu und es heißt „Gnadenstuhl“. Es ist ein Bild, das immer wieder in Kirchen zu sehen ist. Da „opfert Gott nicht“, sondern er hält Jesus mit dem Kreuz auf seinem Schoß, hält ihn, trägt, umfängt ihn. Nimmt ihn, der sich freiwillig das Leben nehmen ließ auf. Holt ihn zurück in seine Sphäre, die Sphäre der Liebe.
Die aber bleibt bei den Menschen durch das Vorbild, das Jesus ihnen gegeben hat. Ein Urbild, ein (archaisches) Gegenbild zur endlosen Spirale der menschlichen Gewalt.
Jesus hat mit seinem freiwilligen Tod am Kreuz die tödliche Gewalt nicht mit tödlicher Gegengewalt beantwortet. Er hat die tödliche Gewaltsamkeit des Menschen absorbiert, in sich aufgenommen und damit aufgelöst, beendet.
Das war so unerwartet, so nie da gewesen und so wirkungsvoll, dass sein Leben und sein Tod seither wie ein Echo durch die Geschichte der Menschheit hallt.
Zu verstehen ist das nicht. Aber vielleicht zu ahnen, zu fühlen. Im Mitfühlen, im ansatzhaften Nachfühlen des Leids, das es in unserer Welt gibt. Und in der Liebe, die dieses Leid lindern und auflösen möchte. Am Karfreitag gibt es in den Kirchen den Brauch der Kreuzverehrung. Ich hatte lange Zeit meine Schwierigkeit mit diesem Brauch, weil ich nicht vor einem Stück Holz nieder knien wollte. Heute verstehe ich diesen Brauch besser, beuge mein Knie und denke dabei an das Leid, an die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten dieser Welt. Ich versuche das Leid ein Stück weit wahr zu nehmen, an mich ran zu lassen und nicht an mir abprallen zu lassen wie jeden Abend bei der Tagesschau. Versuche mit dem Kreuz vor Augen mir einen Gott vorzustellen, der durch das Leid hindurch gegangen ist, der es kennt. Und mir im leidenden Menschen begegnet. Ein Gott, der sagt, ich will dein Leiden tragen. Ich will Dich in Deinem Leiden halten und nicht fallen lassen. Und es einmal für immer von Dir nehmen.
(Ein Gott, dessen Liebe so unvorstellbar groß ist, das ich mich wortlos in sie fallen lasse.) https://www.kirche-im-swr.de/?m=1067
Als Jesus diese Rede beendet hatte, blickte er zum Himmel auf und sagte: »Vater, die Stunde ist gekommen! Setze deinen Sohn in seine Herrlichkeit ein, damit der Sohn deine Herrlichkeit offenbar machen kann. (GN)

Viele Menschen haben Probleme, zu Gott „Vater“ zu sagen. Und nicht mal deswegen, weil sie mit Gott Probleme haben, sondern weil ihnen der eigene oder andere menschliche Väter das Wort verdorben haben. „Vater“ das kann bitter klingen und schmerzhaft. Und darum können und wollen viele Gott nicht mehr so anreden. Ich kann das verstehen und hoffe sehr, dass Sie und ich unseren Kindern dieses Wort nicht kaputt machen. Und ich möchte Sie ermutigen, das Wort Gott-Vater vielleicht trotz allem zu probieren. Weil ich weiß, dass es sehr gut tut, wenn man vertraut, ich habe zumindest einen Vater im Himmel.
So wie Jesus das vorgemacht hat. Im Vater Unser. Und noch in einem anderen Gebet, an das heute in den Evangelischen Gottesdiensten erinnert wird. Das besondere dabei finde ich: Jesus sagt es nicht als es einfach und leicht ist zwischen ihm und Gott. Im Gegenteil. Für Jesus ist es ganz ernst. Die letzte Woche seines Lebens ist angebrochen. Mindestens geahnt hat er das. Und wohl auch gewusst, dass er da allein durch muss. Seine Jünger werden ihm nicht helfen können, ihn vermutlich sogar verlassen. Und in der Situation, redet Jesus Gott mit „Vater“ an, erzählt das Johannesevangelium:

“Jesus blickte zum Himmel auf und sagte: »Vater, die Stunde ist gekommen! Setze deinen Sohn in seine Herrlichkeit ein, damit der Sohn deine Herrlichkeit offenbar machen kann.

Für mich klingt sehr viel Vertrauen und Wärme darin, wie Jesus „Vater“ sagt. Er braucht jetzt ein Gegenüber, das ihn versteht und mitgeht. Dass Gott unsichtbar ist, macht nichts. Anscheinend ist er sich gewiss, dass er sich auf ihn verlassen kann. „Setze deinen Sohn in seine Herrlichkeit ein“, bittet Jesus Gott. Die Menschen haben vor, ihm seine Würde zu nehmen, sogar das Leben. Aber seine Würde bei Gott können sie ihm nicht nehmen. Im Gegenteil. Jesus setzt darauf, wenn er seinen schweren Weg jetzt geht, dann kommt er ans Ziel. „Ins helle Licht Gottes“, betet er. Und das heißt: Gott ganz nah.
Ich stelle mir vor, dass dieses Gebet zu Gott seinem „Vater“ Jesus sehr viel Mut gegeben hat und Rückgrat, für das was auf ihn zukam. Und ich wünsche Ihnen und mir, auch von diesem Vater-Vertrauen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1012