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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

28MRZ2026
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Wieder ein neuer Tiefstand bei den Hochzeiten in Deutschland. Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Immer weniger Menschen trauen sich, „Ja“ zu sagen – Heiraten ist aus der Mode.

Wenn ich mit jüngeren Leuten spreche, höre ich oft: Wir sind pragmatisch. Warum sich binden, wenn es eh nur ein paar Jahre hält? Kurz auf Wolke sieben und dann? So viele Trennungen, so viele Probleme. Eine lebenslange Ehe ist schön, keine Frage. Aber sie ist auch wie ein Lottogewinn. Viel zu selten, um darauf zu wetten.

Ich kenne selbst genügend Menschen, die sich getrennt haben. Und ich weiß: Manchmal ist die Trennung eine echte Befreiung. Vor allem in früheren Generationen konnte die Ehe wie ein Gefängnis sein – weil es finanziell nicht anders ging oder der soziale Druck zu groß war. Heute sind wir da freier. Und doch gibt es auch heute genügend Partnerschaften, wo es nicht weitergeht. Da mag es schmerzhaft sein zu scheitern, aber es ist der bessere Weg.

Die Ehe ist und bleibt ein gewagtes Versprechen. Da sagen sich zwei Menschen: Unsere Liebe kann ein Leben lang halten. Dass das gelingen kann, habe ich erst letztes Jahr bei der Goldenen Hochzeit meiner Schwiegereltern erlebt. 50 Jahre! Das waren nicht nur 50 Jahre Sonnenschein. Da gab es genügend Momente, die nicht leicht waren. Und doch schauen sie gerne auf die gemeinsame Zeit zurück und sagen: Es ist ein Grund zum Feiern!

Für mich hat das auch eine spirituelle Seite. Am deutlichsten wird das, wenn die Liebe sogar über den Tod hinausgeht. Ich kenne Menschen, die ihren Partner nach vielen Jahren verloren haben und doch jeden Tag mit ihm verbunden bleiben. Trotz aller Trauer wollen sie die Beziehung leben und fühlen sich dem anderen ganz nah.

Meine Bekannte Renate zum Beispiel spricht viel von ihrem Mann, der an Krebs gestorben ist. Sie erzählt von den Jahren einer Ehe, die recht normal verlaufen ist. Kinder, Arbeit, Urlaub – mit allem, was dazu gehört. Aber wenn Renate davon spricht, hat ihre Stimme einen besonderen Klang. Es schwingt Liebe mit. Die Sehnsucht nach ihrem Partner, von dem sie erzählt, als könnte er gleich in der Tür stehen.

Da stimmt der Satz nicht mehr, der bei manchen Hochzeiten fällt: Bis dass der Tod Euch scheidet. Denn selbst der Tod hat hier nicht das letzte Wort. Bei Renate geht die Ehe über den Tod hinaus. Das hat für mich etwas Heiliges.

Ich weiß nicht, ob die Zahl der Hochzeiten wieder zunehmen wird. Jede Generation muss selbst herausfinden, was Partnerschaft und Ehe für sie bedeuten. Doch ich möchte dafür werben, diesen großen Traum nicht zu den Akten zu legen. Menschen, die heiraten, setzen ein Zeichen. Sie sagen: „Ja, ich glaube daran – dass es gelingen kann.“ Wir wollen versuchen, ein Leben lang zusammen zu bleiben. Und vielleicht sogar über den Tod hinaus.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27MRZ2026
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Ich wollte mit der ganzen Familie einen schönen Tag im Karlsruher Zoo verbringen. Ich stehe also mit meinen Kindern an der Schranke, die Tickets in der Hand – doch das Datum war falsch. Ein kleiner Tippfehler am Computer. Die Mitarbeiterin am Eingang hätte gerne geholfen, denn sie hat die enttäuschten Gesichter der Kinder gesehen. Aber sie sagte: „Ich kann nichts machen. Das System öffnet die Schranke nicht.“ Der Zoobesuch musste ausfallen.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat ähnliche Situationen auch schon erlebt. Er sagt: „Es gibt immer mehr Vorschriften und Regeln, die uns einschränken.“ Dann haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können uns dem fügen, was uns vorgegeben ist. Oder wir handeln – dann entscheiden wir selbst, was in der Situation angemessen ist.

Die Mitarbeiterin im Zoo konnte nicht selbst entscheiden. Sie konnte mir noch nicht mal ein neues Ticket verkaufen. Sie war Teil eines starren Regelwerks aus Software, Regeln und Drehkreuzen. Rosa meint: „Wenn wir nur noch vollziehen, was Formulare oder Vorschriften uns vorgeben, fühlen wir uns unfrei. Wir funktionieren nur noch wie Maschinen - aber wer will so leben und arbeiten?“

Diese Frage ist schon in der Bibel ein Thema. Jesus hat sich mit Menschen gestritten, die unbedingt alle Regeln einhalten wollten. Sie kannten jedes religiöse Gesetz. Als Jesus am Sabbat einen kranken Mann heilen will, protestieren sie. Am Sabbat darf niemand arbeiten, also auch nicht heilen.

Doch Jesus handelt. Er kennt die Gesetze, doch er sieht den Menschen. Er sagt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“

Jesus befreit uns aus der Rolle, nur Dienst nach Vorschrift zu machen. Er traut uns zu, dass wir Verantwortung übernehmen. Natürlich ist das anstrengender. Wer handelt, macht sich angreifbar.

Es geht nicht darum, alle Regeln abzuschaffen. Regeln helfen uns, sie sollen uns schützen und gelten für alle gleich. Doch es geht um unser Gespür für den Moment. In der Regel ist es zum Beispiel richtig, dass im Zug nur in die 1. Klasse darf, wer dafür bezahlt hat. Aber das Zugpersonal kann entscheiden: Heute sind wir zwei Stunden verspätet. Da erlauben wir den Leuten, die müde in den Gängen stehen, alle freien Plätze zu nutzen.

Wer nur Dienst nach Vorschrift macht, kann immer sagen: „Ich habe mich an die Regeln gehalten.“ Aber wir spüren, dass es manchmal einfach nicht passt. Dass es etwas anderes braucht. Ich wünsche Ihnen den Mut, zu handeln. Achten Sie auf die Momente, in denen Sie die Wahl haben. Wo entscheiden sie situativ, dass die Regeln nicht passen? Weil sie spüren, dass der Mensch gegenüber etwas anderes braucht.

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SWR Kultur Wort zum Tag

26MRZ2026
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Stellen Sie sich vor: Wir müssen nicht mehr zwischen Materie und Geist unterscheiden. Das zumindest behauptet der Physiker Hans-Peter Dürr. Er sagt: Materie und Geist sind nicht mehr zwei getrennte Welten. Was wir als festen Gegenstand wahrnehmen, ist eigentlich geronnener Geist.

Dürr argumentierte aus Sicht der Quantenphysik. Materie bestehe aus keiner Substanz oder irgendwelchen Teilchen, sondern ist nur ein Energiezustand. Licht, dass sich so „verknotet“ hat, dass es fest erscheint.

Das ist schon erstaunlich: Die feste Welt löst sich auf, sobald man genauer hinschaut. Sie wird durchlässig. Da lese ich von Neutronen, Elektronen, Elementarteilchen und Quanten. Es wird viel investiert, um die Materie zu entschlüsseln. Bei Genf laufen am CERN, der europäischen Organisation für Kernforschung, die größten Maschinen der Welt, um das alles besser zu verstehen. Wissenschaftler untersuchen hier das Wesen der Materie und die Kräfte, die das Universum zusammenhalten. Vielleicht würden sie es dort nicht so poetisch ausdrücken wie Hans-Peter Dürr. Aber im Grunde geben sie ihm recht: Materie ist gebundene Energie.

Jahrhundertelang haben wir die Welt eingeteilt: Hier die Materie – messbar und sichtbar, aber auch vergänglich. Dort der Geist – zeitlos, unvergänglich, göttlich. Zwei getrennte Reiche. Das eine Reich gehörte zu den Naturwissenschaften, das andere der Religion und Philosophie.

Oder um es mit den Worten des Apostels Paulus zu sagen: „Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.“

Aber wenn alles nur Geist und Energie ist? Wenn Materie und Licht, Teilchen und Wellen ineinander übergehen? Dann gibt es diese saubere Trennung nicht mehr.

Mich macht das demütiger. Wenn selbst die härteste Materie im Grunde nur Energie ist, dann ist nichts so fest und unveränderlich, wie es scheint. Alles ist im Fluss. Alles ist wandelbar.

Dann bin ich nicht nur kurzzeitig Zuschauer in einem uralten Universum. Dann bin ich Teil eines Ganzen, in dem alles schwingt und miteinander verbunden ist.  Und tatsächlich sagen manche Physiker heute Dinge, die vor hundert Jahren höchstens ein Philosoph oder eine Mystikerin gesagt hätten.

Wahrscheinlich war die alte Unterscheidung zwischen Materie und Geist ja schon immer zu einfach. Ein Modell, das uns geholfen hat, die Welt zu verstehen – aber eben nur ein Modell.

Die Wirklichkeit selbst scheint reicher, geheimnisvoller, durchlässiger zu sein. Materie ist gefrorenes Licht, sagen die Physiker. Dann sind vielleicht auch unser Leben, unser Körper, unser Bewusstsein – alles nur verschiedene Formen, in denen dasselbe - göttliche - Licht erscheint.

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SWR Kultur Wort zum Tag

29JAN2026
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Die Geschichte von Adam und Eva kann mich immer noch überraschen. Eine neue Perspektive finde ich besonders spannend: Die des Evolutionsbiologen Carel van Schaik und des Historikers Kai Michel. In ihrem Buch „Das Tagebuch der Menschheit“ lesen sie die Bibel als Erinnerungen alter Kulturen.

Laut den Forschern zeigt sich in der Geschichte von Adam und Eva, wie die Menschen als Nomaden gelebt haben. Sie sind mit den Jahreszeiten umhergezogen und haben sich von dem ernährt, was die Natur ihnen geboten hat. Die Erde, die Bäume und ihre Früchte waren allen zugänglich.

Doch die Zahl der Menschen hat immer mehr zugenommen und so hat sich alles geändert. Die Menschen haben begonnen, Felder anzulegen und Gärten zu bewirtschaften. Und wer viel Arbeit in einen Garten steckt, will die Früchte auch für sich behalten.

Hier kommen Adam und Eva ins Spiel: Stellen wir uns Eva als eine Nomadin vor, die auf einen solchen Garten trifft. Sie sieht die Früchte und will sich stärken. Doch plötzlich wird sie mit einem neuen Gebot konfrontiert: „Von diesem Baum darfst du nicht essen.“ Für eine Nomadin muss das absurd geklungen haben. Eva kümmert sich nicht um diese seltsame Regel und pflückt die Frucht.

Die Konsequenz in der Bibel kennen wir: Adam und Eva müssen den Garten verlassen. Ein Engel vertreibt sie aus dem Paradies.

Archäologisch übersetzt lautet die erste Lektion der neuen Zeit: Es gibt Privatbesitz. Adam und Eva stehen symbolisch für den Übergang vom „Alles gehört allen“ zum „Das ist meins“.

Hier wird es theologisch interessant. Denn in der Bibel ist es nicht ein Mensch, der den Garten besitzt, sondern Gott. Die Erde ist Gottes Eigentum. Wir Menschen sind nicht die Besitzer, sondern nur die Pächter.

Wenn die Erde aber nicht unser Besitz ist, können wir sie auch nicht unter wenigen aufteilen. Gott hat den „Garten“ erschaffen, damit alle gut darin leben können.

So verstehe ich diese alte Geschichte der Bibel. Sie fordert uns heraus, darüber nachzudenken: Wer hat heute eigentlich Zugang zu den Früchten der Erde – und wer wird durch Zäune und Regeln ausgeschlossen? Mich inspirieren Adam und Eva dazu, wieder mehr wie die frühen Nomaden zu denken: Lasst uns die Erde als einen gemeinsamen Garten nutzen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28JAN2026
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Sind die reichsten Menschen der Welt glücklich? Fühlen sie sich sicher und können ihren Reichtum genießen? Nein, sagt der amerikanische Autor Douglas Rushkoff. Er hat einige getroffen und interviewt, und er war erstaunt. Rushkoff sagt: „Merkwürdigerweise fühlen sie sich machtlos, obwohl sie zu den mächtigsten Menschen gehören, die ich je getroffen habe.“ In seinem Buch „Survival of the Richest“ beschreibt er, dass reiche Menschen nach außen hin frei wirken, denn sie reisen im Privatjet und können sich alles leisten.  Doch die Sorge vor Chaos und Katastrophen treibt bei ihnen seltsame Blüten. Manche kaufen sich Inseln und errichten riesige Bunkeranlagen. Sie horten Gold und Edelsteine. Aber sind sie glücklicher? Offenbar nicht. Sie fragen sich den ganzen Tag, wem sie eigentlich vertrauen können.

Vielleicht liegt das daran, dass wir Menschen etwas anderes benötigen. Wir sind darauf angelegt, in Beziehungen zu leben. Das Fachwort dafür lautet Reziprozität – Wechselseitigkeit. Es bedeutet: Ich gebe, und ich nehme. Jeder braucht den anderen, und das macht uns zufrieden.

Die Archäologie kann das bestätigen: Unsere Vorfahren wussten genau, dass niemand allein überleben kann. Selbst der beste Jäger konnte sich verletzen und war darauf angewiesen, dass ihn andere pflegen. Ohne die Gruppe hätte niemand den nächsten harten Winter überstanden. Privatbesitz hat kaum eine Rolle gespielt; man hat geteilt, hat Beziehungen aufgebaut und einander unterstützt – nicht nur aus Nächstenliebe, sondern um zu überleben. Die Formel war simpel: Nur wenn wir zusammenhalten, leben wir gut. Das hat uns über Jahrtausende geprägt.

Diese einfache Erkenntnis vermisse ich in unserer heutigen Gesellschaft. Das Credo lautet eher: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Jeder schließt seine eigene Versicherung ab, jeder soll privat für die Rente sparen. Aber worauf verlasse ich mich dann am Ende wirklich? Die Superreichen besitzen viele Milliarden, doch vertrauen nicht einmal ihren eigenen Leibwächtern.

Wahre Sicherheit – und auch Lebensfreude – entsteht durch das Gefühl der Verbundenheit. Wenn ich weiß: Da sind Menschen, die es gut mit mir meinen, und mit denen ich es gut meine. In meinem Dorf, meiner Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft. Wo bin ich bereit, zu helfen und Hilfe anzunehmen? Keiner lebt für sich allein – nur gemeinsam gelingt gutes Leben.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27JAN2026
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Eine Kollegin hat mir ihr Leid geklagt. Sie sagt: „Ich liebe meinen Mann, doch die Beziehung belastet mich gerade. Auf den ersten Blick ist alles normal: Er geht zur Arbeit, räumt die Spülmaschine aus und kümmert sich um die Kinder. Doch sobald es Abend wird und er sich vor den Computer setzt, taucht er ab in eine dunkle Welt.“

Ihr Mann schaut Video um Video, gefüllt mit schlechter Laune und düsteren Prognosen. Dort erklären selbst ernannte Experten, welche Pläne die EU angeblich gegen die Bevölkerung schmiedet, wie Impfkampagnen uns krank machen sollen und so weiter. Ihr Mann ist überzeugt: „Ich weiß, was wirklich passiert. Ich lasse mich nicht hinters Licht führen. Ich durchschaue das falsche Spiel.“

Ich habe mir diese Videos auf YouTube auch schon angesehen. Das Muster ist immer ähnlich: Die ersten Minuten klingen logisch und viele Fakten stimmen. Doch dann bricht es: Plötzlich kommen die großen Verschwörungstheorien. Es wird mit Zahlen, Daten und Statistiken um sich geworfen, bis niemand mehr durchblickt. Natürlich gibt es in der Politik Dinge, die schieflaufen. Aber hier wird bewusst übertrieben, gelogen und Angst geschürt.

Der Mann meiner Kollegin läuft den ganzen Tag mit finsteren Gedanken durch die Welt. Doch er ist kein Einzelfall. Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben das Vertrauen verloren – in die Politik, die Polizei, die Schulen, die Kirchen und andere Institutionen. Studien zeigen, dass diese Menschen enorm belastet sind. Zwar fühlen sie sich schlauer und kritischer als der „Rest“, weil sie glauben, die Wahrheit zu kennen. Aber was hilft es ihnen? Sie warten jeden Tag auf die Apokalypse.

Ich weiß nicht, was ich meiner Kollegin raten soll. Sie hofft einfach, dass ihr Mann irgendwann wieder auf andere Gedanken kommt und positiver in die Zukunft blickt.

Ich glaube, wir brauchen ein gewisses Grundvertrauen, um gut leben zu können. Wie bauen wir dieses Vertrauen als Gesellschaft wieder auf? Das ist eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit. Denn diejenigen, die uns versprechen, mit all den „Lügen“ aufzuräumen, meinen es selten gut mit uns. Sie schüren nur weiter Angst. Echte Lösungen sehen anders aus. Lösungen entstehen dann, wenn wir einander vertrauen und uns fragen: Was kann jeder von uns beitragen, damit die Zukunft ein Stückchen menschlicher wird?

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SWR Kultur Wort zum Tag

26JAN2026
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Das katholische „Schuldbekenntnis“ geht mir im Gottesdienst nicht so leicht über die Lippen. Da heißt es: „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken.“ In Worten zu sündigen – das kann ich mir vorstellen: lügen oder schimpfen. In Werken auch: zuschlagen oder zerstören.

 

Aber wie kann ich bitte „in Gedanken“ sündigen? Da habe ich mich schon als junger Mensch innerlich gewehrt. Die Gedanken sind doch frei! Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was in meinem Kopf passiert. Da darf mir keiner reinreden.


Andererseits merke ich, was passieren kann, wenn ich meine Gedanken einfach laufen lasse. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit. Ich ärgere mich über die Politik. Ich bin enttäuscht, wenn sich Freunde nicht melden. Und ich hadere mit mir selbst. Wenn ich so denke, sehe ich überall nur noch Probleme. Kennen Sie das auch? Diese Gedankenschleifen?

Wenn ich düster denke, färbt das auch darauf ab, wie ich rede und handle. Mal zynisch, mal schlecht gelaunt. Da hat das Schuldbekenntnis schon recht: Alles fängt im Kopf an.


Was kann ich tun, um nicht in diese Falle zu tappen? Vor rund 500 Jahren hatte dazu jemand eine Idee: Ignatius von Loyola, ein spanischer Adeliger. Nach ein paar Jahren als Ritter hat er sich ganz dem Glauben und der Spiritualität verschrieben.

 

Ignatius schlägt vor, jeden Abend auf den Tag zurückzublicken. Dabei geht es ihm um einen liebevollen Blick auf sich selbst: Ich schaue aufmerksam und liebevoll auf das, was heute war. Ich kann den Tag - Stunde für Stunde - an mir vorbeiziehen lassen. Ohne zu beurteilen, sondern einfach wahrnehmen. Er nennt es: das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit.

 

Heute Abend will ich mir dafür eine Viertelstunde Zeit nehmen. Handy weglegen, vielleicht eine Tasse Tee kochen. Ich atme durch und bringe alles vor Gott. Das war mein Tag. Da dürfen alle schwierigen Momente vorkommen. Doch fast immer werde ich auch schöne Momente entdecken. Und ich stelle mir die Frage: Wofür bin ich dankbar?

 

Das kann helfen, nach und nach einen neuen Blick auf das eigene Leben zu gewinnen. Wäre doch schade, wenn mir viel Gutes begegnet, doch abends erinnere ich mich nur noch an die Probleme. Da hilft es, den Tag in Ruhe und mit Dankbarkeit anzuschauen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

05NOV2025
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„Nein, ich bereue nichts. Ich würde alles wieder genauso machen." Wenn Prominente in einem Interview so antworten, klingt das richtig cool. Vielleicht ist es auch ein wenig trotzig gemeint, wenn alle wissen, dass die Person schon viele Bruchlandungen hinter sich hat.

Doch mal im Ernst: Wäre es nicht schrecklich, wenn wir nichts bereuen würden? Ich will heute eine Lanze für das Gefühl der Reue brechen.

Zugegeben: Es fühlt sich nicht gut an, wenn ich etwas bereue. Ich muss erkennen, dass ich etwas hätte verhindern oder anders machen können. Vielleicht habe ich eine große Chance verpasst, die so schnell nicht wiederkommt.

Zum Beispiel hatten Freunde von mir eine große Reise geplant. Mit dem Schiff übers Meer in fremde Länder segeln. Doch ich hatte gerade die Schule abgeschlossen und wollte erst einmal sehen, welchen Weg ich nun einschlage. Deshalb habe ich abgesagt und mich auf Studienplätze beworben. Ja, und jetzt bereue ich damals nicht mutig mit an Bord gegangen zu sein.

Reue ist etwas anderes als Ärger oder Trauer. Wenn zum Beispiel bei einer Gartenparty ein Gewitter aufzieht, ist das ärgerlich, klar. Aber selbst die beste Planung kann nicht verhindern, dass mal ein Fest ins Wasser fällt.

Reue spüre ich nur, wenn ich mir bewusst mache, dass es Konsequenzen hat, wie ich entscheide – nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere. Ich bereue zum Beispiel, dass ich mich damals mit Matthias nicht ausgesöhnt habe. Zum Ende der Schulzeit hätten wir unseren Streit beenden können, doch so ist alles ungeklärt zwischen uns geblieben.

Wer niemals Reue empfindet, läuft Gefahr, die Augen vor der Realität zu verschließen. Reue zu empfinden ist ein Zeichen dafür, dass wir aufmerksam sind. Es zeigt, dass wir fähig sind, uns zu reflektieren und zu verstehen, wie wir mit anderen Menschen oder uns selbst umgehen. Es braucht feine Antennen, um wahrzunehmen: Es gibt Alternativen zu dem, wie ich es gemacht habe.

Für mich ist die Reue wie eine kluge Freundin: Sie schenkt mir reinen Wein ein und spricht auch meine Fehler an. So hält sie mich davon ab, dieselben Fehler immer wieder zu begehen. Manchmal kann ich sogar noch umschwenken und etwas wiedergutmachen. Dann sage ich: Ich bereue, dass ich mein Versprechen nicht gehalten habe. Können wir noch einmal neu anfangen?

Und die Reue zeigt mir, was mir am Herzen liegt. Ich bereue nur Dinge, wenn es um etwas Wichtiges geht. So lerne ich dazu. Und das Schöne daran: Wenn wir unsere eigenen Fehler sehen, fällt es uns leichter, auch anderen ihre Fehler zu verzeihen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

04NOV2025
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„Wie bitte? Du glaubst an Gott? Wie kann das denn sein? Das ist doch nur ein Märchen!"

Diese Fragen und solche Kommentare habe ich seit der Schulzeit immer wieder gehört. Ich versuche dann zu erklären, zu begründen. Oft fühlt es sich an, als müsste ich mich rechtfertigen. Anscheinend bin ich derjenige, der eine sonderbare Position vertritt. Oder ist es genau umgekehrt? Müssten diejenigen, die nicht an Gott glauben, erklären, wie sie dazu kommen?

Auf diese Idee hat mich der Philosoph Markus Gabriel gebracht. Er arbeitet als Professor in Bonn, und seine Bücher faszinieren mich. Gabriel argumentiert so: Millionen Menschen glauben in unserem Land an Gott. Und auch die großen Philosophen der letzten Jahrtausende haben die Frage nach Gott ernst genommen und nach Antworten gesucht. Es kann sich also nicht einfach um ein Märchen handeln, das sich überholt hat.

Auf die Frage „Wieso glauben Menschen an Gott?" würde Markus Gabriel antworten: Weil sie Momente erlebt haben, die sie tief berührt haben. Die Geburt eines Kindes, die Liebe zum Partner, aber auch der Verlust eines geliebten Menschen. In solchen Momenten erleben viele, dass es etwas gibt, das uns übersteigt. Da spüren Menschen: Wir bestehen nicht nur aus Molekülen und Alltagssorgen, sondern es gibt etwas, das tiefer geht. Etwas Göttliches.

Die meisten Atheisten sehen das anders. Viele von ihnen sagen: Die ganze Welt bedeutet eigentlich gar nichts. Denn im Universum regiert der Zufall. Es wird von ein paar Naturgesetzen zusammengehalten, doch eines Tages verschwindet alles in einem schwarzen Loch. Und mein eigenes Leben? Das ist auch nur eine kurze Episode, die bald niemanden mehr interessiert. So wie die Liebe ergibt sich alles aus der chemischen Reaktion bestimmter Hormone.

Markus Gabriel nennt das: Nihilismus. Kein höherer Sinn, den ich entdecken könnte. Diesem Nihilismus stimmen seit Jahrzehnten immer mehr Menschen zu. Denn es klingt modern und aufgeklärt.

Die Frage nach Gott ist aus philosophischer Sicht die Frage nach dem tieferen Sinn hinter allen Dingen. Die Frage, was mein Leben über den Alltag hinaus bedeutet. Und diese Frage, sagt Markus Gabriel, müssen wir beantworten – jeder auf seine Weise.

Bei Markus Gabriel geht es nicht um die Bibel oder die Kirche. Er fragt als Philosoph, was wir unter Gott verstehen. Mich hat er bestärkt: Von der Suche nach Gott lasse ich mich nicht abbringen. Und von nun an stelle ich die Frage auch umgekehrt: Was glaubst du eigentlich, wenn du nicht an Gott glaubst?

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SWR Kultur Wort zum Tag

03NOV2025
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Als Kind habe ich davon geträumt, ein Held zu werden. Drachen besiegen, Abenteuer erleben – immer bereit, für andere durchs Feuer zu gehen.

Es ist anders gekommen. Ich lebe in Freiburg, fahre morgens mit dem Fahrrad ins Büro. Wenn abends noch Zeit bleibt, lese ich ein paar Seiten. Manchmal bin ich froh, dass mein Leben nicht so aufregend und anstrengend ist wie das eines Helden.

Trotzdem begegnen mir immer wieder Ratgeber, die mir erzählen: Sieh dein Leben doch mal als Heldengeschichte! Die Idee dahinter? Jeder von uns ist auf seine Weise ein Held.

Laut Ratgeber soll ich von meiner persönlichen Heldenreise erzählen: Wie ich mich als Kind auf dem Schulhof gegen Größere behaupten musste. Oder wie ich mich durch die Schulzeit gekämpft habe – trotz Pubertät und Ärger mit den Eltern.

Wenn ich mein Leben durch diese Brille betrachte, entdecke ich meine Stärken. Denn hat nicht jeder Mensch schon Abenteuer durchgestanden? Die Geburt eines Kindes – ist das nicht eine heldenhafte Leistung? Wer jahrelang unter einem schwierigen Chef ausgeharrt hat, hat sich eine Medaille verdient. Oder meine Bekannte Uschi, die viele Jahre ihre Mutter gepflegt hat. Sie hat dafür gekämpft, dass ihre Mutter auch im hohen Alter zuhause bleiben konnte, und hat auf vieles verzichtet, um ihr beizustehen. Das sind für mich die stillen Helden von nebenan.

Aus Heldengeschichten lässt sich noch mehr lernen: Wahre Helden sind nicht makellos. Sie scheitern, werden krank, müssen Niederlagen hinnehmen. Ihre Narben erzählen Geschichten – manche sind auf der Haut sichtbar, andere bleiben unsichtbar.

Natürlich sollten wir das Wort "Held" nicht inflationär verwenden. Es gibt die großen Namen wie Sophie Scholl, Nelson Mandela oder Dietrich Bonhoeffer, die alles riskiert haben. An ihnen können wir uns orientieren. Sie zeigen: Helden geht es um mehr als ihr eigenes Glück.

Egal ob große oder kleine Helden: Was denken Sie? Welche Momente in Ihrem Leben würden Sie als heldenhaft bezeichnen? Wofür haben Sie gekämpft?

Diese Perspektive kann überraschen. Vielleicht blicken Sie mit anderen Augen auf Ihre eigene Geschichte – und auf die anderer. Vielleicht sagen Sie demnächst zu jemandem: "Wie du das geschafft hast, das war wirklich heldenhaft!"

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