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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Der Künstler Daniel Beerstecher wandert gerade quer durch Deutschland. Im Juni 2025 ist er in seiner Heimatstadt Stuttgart aufgebrochen. Jetzt, ein Jahr später, kommt er demnächst dorthin zurück.
Das Besondere an der Reise: Daniel Beerstecher redet unterwegs nicht. „Ich höre zu – ein Jahr im Schweigen“, so heißt seine Aktion, die gleichzeitig ein Kunstprojekt ist.
Man kann ihn unterwegs eine Zeitlang begleiten auf seiner Wanderung oder ihn als Gastgeber zu sich nach Hause einladen. Und man kann dem Künstler dabei von sich erzählen, ihm etwas aus dem eigenen Leben anvertrauen. Also ein Gespräch führen mit einem Schweigenden. Daniel Beerstecher antwortet dann nicht mit Worten, – aber er hört aufmerksam zu, lässt das Gesagte still in sich wirken und blickt einen dabei offen an.
Mich fasziniert das. Dieses Projekt kommt nicht laut daher oder pompös. Daniel Beerstecher besticht nicht mit Schlagfertigkeit oder geschwungenen Reden. Und trotzdem hat sein Handeln Kraft. Weil gerade das Schweigen Neues möglich macht. Menschen, die ein Teil dieser Reise geworden sind, zeigen sich sehr berührt von der Begegnung.
In der Bibel gibt es eine Geschichte, die weiß auch etwas von der Kraft der leisen Töne [vgl. 1. Könige 19,8-13]: Sie erzählt von Elia – er ist ein Prophet, also ein Mensch, der in besonderer Weise mit Gott verbunden ist.
Dieser Elia steckt in einer heftigen Lebenskrise. Er weiß nicht mehr, woran er sich orientieren soll, fühlt sich verlassen von Gott und der Welt. Und er macht sich deshalb auf – vierzig Tage und vierzig Nächte lang, bis er den heiligen Berg Gottes erreicht. Dort erlebt Elia einen tosenden Sturm, ein heftiges Erdbeben und ein großes Feuer. Aber in keinem dieser gewaltigen Naturelemente kann Elia Gott finden, heißt es in der Geschichte. Er bleibt verlassen.
Doch dann geschieht es. Gott kommt zu Elia, – aber ganz leise, in einem sanften Wind. Und Elia fühlt sich gehört und verstanden, kommt mit Gott ins Gespräch, ganz ohne hörbare Worte.
Stille, Schweigen – das hat tatsächlich viel mit Gott zu tun, glaube ich als Christ. Der schweigende Wanderer Daniel Beerstecher schreibt zu seinem Projekt: „Vielleicht braucht es in einer lauten Welt zuerst einen stillen Raum, in dem wieder gehört werden kann.“
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Bei uns in Deutschland wird nach wie vor viel gespendet. Für einen gemeinnützigen Verein zum Beispiel, für ein soziales Projekt, für Hilfe ganz in der Nähe oder weiter weg. Und ich finde das bemerkenswert – dass so viele Menschen bereit sind, von ihrem Geld etwas abzugeben. Für ihr Geld haben sie schließlich gearbeitet und haben es sich verdient.
Auch ich arbeite für mein Einkommen. Ich investiere Zeit und Kraft, bringe meine Fähigkeiten ein – und bekomme dafür ein Gehalt. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke: Habe ich mein Geld deshalb komplett selbst verdient? Dass ich meinen Beruf überhaupt ausüben kann – das habe ich doch nicht nur mir selbst zu verdanken. Da habe ich Unterstützung und Hilfe erfahren. Ich konnte eine lange Ausbildung machen, ich habe eine passende Stelle gefunden, ich bin gesund genug, um morgens aufzustehen – das alles habe ich nicht verdient. Für mich ist das vor allem ein Geschenk.
Zu biblischen Zeiten, vor vielen hundert Jahren in Israel, da haben sich die Menschen vorgestellt: Das Land, auf dem wir leben und arbeiten, das gehört nicht uns. Das Land gehört eigentlich Gott. Und dass auf dem Land Früchte wachsen, die wir dann ernten und verkaufen können oder mit denen wir unsere Tiere füttern, das haben wir nicht komplett selbst verdient. Das ist Gottes Geschenk an uns. Wir haben nur einen kleinen Teil dazu beigetragen.
Deshalb war es damals auch selbstverständlich, etwas abzugeben von der Ernte oder vom Geld. Meistens ein Zehntel des Ertrags [vgl. z.B. 5. Mose 14,28f.].
Ein Zehntel – zehn Prozent also. Das klingt erst mal nach sehr viel. Jedenfalls dann, wenn ich davon ausgehe, dass mir alles komplett selbst gehört und ich davon was abzwacken soll. Aber mit der alten biblischen Logik sieht die Rechnung plötzlich ganz anders aus: Wenn alles, was ich bekomme, geschenkt ist, und ich gebe ein Zehntel davon weiter, dann darf ich ganze neunzig Prozent für mich behalten! Ich bleibe also überreich beschenkt. Und andere haben auch noch was davon.
Sich beschenkt wissen und davon weitergeben. Diese Haltung hat etwas, finde ich. Wenn ich auf diese Weise Geld spende, verändert das auch in mir selbst etwas.
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Warum genau tue ich das, was ich tue? Welche Erfahrungen haben mich dazu gebracht, wo hat meine Lebensgeschichte ihre entscheidenden Impulse bekommen?
Diese Frage finde ich spannend. Und ich bin darauf gestoßen, als ich mich mit Theo Lorch beschäftigt habe. Theo Lorch war Pfarrer in Württemberg. Und unter seiner Regie wurde 1969 der Verein „Werkstatt für Behinderte in Ludwigsburg e.V.“ gegründet. Menschen mit Behinderung sollten dort die Möglichkeit bekommen, sich beruflich im Arbeitsleben einzubringen. Das war damals ein wichtiger Schritt. Denn davor hatten Menschen mit Behinderung höchstens noch die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Anschließend gab es keinen richtigen Platz mehr für sie.
Wenn man in Theo Lorchs Lebensgeschichte schaut, merkt man: Keinen Platz zu haben, ausgeschlossen zu sein, das hat auch er persönlich erlebt, gleich mehrmals.
Als er gerade mal zehn Monate alt war, sind seine Eltern als Missionare nach Kamerun gereist – und zwar ohne ihren Sohn. Zusammen mit seinen beiden älteren Schwestern ist Theo Lorch bei einer Großtante geblieben. Mit sechs Jahren dann ist er in ein Kinderhaus gekommen. Dort waren Mädchen und Jungen streng getrennt – nur sonntags zwischen 13:00 und 14:00 Uhr durften sich die Geschwister sehen. Für Theo Lorch war das ein heftiger Einschnitt. Die Erfahrung, zurückgelassen zu werden und alleine zu bleiben, muss ihn tief geprägt haben.
Später als Pfarrer ist Theo Lorch mit seiner eigenen Familie nach Indien gegangen, hat dort an einer theologischen Ausbildungsstätte gelehrt. Doch 1939 wurde die Familie von der englischen Kolonialregierung verhaftet, musste für sieben Jahre in ein Internierungslager. Dort war Theo Lorch arbeitslos. Auch das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, seine Fähigkeiten nicht einbringen zu können, hat er also aus eigener Erfahrung gekannt.
Ich glaube: Das alles hat eine Rolle gespielt bei der Gründung der Werkstatt für Menschen mit Behinderung später in Ludwigsburg. Da hat Theo Lorch seinen Teil dazu beigetragen, dass Menschen eben nicht ausgeschlossen werden und einen guten Platz finden.
2006, vor zwanzig Jahren also, ist Theo Lorch im Alter von 100 Jahren gestorben. Bereits im Jahr zuvor wurde das von ihm mitgegründete Unternehmen nach ihm benannt: In den Theo-Lorch-Werkstätten nehmen heute über 800 Menschen mit Behinderung aktiv am Arbeitsleben teil.
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„Menschen des Weges“. So hat man vor 2.000 Jahren die ersten Christen genannt [vgl. z.B. Apostelgeschichte 9,2]. Also die Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus. Vermutlich um auszudrücken: Christen machen sich auf einen neuen Weg, und zwar ganz praktisch, mitten im Leben.
„Menschen des Weges“. Ich persönlich habe einen ganz neuen Zugang bekommen zu dieser Bezeichnung. Seit ich nämlich mit dem Laufen angefangen habe.
Wenn ich da aufbreche zum Training, dann mache ich das meistens für mich persönlich. Wann ich eben gerade Zeit habe und in meinem eigenen Tempo. Das ist mit das Schöne für mich an diesem Sport – ich kann da völlig individuell unterwegs sein, immer und überall.
Und auch für mich als Christ ist wichtig: Erst mal glaube ich auf meine persönliche Art und Weise. Mich Gott nahe fühlen oder beten – das tue ich, wie es mir entspricht.
Aber auch wenn ich gern in meinem Tempo und auf meine Weise laufe, bin ich nicht allein unterwegs. Natürlich begegnen mir auf meinen Laufrunden immer wieder auch andere Läufer. Die meisten kenne ich gar nicht persönlich. Meistens reicht es nur für ein hastiges „Hallo“. Und trotzdem spüre ich dann Verbundenheit. Wir haben dieselbe Leidenschaft, machen ähnliche Erfahrungen, sind auf einem gemeinsamen Weg. Das macht das Laufen noch viel schöner.
So geht es mir auch, wenn ich mitkriege, dass jemand wie ich an Gott glaubt oder sich Christ nennt. Manchmal erfährt man das ja voneinander, und sei es nebenbei auf der Arbeit oder über Social Media. Dann merke ich: Wir gehören zusammen. Auch wenn wir unseren Glauben vielleicht ganz unterschiedlich leben.
Und manchmal genieße ich auch größere gemeinsame Treffen unter Christen. Bei einem Gottesdienst zum Beispiel. Oder wenn Kirchentag ist. Dann spüre ich: Wir sind gemeinsam Teil einer großen weltweiten Bewegung.
Als Läufer erlebe ich das bei Lauftreffs. Wenn sich ein paar Leute verabreden und als Gruppe eine Runde drehen. Und natürlich bei großen offiziellen Laufveranstaltungen. Wenn Hunderte oder gar Tausende zusammen auf die Strecke gehen. Jeder hat dann ein persönliches Ziel – aber genauso geht es um die gemeinsame Leidenschaft. Auch heute ist das so, am ersten Mittwoch im Juni. Da wird in vielen Ländern auf der Welt der Tag des Laufens begangen. Und Menschen machen sich gemeinsam auf den Weg.
Das ist schon was mit den „Menschen des Weges“. Ich bin gerne einer von ihnen. Mit Laufschuhen genauso wie als Christ.
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Wann ist man eigentlich krank – und wann gesund? Bei der Arbeit frage ich mich das manchmal. Es gibt ja so Tage, da bin ich nur ganz leicht erkältet und fühle mich sonst fit. Aber – ich arbeite als Seelsorger in einer Klinik. Da bin ich vor allem mit Patienten in Kontakt. Und dann ist natürlich völlig klar: Schon mit ein bisschen Schnupfen geht das nicht. Weil das ansteckend ist und für meine Gesprächspartner böse Folgen haben kann. Lasse ich mich deshalb also krankschreiben? Nicht unbedingt. In meinem Beruf habe ich ja auch Büroarbeit zu erledigen. Würde ich die wegen eines Schnupfens meinen Kollegen aufdrücken, käme mir das falsch vor.
Krank oder gesund? So klar und eindeutig lässt sich das also gar nicht immer sagen. Das beobachte ich auch bei den Patienten: Klar, auf dem Papier sind die krank. Deshalb sind sie ja im „Kranken-Haus“, mit einem gesundheitlichen Problem. Aber ich treffe immer wieder Patienten, denen es insgesamt gut geht. Weil es gerade aufwärts geht. Oder weil sie mit ihrer Krankheit zurechtkommen. Und umgekehrt gibt es ja auch Menschen, denen fehlt aus medizinischer Sicht gar nichts, – und trotzdem sind sie unglücklich.
Bin ich krank oder gesund? Bei der Frage kommt es auch auf mein Umfeld an. Wenn ich gut unterstützt werde, kann ich auch in einer Krankheitsphase einigermaßen zurechtkommen. Wenn ich auf mich allein gestellt bleibe, ist das schwieriger.
Und dann gibt es ja auch noch solche Dinge wie eine persönliche Veranlagung zur Depression oder eine Behinderung. Ob das Krankheiten sind, darüber lässt sich streiten. Aber sie beeinträchtigen das Leben.
Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – so sagt es die Weltgesundheitsorganisation. Das ist ein Ideal, das wahrscheinlich niemand je ganz erreicht. Deshalb glaube ich: Niemand von uns ist nur gesund, und niemand ist nur krank. Ich trage immer Anteile von beidem in mir.
Von Jesus erzählt die Bibel, dass er Menschen gesund gemacht hat. Zum Beispiel gibt er einem blinden Mann das Augenlicht wieder [vgl. Johannes 9,1-41]. Und zugleich gibt er ihm damit eine neue Stellung im Ort. Plötzlich ist er mehr als der blinde Bettler, als den ihn alle Leute immer gekannt haben. Hier „die Gesunden“, dort „die Kranken“ – diese Aufteilung funktioniert nicht mehr. Denn wir sind immer gesund und krank zugleich. Und wir brauchen uns immer gegenseitig.
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Neulich mal wieder am Bahnsteig: Ich stehe da und warte auf den Zug. Der ist fünf Minuten verspätet, teilt die Anzeigetafel mit. Fünf Minuten später – immer noch kein Zug in Sicht. Zehn Minuten Verzögerung, heißt es jetzt. Als die Minutenzahl ein drittes Mal nach oben korrigiert wird, macht sich Unruhe breit unter den Wartenden. Und auch in mir drin steigt Ärger auf.
Was mich aufregt, ist gar nicht so sehr die Verspätung. Zumindest ich komme damit in aller Regel ganz gut zurecht. Bis zum nächsten Termin ist meistens noch ein bisschen Luft, und irgendwie nutzen kann ich die Zeit auch unterwegs immer, wenn ich will.
Aber warum verrät mir niemand, was eigentlich los ist? Und vor allem, wann ich denn nun mit der Abfahrt rechnen kann? Das will ich wissen. Wenn es noch eine halbe Stunde dauert, nehme ich mein Fahrrad nicht mit in die Bahn, sondern radle die Strecke eben ganz …
Während ich weiter auf eine Info warte, denke ich an ein altes Streitthema zwischen meiner Frau und mir. Immer wieder mal komme ich später von der Arbeit nach Hause als geplant. Meistens liegt das ehrlicherweise nicht an der Bahn, sondern an mir selbst. Und oft gebe ich dann nicht richtig Bescheid zu Hause. Sondern bin einfach nicht zum vereinbarten Zeitpunkt da, stattdessen irgendwann danach. Genau dasselbe wie mit meinem verspäteten Zug also, der ohne jede Erklärung nicht kommt. Und plötzlich kann ich den Ärger meiner Frau ein Stück besser verstehen. Sie möchte halt einfach wissen, was Sache ist. Um sich darauf einstellen zu können.
Woran klemmt es eigentlich in unserer Kommunikation? Gerade in einer Beziehung wäre es doch wichtig, dass die Partner wissen, was dem anderen wichtig ist. Warum gebe ich nicht Bescheid? Oft, weil es mir unangenehm ist. Ich schäme mich, dass ich mich nicht rechtzeitig losreißen konnte von der Arbeit. Noch unbedingt irgendwas erledigen wollte. Oder meinen Zeitaufwand falsch eingeschätzt habe. Und dann sage ich lieber gar nichts, weil das für den Moment einfacher ist. Aber auf lange Sicht mache ich die Sache damit nur schlimmer. Eine kurze klare Information würde ganz viel ändern. Ob Jesus auch das gemeint hat in seiner berühmten Bergpredigt? „Sagt einfach ‚Ja‘, wenn ihr ‚Ja‘ meint, und ‚Nein‘, wenn ihr ‚Nein‘ meint“, heißt es dort [Matthäus 5,37; BasisBibel].
Unangenehm wäre mir meine Verspätung dann immer noch. Aber ich stehe wenigstens dazu. Und meine Frau muss immer noch mit der Verspätung leben. Aber sie weiß, was Sache ist. Und das ist viel wert. Am Bahnsteig – und im gemeinsamen Leben.
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„Ich glaube an die Menschen!“ Die Mitarbeiterin in einem Kassenhäuschen hat mir das neulich gesagt. Wir wollten unseren Eintritt mit Karte bezahlen – das war dort aber technisch nicht möglich. Und genügend Bargeld hatten wir nicht mit dabei. Spontan durften wir dann einfach so rein – mit dem Versprechen, das Geld später vorbeizubringen. „Ihren Ausweis brauche ich nicht“, hat die Mitarbeiterin noch gemeint. Ich glaube an die Menschen.“
Das hat mich ganz schön überrascht. Wir kannten uns ja gar nicht – im Anschluss hätten wir einfach auf Nimmerwiedersehen verschwinden können. Und ich habe mich gefreut. Dass es doch noch geklappt hat, dass wir nicht wieder gehen mussten. Aber fast noch mehr gefreut hat mich das Vertrauen dieser Mitarbeiterin. Sie hat daran geglaubt, dass wir unser Wort halten, dass man sich auf uns verlassen kann. Da habe ich Verbundenheit gespürt, einfach von Mensch zu Mensch.
Und ich habe mich gefragt, ob ich selbst auch dieses Vertrauen hätte. Würde ich einem wildfremden Menschen abnehmen, dass er seinen Eintritt auch später noch bezahlt?
Vermutlich hätte ich da auch meine Zweifel. Wenn’s ums Geld geht, dann vergessen manche Leute sehr schnell, was sie mal versprochen haben. Die Erfahrung habe ich schon machen müssen. Aber – die Frau im Kassenhäuschen ja ganz sicher auch. Und trotzdem hat sie sich entschieden, weiter an die Menschen zu glauben. Und das hat den Unterschied gemacht.
Vielleicht ist das ja wie mit meinem Glauben an Gott. Auch da habe ich regelmäßig meine Zweifel. Hat Gott diese chaotische Welt wirklich in seiner Hand? Glaube ich also an das Gute in der Welt? Bewirkt es was, wenn ich bete? Was genau heißt es, dass ich Christ bin? Glauben ohne zu zweifeln, das kann ich gar nicht. Trotzdem wage ich es weiter, Gott zu vertrauen. Und ich merke: Das macht einen Unterschied in meinem Leben. Dann will ich auch an die Menschen glauben, an das Gute in uns allen – so wie die Frau im Kassenhäuschen neulich.
Übrigens: Das Eintrittsgeld, das wir damals nicht gleich in bar bezahlen konnten, hat uns dann eine andere Familie an Ort und Stelle ausgelegt, gegen Online-Überweisung. Da hat also gleich nochmal jemand an die Menschen geglaubt, und an uns. Das war die zweite schöne Erfahrung an diesem Tag.
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Wie finden Kinder ihren persönlichen Platz im Leben? Wie finden sie heraus, was sie wollen, was sie ausmacht? Und wie machen sie das, wenn sie eng zusammen mit Geschwistern oder Cousinen oder Freunden aufwachsen?
Neulich ist mir das mal wieder durch den Kopf gegangen. Unsere drei Kinder sind sehr oft beieinander den Tag über. Manchmal kann es da richtig eng werden. Am Esstisch oder im Wohnzimmer müssen die drei oft ihren Platz behaupten. Aber das gilt ja auch allgemein für ihr Leben: Sie müssen nach und nach ihren eigenen Weg finden, unabhängig von den Geschwistern. Was können wir da als Eltern für sie tun?
Dass unsere Kinder das auch ganz alleine hinbekommen, habe ich jetzt beim Thema Fußball gemerkt. Lange Zeit war ich mit dieser Leidenschaft ganz allein in der Familie. Ich spiele nicht selbst, aber verfolge intensiv meinen Lieblingsverein. Und inzwischen lassen sich auch unsere drei Kinder ein bisschen davon anstecken. Sie tun das aber auf ganz unterschiedliche Weise.
Unsere eine Tochter genießt vor allem die Vater-Tochter-Zeit, wenn wir mal gemeinsam ins Stadion gehen. Wenn es nach ihr geht, müssten gar keine anderen Menschen mit dabei sein, die Atmosphäre findet sie arg laut und anstrengend. Ganz anders geht es unserer anderen Tochter. Die genießt die ausgelassene Stimmung und feiert mit. Wie viel sie dann wirklich vom Geschehen auf dem Platz versteht und mitbekommt, weiß ich gar nicht so genau … Und unser Sohn wieder, der bleibt ganz in der Distanz. Die Spiele schaut er am liebsten von zu Hause aus. Und er kennt danach jede kleine Statistik und den Tabellenstand auswendig. Er bleibt auch nicht beim Fußball, sondern hat so ziemlich jede Sportart auf dem Radar.
Mich fasziniert das. Ich merke da: Unsere Kinder sind alle einzigartig. Als Originale geschaffen. Sie haben bestimmte Dinge von uns Eltern mitbekommen, aber immer in einer völlig neuen Mischung. Und sie machen etwas daraus, finden ihren eigenen Weg. Als Eltern können und müssen wir da gar nicht so viel steuern. Unsere Kinder kriegen das schon hin. Wenn es um Fußball geht – aber auch sonst.
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„Ach, in der Bibel stehen doch nur Märchen!“, höre ich Leute manchmal sagen. Und wenn ich dann näher nachfrage, kommt die Begründung: „Na, was da alles erzählt wird, das ist doch gar nicht so passiert.“
Stimmt einerseits. Die biblischen Texte einfach als historische Tatsachenberichte zu lesen, das funktioniert tatsächlich nicht. So sind sie in den meisten Fällen auch gar nicht gedacht.
Aber das heißt eben noch lange nicht, dass die Bibel aus Lügengeschichten besteht. Die Menschen, die die Texte der Bibel aufgeschrieben haben, haben nämlich von ihren Erfahrungen mit Gott erzählt. Und die sind und bleiben echt: Die Erfahrung, wie Gott ihnen begegnet ist. Wie sich das angefühlt hat. Oder wie Gott ihnen Sicherheit gegeben hat. Oder auch gemahnt hat: Aufpassen! Ihr seid auf einem falschen Weg …
Um Erfahrungen mit Gott geht es in der Bibel – und um die Frage, wie sich das im Leben der Menschen auswirkt. Und in diesem einen Punkt haben die biblischen Texte tatsächlich doch etwas mit den alten Märchen gemeinsam: Die erzählen nämlich auch von großen menschlichen Themen. Oft zwischen den Zeilen, auf symbolische Art und Weise. Zum Beispiel muss da die Hauptperson schwierige Prüfungen bestehen. Das passiert ja auch in Wirklichkeit – wenn man einen neuen Lebensabschnitt beginnt oder einen Konflikt zu klären hat. Unheimliche Figuren wie der Riese können für übergroße Ängste stehen, mit denen man persönlich einen Umgang finden muss. Und immer wieder geht es um heftige Gefühle wie Wut, Neid, Eifersucht. Auch die spielen eine Rolle in unserem Zusammenleben, und es ist gut, sie zu kennen.
Warum sage ich Ihnen das gerade heute? Weil der passende Tag dafür ist. Der 26. Februar ist in vielen Ländern bekannt als der „Erzähl-ein-Märchen-Tag“. Mal sehen – vielleicht mache ich das heute Abend ja mit unseren Kindern: Mal wieder ein Märchen heraussuchen und ihnen das vorlesen. Und die Tage drauf dann eine Geschichte aus der Bibel. Weil beides bis heute Bedeutung hat: das Leben von uns Menschen – und die Erfahrungen mit Gott.
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„Was kann ich machen, Daniel?“ Ein Beschäftigter in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung fragt mich das immer wieder. Fast jedes Mal, wenn ich dort bin und ihn treffe. Und er meint damit die Gefühle, die ihn plagen. Er trauert um einen gestorbenen Verwandten, macht sich Sorgen um ein krankes Familienmitglied. Tagsüber drückt das seine Stimmung, abends kann er damit oft nicht richtig einschlafen. Und deshalb fragt er mich: „Was kann ich machen?“
Ich kann das so gut verstehen. Mit Trauer und Angst zu leben – natürlich ist das überhaupt nicht schön. Und natürlich würde man dann gern „was machen“, damit das wieder anders, damit alles wieder gut wird.
Wenn es zum Beispiel in einer Werkstatt um technische Produkte oder Fertigungsverfahren geht, ist das auch sinnvoll so. Da gibt es ein Problem, für das ich vielleicht nur den richtigen Handgriff brauche. So kann ich es rasch wieder hinbekommen.
Aber im Leben ist das ja nicht immer so einfach. Gefühle kann ich nicht einfach abstellen. Und manchmal lässt sich auch die Ursache dahinter nicht ändern. Den Tod kann ich nicht rückgängig machen, auch bei einer Krankheit sind meine Möglichkeiten begrenzt.
Deshalb glaube ich: Gefühle brauchen Raum und Zeit. Ich sollte sie nicht ignorieren – bei mir selbst nicht, und auch nicht bei anderen. Und wenn ich ihre Ursache nicht einfach beseitigen kann, dann geht es darum, die Gefühle zuzulassen und auszuhalten.
Wenn ich ein Gefühl in mir ausführlich wahrnehme, nehme ich damit ja auch mich selbst wahr. Und wenn ich einem anderen Menschen zeige, dass ich seine Gefühle wichtig finde, interessiere ich mich auch für ihn persönlich. Das kann einen entscheidenden Unterschied machen. Weil das Menschen spürbar miteinander verbindet.
„Was kann ich machen, Daniel?“ Mit dem Beschäftigten aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderung rede ich oft über seine Traurigkeit oder seine Angst. Ich frage ihn, wie genau sich das anfühlt, was die Menschen in seiner Familie ihm bedeuten, was er schon mit ihnen erlebt hat. Und oft mache ich die Erfahrung: Genau dabei passiert schon etwas. Wenn wir Trauer und Angst miteinander geteilt und ausgehalten haben, sieht die Welt gerade dadurch wieder ein Stück anders aus. Und vielleicht ist damit ja schon viel mehr „gemacht“ als gedacht.
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