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SWR Kultur Wort zum Tag

18JUL2026
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„Wie viele Geschlechter gibt es eigentlich?“ Wer diese Frage stellt, landet oft mitten in einem emotionalen Minenfeld. Die einen sagen: „Mann und Frau, fertig aus!“ Die anderen sagen: „Nein, wir müssen weiterdenken.“ Denn es gibt Menschen, die sich als queer oder divers erleben; Menschen, die sich in den klassischen Kategorien weder zuordnen können noch wollen.

Ich gebe offen zu: Mir fällt es manchmal gar nicht so leicht, da den Überblick zu behalten. Und das, obwohl ich eigentlich jedem Menschen so begegnen möchte, dass er sich akzeptiert fühlt.

Oft heißt es, diese Debatte sei ein modernes Phänomen. Doch wer einen Blick in die Geschichte des frühen Christentums wirft, stellt fest: Fragen zur Rolle des Geschlechts wurden schon vor fast zweitausend Jahren diskutiert. Damals drehte sich die Debatte allerdings um einen Punkt, der heute eher vergessen scheint: Hat auch die menschliche Seele ein Geschlecht? Sind wir auch nach dem Tod, im ewigen Leben, noch männlich oder weiblich?

Das war damals mehr als ein Gedankenspiel, sondern hatte ganz praktische Folgen: Wenn die Seele nämlich geschlechtslos ist, warum sollte eine Frau dann nicht auch Priesterin werden können? In der frühen Kirche gab es dazu also verschiedene Ansichten. Und noch im Jahr 1994 hat Papst Johannes Paul II. ein apostolisches Schreiben dazu aufgesetzt. Für ihn war klar: Der Mensch ist eine Einheit von Leib und Seele, weshalb die Geschlechtlichkeit die ganze Person prägt. 

Doch was meinen Sie: Sind wir im Jenseits vielleicht eher wie Engel – ohne männliche oder weibliche Seiten?

Manche sind genervt von solchen Fragen, andere fühlen sich sogar provoziert. Ich habe schon oft die Sorge gehört, dass wir das Miteinander der Geschlechter unnötig problematisieren, wenn wir zu viel infrage stellen.

Ich versuche, mich davon ein Stück weit frei zu machen. Ich verstehe diese Diskussion eher als eine philosophische Suche: Was macht uns Menschen eigentlich aus? Was trägt uns?

Denn die Frage nach dem eigenen Geschlecht berührt die Tiefe meiner Persönlichkeit. Sie ist ein Baustein dessen, wie ich mich selbst verstehe und wie ich verstanden werden will.

Darum lohnt es sich – auch aus einer christlichen Perspektive – im Gespräch zu bleiben. Und zu sehen: Wir sind nicht die Ersten, die nach Antworten suchen. Die Geschichte zeigt uns, dass es schon immer ganz unterschiedliche Wege gab, Menschsein und Geschlecht zu deuten.

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SWR Kultur Wort zum Tag

17JUL2026
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Stellen Sie sich vor, Sie werfen hundert Legobausteine in einen Raum. Auch nach unzähligen Würfen wird daraus keine schöne Burg oder ein Bauernhof entstehen. Ordnung entsteht nicht allein durch Zufall. Und doch behaupten viele Menschen: Alles ist aus Zufall entstanden.

Erst ein Urknall, durch den Millionen Legosteine hinausgeschleudert wurden. Dann die Evolution als eine Kette von Zufällen, die nach sehr langer Zeit bis zu uns Menschen führt.

Der Schweizer Physiker Gerd Ganteför will daran nicht mehr glauben. Ganteför hat viele Jahre als Professor für Physik in Konstanz gelehrt und ist durch und durch Naturwissenschaftler.

Ganteför sagt: „Reiner Zufall kann die Entstehung des Universums nicht erklären. Denn damit überhaupt etwas entstehen kann, müssen bestimmte Naturgesetze bereits vorhanden sein. Diese Naturgesetze sind erstaunlich genau aufeinander abgestimmt.“

Schon kleinste Abweichungen würden dazu führen, dass keine Planeten und kein Leben entstehen könnten. Das Universum wäre dann nur ein wilder Brei aus Energie.

Für Ganteför ist diese Feinabstimmung ein Hinweis darauf, dass mehr dahintersteckt als bloßer Zufall. Er vermutet, dass dem Universum eine geistige Wirklichkeit zugrunde liegt. Eine Art Intelligenz oder ordnendes Prinzip.

Informationen, so sagt er, seien letztlich grundlegender als Materie. Doch woher kommen diese Informationen? Wer oder was sorgt dafür, dass aus Chaos Ordnung entstehen kann?

Die Überlegungen von Ganteför finde ich spannend. Mit ihm würde ich gerne über ein paar Texte aus der Bibel sprechen. Denn in der Bibel ist von einer göttlichen Weisheit die Rede — auf Griechisch Sophia.

Gemeint ist eine Weisheit, die allem zugrunde liegt. Eine Kraft, die ordnet, verbindet und Leben ermöglicht. Sie geht auf Gott, den Schöpfer, zurück. Zugleich erscheint die Sophia als eigenständig.

Diese Weisheit ist mehr als bloße Information. Sophia schafft Zusammenhänge. Sie stiftet Sinn. Sie bringt Ordnung hervor. Sie ist für mich das Gegenstück zum blinden Zufall.

Ich weiß nicht, ob Gerd Ganteför etwas mit Sophia anfangen könnte. Ob es für ihn eine heiße Spur wäre. Aber mich beeindruckt, dass Menschen, die sich intensiv mit dem Universum beschäftigen, immer wieder an einen Punkt kommen, an dem sie fragen: Gibt es hinter allem eine höhere Weisheit? Einen geistigen Ursprung?

Wenn ich darauf eine Antwort suche, dann helfen mir die alten Texte zur Sophia, zur göttlichen Weisheit. Diese steht nicht einfach wie ein Urknall am Anfang, sondern durchdringt auch heute noch das ganze Universum.

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SWR Kultur Wort zum Tag

16JUL2026
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„Meine Seele ist überdehnt und ausgeleiert.“ Mit diesem Satz beschreibt der Philosoph Peter Sloterdijk, wie er sich oft fühlt. Wie ein Gummiband, das man zu oft und zu weit gespannt hat.

Für Sloterdijk ist das kein persönliches Problem, sondern betrifft viele Menschen. Er sieht uns in einem Zeitalter der Überdehnung. Unsere Wirtschaft, unser Sozialstaat, unser gesamtes Zusammenleben — die Welt rast und wir mittendrin. Alles ist überladen mit Erwartungen, die sich nicht erfüllen lassen.

Unter diesem Druck leidet nicht nur der Körper, sondern auch die Seele. Sloterdijk sagt selbst, das ist kein neues Phänomen. Auch wenn sich die Geschwindigkeit in den letzten Jahren drastisch gesteigert hat. Schon seit Jahrtausenden suchen Menschen nach Wegen, ihre Seele zu stärken.

Wie könnte so ein Trainingslager für die Seele aussehen? Um es in einem Wort zusammenzufassen: Askese. Zum Glück brauchen wir dafür kein neues Abo oder eine Fortbildung. Denn Askese besteht aus bewusstem Weglassen.

Das ist in einer Welt voller Möglichkeiten eine echte Herausforderung. Doch Weglassen klingt oft negativer, als es ist. Tatsächlich geht es darum, einen Freiraum zu gewinnen.

Um diesen Freiraum zu gewinnen, steht bei mir die digitale Stille ganz weit oben. Manche sprechen auch von Digital Detox — also Entgiftung. Das Smartphone überflutet mich immer wieder mit Nachrichten, Bildern und Apps. Da hilft es mir, das Smartphone in eine Schublade zu legen und in ein anderes Zimmer zu gehen.

Was mir auch viel Energie raubt, ist die ständige Werbung. Überall kann ich sparen, wenn ich nur schnell genug zuschlage. Da schalte ich ab und verzichte.

Und natürlich ich selbst mit meinen ToDo-Listen. Ja, ich könnte heute noch zum Sport, Sperrmüll wegbringen, Post beantworten und vieles mehr. Oder ich nehme mir weniger vor und plane Pausen ein.

Askese. Das bedeutet innehalten, bewusst nichts tun. Es gibt der Seele die Luft zum Atmen zurück. Eine starke Seele muss atmen können. Sie braucht Orte und Zeiten, an denen sie ganz bei sich ist, um danach wieder Lust auf Neues zu haben.

Ich freue mich zum Beispiel immer, wenn ich an der Autobahnkirche in Baden-Baden vorbeikomme. Da biege ich ab und setze mich einfach in eine leere Kirchenbank. Augen zu, Stille, durchatmen. Für mich ist das ein kraftvolles Training — ein Moment, um zur Ruhe zu kommen und Gedanken zu sortieren.

Eine ausgeleierte Seele trübt die Lebensfreude. Darum will ich meiner Seele immer wieder den Freiraum schenken, den sie braucht.

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SWR Kultur Wort zum Tag

15JUL2026
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„Wie böse bin ich eigentlich?“ Auf diese Frage habe ich nun endlich eine Antwort. Denn es gibt einen wissenschaftlichen Online-Test. Den sogenannten Dark Factor-Test. Mittlerweile haben über drei Millionen Menschen weltweit ihre dunklen Seiten dort vermessen lassen.

Mein Ergebnis: 2,25. Knapp unter dem Durchschnitt. Ich bin also ein eher harmloser Typ. Für einen Banküberfall sollten Sie mich nicht engagieren.

Der Forscher Ingo Zettler, der diesen Test begleitet, stellt klar: Das Böse ist nur zu etwa 25 Prozent genetisch angelegt. Den viel größeren Teil bestimmen die Umstände, in denen wir leben. Und — was ich besonders spannend finde — unser Alter.

Denken Sie an Ihre jungen Jahre unter 25. Da muss sich jede und jeder erst einmal einen Platz in der Welt erkämpfen. In dieser Zeit geben rund 60 Prozent eher böse Antworten. Sie stimmen zu, wenn es heißt: Rache muss schnell und fies sein. Oder: Mein eigenes Vergnügen ist das Einzige, was zählt.

Denn bei den Fragen des Tests geht es darum, ob ich meine Interessen durchsetze — selbst dann, wenn andere dabei Schaden nehmen. Ehrlich gesagt wären meine Antworten in jungem Alter auch anders ausgefallen. Vielleicht spielen ja auch die Hormone eine Rolle. Doch mit dem Alter scheint Milde einzukehren.

Ingo Zettler sagt: „Mit 60 schwächen sich unsere dunklen Seiten deutlich ab. Wir werden gelassener, vielleicht auch weiser.“ Viele erkennen wohl, dass das eigene Glück nicht gegen andere erkämpft werden muss.

Das Böse hat seine ganz eigene Faszination. Schon in der Bibel werden böse Menschen beschrieben. Menschen, die sagen: „Ich darf alles.“ Menschen, die sich mit mir anlegen, werden es bereuen.

Zum Beispiel König Herodes, von dem es heißt, dass er die Kinder von Bethlehem ermorden ließ. Um seine Macht zu sichern, war ihm jedes Mittel recht. Sogar seine eigenen Söhne hat er kurz vor seinem Tod getötet. Noch auf dem Sterbebett hat er um seinen Thron gekämpft.

Bei Herodes entdecke ich keine Altersmilde. Grundsätzlich sind wir aber wandelbar. Mein Schulfreund Björn zum Beispiel hat als Jugendlicher viele krumme Dinge gedreht. Doch nun ist er hilfsbereit und ein Familienvater aus dem Bilderbuch.

Wenn Sie neugierig geworden sind: Den Test finden Sie unter darkfactor.org. Vielleicht wollen Sie ja auch einmal ehrlich in den Spiegel zu schauen. Dieser Test verurteilt nicht und gibt auch keine Tipps. Aber es kann helfen, wenn ich den Mut habe, mich den Fragen zu stellen — denn wer seine dunklen Seiten kennt, kann sich noch besser für die helle Seite entscheiden.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28MRZ2026
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Wieder ein neuer Tiefstand bei den Hochzeiten in Deutschland. Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Immer weniger Menschen trauen sich, „Ja“ zu sagen – Heiraten ist aus der Mode.

Wenn ich mit jüngeren Leuten spreche, höre ich oft: Wir sind pragmatisch. Warum sich binden, wenn es eh nur ein paar Jahre hält? Kurz auf Wolke sieben und dann? So viele Trennungen, so viele Probleme. Eine lebenslange Ehe ist schön, keine Frage. Aber sie ist auch wie ein Lottogewinn. Viel zu selten, um darauf zu wetten.

Ich kenne selbst genügend Menschen, die sich getrennt haben. Und ich weiß: Manchmal ist die Trennung eine echte Befreiung. Vor allem in früheren Generationen konnte die Ehe wie ein Gefängnis sein – weil es finanziell nicht anders ging oder der soziale Druck zu groß war. Heute sind wir da freier. Und doch gibt es auch heute genügend Partnerschaften, wo es nicht weitergeht. Da mag es schmerzhaft sein zu scheitern, aber es ist der bessere Weg.

Die Ehe ist und bleibt ein gewagtes Versprechen. Da sagen sich zwei Menschen: Unsere Liebe kann ein Leben lang halten. Dass das gelingen kann, habe ich erst letztes Jahr bei der Goldenen Hochzeit meiner Schwiegereltern erlebt. 50 Jahre! Das waren nicht nur 50 Jahre Sonnenschein. Da gab es genügend Momente, die nicht leicht waren. Und doch schauen sie gerne auf die gemeinsame Zeit zurück und sagen: Es ist ein Grund zum Feiern!

Für mich hat das auch eine spirituelle Seite. Am deutlichsten wird das, wenn die Liebe sogar über den Tod hinausgeht. Ich kenne Menschen, die ihren Partner nach vielen Jahren verloren haben und doch jeden Tag mit ihm verbunden bleiben. Trotz aller Trauer wollen sie die Beziehung leben und fühlen sich dem anderen ganz nah.

Meine Bekannte Renate zum Beispiel spricht viel von ihrem Mann, der an Krebs gestorben ist. Sie erzählt von den Jahren einer Ehe, die recht normal verlaufen ist. Kinder, Arbeit, Urlaub – mit allem, was dazu gehört. Aber wenn Renate davon spricht, hat ihre Stimme einen besonderen Klang. Es schwingt Liebe mit. Die Sehnsucht nach ihrem Partner, von dem sie erzählt, als könnte er gleich in der Tür stehen.

Da stimmt der Satz nicht mehr, der bei manchen Hochzeiten fällt: Bis dass der Tod Euch scheidet. Denn selbst der Tod hat hier nicht das letzte Wort. Bei Renate geht die Ehe über den Tod hinaus. Das hat für mich etwas Heiliges.

Ich weiß nicht, ob die Zahl der Hochzeiten wieder zunehmen wird. Jede Generation muss selbst herausfinden, was Partnerschaft und Ehe für sie bedeuten. Doch ich möchte dafür werben, diesen großen Traum nicht zu den Akten zu legen. Menschen, die heiraten, setzen ein Zeichen. Sie sagen: „Ja, ich glaube daran – dass es gelingen kann.“ Wir wollen versuchen, ein Leben lang zusammen zu bleiben. Und vielleicht sogar über den Tod hinaus.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27MRZ2026
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Ich wollte mit der ganzen Familie einen schönen Tag im Karlsruher Zoo verbringen. Ich stehe also mit meinen Kindern an der Schranke, die Tickets in der Hand – doch das Datum war falsch. Ein kleiner Tippfehler am Computer. Die Mitarbeiterin am Eingang hätte gerne geholfen, denn sie hat die enttäuschten Gesichter der Kinder gesehen. Aber sie sagte: „Ich kann nichts machen. Das System öffnet die Schranke nicht.“ Der Zoobesuch musste ausfallen.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat ähnliche Situationen auch schon erlebt. Er sagt: „Es gibt immer mehr Vorschriften und Regeln, die uns einschränken.“ Dann haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können uns dem fügen, was uns vorgegeben ist. Oder wir handeln – dann entscheiden wir selbst, was in der Situation angemessen ist.

Die Mitarbeiterin im Zoo konnte nicht selbst entscheiden. Sie konnte mir noch nicht mal ein neues Ticket verkaufen. Sie war Teil eines starren Regelwerks aus Software, Regeln und Drehkreuzen. Rosa meint: „Wenn wir nur noch vollziehen, was Formulare oder Vorschriften uns vorgeben, fühlen wir uns unfrei. Wir funktionieren nur noch wie Maschinen - aber wer will so leben und arbeiten?“

Diese Frage ist schon in der Bibel ein Thema. Jesus hat sich mit Menschen gestritten, die unbedingt alle Regeln einhalten wollten. Sie kannten jedes religiöse Gesetz. Als Jesus am Sabbat einen kranken Mann heilen will, protestieren sie. Am Sabbat darf niemand arbeiten, also auch nicht heilen.

Doch Jesus handelt. Er kennt die Gesetze, doch er sieht den Menschen. Er sagt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“

Jesus befreit uns aus der Rolle, nur Dienst nach Vorschrift zu machen. Er traut uns zu, dass wir Verantwortung übernehmen. Natürlich ist das anstrengender. Wer handelt, macht sich angreifbar.

Es geht nicht darum, alle Regeln abzuschaffen. Regeln helfen uns, sie sollen uns schützen und gelten für alle gleich. Doch es geht um unser Gespür für den Moment. In der Regel ist es zum Beispiel richtig, dass im Zug nur in die 1. Klasse darf, wer dafür bezahlt hat. Aber das Zugpersonal kann entscheiden: Heute sind wir zwei Stunden verspätet. Da erlauben wir den Leuten, die müde in den Gängen stehen, alle freien Plätze zu nutzen.

Wer nur Dienst nach Vorschrift macht, kann immer sagen: „Ich habe mich an die Regeln gehalten.“ Aber wir spüren, dass es manchmal einfach nicht passt. Dass es etwas anderes braucht. Ich wünsche Ihnen den Mut, zu handeln. Achten Sie auf die Momente, in denen Sie die Wahl haben. Wo entscheiden sie situativ, dass die Regeln nicht passen? Weil sie spüren, dass der Mensch gegenüber etwas anderes braucht.

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SWR Kultur Wort zum Tag

26MRZ2026
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Stellen Sie sich vor: Wir müssen nicht mehr zwischen Materie und Geist unterscheiden. Das zumindest behauptet der Physiker Hans-Peter Dürr. Er sagt: Materie und Geist sind nicht mehr zwei getrennte Welten. Was wir als festen Gegenstand wahrnehmen, ist eigentlich geronnener Geist.

Dürr argumentierte aus Sicht der Quantenphysik. Materie bestehe aus keiner Substanz oder irgendwelchen Teilchen, sondern ist nur ein Energiezustand. Licht, dass sich so „verknotet“ hat, dass es fest erscheint.

Das ist schon erstaunlich: Die feste Welt löst sich auf, sobald man genauer hinschaut. Sie wird durchlässig. Da lese ich von Neutronen, Elektronen, Elementarteilchen und Quanten. Es wird viel investiert, um die Materie zu entschlüsseln. Bei Genf laufen am CERN, der europäischen Organisation für Kernforschung, die größten Maschinen der Welt, um das alles besser zu verstehen. Wissenschaftler untersuchen hier das Wesen der Materie und die Kräfte, die das Universum zusammenhalten. Vielleicht würden sie es dort nicht so poetisch ausdrücken wie Hans-Peter Dürr. Aber im Grunde geben sie ihm recht: Materie ist gebundene Energie.

Jahrhundertelang haben wir die Welt eingeteilt: Hier die Materie – messbar und sichtbar, aber auch vergänglich. Dort der Geist – zeitlos, unvergänglich, göttlich. Zwei getrennte Reiche. Das eine Reich gehörte zu den Naturwissenschaften, das andere der Religion und Philosophie.

Oder um es mit den Worten des Apostels Paulus zu sagen: „Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.“

Aber wenn alles nur Geist und Energie ist? Wenn Materie und Licht, Teilchen und Wellen ineinander übergehen? Dann gibt es diese saubere Trennung nicht mehr.

Mich macht das demütiger. Wenn selbst die härteste Materie im Grunde nur Energie ist, dann ist nichts so fest und unveränderlich, wie es scheint. Alles ist im Fluss. Alles ist wandelbar.

Dann bin ich nicht nur kurzzeitig Zuschauer in einem uralten Universum. Dann bin ich Teil eines Ganzen, in dem alles schwingt und miteinander verbunden ist.  Und tatsächlich sagen manche Physiker heute Dinge, die vor hundert Jahren höchstens ein Philosoph oder eine Mystikerin gesagt hätten.

Wahrscheinlich war die alte Unterscheidung zwischen Materie und Geist ja schon immer zu einfach. Ein Modell, das uns geholfen hat, die Welt zu verstehen – aber eben nur ein Modell.

Die Wirklichkeit selbst scheint reicher, geheimnisvoller, durchlässiger zu sein. Materie ist gefrorenes Licht, sagen die Physiker. Dann sind vielleicht auch unser Leben, unser Körper, unser Bewusstsein – alles nur verschiedene Formen, in denen dasselbe - göttliche - Licht erscheint.

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SWR Kultur Wort zum Tag

29JAN2026
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Die Geschichte von Adam und Eva kann mich immer noch überraschen. Eine neue Perspektive finde ich besonders spannend: Die des Evolutionsbiologen Carel van Schaik und des Historikers Kai Michel. In ihrem Buch „Das Tagebuch der Menschheit“ lesen sie die Bibel als Erinnerungen alter Kulturen.

Laut den Forschern zeigt sich in der Geschichte von Adam und Eva, wie die Menschen als Nomaden gelebt haben. Sie sind mit den Jahreszeiten umhergezogen und haben sich von dem ernährt, was die Natur ihnen geboten hat. Die Erde, die Bäume und ihre Früchte waren allen zugänglich.

Doch die Zahl der Menschen hat immer mehr zugenommen und so hat sich alles geändert. Die Menschen haben begonnen, Felder anzulegen und Gärten zu bewirtschaften. Und wer viel Arbeit in einen Garten steckt, will die Früchte auch für sich behalten.

Hier kommen Adam und Eva ins Spiel: Stellen wir uns Eva als eine Nomadin vor, die auf einen solchen Garten trifft. Sie sieht die Früchte und will sich stärken. Doch plötzlich wird sie mit einem neuen Gebot konfrontiert: „Von diesem Baum darfst du nicht essen.“ Für eine Nomadin muss das absurd geklungen haben. Eva kümmert sich nicht um diese seltsame Regel und pflückt die Frucht.

Die Konsequenz in der Bibel kennen wir: Adam und Eva müssen den Garten verlassen. Ein Engel vertreibt sie aus dem Paradies.

Archäologisch übersetzt lautet die erste Lektion der neuen Zeit: Es gibt Privatbesitz. Adam und Eva stehen symbolisch für den Übergang vom „Alles gehört allen“ zum „Das ist meins“.

Hier wird es theologisch interessant. Denn in der Bibel ist es nicht ein Mensch, der den Garten besitzt, sondern Gott. Die Erde ist Gottes Eigentum. Wir Menschen sind nicht die Besitzer, sondern nur die Pächter.

Wenn die Erde aber nicht unser Besitz ist, können wir sie auch nicht unter wenigen aufteilen. Gott hat den „Garten“ erschaffen, damit alle gut darin leben können.

So verstehe ich diese alte Geschichte der Bibel. Sie fordert uns heraus, darüber nachzudenken: Wer hat heute eigentlich Zugang zu den Früchten der Erde – und wer wird durch Zäune und Regeln ausgeschlossen? Mich inspirieren Adam und Eva dazu, wieder mehr wie die frühen Nomaden zu denken: Lasst uns die Erde als einen gemeinsamen Garten nutzen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28JAN2026
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Sind die reichsten Menschen der Welt glücklich? Fühlen sie sich sicher und können ihren Reichtum genießen? Nein, sagt der amerikanische Autor Douglas Rushkoff. Er hat einige getroffen und interviewt, und er war erstaunt. Rushkoff sagt: „Merkwürdigerweise fühlen sie sich machtlos, obwohl sie zu den mächtigsten Menschen gehören, die ich je getroffen habe.“ In seinem Buch „Survival of the Richest“ beschreibt er, dass reiche Menschen nach außen hin frei wirken, denn sie reisen im Privatjet und können sich alles leisten.  Doch die Sorge vor Chaos und Katastrophen treibt bei ihnen seltsame Blüten. Manche kaufen sich Inseln und errichten riesige Bunkeranlagen. Sie horten Gold und Edelsteine. Aber sind sie glücklicher? Offenbar nicht. Sie fragen sich den ganzen Tag, wem sie eigentlich vertrauen können.

Vielleicht liegt das daran, dass wir Menschen etwas anderes benötigen. Wir sind darauf angelegt, in Beziehungen zu leben. Das Fachwort dafür lautet Reziprozität – Wechselseitigkeit. Es bedeutet: Ich gebe, und ich nehme. Jeder braucht den anderen, und das macht uns zufrieden.

Die Archäologie kann das bestätigen: Unsere Vorfahren wussten genau, dass niemand allein überleben kann. Selbst der beste Jäger konnte sich verletzen und war darauf angewiesen, dass ihn andere pflegen. Ohne die Gruppe hätte niemand den nächsten harten Winter überstanden. Privatbesitz hat kaum eine Rolle gespielt; man hat geteilt, hat Beziehungen aufgebaut und einander unterstützt – nicht nur aus Nächstenliebe, sondern um zu überleben. Die Formel war simpel: Nur wenn wir zusammenhalten, leben wir gut. Das hat uns über Jahrtausende geprägt.

Diese einfache Erkenntnis vermisse ich in unserer heutigen Gesellschaft. Das Credo lautet eher: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Jeder schließt seine eigene Versicherung ab, jeder soll privat für die Rente sparen. Aber worauf verlasse ich mich dann am Ende wirklich? Die Superreichen besitzen viele Milliarden, doch vertrauen nicht einmal ihren eigenen Leibwächtern.

Wahre Sicherheit – und auch Lebensfreude – entsteht durch das Gefühl der Verbundenheit. Wenn ich weiß: Da sind Menschen, die es gut mit mir meinen, und mit denen ich es gut meine. In meinem Dorf, meiner Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft. Wo bin ich bereit, zu helfen und Hilfe anzunehmen? Keiner lebt für sich allein – nur gemeinsam gelingt gutes Leben.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27JAN2026
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Eine Kollegin hat mir ihr Leid geklagt. Sie sagt: „Ich liebe meinen Mann, doch die Beziehung belastet mich gerade. Auf den ersten Blick ist alles normal: Er geht zur Arbeit, räumt die Spülmaschine aus und kümmert sich um die Kinder. Doch sobald es Abend wird und er sich vor den Computer setzt, taucht er ab in eine dunkle Welt.“

Ihr Mann schaut Video um Video, gefüllt mit schlechter Laune und düsteren Prognosen. Dort erklären selbst ernannte Experten, welche Pläne die EU angeblich gegen die Bevölkerung schmiedet, wie Impfkampagnen uns krank machen sollen und so weiter. Ihr Mann ist überzeugt: „Ich weiß, was wirklich passiert. Ich lasse mich nicht hinters Licht führen. Ich durchschaue das falsche Spiel.“

Ich habe mir diese Videos auf YouTube auch schon angesehen. Das Muster ist immer ähnlich: Die ersten Minuten klingen logisch und viele Fakten stimmen. Doch dann bricht es: Plötzlich kommen die großen Verschwörungstheorien. Es wird mit Zahlen, Daten und Statistiken um sich geworfen, bis niemand mehr durchblickt. Natürlich gibt es in der Politik Dinge, die schieflaufen. Aber hier wird bewusst übertrieben, gelogen und Angst geschürt.

Der Mann meiner Kollegin läuft den ganzen Tag mit finsteren Gedanken durch die Welt. Doch er ist kein Einzelfall. Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben das Vertrauen verloren – in die Politik, die Polizei, die Schulen, die Kirchen und andere Institutionen. Studien zeigen, dass diese Menschen enorm belastet sind. Zwar fühlen sie sich schlauer und kritischer als der „Rest“, weil sie glauben, die Wahrheit zu kennen. Aber was hilft es ihnen? Sie warten jeden Tag auf die Apokalypse.

Ich weiß nicht, was ich meiner Kollegin raten soll. Sie hofft einfach, dass ihr Mann irgendwann wieder auf andere Gedanken kommt und positiver in die Zukunft blickt.

Ich glaube, wir brauchen ein gewisses Grundvertrauen, um gut leben zu können. Wie bauen wir dieses Vertrauen als Gesellschaft wieder auf? Das ist eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit. Denn diejenigen, die uns versprechen, mit all den „Lügen“ aufzuräumen, meinen es selten gut mit uns. Sie schüren nur weiter Angst. Echte Lösungen sehen anders aus. Lösungen entstehen dann, wenn wir einander vertrauen und uns fragen: Was kann jeder von uns beitragen, damit die Zukunft ein Stückchen menschlicher wird?

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