Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

   

SWR4

  

Autor*in

 

Archiv

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Zwei unserer Kinder mögen es immer noch, wenn ich oder meine Frau ihnen abends zum Einschlafen etwas vorsingen. Und das mache ich auch gerne. Seit Jahren nehme ich da meistens dasselbe Lied: ein gesungenes Gebet zu Gott. Es enthält folgende Zeile: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“. Ich singe das Gebet auch für mich, denn mir gefällt der Gedanke, dass wir Eltern nicht die Einzigen sind, die unsere Kinder abends zudecken. Und dass sie zum Einschlafen noch mehr bekommen als eine warme Decke, ein Dach über dem Kopf oder ein Gute-Nacht-Lied. Sondern auch Gottes Liebe.

Außerdem reicht dieses Gebet ja noch über unsere Kinder und ihre Betten hinaus: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“. „Alles, was atmet“ – das sind auch die Nachbarn, die anderen Familien in der Stadt, einfach alle weltweit. Und auch längst nicht nur Menschen. Unsere Meerschweinchen eine Etage tiefer sind da genauso gemeint, die Schildkröte draußen im Garten, die Vögel draußen im Baum, die Spinnen drinnen an den Wänden. (Klar, die natürlich auch.)

Aber unseren Kindern geht sogar das noch nicht weit genug. Und schon als sie noch viel kleiner waren, haben sie protestiert gegen den Liedtext. „Papa! Warum nur ‚alles, was atmet‘ – dann fehlen ja die Pflanzen! Die brauchen Gottes Liebe doch auch!“

Sie wussten auch gleich eine Alternative – und seitdem singe ich das Lied immer ein bisschen anders: „Decke alles, was lebt, mit deiner Liebe zu“. Vom Rhythmus her klingt das ein bisschen holprig, der Text passt nicht mehr so richtig zur Melodie. Aber unsere Kinder haben mich überzeugt. Beim Singen fühle ich mich tatsächlich verbunden mit der gesamten Schöpfung. Menschen, Tiere, Pflanzen – sie alle gehören zusammen. Und sind angewiesen auf so viel mehr als man sieht.

Ach ja: Inzwischen, wo unsere Kinder gar nicht mehr so klein sind, könnte ich ihnen ja erklären, dass tatsächlich auch die Pflanzen atmen und dabei Sauerstoff aufnehmen. Über ihre Zellen. Vielleicht gilt das ja – und ich bekomme den Original-Liedtext wieder durch. Und dann ist wirklich die gesamte Welt gemeint: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43222
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Nächstes Jahr laufe ich Marathon!“ Ein Patient hat das zu mir gesagt – in der Klinik, in der ich als Seelsorger arbeite. Und er hat mich vielsagend angeschaut dabei. Humor lag in seinem Blick, Zuversicht, aber genauso Trauer und Schmerz. Uns beiden war in diesem Moment völlig klar: Es wäre schon ein medizinisches Wunder, wenn er überhaupt jemals wieder laufen könnte, und seien es nur die paar Meter vom Bett ins Bad.

Die nächsten Wochen über bin ich immer wieder mal bei ihm vorbeigekommen, wir haben uns ausgetauscht über Gott und die Welt. Nebenbei habe ich die weiteren Untersuchungen mitbekommen, neue Diagnosen, sein Therapieprogramm – intensives Training, mehrmals täglich. Ich habe miterlebt, wie er Stück für Stück einen neuen Lebensalltag eingeübt hat. Und dabei auch seine Familie und den Freundeskreis mitgenommen hat. Und ich habe mich gefragt: Was soll das eigentlich anderes sein als ein Marathon? Und ja nicht nur für 42 Kilometer, sondern ein ganzes Leben lang …

Im Krankenhaus erlebe ich das immer wieder – dass Menschen ihren ganz persönlichen Marathon absolvieren. Weil über einen langen Zeitraum hinweg so viele Fragen, Aufgaben, Schwierigkeiten zu klären sind. Und wenn ich es recht überlege: Vielleicht hat das Leben ja immer etwas Marathonmäßiges an sich. Weil es Ausdauer und einen langen Atem braucht und weil auf der Wegstrecke nie alles glatt läuft.

Worin genau der persönliche Lebens-Marathon besteht, das entscheidet sich dann bei jedem Menschen anders. Und genauso, wie das Ziel aussieht. Das ist ja auch beim echten Marathon so. Nicht jeder kann und will da unter drei Stunden laufen. Es kann auch darum gehen, einfach durchzukommen. Oder auch zu akzeptieren, dass man nicht so weit kommen kann wie gehofft.

Jede Teilstrecke aber ist es wert, stolz darauf zu sein. Und dann zu spüren: Ich habe etwas geschafft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43221
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor ein paar Wochen habe ich eine ausführliche persönliche Nachricht bekommen. Von einem früheren Konfirmanden von mir. Er hat geschrieben, wie es ihm seit der Konfirmandenzeit vor 15 Jahren so ergangen ist. Dass er damals viele Konflikte hatte mit Mitschülern, Lehrern, seinen Eltern, manches falsch gemacht hat. Gleichzeitig ist er damals aber auch Stück für Stück weitergekommen in seinem Leben. Und er hat geschrieben, wie dankbar er ist für die Menschen, die ihn damals begleitet und es auch ein Stückweit mit ihm ausgehalten haben. Einer von diesen Menschen war wohl ich – und weil ich manchmal im Radio zu hören bin, ist er mir dann wieder begegnet.

Das zu lesen hat mich berührt. Und ehrlich gesagt auch ein bisschen beschämt. Ich konnte mich nämlich gar nicht mehr an diesen einen Konfirmanden erinnern. Sein Name hat mir dunkel noch was gesagt, – aber ein Gesicht hatte ich nicht mehr vor Augen, auch nach längerem Nachdenken nicht. Wie kann das sein, wenn unsere Begegnungen doch so wichtig für ihn gewesen sind?

Aber dann ist mir gekommen: Umgekehrt habe ich das auch schon erlebt. Von den Menschen, die für mich wichtig waren in meinem Leben, haben mich manche über Monate oder Jahre intensiv begleitet, und der Kontakt ist bis heute immer weitergegangen. Aber manchmal war es auch anders: Da bin ich mit Menschen nur ganz kurz zusammengetroffen. Nur in einem ganz bestimmten Lebensabschnitt. Oder es war tatsächlich nur eine einzige Begegnung, ein Gespräch, ein Satz. Aber irgendwas ist mir da hängengeblieben, hat mich nachhaltig beschäftigt und weitergebracht.

Oft ist mir das erst viele Jahre später im Rückblick deutlich geworden. Und wie dieser ehemalige Konfirmand habe auch ich schon Menschen von früher kontaktiert. Um ihnen zu sagen, wie wichtig sie an einer Stelle für mich gewesen sind. Manche von diesen Menschen habe ich erreicht, und wir konnten uns austauschen. Andere werden nie erfahren, welche Bedeutung sie für mich haben. Aber auch sie sind Lebensbegleiter. Und ich bin sehr dankbar, dass Gott sie mir über den Weg geschickt hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43220
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Wenn Sie nichts von uns hören, dann ist alles in Ordnung! Dann gibt es auch keinen Redebedarf, und Sie müssen sich nicht bei uns melden.“

Neulich zum Schuljahresbeginn waren wieder Elternabende. Und wie oft habe ich da solche Sätze schon gehört. Eltern und Lehrer sollen nur dann Kontakt miteinander aufnehmen, wenn mit der schulischen Leistung oder der Disziplin eines Kindes etwas nicht stimmt. Sonst ist ein Austausch nicht notwendig – und oft auch gar nicht erwünscht.

Ich kann verstehen, wie es zu dieser Haltung kommt. Der Schulalltag ist gut gefüllt. Bei den vielen verschiedenen Dingen, die Lehrkräfte im Schulalltag zu erledigen haben, ist für anderes dann manchmal schlicht keine Luft mehr. Und auch wir Eltern suchen ja meistens nur das Gespräch, wenn es irgendwelche Probleme gibt. Alle sind froh, wenn sie nicht noch mehr Termine haben.

Trotzdem macht mich das nachdenklich und irgendwie auch wütend. Also – wenn gegenseitiger Austausch nur vorgesehen ist, sobald irgendwas sichtbar nicht richtig läuft. Da wird mir zu stark auf die Defizite und Probleme geschaut. Es geht doch auch um die Gemeinschaft an einer Schule, ums Zusammenleben, um die persönliche Entwicklung! Und bei den vielen Stunden, die meine Kinder in der Schule verbringen, interessiert mich alles Mögliche: Wie geht es ihnen im Unterricht und in den Pausen? Wie wirken sie nach außen? Wie gehen sie mit Schulkameraden um? Welche Freunde und Kontakte haben sie? In der Schule kann das ja nochmal ganz anders laufen als zu Hause. Und nicht jede Herausforderung zeigt sich gleich in einer Fünf oder im Klassenbucheintrag. Lehrer haben da ganz andere Einblicke und Eindrücke als wir Eltern. Und sie sind wichtige Lebensbegleiter für unsere Kinder.

Deshalb gehe ich auch „einfach so“ zu Elternsprechtagen, wenn sie angeboten werden. Oder ich melde mich selbst für einen Termin. Ohne bestimmten Anlass. Manchmal sind Lehrer dann erst mal überrascht. Oder sie fragen, was ich denn bereden will, wenn gar keine Probleme bekannt sind. Aber regelmäßig entsteht dann trotzdem ein anregendes Gespräch. Eine Viertelstunde zu irgendeinem passenden Zeitpunkt reicht da schon völlig aus. Immer wieder wird dann deutlich: Schule hat noch so viel mehr zu bieten als Leistung und Disziplin. Und es geht im Leben eben nicht nur um die Defizite.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43219
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Seit letztem Freitag läuft der Weltpokal. Nein, nicht im Fußball, auch nicht im Tennis oder Springreiten. Und bevor Sie jetzt lange überlegen: Ich spreche vom Schach.

Als Kind und Jugendlicher habe ich selber Schach gespielt, eine Zeitlang auch im Verein und bei Wettkämpfen. Heute bin ich nur noch reiner Fan und schaue zu. Dafür muss ich gar nicht vor Ort sein. Inzwischen wird so ziemlich jeder Wettkampf online live übertragen. Der genaue Stand jeder einzelnen Schachpartie wird digital gezeigt und ausführlich analysiert, von den Spielern gibt es Liveaufnahmen, manchmal sogar per Messgerät die aktuelle Herzfrequenz. Und das zig Stunden lang am Stück. Für jemanden, der das nicht kennt, wirkt das vielleicht ganz schön schräg.

Was mich so fasziniert am klassischen Schach: Die Grundstellung ist immer dieselbe. 32 Figuren auf 64 Feldern, stets in der gleichen Ausgangsposition. Die ersten Züge sind oft noch ähnlich, da entstehen bekannte Stellungsmuster. Aber irgendwann werden die vertrauten Pfade dann verlassen, und praktisch jede Schachpartie ist komplett einzigartig, so noch nie dagewesen. Weil es Abermilliarden verschiedene Varianten gibt. Das macht Schach für mich unfassbar schön.

Ein bisschen ist das so wie bei uns Menschen, finde ich. Wir bestehen alle aus denselben Grundsubstanzen – Wasser, Sauerstoff, Kohlenstoff, … Manche Entwicklungsschritte im Leben sind bei uns gleich. Und Menschen ähneln sich äußerlich oder innerlich, haben bestimmte Charakterzüge und Einstellungen. Aber letztlich entwickelt sich jeder von uns eben doch völlig einzigartig und gestaltet sein Leben auf unverwechselbare Weise. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sogar noch mehr als beim Schach: Jeder Mensch – ein individuelles Kunstwerk.

… und manche Menschen sind Schachprofis, haben die Begabung und das Handwerkszeug, auch sehr komplexe Figurenstellungen noch irgendwie zu überblicken. Gewaltig viel mentale Energie ist dafür nötig. Aus diesem Grund ist Schach auch kein reines Spiel, sondern Sport.

Beim Schach-Weltpokal jetzt kämpfen gut 200 Spieler im K.-o.-System um die vordersten Plätze. Die drei besten qualifizieren sich für das Kandidatenturnier zur Schachweltmeisterschaft, auch der Deutsche Vincent Keymer hat da Ambitionen und Chancen. Austragungsort ist Goa in Indien. Aber wie gesagt – auch online kann man das Spektakel gut mitverfolgen. Ich freue mich drauf.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43218
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

03NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Stell‘ doch auch mal die zweite Frage!“ Diesen Tipp habe ich neulich in einem Podcast gehört [nach Michael Hyatt]. Ein Tipp, wie Gespräche mehr Tiefe bekommen können – einfach, indem man nochmal nachhakt.

„Stell‘ doch auch die zweite Frage.“ Ich denke, dieser Tipp hätte auch Auswirkungen auf meine Alltagsgespräche. Normalerweise laufen die in etwa so: „Wie war’s bei der Arbeit?“, frage ich abends meine Frau, – ihre Antwort: „Gut.“ „Was haben deine Eltern zu nächstem Wochenende gesagt?“ – „Ja, die kommen vorbei.“ „Und wann genau schreibt jetzt eigentlich die Große ihre Mathe-Arbeit?“ – „Nächste Woche Donnerstag.“ Also – ein Thema jagt das nächste. Es ist einfach eine Menge zu organisieren im Familientrubel, da reicht es nicht immer für ausführliche Worte. Im Gespräch mit Kollegen oder mit Nachbarn ist das oft genauso.

Meistens ist das auch in Ordnung für mich – Smalltalk dient ja auch der Beziehungspflege. Aber manchmal wünsche ich mir schon etwas mehr Tiefe. Dass wir nicht nur oberflächliche Informationen austauschen, sondern etwas mehr voneinander erfahren: Wie es dem Gegenüber gerade wirklich geht. Und Anteil nehmen, uns gegenseitig zeigen, dass wir füreinander da sind.

Wie das auch mit wenig Zeit gehen kann, – dabei hilft nun der Tipp: „Stell‘ doch auch die zweite Frage.“ Also: Nachhaken, nicht sofort zum nächsten Thema wechseln! Sondern einen Moment länger bei der ersten Sache bleiben, auf die erste Antwort genauer eingehen.

Konkret könnte das so klingen: „Wie war’s bei der Arbeit?“ – „Gut.“ – „Was hat dir besonders gefallen?“ Vielleicht überrasche oder irritiere ich meinen Gesprächspartner damit. In jedem Fall verlangsamt die zweite Frage das Gespräch und gibt uns beiden Raum für etwas mehr Tiefe: für das, was mich interessiert, und für das, was mein Gegenüber vielleicht erzählen möchte: „Die Stimmung im Team war heute total gelöst, das fand ich schön.“ Oder: „Ich habe mich endlich mit meiner Kollegin ausgesprochen – und bin jetzt richtig erleichtert.“

Und wenn sich einmal nichts ergibt und rasch das nächste Thema kommt, dann ist das genauso in Ordnung, und ich weiß, dass Smalltalk für den Moment reicht.

Auch die zweite Frage stellen – mir hat das eingeleuchtet. Weil das ein so einfacher Weg ist, mehr voneinander zu erfahren und füreinander da zu sein – auch im ganz normalen Alltag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43217
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05JUL2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor ein paar Wochen habe ich angefangen, zu laufen. Zwei unserer Kinder machen Leichtathletik im Sportverein. Ich erlebe sie regelmäßig im Training und immer wieder auch bei Wettkämpfen. Beide mögen vor allem längere Laufstrecken. Und mit der Zeit hat es mich da irgendwie auch gepackt. Für dieses Jahr habe ich mich selbst zu drei Laufveranstaltungen angemeldet. Bei einer macht auch meine Tochter mit – nebenbei ist es also auch ein schönes gemeinsames Familienprojekt.

Einen Unterschied gab es allerdings: Meine Tochter war schon im Training – ich nicht. Also musste ich ran. Alle zwei Tage bin ich losgejoggt und habe Zeit und Strecke nach und nach gesteigert.

Eine gewisse Grundfitness habe ich – ich spiele Badminton, zur Arbeit nehme ich meistens das Fahrrad, und immer wieder mal ist auch ein Sprint zur S-Bahn nötig. Aber diese ersten abendlichen Läufe waren nochmal was ganz anderes. Ich habe völlig neue Muskeln gespürt. Und wenn ich an der Belastungsgrenze war, habe ich eindrücklich gemerkt: Ich habe nicht nur einen Körper. Ich bin dieser Körper. Leib und Seele gehören untrennbar zusammen. In diesen Momenten gab es daran gar keinen Zweifel.

Und deshalb gilt auch: So sehr ich mich mit meinen ebenfalls laufenden Kindern verbunden fühle: Durch so eine Anstrengung muss ich ganz alleine durch. Im Training – und demnächst auch im Wettkampf. Andere können mich ermutigen, begleiten, anfeuern – aber ich kann mich nicht vertreten lassen. Ich selbst bin gefragt, mit Haut und Haaren.

Das ist im Leben mit manchen anderen Dingen auch so. Auch da gerate ich manchmal an Grenzen, und ich muss einen Weg komplett alleine gehen. Wenn ein Konflikt zu klären ist etwa. Wenn eine Lebensentscheidung zu treffen ist. Oder wenn es ans Abschiednehmen geht. Dann ist es meine Aufgabe und auch meine Würde als Mensch, das selbst zu tun. Als Christ glaube ich: Gott hat mir das Leben geschenkt – und traut mir dieses eine persönliche Leben auch zu. Ich bin ganz und gar gefragt und habe Bedeutung.

Demnächst spüre ich das wieder leibhaftig beim Trainieren. Und nächsten Freitag dann beim Laufwettbewerb.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42441
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04JUL2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Welche Rolle nimmt man im Leben ein – hilft man ständig? Oder wird einem geholfen? Ich habe das vor kurzem mit Mitarbeitenden eines diakonischen Unternehmens versucht zu erkunden. Anhand einer kleinen Geschichte aus der Bibel:

Ein Mensch ist zu Fuß unterwegs von Jerusalem nach Jericho – eine Strecke bergab, knapp 30 Kilometer lang. Auf dem Weg wird er von Räubern überfallen. Sie plündern ihn aus, schlagen ihn zusammen, lassen ihn halbtot in der Hitze liegen. Ein Mann kommt vorbei – und geht weiter. Ein zweiter Mann kommt vorbei – und geht weiter. Erst ein Dritter hält an und hilft dem Verletzten. Er bringt ihn in ein Gasthaus, wo der Wirt sich weiter um ihn kümmert.

So weit die Geschichte, die Jesus mal erzählt hat [vgl. Lukas 10,29-37]. Wir haben dann überlegt: Was kann uns diese Geschichte zeigen? Und wo tauchen wir darin auf?

Eine Antwort kam ganz rasch: Wir sollen so handeln wie der dritte Mann, der angehalten und dem Verletzten geholfen hat. Auch Jesus hat das so gesehen und seinen Zuhörern anschließend gesagt: „Geh[t] und mach[t] es ebenso.“ [Lukas 10,37b; BasisBibel]. Unsere Welt braucht solche Menschen, die andere sehen und ihnen zur Seite stehen.

Aber der Mensch, der erste Hilfe leistet, ist ja nicht der Einzige. Am Ende der Geschichte gibt es noch den Wirt. Der hat ein Gasthaus und kann dort Leute aufnehmen. Auch das ist wichtig – dass Menschen soziale Unterstützung zu ihrer beruflichen Aufgabe machen, zum Beispiel in Caritas und Diakonie. Es ist nicht verwerflich, wenn man fürs Hilfe-Leisten bezahlt wird.

Die Geschichte kennt noch eine weitere Möglichkeit: Manchmal geht es uns so wie dem überfallenen Wanderer am Boden – und wir sind selbst auf Unterstützung angewiesen.

Mit diesen drei Rollen aus der Geschichte sind wir fertig, dachte ich damals beim gemeinsamen Austausch. Aber dann hatte eine Mitarbeiterin noch eine Idee: Manchmal im Leben sind wir auch diejenigen, die vorübergehen – weil wir zu beschäftigt sind, keine Zeit übrig haben. Und vielleicht sind wir manchmal sogar wie die Räuber – wir machen andere Menschen klein und fertig. Ja, habe ich gedacht, – so habe ich tatsächlich auch schon gehandelt. Hoffentlich nicht für immer. Denn natürlich wäre ich lieber derjenige, der hilft und für andere da ist. Geht aber nicht immer. Gut, wenn es dann andere gibt, die helfen. Dann hält unser Miteinander alle Rollen aus. Es ist eben eine echte ehrliche Lebens-Geschichte, die Jesus da erzählt hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42440
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

03JUL2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Noch vier Wochen, dann sind in Baden-Württemberg Sommerferien. In den Schulen hier ist deshalb Endspurt angesagt. Unsere Kinder schreiben jetzt nochmal jede Menge Klassenarbeiten, auch Referate werden ausgearbeitet, mündliche Noten gemacht … Und bald stehen die Gesamtergebnisse dann schwarz auf weiß in den Jahreszeugnissen.

Wie stressig und anstrengend das für die Kinder und Jugendlichen ist, bekomme ich ja ein bisschen mit. Ich weiß auch noch gut, welchen großen Stellenwert Noten für mich als Schüler früher hatten. Heute schreibe ich selbst keine Klassenarbeiten mehr. Aber ich finde die Frage herausfordernd: Wie gehen wir als Eltern gut um mit den schulischen Leistungen unserer Kinder? Wie reagiere ich als Vater auf die 1- in Musik oder die 4-5 in Mathe?

Ein Hinweis hat mir dabei geholfen: Wenn ich unsere Kinder für gute Noten lobe und bei schlechten Leistungen zur Rede stelle, dann bewerte ich sie damit. Auf diese Weise mache ich sie klein oder groß – aber auf jeden Fall abhängig von meiner Meinung. Und – diese Bewertungen brauchen unsere Kinder auch gar nicht. Über eine 1- freuen sie sich nämlich auch selbst schon. Und über eine 4-5 ärgern sie sich auch ohne mich, und in aller Regel wollen sie auch selbst was daran ändern.

Stattdessen will ich versuchen, die Emotionen und Gefühle meiner Kinder mit ihnen auszuhalten und mitzufühlen. Ich freue mich mit ihnen, wenn eine Klassenarbeit gelungen ist. Also statt: „Das hast du gut gemacht!“ sage ich: „Ich freu‘ mich mit dir!“ und strahle mit. Und wenn es nicht so gut läuft, bin ich gemeinsam mit ihnen sauer und grummle mit über die doofen Aufgaben. Ich glaube, dann merken meine Kinder: Da sieht mich jemand. Und ich bin ernst genommen mit dem, was einen großen Teil meines Alltags ausmacht.

Gleichzeitig finde ich es auch wichtig, ernst zu nehmen, dass meine Gefühle nochmal anders sind als die meiner Kinder. Ich habe mehr Abstand, weil es ja nicht meine Noten sind. Auch mehr Lebenserfahrung, was den Umgang mit Emotionen angeht. Und als Elternteil ist es natürlich auch meine Aufgabe, mit zu überlegen, was sich vielleicht wie verändern lässt. Also auch mal den Finger in die Wunde zu legen und einzufordern, dass die Vokabeln vernünftig gelernt werden. Aber auch das geht ja leichter, wenn ich die Gefühlslagen meiner Kinder an mich herangelassen habe.

Und genauso will ich meinen Kindern mitgeben, dass Noten und Leistungen längst nicht alles sind. Das Leben ist noch so viel mehr Gott sei Dank. Auch jetzt im Zeugnis-Endspurt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42439
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02JUL2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Ah, Sie sind der Klinikseelsorger. Was genau machen Sie da eigentlich, was ist Ihre Aufgabe?“

Im Krankenhaus, wo ich arbeite, fragen mich das immer wieder Leute – Patienten, Angehörige oder auch mal Mitarbeitende. Von außen ist es gar nicht so einfach einzuordnen, was ich tue. Und tatsächlich bin ich auch ein Spezialfall im Krankenhaussystem. Ich bin auf den Stationen unterwegs und in den Krankenzimmern, so wie viele andere auch. Ich bringe mich in die Behandlungs- und Heilungsprozesse mit ein. Aber ich gehöre nicht zum medizinischen Team der Ärztinnen oder Pfleger oder Physiotherapeutinnen. Klinikseelsorge, das ist nochmal etwas anderes.

Beim Versuch, das noch genauer zu beschreiben, bin ich auf Momo gestoßen. Momo ist das Mädchen aus Michael Endes gleichnamigem Roman. Sie hat einen dunklen Lockenkopf, pechschwarze Augen, läuft meistens barfuß und trägt alte Kleidung. Vor allem aber heißt es von ihr: „Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. […] [S]ie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. […] Sie konnte so zuhören, daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten, was sie wollten. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.“ [Ende, Michael, Momo. Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte, Stuttgart 1973, 15f.]

Weil Momo Zeit hat und zuhört, finden Menschen einen neuen persönlichen Weg. Für mich ist das ein gutes Bild, wie ich versuche, meine Arbeit als Klinikseelsorger zu machen. Ich bin sicher, dass Menschen dort, wo ihnen jemand wirklich zuhört und sie zu verstehen versucht, weiterkommen. Menschen spüren ganz gut, was sie gerade brauchen und wie sie den nächsten Schritt gehen können – wenn jemand anderes sich für sie Zeit nimmt, ganz da ist und zuhört. Und da ist die kleine Momo aus dem Buch ein eindrückliches Vorbild für mich.

„Was genau machen Sie als Klinikseelsorger?“ Wenn Leute mich das fragen, antworte ich jetzt manchmal: „Ich habe Zeit – und bin ganz Ohr.“ Und hoffentlich gelingt mir das auch immer wieder. Damit Menschen weiterkommen und ihren persönlichen Weg finden. Im Krankenhaus – und überhaupt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42438
weiterlesen...