Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2

   

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

03OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Satz ist inzwischen legendär: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“. Willy Brandt hat ihn am 10. November 1989 in Berlin gesagt. Es war der Tag nach dem Mauerfall. Ein Gänsehautmoment. Und seitdem ist tatsächlich ja auch viel zusammengewachsen zwischen den beiden Deutschlands. So hat etwa meine Tochter, die einige Jahre nach dem Mauerfall geboren worden ist, im Osten Deutschlands studiert. In meiner Jugend unvorstellbar. Sie dagegen kennt nur ein einziges Deutschland. Und dennoch erzählt sie mir immer wieder, dass dort manches noch immer anders ist. Und dieses „Anders“, das merke man halt auch im Alltag. In Begegnungen mit den Leuten. In der Art, wie Menschen im Westen und Menschen im Osten auf das eigene Leben schauen. Daran, wie sie über politische Abläufe denken und was sie sich von der Politik erwarten. Und nach wie vor sprechen manche ja von „wir“ und „die“, oder gar von „denen drüben“, von „Wessis“ oder „Ossis“. Machen schon durch ihr Reden klar, dass es da deutliche Grenzen gibt. Auch mehr als 30 Jahre später gibt es offenbar noch jede Menge, das zusammenwachsen könnte. „Zusammenwachsen“, das ist in diesem Jahr das Leitwort des Tags der Deutschen Einheit.

Allerdings ist es ein Thema, das sich bei weitem nicht nur auf West oder Ost beschränkt. Mir kommt es manchmal so vor, als ob die Gesellschaft, also wir alle, eher weiter auseinanderdriften. Als ob wir uns zerlegen in Gruppen und Grüppchen, die kaum noch miteinander sprechen können. Weil viele sich in ihren Blasen häuslich eingerichtet haben. Oft im Digitalen. Ist irgendwie ja auch verständlich. Da treffe ich genau die Menschen, die ich mag und von denen ich weiß, wie sie ticken. Die sich für dieselben Dinge interessieren wie ich. Wir sind uns einig darin, was wir mögen und haben dieselben Themen, über die wir uns aufregen. Im Prinzip ist das auch in der Kirche nicht anders. Wenn ich mir etwa meine Katholische Kirche anschaue, dann sehe ich auch da weit auseinanderliegende Ansichten, die nur schwer vereinbar sind. Über die Frage, welche Rolle Frauen in der Kirche spielen sollen. Wie mit vielfältigen sexuellen Orientierungen umgegangen werden soll. Darüber, wie das Evangelium auch in Zukunft sinnvoll verkündet werden kann. Dabei gibt es in einer Rede Jesu einen ziemlich klaren Satz:  Alle sollen eins sein. (Joh 17,21) Gemeint sind damit alle Menschen, die an ihn glauben. Alle Christinnen und Christen also. Doch auch die, so scheint es, bekommen es nicht wirklich hin. Und das schon seit mehr als zwei Jahrtausenden. Die Frage ist also, was das sein kann: Eins sein. Und wie das gehen soll mit dem Zusammenwachsen.

Vom „Zusammenwachsen“ ist heute, am Tag der Deutschen Einheit, viel die Rede. Ich frage mich manchmal allerdings, ob ich das auch immer will? Will ich mit Leuten, die mir innerlich zutiefst suspekt sind, überhaupt irgendwie zusammenwachsen? Eins werden sogar, wie es sich die Bibel von den Christinnen und Christen wünscht? Ein Herz und eine Seele sollen sie in der allerersten Christengemeinde gewesen sein. So heißt es jedenfalls verklärend in der Bibel. Mal abgesehen davon, dass sicher schon bei den ersten Christen nicht nur heile Welt war, hat es die große, traute Einigkeit nie gegeben. In der Gesellschaft nicht und auch nicht in der Kirche. Weil wir Menschen halt so sind, wie wir nun mal sind. Grundverschieden eben. Und ich finde das auch gar nicht schlimm.

Zum Problem wird das ja erst, wenn ich mich nur noch in meiner Wohlfühlclique bewege. Wenn ich Menschen ausschließe und diskriminiere, nicht mehr bereit bin, zumindest ansatzweise zu verstehen, warum der Andersdenkende eigentlich so anders denkt. Wenn es nicht mehr möglich ist, miteinander zu reden, sich zuzuhören. Sich, wenn nötig, auch mal zivilisiert zu streiten.

Vor vier Jahren hatte die Redaktion der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT die Idee, Leute zum Gespräch zusammenzubringen, die ganz gegensätzliche Ansichten haben. Entstanden ist daraus die Aktion „Deutschland spricht“. Sie läuft noch immer. Das Fazit eines Gesprächsteilnehmers bringt gut auf den Punkt, worum es letztlich gehen sollte: Wenn ich den Menschen sehe, der hinter der Meinung steckt, dann ändert das komplett die Situation für mich. Eine Erfahrung, die gerade auch einige Katholikinnen und Katholiken in den Diskussionen auf dem sogenannten Synodalen Weg machen. Er ist eine Reaktion auf die tiefe Krise, in der die Katholische Kirche in Deutschland steckt. Ein kirchliches Bullerbü wird auch er nicht hervorbringen. Das große Eins-Sein in Harmonie wird es nicht geben. Es bleibt wohl ein Ideal, ein in dieser Welt unerfüllbarer Wunsch. Und dennoch geschieht ja etwas, wenn wir aufeinander zugehen, uns austauschen, miteinander streiten. Vielleicht werden wir uns am Ende nicht einig sein. Mit unvereinbaren Positionen auseinandergehen. Und doch wird nichts mehr sein wie vorher, wenn ich mich intensiv bemüht habe, den anderen zu verstehen. Und wenn auch er sich intensiv bemüht hat, mich zu verstehen. Zusammengewachsen sind wir deswegen nicht. Aber näher gekommen sind wir uns schon. Und sind im besten Fall gerade darum ein kleines Stück menschlich miteinander gewachsen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36282
weiterlesen...
16JUN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Katholiken sind manchmal schon ein seltsames Volk. Heute, an Fronleichnam, stellen sie sich vielerorts auf einen öffentlichen Platz, um Gottesdienst zu feiern. Und am Schluss ziehen sie mit einem goldenen Schrein durch die Straßen und zeigen ein Stück Brot. Keine Frage: Auf Menschen, die das noch nie gesehen haben, die nicht mit dem katholischen Brauchtum vertraut sind, muss das befremdlich wirken. Wie aus der Zeit gefallen. Von gestern oder gar vorgestern. Und mancher mag sich denken, dass das ja gut zu dieser Kirche passt, die sich mit Veränderungen schwertut und mit ihren Vorstellungen von dem, was richtig und falsch ist, so oft im 19. Jahrhundert stecken geblieben ist.

Aber mit Fronleichnam ist das anders. Fronleichnam ist einfach und aktuell. An Fronleichnam geht es unmittelbar um den Kern des Menschseins, um das Wesentliche. Fronleichnam stellt nämlich die Frage: Was braucht der Mensch, um zu überleben? Also: Was ist unverzichtbar, damit er noch ein Mensch ist?  Dafür steht das Stückchen Brot, das herumgetragen und gezeigt wird. Soviel kann ich an dieser Stelle schon verraten.

Und was braucht der Mensch? Wirklich, unbedingt, damit er lebt? Es ist wohl leichter zu sagen, was er nicht braucht. Ich habe mir das mal für mich überlegt. Ich brauche keinen teuren Urlaub, verbunden mit einer Reise in ein fernes Land. Ich muss nicht wegfliegen oder 1000 km mit dem Auto fahren. Es genügt mir, wenn ich hin und wieder Zeit habe, um nichts zu tun, etwas anderes sehe als die gewohnten vier Wände. Ich brauche keine rauschenden Feste, wo alles perfekt organisiert ist. Mir genügt es, wenn ich mich mit ein paar Freunden treffen kann und wir dann erzählen, was uns gerade beschäftigt. Ein Glas Wein dazu, ein guter Happen zu essen. Aber das Wichtigste ist in jedem Fall die Gemeinschaft: dass ich die anderen wieder sehe und dass wir uns an dem Anteil geben, was wir denken. Überhaupt sind für mich tiefgehende Gespräche ein großes Geschenk. Wenn wir nicht im Small-Talk stecken bleiben, sondern es gelingt, offen und ehrlich und gleichberechtigt unsere Meinungen zu einem Thema auszutauschen. Ohne Rechthaberei. Großes Publikum dagegen brauche ich nicht. Und dann gibt es da noch einen Bereich, der mir am schwersten fällt: das Essen und Trinken. Ich koche gern und ich esse gern und trinke gern ein gutes Glas Wein. Aber brauche ich das wirklich, also grundsätzlich für mein Leben? Nein. Es ist schön und es macht Spaß und schafft Genuss. Aber lebensnotwendig ist es nicht. Eher Kür als Pflicht. Eher „schön zu haben“, aber kein Muss. Wie so dies und das, über das ich mir Gedanken mache und das manchmal viel Raum einnimmt, aber nicht wesentlich ist.

Wesentlich sind nur wenige Dinge. Ich brauche keine zwanzig Hemden im Schrank. Ich brauche kein großes Auto. Ich brauche kein nobles Essen. Das ist alles oft praktisch und bequem und angenehm, aber wirklich wichtig ist es für mein Leben nicht. Mir fällt das auf, wenn ich einen Laib Brot anschneide und ein Stück davon esse. Trocken, ohne Butter. Wenn das Brot knusprig ist, gut gebacken, frisch – dann ist das das Größte. Es ist wie ein Aha-Erlebnis: So wenig kann so gut sein. Und wunderbar satt machen. Und dann ist das wie ein Hinweis darauf, ruhig mal zu überprüfen, was unnötiger Ballast ist und was wirklich nötig. Genau so verstehe ich auch das Stück Brot, das heute in der Monstranz ausgestellt wird. Zum Hinschauen. Zum Nachdenken. Zum Anbeten. Denn was wirklich wichtig ist, elementar und wesentlich, das ist mit einem anderen Wort auch: heilig. Heilig ist mir der Freund, dem ich vertraue, und der immer da ist, wenn ich ihn brauche. Heilig ist für mich das Dach über dem Kopf, das mich beschützt. Heilig ist für mich das rechte Maß an Nahrung und Liebe, das ich brauche um glücklich zu sein. Nicht mehr, nicht im Überfluss, nicht so, dass ich anderen etwas wegnehme und es denen dann fehlt. Aber auch nicht weniger. Wenn ich heute auf die Hostie in der Monstranz schaue, dann denke ich daran. Und ich erinnere mich an den, der von sich gesagt hat: Ich bin das Brot des Lebens[1]. Jedenfalls hatte Jesus ganz offensichtlich ein klares Gespür dafür, was wesentlich ist, was er zum Leben braucht. Keinen Stab, keine Vorratstasche, kein zweites Hemd[2]. So empfiehlt er seinen Jüngern, als er sie aussendet, um zu den Menschen zu gehen. Er wusste genau, was sie davon abhalten könnte, glaubwürdig zu sein. Wovon sie sprechen und wie sie leben, das soll zusammenpassen. Und Jesus wusste auch, was die Menschen von Gott abhält. Denn dabei gab es für ihn keine Trennung. Ein einfaches glückliches Leben, das ist im Sinne Gottes. Das mehr haben wollen, immer mehr, das führt ins Unglück.

So werde ich also heute wieder auf das Stückchen Brot schauen, das Christen Leib Christi nennen. Ich werde beschämt sein von dem, was ich zu viel habe. Und gleichzeitig werde ich dankbar daran denken, was mir wirklich heilig ist. Und mir vornehmen, mein Leben mehr daran auszurichten.

------------------------------------------------

[1] Johannes 6,35
[2] vgl. Matthäus 10,10

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35587
weiterlesen...
06JUN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

An Pfingsten feiern die Kirchen, dass Gott seinen Geist zu uns Menschen schickt - als Beistand und treuen Begleiter fürs ganze Leben. Das hört sich großartig an. Aber – wie sieht das konkret aus?

In der Bibel wird dazu eine Geschichte erzählt, die ich sehr mag. Mose zieht mit dem Volk Israel durch die Wüste. Gott steht seinem Volk treu bei und sorgt für genug Essen auf dem Weg, allerdings recht einseitig: Jeden Tag gibt es Manna, das nach Honigkuchen schmeckt. Das hört sich erstmal gut an, aber 40 Jahre Honigkuchen können einem Menschen auch lang werden. Deshalb beschwert sich das Volk bei Mose immer wieder. Sie sagen: Wir wollen zurück nach Ägypten, auch wenn es Sklaverei bedeutet. Da gab es Kürbisse, Melonen, Fische, Zwiebeln und Knoblauch.

In dem Moment bricht Mose innerlich zusammen. Er hält es nicht mehr aus, wie krass falsch das Volk seine Lage einschätzt, und was für Luxus-Probleme es hat. Die Freiheit von der Sklaverei ist erreicht – und das soll eingetauscht werden gegen Fische und Knoblauch? Mose will nicht mehr derjenige sein, der die Menschen motiviert, weiterzugehen. Er will nicht mehr der einzige sein, der unbeirrt in die Zukunft blickt und Optimismus ausstrahlt. Er kann einfach nicht mehr und betet: Gott, wenn Du mir sonst keine Hilfe angedeihen lässt, dann töte mich lieber. Ich hab es satt!

Gottes Antwort lautet: Suche 70 Männer. Denen will ich von meinem Geist geben, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst (Num, 11, 17). So zum Beispiel sieht es konkret aus, wenn Gott seinen Geist schickt. Mose bekommt Menschen geschickt, die ihm helfen, seine Last zu tragen.

Die Geschichte von Mose erzählt von einer Erfahrung, die viele auch heute kennen:
Ich denke zum Beispiel an Erika. Erika verteilt in ihrer Kirchengemeinde regelmäßig ein kostenloses Mittagessen an Bedürftige. Diese Arbeit hat ihr immer Spaß gemacht. Aber dann kam Corona:  viele Helferinnen und Helfer aus ihrem Team sind  ausgefallen. Die Arbeit ist ihr irgendwann über den Kopf gewachsen. Irgendwann hat sie der Gemeindeleitung gesagt, dass sie es nicht mehr schafft, und hat das auch in einem Gottesdienst öffentlich zugegeben. Das hat sich herumgesprochen, und Tage später haben sich lauter junge Familien gemeldet, um zu helfen.

Erika hat mir erzählt: „Es ist unglaublich, wie viele Menschen plötzlich da sind. Damit war überhaupt nicht zu rechnen. Das ist so eine Entlastung.“

Ich finde, das ist genau die Mosegeschichte aus der Bibel - bloß in der Gegenwart. Ich bin mir sicher: Die Geschichte von Mose ist brandaktuell. Menschen fühlen sich auch heute schwach, allein und hilflos.

Mein Eindruck ist aber auch: Schwäche zeigen, erzählen, dass man sich alleine fühlt – das ist nicht einfach. Schon in der Schule müssen Kinder immer mehr zu Alleskönnern werden. Nur ja keine schlechte Note in irgendeinem Fach. Ja keine Schwachstelle zeigen.Im Beruf geht das weiter, und Ellbogen sind immer noch wichtig. Facebook, Instagram, TikTok und YouTube produzieren Bilder von Schönheit und Perfektion, die unerreichbar sind.

Gleichzeitig erlebe ich in meiner Arbeit mit Jugendlichen, dass die Not größer wird, über die eigenen Schwächen, über Einsamkeit und Hilflosigkeit zu sprechen. Ich merke immer wieder: Erwachsene sollten offene Ohren für die Jugendliche haben. Einfach damit wir als Gesellschaft nicht unfähig werden, Schwäche, Einsamkeit und Hilflosigkeit wahrzunehmen.

Und das ist, denke ich, wieder sehr nah an Gottes Antwort an Mose dran. Er hat ja gesagt: andere sollen Dir tragen helfen, damit Du nicht alleine tragen musst. Es geht also bei Gott gar nicht darum, dass plötzlich alles, was schwer ist, verschwindet. Aber Gottes Geist sorgt dafür, dass andere mittragen.

Und das tolle ist: Schwächen zuzugeben bedeutet keine Niederlage. Wer die eigene Überforderung ausspricht, der öffnet die Tür für Gottes Geist. So wird aus Schwäche gemeinsame Stärke. Aus Einsamkeit Gemeinschaft und aus Hilflosigkeit wird Zupacken. Und mal ehrlich: wenn ich die Nachrichten schaue über Corona und Krieg in Europa – dann wünsche ich mir so einen Geist für die Menschen und zwischen den Menschen sehr.

Jetzt muss ich noch eines sagen: Es klingt vielleicht zu wunderbar, was ich hier beschreibe. Und Hilfe kommt trotzdem nicht automatisch nach dem Motto: Einfach sagen „ich kann nicht mehr“ und schwupps kommt der Heilige Geist und sorgt für Abhilfe. Das wäre schön. Die eigene Schwäche auszusprechen ist nicht die fertige Lösung - aber nötig, damit sich eine Tür auftut.

Aber ich glaube, dass Pfingsten ein gutes Datum ist, um an den Geist zu erinnern. Ein gutes Datum dafür ist, zur eigenen Schwäche zu stehen. Weil sie von Gott gesehen wird und danach hoffentlich auch von Menschen, mit denen man nicht rechnet.

Also: Nutzen Sie dieses Datum und sagen Sie es jemandem ehrlich, wenn es Ihnen einmal alles zu viel wird. Es besteht Grund zur Hoffnung, dass Ihre Worte dann auch von Gott gehört werden, der seinen Geist sendet, damit Ihnen beim Tragen geholfen wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35578
weiterlesen...
18APR2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Die Emmaus-Jünger

Heute Morgen war in Waghäusel bei Heidelberg schon richtig was los: über hundert Leute haben sich um 6 Uhr auf dem Friedhof getroffen. Sie haben gebetet und gesungen und sind dann ein Stück gelaufen. Unterwegs haben sie sich unterhalten, meditiert und in der Bibel gelesen. Und sie haben zusammen gefrühstückt.

Diese Tradition heißt Emmaus-Gang. Sie geht auf eine Geschichte aus der Bibel zurück: Als Jesus stirbt, bricht für seine Jünger eine Welt zusammen. Alles, was sie erhofft haben, ist dahin. Zwar soll Jesus auferstanden sein; aber sie können es nicht glauben. Zwei der Jünger verlassen daraufhin Jerusalem und wandern mutlos nach Emmaus, einem Ort ganz in der Nähe. Sie reden gerade über die Ereignisse der letzten Tage, als ein Fremder dazu kommt. Der tröstet sie, indem er ihnen die heiligen Schriften auslegt. Gegen Abend kehren die drei zusammen ein. Am Tisch nimmt der Fremde ein Fladenbrot und einen Krug Wein in die Hand. Wie Jesus es getan hat, spricht er den Segen und teilt beides aus. Da erkennen sie ihn: es ist Jesus. Er war die ganze Zeit bei ihnen. Sie waren nur so mit sich beschäftigt, dass sie ihn nicht erkannt haben.

Auch die Menschen heute Morgen in Waghäusel waren unterwegs nach „Emmaus“: nur eben symbolisch. Sie wollten zeigen und feiern, dass Jesus auch heute da ist und Menschen begleitet, auch wenn sie ihn oft nicht gleich erkennen. Sie haben ganz bewusst auf dem Friedhof begonnen, im Halbdunkel: unterwegs ist dann die Sonne aufgegangen, und es wurde immer heller, ein Zeichen dafür, dass Jesus lebt und alles vertreibt, was dunkel ist und traurig macht. Ich mag solche Zeichen. Und doch will ich es genauer wissen: Wie ist Jesus denn konkret an meiner Seite, wo ich ihn doch für tot halten könnte – so wie die Jünger damals?

Der Emmaus-Gang legt für mich vier Spuren:
Zuerst mal: Jesus ist da, wo sich Menschen einander anvertrauen. Die zweite Spur: Ich spüre etwas von ihm, wenn ich in der Heiligen Schrift lese. Dann wird er für mich real, wenn sich Menschen am Tisch versammeln und dabei an ihn denken. Und zu guter Letzt: ich erkenne Jesus oft erst im Nachhinein, wenn ich mir anschaue, was ich so erlebt habe.

Jesus begegnen – auch heute noch

Jesus ist zum Beispiel da, wo sich Menschen einander anvertrauen. Es gibt Situationen, da bin ich wie die Jünger in dem gefangen, was ich erlebe: ich bin traurig, weil jemand stirbt. Ich werde krank oder erlebe Schlimmes und habe Angst. Wie gut tut es dann, wenn jemand für mich da ist, mit dem ich reden kann. Sich auszutauschen führt oft dazu, dass mir „die Augen aufgehen“ und es wieder heller wird. In solchen Momenten bin ich mir sicher: Jesus geht mit mir. Er begleitet mich – durch andere.

Ich kann Jesus aber auch spüren, wenn ich in der Bibel lese. Zu den Emmaus-Jüngern gesellt sich ein Mann, der ihnen die Heilige Schrift auslegt und so ein neues Licht auf das wirft, was Jesus passiert ist. Vielleicht sagt er ihnen, dass Gott aus dem, was für Menschen ausweglos erscheint, durchaus Neues und Gutes machen kann. Oder dass im Scheitern ein neuer Anfang steckt. Das alles steht in der Schrift. Es trifft die Jünger ins Herz und spricht auch mich an.

Die Emmaus-Geschichte legt für mich noch eine andere Spur, wie ich Jesus heute begegnen kann: in der Eucharistie, dem Abendmahl. Die Jünger erkennen den Fremden, als er das Brot teilt. Jesus hatte ihnen gesagt: wann immer ihr das tut und miteinander esst, bin ich bei euch.
Mir fällt dazu eine alte Schüssel ein, die bei mir zuhause steht. Mein Schwiegervater hat darin immer seine Dampfnudeln vorbereitet. Wenn ich die Schüssel sehe, sehe ich ihn: wie er den Teig knetet und seine Augen leuchten. Ich rieche die Hefe und die fertigen Dampfnudeln. Er selber ist schon gestorben, aber in diesem Moment ist er für mich lebendig. Es ist nur eine Schüssel; etwas Zufälliges; meine persönliche Erinnerung. Die Zeichen, die Jesus hinterlassen hat, sind da noch stärker! Denn er hat Brot und Wein ganz bewusst gedeutet. So bleibt er darin ganz lebendig. Es sind Symbole; aber für mich haben sie eine echte Kraft.

Dass Jesus auch heute wirkt und lebendig ist, erkenne ich manchmal auch im Rückblick auf das, was ich erlebt habe. Die Emmaus-Jünger lassen am Abend den Tag Revue passieren und merken, dass Jesus bei ihnen war. In der Bibel heißt es: „Brannte uns nicht das Herz, als er unterwegs mit uns redete?“
Manchmal läuft es nicht so, wie ich es will. Ich sehe kein Land mehr, bin traurig oder ratlos. Trotzdem geht es weiter. Erst später, wenn ich zurückschaue, merke ich, warum: ein Freund hat mich motiviert. Ich bin einem begegnet, der mir gutgetan hat. Oder ich musste bei in einer Sache scheitern, weil sich erst dadurch neue Wege eröffnet haben. Solche Momente können mir zeigen, dass es da einen gibt, der mich durchs Leben begleitet.

Heute Morgen sind an vielen Orten Menschen unterwegs. Wie die Jünger damals machen sie einen Emmaus-Gang: sie vertrauen sich einander an, beten, lesen in der Bibel und essen zusammen. Wo immer einem dabei die Augen aufgehen oder ein gutes Wort ein Herz berührt, wo immer sich dabei etwas zum Besseren wendet oder einer in seiner Not nicht alleine bleibt – da ist Jesus spürbar. Genau dort zeigt sich für mich: Jesus lebt – auch heute.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35230
weiterlesen...
01JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Zu Beginn des Neuen Jahres grüße ich Sie sehr herzlich! Ich wünsche Ihnen ein gutes, gesegnetes und gesundes Jahr 2022! Das neue Jahr ist wie ein Buch, das noch unbeschrieben vor uns liegt. Heute wird die erste Seite aufgeschlagen, mit ersten Worten, ersten Sätzen aber auch mit vielen Fragezeichen, was dieses Jahr wohl alles bringen wird.

Auf die erste Seite meines Buchs klebe ich das Bild eines Engels.  Ich habe es von meinem Adventskalender für das Neue Jahr aufgehoben. Es ist das Bild eines Engels. Der Engel hat ein nachdenkliches und konzentriertes Gesicht. Seine Arme  sind auf der Brust gekreuzt, als wolle er etwas Kostbares aufbewahren.  Aber trotz seines Gewichts schwebt er leicht über der Erde. Er wird  von einer Kette gehalten, die oben im Kirchengewölbe festgemacht ist. Der Künstler Ernst Barlach schuf den schwebenden Engel 1927 als Mahnmal für die Toten des Ersten Weltkriegs. Das Original wurde von den Nationalsozialisten vernichtet, weil die Darstellung des Engels nicht in deren Verherrlichung von Gewalt und Rasse gepasst hat. Gott sei Dank ist es den Nazis nicht gelungen, dieses Kunstwerk aus der Welt zu schaffen. Sie haben zwar das Original vernichtet, aber konnten nicht verhindern, dass Freunde des Bildhauers noch rechtzeitig einen Abguss von dem Friedensengel gemacht haben. Und so finden sich heute sowohl in der Antoniterkirche in Köln wie im Dom zu Güstrow Kopien dieses eindringlichen Mahnmals. Ernst Barlach hat einmal über seinen Engel geschrieben, er plane „eine schwebende Figur, die ganz in sich geschlossen ist und das Höchste an Konzentration darstellt. Sie soll über den Alltag hinausführen in eine andere Welt.“

Für mich geht von dem Engel eine große Ruhe aus. Es ist kein Wunder, dass Menschen still werden, wenn sie den Schwebenden betrachten.  Niemand muss sie dazu anhalten. Auf mich wirkt es so: Nur in der Stille kann man seine Botschaft hören. Mir ist dieser Engel am Beginn des Neuen Jahres ein wichtiger Begleiter. Er strahlt eine wunderbare Gelassenheit aus und vermittelt das Versprechen, dass er bei allem, was kommen mag, dabei ist und nicht von meiner Seite weicht.

__________________________Musik____________________________

Ein Engel, der nicht von meiner Seite weicht, das ist heute mein Thema in den SWR 4 Feiertagsgedanken zum Neuen Jahr. Barlachs schwebender Engel ist nicht abgehoben und unberührt, von dem, was auf der Erde los ist. Im Gegenteil: Bis in seine Gesichtszüge hinein kann man die Spuren menschlicher Angst entdecken. Er ist kein Überflieger, sondern hält es aus, immer wieder zwischen die Fronten zu geraten. Ich stelle mir vor: Er hört das Stöhnen des Schwerkranken und vernimmt gleichzeitig seine große Hoffnung. Er spürt den riesigen Hunger eines jungen Menschen nach Leben und spürt gleichzeitig, wie enttäuscht er ist. Er sieht fröhliche und unbekümmerte Menschen und weiß doch wie verletzbar und gefährdet sie sind. Der Engel schwebt zwischen Himmel und Erde und kann in dieser Lage das tun, was seine Aufgabe ist. Er soll über den Alltag hinausführen in eine andere Welt, so wie es Ernst Barlach selber gesagt hat.

Mich bestärkt der schwebende Engel in dem Gedanken, dass über mir, über uns allen, kein dunkles und anonymes Schicksal schwebt, sondern ein Gott, der alles in seinen Händen träg. Hände, die nicht fesseln und zwingen, Händen, die nicht schlagen und verletzen. Sondern Hände, die heilen und segnen. Engel haben immer den Auftrag, diesen Gott vernehmbar zu machen und dadurch den Menschen ihre Angst zu nehmen. Darum heißt ihr erstes Wort, wo immer sie in der Bibel auftreten: “Fürchte dich nicht!

Barlachs Engel führt über den Alltag hinaus. Er zeigt mit seinem ganzen Gewicht, dass wir von oben her gehalten und getragen sind. Auch und gerade dann, wenn uns Angst und Sorgen niederdrücken. Er verkörpert buchstäblich, was Dietrich Bonhoeffer unnachahmlich ins Wort gebracht hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ich wünsche Ihnen, dass sie behütet und gesegnet ins neue Jahr gehen. Dass Sie zwischen den Seiten in ihrem Jahrbuch immer wieder Engelsspuren entdecken. Und denken sie daran, Engel müssen nicht Männer mit Flügeln sein. Manchmal wohnen sie mit uns Wand an Wand, manchmal sagen sie uns ein gutes Wort, manchmal geben sie uns schweigend die Hand. Und manchmal schweben sie kurz vorbei, lächeln uns still an und verschwinden wieder.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34575
weiterlesen...
01NOV2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Jemand sagt zu mir: „Ich bin kein Heiliger!“ Er meint damit: „Ich hab meine Fehler. Ich lang schon mal tüchtig daneben. Tret‘ ins Fettnäpfchen. Na, und die eine oder andere Versuchung … Ich bin kein Heiliger.“

Ich höre mir das an und frage mich: Gut, aber wer ist denn eigentlich ein Heiliger? Haben wir nicht alle unsere Schwächen und Fehler? Und machen die uns nicht gerade menschlich?

Ich habe neulich Holzfiguren von Leuten gesehen, die immer „heilig“ genannt werden. Die standen in einem alten Altarbild in einer großen Kirche. Wunderschön geschnitzt, viel Gold.

Da war einmal Petrus, ein Jünger von Jesus. Der wird immer mit einem Schlüssel in der Hand dargestellt, den kann man leicht erkennen. Neben ihm Maria, die Mutter von Jesus: Für Katholiken bestimmt die Heilige schlechthin! Aber auch mir als Evangelischem ist sie sehr wichtig. Und Petrus auch. So unterschiedlich die beiden sind.

Ich fang mal bei Petrus an. Den mag ich wirklich sehr! So wie die Bibel von dem erzählt, war der aber ein ziemliches Großmaul! Petrus, der hat Jesus schon richtig nachgeeifert. Mit ganzem Herzen. Aber ein paar Mal hat er den Mund dann doch zu voll genommen. Übers Wasser wollte er zu Jesus gehen. Und ist dann vor Angst untergegangen. Immer und überall hin wollte er Jesus nachfolgen. Selbst in den Tod. Und ist dann doch weggelaufen, um seine Haut zu retten.  

Ich stelle mir Petrus wie einen gutmütigen, ziemlich lauten Riesen vor. Kräftig wie drei – und mit dem Herzen eines kleinen Kindes. Und der ist heilig? Dieser Raufbold, dieses Großmaul! Dieser Kindskopf – aber eben auch: dieses reine kindliche Gemüt.

Maria passt da schon besser. Die fügt sich immer in das, was passiert. Was Gott auch mit ihr vorhat, sie macht mit, ohne sich zu beschweren. Dabei ist sie blutjung, als wir sie in der Bibel kennenlernen. Aber sie hat keine Flausen im Kopf. Gott wird schon wissen, wie’s weitergeht, denkt sie. Und geht mit.

Ja, Maria ist ganz bestimmt so, wie man sich Heilige allgemein vorstellt: demütig und sanft. Na ja, denke ich: Das ist auch das Bild, was man sich jahrhundertelang von Frauen gemacht hat. Aber langsam: die Heiligenfigur, die ich da neulich gesehen habe, die hatte den Teufel fest unter ihren Fuß geklemmt. Der hatte keine Chance mehr!

Und Petrus, der ist ja auch mit Jesus überall hin mitgegangen. Na ja, er hat es wenigstens versucht. Hat halt nicht immer und nicht immer auf Anhieb geklappt. Aber am Ende dann schon.

Vielleicht waren die beiden einfach nur sehr unterschiedlich, Petrus und Maria? Ganz unterschiedliche Typen? Könnten sie dann nicht für uns als Vorbild dienen? So unterschiedlich, wie auch wir sind?

Wir Menschen lernen ja durch Abgucken und Nachmachen. Ein kleines Kind guckt ganz genau, was Mama und Papa und die anderen Erwachsenen tun. Und vor allem die großen Geschwister, die sind fast noch interessanter! Könnten Petrus und Maria nicht so etwas wie große Geschwister für uns sein? Petrus wäre ein ziemlich draufgängerischer und großmäuliger großer Bruder. Aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck! Und Maria wäre eine sehr sanftmütige und geduldige große Schwester. Aber auch eine sehr starke und mutige. Eine, die immer dranbleibt. Die sich nie beirren lässt.

Es gibt noch viele andere Figuren in der Bibel, die solche Vorbilder sein können. Menschen, von denen wir uns etwas abgucken können. Und natürlich gibt es die nicht nur in der Bibel. Die gibt es überall. Zuerst sicher in der eigenen Familie. Ich denke an meine Mutter, die mir die Geschichten aus der Bibel eröffnet hat. Meinen Vater, der mir schöne Kirchen gezeigt hat. Auch die, in der ich gerade wieder die Heiligenfiguren gesehen habe. Meine Oma, die mich immer zum Abschied gesegnet hat. Meinen Patenonkel, der mir zur Taufe ein wunderschönes Marienbild geschenkt hat. Der war übrigens auch evangelisch! Und das Bild hing dann über meinem Bett.

Diese Menschen haben mir von ihrer Hoffnung erzählt. Mir von ihrem Vertrauen abgegeben. Diese Erinnerungen sind mir wirklich heilig. Und ich bin noch vielen anderen Heiligen begegnet in meinem Leben. Menschen, die sich selbst nie für Heilige gehalten hätten. Aber die es gewesen sind. Für mich und für andere.

Manche von denen hatten es selbst nicht leicht. Die hätten allen Grund gehabt, sich zu beklagen. Aber ihre Hoffnung und ihr Gottvertrauen waren stärker. Darauf haben diese Menschen gebaut und weitergemacht. Sich nicht zurückgezogen. Sie sind einfach da gewesen, wenn sie gebraucht wurden. So haben sie es geschafft, dass jemand wieder lächeln konnte, unter den Tränen. Dass jemand wieder den Kopf heben und nach vorne blicken konnte. Dass sich jemand einfach nur gefreut hat, am Leben zu sein.

Das sind für mich Heilige. Vorbilder, ein großer Bruder, eine große Schwester. Jemand, der ein Stück mehr vom Weg sieht. Der eine Hand reicht. Der einen Arm um einen legt. Der seine Schulter anbietet, an die man sich lehnen kann.

Ich meine: Wir alle können solche Heiligen sein. Sie und ich. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Feiertag Allerheiligen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34146
weiterlesen...
03JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Hochfest des Leibes und Blutes Christi. So heißt der Tag, der heute in der Katholischen Kirche begangen wird. Bekennende Katholiken wissen, was mit Fronleichnam gemeint ist. Was aber ist mit den Nicht-Kirchgängern und Ausgetretenen, den Nicht-Gläubigen und Atheisten? Auch sie haben frei wegen dieses kirchlichen Feiertags. Ich sage in den SWR4-Feiertagsgedanken heute etwas dazu, weshalb Fronleichnam für alle Menschen etwas bedeutet.

Der Leib und das Blut Christi. Es geht dabei um etwas ganz Elementares. Sonst wären nicht die Grundbestandteile angesprochen, aus denen unser irdisches Leben besteht. Der Leib, in den wir geboren werden; an dem andere uns erkennen, wenn sie uns begegnen. Und das Blut, die Flüssigkeit, die alles in sich birgt, was wir zum Leben brauchen. Es geht bei Leib und Blut in letzter Konsequenz um Leben und Tod. Bei Jesus, der sich aus Liebe geopfert hat. Und bei jedem Menschen. Weshalb wir in der Regel mit unserem Leib sorgsam umgehen und darauf achten, keinen Tropfen Blut zu vergießen. Und wenn das doch geschieht, wenn wir uns verletzen oder verletzt werden, dann ist das immer ein Alarmsignal. Dann ist unser Leben in Gefahr. Denn das Material, aus dem wir bestehen, beherbergt auch das, was uns als Person ausmacht: unseren Geist, unser Wesen, unsere Seele. Fronleichnam heißt: Das gibt Jesus her - für uns, für die gesamte Welt. Er verschenkt sich.

Es kommt vor, dass junge Menschen sich selbst verletzen, mit Absicht. Weil sie sich nicht mehr spüren, und durch den Schmerz wenigstens das Gefühl bekommen: Da ist noch wer in diesem Leib. Ich bin noch da, noch nicht tot. Das ist gefährlich, und es ist schlimm, dass jemand so schmerzlich uneins mit sich ist. Aber es macht eben auch deutlich, wie sehr alles zusammenhängt im Menschen: Körper und Geist sind eine Einheit. Wenn ein Bereich Schaden nimmt, leidet der andere mit. Und häufig zeigt sich zuerst an körperlichen Symptomen, dass mit uns etwas nicht stimmt. Dass wir uns übernommen haben. Dass schlicht alles zu viel ist, was auf uns einströmt. Dann ist es gut, wenn wir auf die Signale hören, die unser Körper sendet. Unser Leib ist kostbar. Unser Ur-Element. Und die meiste Zeit unseres Lebens setzen wir alles daran, ihn zu schützen, damit das Blut in ihm ungehindert zirkulieren kann. Der unentwegte Kreislauf des Lebens.

Kann man davon etwas abgeben? Es teilen mit anderen? Davon spricht Jesus beim letzten Mahl in seinem Freundeskreis. Nehmt: Mein Leib. Trinkt: Mein Blut. Wie kann man sich das vorstellen?  

 

ZWISCHENMUSIK

 

An Fronleichnam geht es um den Leib und das Blut Christi. Über die Bedeutung, die das für die ganze Welt haben könnte, spreche ich heute in den SWR4-Feiertagsgedanken.

Von den Worten, die von Jesus überliefert sind, haben die folgenden eine besondere Wirkung entfaltet: Nehmt und esst, das ist mein Leib. Trinkt mein Blut zum Gedächtnis an mich. Sich an dieses Vermächtnis zu erinnern und es immer von neuem zu tun, ist sein Auftrag. Empfangen haben ihn vor zweitausend Jahren seine engsten Vertrauten. Am Abend vor seinem Tod. Da hat er auf diese Art und Weise gedeutet, was ihm bevorsteht. Er muss sterben, weil das, was er sagt, die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Dass nämlich die auf den letzten Platz verwiesen werden, die sich besonders wichtig nehmen. Davor haben die Mächtigen und Einflussreichen Angst. Es bringt ihre Welt durcheinander, die sie so eingerichtet haben, dass für sie immer am meisten herausspringt. Deshalb werden sie ihn töten. Aber damit schaffen sie ihn und seine Botschaft nicht aus der Welt. Jesu Tod ist ein Zeichen der Liebe. Und davon werden die profitieren, denen seine größte Liebe galt: die ein Leid plagt, die nicht genug zum Leben haben, die auf die Seite geschoben werden. Auf diese Weise, durch den Tod, und wie Jesus ihn deutet, bekommen sein Leib und sein Blut eine viel größere Bedeutung. Was er seinen Vertrauten sagt, ist gedacht für die ganze Welt. Nicht nur für eine kleine, elitäre Gruppe. Nicht für seine jüdischen Glaubensgeschwister. Nicht einmal bloß für die daraus entstandene Christenheit. Nein, er, Jesus, gehört aus Fleisch und Blut, mit Leib und Seele der ganzen Welt. Sein Vermächtnis ist universal. Kann zumindest so verstanden werden. Was er zu geben hat, soll überall dorthin gelangen, wo es am nötigsten gebraucht wird.

Das gilt heute wie damals und hat aktuelle Konsequenzen. Der Leib Christi, das ist nicht nur die geweihte Hostie, die man in der Heiligen Messe empfangen kann. Jesus teilt sein Leben überall dort, wo das Leben in Gefahr ist. Mit jedem geflüchteten Menschen, der es übers Mittelmeer schafft, der gerettet wird. Mit den Kindern im Sudan, die der Hungersnot dort entkommen konnten. Mit den Covid-Patienten, die nach langen Wochen aus der Intensivstation entlassen werden. Mit den Menschen, die um einen ihrer Lieben trauern. Das ist mein Leib für euch. Und was ist mit den Toten, mit denen, die es nicht schaffen? Ich glaube, dass Jesus sein Blut nicht umsonst vergossen hat, sondern für uns, für jeden, der ein schweres Kreuz zu tragen hat, dass kein Leid, kein Tod umsonst war. Nirgends auf der Welt. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33270
weiterlesen...
24MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es waren nicht mal fünfzig Prozent. Weniger als die Hälfte aller Befragten konnte in einer Umfrage vor ein paar Jahren sagen, was an Pfingsten eigentlich gefeiert wird. Gewundert hat mich das nicht, denn Pfingsten ist ein schwieriges Fest. Eines, in dem nicht Gefühligkeit im Mittelpunkt steht. Da gibt es keine rührende Geschichte wie an Weihnachten. Mit einem Baby, einer Krippe im Stall und mit Hirten auf dem Feld. Und auch um die ganz existentiellen Fragen nach Tod und Leben, so wie an Ostern, geht es hier nicht. Pfingsten ist anders. Bis hinein in die weltliche Deko. Es gibt kein pfingstliches Pendant zu Schokoweihnachtsmännern oder bunten Ostereiern. Pfingsten ist schwer zu fassen. So wie der Heilige Geist eben, um den sich an diesem Fest alles dreht.

Pfingsten, das ist aber auch eine Zeitangabe. Das Wort Pfingsten kommt vom griechischen pentecoste, das heißt fünfzig. Am fünfzigsten Tag nach Ostern, so erzählt es die Bibel, da sollen die Anhänger Jesu eben diesen Heiligen Geist erfahren haben. In Jerusalem, wo sie sich versammelt hatten, feierten die Menschen gerade ein wichtiges jüdisches Fest. Zahlreiche Gäste aus fremden Ländern waren aus diesem Anlass in der Stadt. In den Straßen tönte ein buntes Gewirr von unterschiedlichen Sprachen. Die Anhänger Jesu allerdings, die saßen zurückgezogen in einem Haus. Voller Sorge, dass man auch sie noch schnappen und anklagen könnte. So wie Jesus, ein paar Wochen zuvor. So jedenfalls erzählt es die Bibel. Doch dann wird es geradezu fantastisch. Eine Art Sturm habe es gegeben und den Anhängern Jesu seien plötzlich Lichter erschienen. Wie leuchtende Feuerzungen sollen sie ausgesehen haben, und auf jeden von ihnen heruntergekommen sein. Und dann hätten plötzlich alle in unverständlichen Sprachen durcheinandergeredet. Die Bibel erzählt das alles nur in wenigen knappen Sätzen.

Was auch immer damals geschehen sein mag. Die frühen Anhänger Jesu müssen schwer beeindruckt gewesen sein. Denn etwas, so viel scheint sicher, hat sie veranlasst ihre Angst zu überwinden, das Haus zu verlassen und der Welt nun von ihrem Glauben zu erzählen. An jenen Jesus aus Nazareth, der nicht tot ist, sondern lebt. Die biblischen Geschichten deuten es als den Heiligen Geist. Man kann ihn nicht sehen, nicht riechen, nicht anfassen und gerade das macht es so schwierig mit Pfingsten. Und doch spüren Menschen ihn, bis heute. In schweren Stunden, in beglückenden Begegnungen mit anderen, in Gedanken und Empfindungen. Es lohnt sich also, da nochmal hinzuschauen.

 

MUSIK

 

 „Komm Tröster, der die Herzen lenkt, du Beistand, den der Vater schenkt“, so heißt es in einem uralten Hymnus über den Heiligen Geist. Es sind Versuche, diesen Geist Gottes zu beschreiben. Ihn, der sich nicht fassen lässt, irgendwie zu begreifen. Als Tröster, wenn mir das Herz schwer wird. Als Beistand in düsteren Zeiten. Jesus selbst hat ihn damals seinen Freunden versprochen. Wenn ich von euch fortgehe, so soll er ihnen versichert haben, dann schicke ich euch meinen Geist. Der wird euch begleiten und bei euch sein. Und zwar immer und überall, auch dann noch, wenn ich schon längst bei Gott bin. Doch wie soll ich mir das vorstellen? Ist der Heilige Geist etwas, das plötzlich und völlig unerwartet von außen über mich kommt? Mich quasi überfällt und in Beschlag nimmt? So vielleicht, wie es die Freunde Jesu am Pfingsttag erlebt haben als sie anfingen in unverständlichen Worten zu reden? Ich bin skeptisch.

Eine Ahnung, was gemeint sein könnte, habe ich vor zwei Jahren bekommen. Da ist mein Vater unerwartet gestorben. Als Familie haben wir in diesen Tagen damals viel beieinandergesessen. Wir haben uns an ihn erinnert. Haben manche Tränen geweint und auch gelacht. Und immer wieder haben wir gesagt: Wenn er jetzt da wäre, dann hätte er sicher dies und das dazu gesagt. Physisch war mein Vater nicht mehr da – und doch war er uns damals ganz nah. Aber eben nicht als Geist, der irgendwie herumspukt und uns von außen in Beschlag nimmt. An sowas glaube ich nicht. Aber tief in uns drinnen haben wir seine Nähe gespürt, in unsern Gedanken und unseren Herzen. Eine Nähe, die mich auch heute noch mit ihm verbindet. Die mich tröstet, wenn ich ihn vermisse. Mich stärkt, wenn ich mir seinen Rat gewünscht hätte. Mich leise schmunzeln lässt, wenn ich an der Art, wie ich rede oder mich bewege, auch ein wenig von ihm wiederentdecke.

Ich bin mir sicher, dass es den engsten Freunden Jesu damals zunächst kaum anders erging. Doch dieser Jesus, das wird ihnen dann immer klarer, war mehr als ein Freund, ein Lehrer, ein Weggefährte. „Gab es da nicht diese besonders innige Verbindung zwischen ihm und Gott? Haben wir Gottes Gegenwart, Gottes Geist, nicht selbst gespürt, wenn wir mit ihm unterwegs waren? Und spüren wir ihn nicht auch jetzt wieder, obwohl er, Jesus, nicht mehr da ist? So wie er gesagt hat: Ich schicke euch meinen Geist, wenn ich gehe?“ Die Jünger und Jüngerinnen spüren wohl, dass es dieser Geist Jesu ist, der ihnen nun neuen Mut macht. Sie schließlich aufbrechen und allen davon erzählen lässt.

In einem Vers des uralten Hymnus heißt es: „Entflamme Sinne und Gemüt, dass Liebe unser Herz durchglüht, und unser schwaches Fleisch und Blut in deiner Kraft das Gute tut.“ Wo Menschen wieder aufgerichtet und getröstet werden und wo Liebe geschieht, ich glaube, da kann man ihn tatsächlich spüren, auch heute. Gottes guten Geist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33216
weiterlesen...
01MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Josef, der Arbeiter. An ihn erinnert die Kirche heute am Tag der Arbeit. Als Papst Franziskus letztes Jahr ein Schreiben zu seinen Ehren veröffentlicht hat, da meinte er, dass jene, die im Verborgenen oder in der zweiten Reihe stehen, in Wahrheit nicht selten eine Hauptrolle spielten. So wie der Heilige Josef eben. Seine Figur fehlt in keiner Weihnachtskrippe. Da steht er meist still neben der Krippe und betrachtet versunken das Neugeborene. Josef. Er war der irdische Vater von Jesus und der Ehemann der Maria. Der „Mutter Gottes“ also, wie fromme Menschen sie auch nennen. Josef, das ist aber auch der Mann, der nach der Erzählung der Bibel seine unehelich schwanger gewordene Verlobte nicht einfach fallen lässt, sondern ihr trotzdem und ohne große Worte die Treue hält. Und der, als es brenzlig für die kleine Familie wird, Mutter und Kind noch in der Nacht in Sicherheit bringt. Er ist aber auch der, der uns in der Bibel nur in diesen wenigen Kindheitsgeschichten Jesu begegnet und der dann aus dem Blickfeld verschwindet. Für die Verfasser der Bibel scheint er danach nicht mehr interessant gewesen zu sein. Das Einzige, was wir von ihm noch erfahren ist, dass er Zimmermann war. Ein Handwerker also, der Häuser gebaut. Und dieses Handwerk hat er wohl auch an seinen Sohn Jesus weitergegeben. Josef – einer von denen, die eher im Verborgenen stehen. Mit großem Herzen und kleiner Nebenrolle. Aber vielleicht gerade deshalb ein echter Sympathieträger.

Die katholische Kirche jedenfalls hat ihm gleich zwei Gedenktage spendiert. Den 19. März, an dem sein Fest eigentlich gefeiert wird, und eben diesen Tag heute, den 1. Mai. Als der damalige Papst diesen zweiten Josefstag 1955 einführte, da gab es die Maifeiern der Gewerkschaften und der Internationalen Arbeiterbewegung längst. Positiv könnte man deshalb sagen: Der Papst hat dem eher sozialistisch geprägten Maifeiertag so eine Art kirchlichen Segen gegeben. Mit Sozialismus und Kommunismus wollte man in der Kirche zwar nichts zu tun haben. Aber auch die Kirche hat sich schon damals für die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eingesetzt. Dass es heute geregelte Arbeitszeiten, feste Ruhetage oder das Verbot von Kinderarbeit gibt, daran haben neben den Gewerkschaften auch die Kirchen ihren Anteil. Und die Figur des stillen Handwerkers Josef als Patron aller hart arbeitenden Menschen schien da offensichtlich ganz gut zu passen. Josef als Schutzpatron jener also, die den Laden durch ihre Arbeit am Laufen halten und dennoch in der Gesellschaft nur eine Nebenrolle spielen. Die ausgebeuteten und unterbezahlten Malocher unserer Zeit trifft man in den Industriebetrieben allerdings kaum noch an. Sie sind heute woanders zu finden. Bei Lieferdiensten, in Reinigungstrupps oder in den Schlachtfabriken halten sie den Laden am Laufen. Der Kampf um Arbeitnehmerrechte ist noch lange nicht vorbei. Sowenig wie der gegen weltweite Kinderarbeit.

 

MUSIK

Um den Heiligen Josef und den Wert, den die Arbeit für uns hat, darum geht es heute Morgen in den Feiertagsgedanken.

„Arbeit ist das halbe Leben.“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Sprüche rund um die Arbeit gibt es etliche. Eines machen alle diese Sätze klar: dass die Erwerbsarbeit ein entscheidender Teil unseres Lebens ist. Wir arbeiten, um Geld zum Leben zu haben. Um uns was leisten zu können. Aber wir arbeiten auch, weil es uns Freude macht und erfüllt. Weil wir uns im besten Fall in unserer Arbeit sogar selbst verwirklichen können. Und weil Arbeit zu haben auch heißt, eingebunden zu sein in ein größeres soziales Netz. Da gibt’s Kunden, Kolleginnen oder eben Zuhörer, wie hier im Radio. Wenn ich jemandem begegne, den ich nicht kenne, kommt irgendwann die Frage: Was machst du denn so? Was ist dein Job? Meine Arbeit sagt also auch was über mich aus. So wie sie damals in Nazareth Jesus kannten als den Sohn des Zimmermanns. Und ich bin mir sicher, dass nicht wenige sich über ihre Arbeit definieren. Durch das, was ich tue, fühle ich mich ja bestätigt, anerkannt, geachtet. Arbeit ist tatsächlich oft weit mehr als nur das halbe Leben. Und deshalb kann es so dramatisch sein, wenn sie plötzlich weg ist. Ich kenne Menschen, die in ein seelisches Loch gefallen sind, als sie ihren letzten Arbeitstag hinter sich hatten. Weil die Freude darüber, morgens nicht mehr so früh aufstehen zu müssen, schon bald einer Leere gewichen ist, die wieder gefüllt werden will. Und noch viel schlimmer ist es, die Arbeit und damit Anerkennung und Struktur zu verlieren. Millionen Menschen erleben das gerade, weltweit. Weil Geschäfte und Gastronomiebetriebe schließen müssen. Weil Künstler, Musiker und alle, die hinter den Kulissen für sie arbeiten, keine Arbeit mehr finden. Das macht nicht nur seelisch fix und fertig. Es ist existenzbedrohend.

In seinem Schreiben über den Heiligen Josef schreibt Papst Franziskus dazu: In dieser unserer Zeit, in der die … Arbeitslosigkeit manchmal drastische Ausmaße annimmt – auch in Ländern, in denen seit Jahrzehnten ein gewisser Wohlstand herrscht –, ist es notwendig, die Bedeutung einer Arbeit, die Würde verleiht, wieder ganz neu verstehen zu lernen. Würde, das ist das Stichwort. Jeder Mensch hat sie. Gleich, ob er krank oder gesund ist, arbeiten kann oder nicht. Doch wer mal einen Menschen getroffen hat, der nach jahrelanger Arbeitslosigkeit wieder Arbeit gefunden hat, wird oft noch etwas erleben: Arbeiten dürfen, gebraucht zu werden, für was auch immer, lässt diesen Menschen erstrahlen. Das Bewusstsein, nicht abhängig zu sein. Vielmehr das Leben selbst in der Hand zu haben. Auch dafür steht die Arbeit.

Josef, der stille Heilige aus der Weihnachtskrippe. Schutzpatron aller Menschen, die arbeiten. Weil er in einer Gesellschaft wie der unseren dafür steht, was Arbeit auch sein kann. Ausdruck der Würde, die uns Gott geschenkt hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33094
weiterlesen...
05APR2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ob sie es mir glauben oder nicht, meinte eine 84-jährige Frau bei meinem Besuch. Ich liebe meinen Mann so sehr. Nach wie vor. 18 Jahre ist er jetzt schon tot. Er fehlt mir.

Und dann vertraut sie mir an: Das Bild von ihm küsse ich manchmal, wenn ich alleine bin. Und nachts spüre ich ihn, wenn ich die Hand ins Bett danebenlege. Ich spreche auch mit ihm. Manchmal ist er mir so nah. Er lebt für mich noch immer.

„Ob sie es mir glauben oder nicht.“ Der Satz der alten Frau bringt es auf den Punkt.

Ostern ist so ganz anders. Selbst gläubige Menschen haben mit diesem Fest ihr Problem. Für das was an Ostern geschehen sein soll haben wir keine Parallelen in der Erfahrung. Ist es nicht wider die Biologie!? Dass ein Toter zum Leben aufersteht. Kann man das überhaupt glauben?

Den Erfolg von Weihnachten hat Ostern nie gehabt. Was an Weihnachten geschehen ist kennen wir. Eine Geburt. Wir waren vielleicht schon dabei, oder haben es selbst erlebt.

Auch der Karfreitag. Das gibt es doch bis heute. Leid, das anderen Menschen zugefügt wird. Schmerzen. Brutalität. Gewalt und Mord. Todesängste und Sterben.

An Ostern stützen wir uns auf den Glauben einer kleinen Gruppe von Frauen und Männern, die verängstigt und kopflos nach Jesu Tod es trotzdem gewagt haben zu glauben und zu vertrauen. Immer wieder haben sie Jesu Nähe erfahren. Gott hat Jesus auferweckt. Er ist auferstanden. Das war ihr Glaube.

Die Erzählungen von Ostern sind nicht besonders werbewirksam.

Da wird von zwei Freunden von Jesus berichtet, die nach der Kreuzigung niedergeschlagen und verängstigt von Jerusalem weglaufen und unterwegs einem Fremden begegnen. Erst nach und nach, im intensiven Gespräch mit ihm, erkennen sie Jesus im fremden Wegbegleiter.

An einer anderen Stelle der Bibel steht Maria Magdalena weinend am leeren Grab Jesu. Einen Mann, der hinter ihr steht, hält sie zunächst für den Gärtner des Josef von Arimathäa, auf dessen Grundstück sich das Grab Jesu befindet. Erst als der sie, in einem Ton, der nur von Jesus sein kann, mit ihrem Namen Maria anspricht, erkennt sie ihn.

Nichts ist offensichtlich an Ostern. Man muss Jesus buchstäblich hineinglauben. In den Fremden. In den Gärtner.

MUSIK

Ostern ist ein sperriges Fest. Wer Ostern feiert braucht viel Zeit. Osterglaube wird allmählich und bedächtig geweckt. Immer wieder durch Zweifel hindurch.

Ich muss wieder an die Frau denken und ihr Bild vom geliebten Partner. Ob sie es mir glauben oder nicht. Ich spüre ihn. Ab und zu. Ganz intensiv. Und dann doch wieder nicht.

Der Glaube beginnt wie ein Paradox. Glaube muss sich regelrecht durch das Diffuse und Widersprüchliche durchbuchstabieren.

Was die Menschen damals erlebten gilt auch für uns. Nicht spektakuläre Geschehnisse begründen den Osterglauben. Vielleicht zunächst nur mein Zweifel. Mein Erleben und deuten.

Manchmal sind mir meine Eltern, die schon lange tot sind, besonders nahe. Wenn ich mir Fotos von Ihnen anschaue. Oder wenn ich mich an Geschichten aus meiner Kindheit erinnere und  meinen Kindern erzähle. Und doch ist die Zeit mit ihnen schon so lange vergangen und viele Erinnerungen verblassen. Wie die alten Fotos von ihnen.

Der Theologe Fulbert Steffensky meinte einmal es sei die Frechheit des Glaubenszu sagen: Christus ist auferstanden. Gott hat ihn auferweckt. Es sei die Frechheit des Glaubenswenigstens an Ostern keine Fragen zu stellen, sondern nur zu singen und die uralten Texte zu hören. Es sei die Frechheit des Glaubenssich nicht zu begnügen mit dem Hier und Jetzt und den Realitäten zum Anfassen.

Steffensky meint:

Der Tod darf nicht das letzte Wort haben, sonst wäre er größer als Gott. Die Toten drängen mich, an Gott zu glauben. … Da ich niemanden Opfer sein lassen will, nicht einmal mich selber, rufe ich: Gott wird die Toten nicht vergessen. … Ich weiß, dass ich in unverstandenen Bildern rede, wenn ich mit der Bibel sage: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird sein. … Die Toten und ihr Schicksal öffnen mir den Mund für diesen Gesang, der mit seiner Vision vom guten Ausgang allen Lebens wie Kitsch klingt. Aber lieber des Kitsches verdächtig sein, als die Solidarität mit den Toten aufgeben.

Ist das nicht Vertröstung. Diese Hoffnung vom ewigen Leben. Das Sprechen vom irgendwann und irgendwo. Von einer Zeit, die kein Leid und keine Schmerzen kennt. Ist der Glaube an einen guten Gott, der alles neu machen kann, nicht Verrat an der Erde, wie sie ist. 

Osterglaube führt aber nicht aus der Welt heraus, sondern in sie hinein. Der Himmel der kommt und den wir erhoffen wird zum Bauplan für die Welt. Hoffnungen und Visionen bekommen schon jetzt eine Gestalt und vertrösten eben gerade nicht auf den St. Nimmerleinstag.

Wenn ich Ostern feiere, verpflichte ich mich dazu mich zu engagieren für eine Zukunft, die noch viel mehr bereithält als meine begrenzte Lebenszeit.

Er ist mir nahe. Ob sie es mir glauben oder nicht. Die alte Frau hat Recht.

Der Tod darf nie das letzte Wort haben. Auf der Erde und im Tod erst recht. Das ist dieFrechheit des Glaubens.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32928
weiterlesen...