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30MRZ2022
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Es gibt Momente, in denen sich mein ganzes Weltbild verschiebt. Der Krieg in der Ukraine hat mich an vielem zweifeln lassen. Ist das noch die Welt, in der ich aufgewachsen bin? Wie verstehe ich eigentlich die Welt um mich herum? Ich kann versuchen, mich an der Vergangenheit zu orientieren: In früheren Zeiten haben die Menschen sich an Gott gewandt, wenn irgendwo ein Unglück geschehen ist. Während der Pest gab es zum Beispiel große Prozessionen, bei denen die Gläubigen um Heilung baten. Oder die Menschen haben nach Kriegen große Denkmäler aufgestellt, um den Schrecken des Krieges zu bannen.

Heute werden keine Schicksalsmächte oder Gott mehr für Katastrophen verantwortlich gemacht. Heute denken wir säkularer. Die Menschen sind ganz auf sich zurückgeworfen. Wenn uns die Zustände nicht gefallen, wird nach den Schuldigen gesucht. So wie jetzt: Putin hat einen furchtbaren Krieg begonnen, die Politiker in Europa haben die Lage falsch eingeschätzt.

Und ist es nicht richtig, sich zu fragen, wer schuldig und verantwortlich ist?
Dahinter steht der Gedanke, dass wir gut leben könnten, wenn alle fair und ehrlich handeln würden. Doch anscheinend gelingt das nicht. Die Kriege hören nicht auf, neue Krankheiten entstehen, das Klima heizt sich auf. Vielleicht muss ich die Welt mehr als einen Ort sehen, an dem das Schicksal oft tragisch verläuft.

Ich denke da an die vielen Widersprüche in Politik und Gesellschaft, die sich nicht auflösen lassen. Selbst die klügsten Politiker können nicht zaubern. Denn die Ressourcen sind begrenzt. Werden mehr Wohnungen gebaut, geht Ackerland verloren. Und bei einem Krieg gibt es sowieso nur Verlierer.

Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Jedes Leben ist auf seine Weise tragisch: Der eine trauert seiner Jugendliebe hinterher, die andere kann nach einem Unfall keinen Sport mehr treiben. Und ich muss mir eingestehen: Seit bald 20 Jahren arbeite ich mit viel Herzblut für die Kirche. Doch viele Menschen wenden sich von der Kirche ab, das Vertrauen schwindet. Da fühle ich mich oft ohnmächtig.

Ich muss wohl lernen, skeptischer und demütiger zu sein. Es gibt keine Glücksformel, nach der das Leben für alle gelingt. Es bleiben Brüche, wir irren uns und scheitern. Eine tragische Welt. Und genau darum halte ich mir auch ein kleines Stück vom Himmel offen. Vielleicht kann Gott zusammenfügen, was auf Erden nicht zusammenfindet. Vielleicht kann er den tragischen Rest heilen, der jedes Leben durchzieht. 

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29MRZ2022
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Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn ich den Ofen öffne und da liegt es: ein selbstgebackenes Brot. Letzte Woche habe ich es endlich ausprobiert. Mehl, Hefe, Wasser, Salz – das Rezept ist einfach. Frisches Brot ist eine Klasse für sich. Und ich habe festgestellt, dass es alle Sinne anspricht, wenn ich ein Brot knete, rieche und schmecke. Der Duft durchzieht die ganze Wohnung. Mir reicht etwas Butter, um es Scheibe für Scheibe zu genießen.

Meine Lust, selbst zu backen, scheint auch gut in die Fastenzeit zu passen. Denn die beiden großen Kirchen rufen zum Klimafasten auf.

Die Aktion hat zum Ziel, dass ich bis Ostern darüber nachdenke, wie ich mich ernähre, einkaufe und Lebensmittel zubereite. Vielleicht gelingt es dabei, eigene Gewohnheiten zu ändern und dabei gesünder und klimafreundlicher zu leben.

Mir gefällt vor allem das Leitwort der Aktion, es heißt: „So viel Du brauchst.“  Dabei geht es darum, mal genau hinzuschauen: Wie viel kaufe ich ein? Wie viel bleibt übrig? Was brauche ich wirklich? Wenn ich im Supermarkt einkaufe, begegnet mir eine riesige Auswahl. Da fühle ich mich oft erschlagen. Auf Schritt und Tritt treffe ich auf Werbung für neue Produkte, die ich angeblich noch brauche.

In der Fastenzeit hilft es mir, mich daran zu erinnern, dass Christen im Vaterunser nicht um tausend verschiedene Dinge bitten. Erst einmal geht es nur um ein Stück Brot: „Unser täglich Brot gib uns heute.“ Das ist der erste Schritt und die Grundlage. Was ich sonst noch brauche, notiere ich mir vor dem Einkauf auf einem Zettel. Da achte ich von Beginn an auf die richtige Menge. Und ich kaufe möglichst regional und Lebensmittel, die wenig verarbeitet sind. Selbst zu kochen und zu backen, ist gesünder und oft sogar günstiger.

Ich hätte es früher kaum für möglich gehalten, wie viel drinsteckt in so einem Brot. Und in diesem Sinne ist es fast so etwas wie ein Lehrmeister für mich: Die Hefe braucht Zeit um zu gehen, da lerne ich Geduld zu haben. Sonst will ich immer schnell alles erledigen. Ein Teig aber muss ruhen. An anderer Stelle kann ich kreativ sein: Bei den Mehlsorten kann ich ausprobieren, kann Körner oder Gewürze beimischen. Jedes Brot wird so zum Einzelstück.

Die Hälfte der Fastenzeit ist vorüber, und ich habe diesmal etwas vorzuweisen. Ein selbstgemachtes Brot. Zu früheren Zeiten haben die Menschen das Brot auch gesegnet. Der Bäcker hat den Brotlaib mit einem Kreuz markiert. Das könnte ich noch übernehmen. Vorerst bin ich einfach dankbar, wenn ich das Brot anschneide und dabei denke: Ich habe so viel wie ich brauche.

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28MRZ2022
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Wovon kann ich nie genug in meinem Leben haben? Von Sinn. Sinn gibt dem Leben Tiefe und Geschmack. Doch wie komme ich zu mehr Sinn in meinem Leben? Antworten darauf hat Tatjana Schnell. Sie ist Psychologin und forscht zu der Frage, was Menschen in ihrem Leben Sinn gibt. Sie unterscheidet dabei verschiedene Typen. Vielleicht haben Sie Lust, sich einer Gruppe zuzuordnen: Da gibt es die religiösen und spirituellen Menschen, denen ihr Glaube Sinn schenkt. Eine andere Gruppe erfährt Sinn, wenn sie sich für eine Sache einsetzt, die sie selbst übersteigt: Zum Beispiel mein Freund Robert, der sich seit Jahrzehnten für die Menschenrechte indigener Völker einsetzt. In Karlsruhe engagiert er sich in der „Gesellschaft für bedrohte Völker“.  Andere Menschen finden Sinn darin, sich selbst zu verwirklichen: Durch beruflichen Erfolg oder eigene Projekte. So wie meine Bekannte Julia, die sich als Managerin eine Auszeit nimmt und auf Weltreise geht. Und dann gibt es noch die Gruppe, die besondere Freude daran hat, in Gemeinschaft mit anderen zu sein. Menschen, für die Familie, der Dart Club oder der Gesangsverein an erster Stelle stehen.

Ich kann jeder dieser Gruppen etwas abgewinnen. Zum Glück muss sich auch niemand auf einen Typ festlegen lassen. Da sind die Jahre, in denen der Beruf an erster Stelle steht. Dann die Jahre, in denen ich mich für ein Herzensanliegen ehrenamtlich einsetze.

Richtig überrascht hat mich aber, dass die Psychologin Tatjana Schnell noch eine ganze andere Gruppe von Menschen gefunden hat: die Gleichgültigen. Etwa jeder Dritte findet sein Leben nicht sinnerfüllt. Ich habe immer gedacht: Wer keinen Sinn erfährt, der steckt bestimmt in einer Krise. Stimmt aber gar nicht. Die Gleichgültigen sind meist jünger und Single. Tatjana Schnell beschreibt sie als pragmatisch: Sehr wissenschafts- und technikorientiert, weder für sich noch für andere besonders engagiert. Ihr Leben bleibt eher an der Oberfläche.

Die Psychologin vermutet, dass viele Menschen zu gestresst sind, um dem Sinn in ihrem Leben auf die Spur zu kommen. Möglichst gut die Schule abschließen, in Studium und Beruf soll es immer vorangehen, alles ist optimiert und verplant. Da bleibt wenig Raum, um nach Sinn zu schürfen.

Ob jung oder alt, für die Lebensqualität ist es offensichtlich wertvoll, im eigenen Leben Sinn zu entdecken. Doch Sinn braucht Muße, Freiraum und Pausen. Nur wer Umwege in Kauf nimmt, kann entdecken, was sein Leben nachhaltig reicher macht. Es gibt so viele Arten, Sinn zu finden. Darum meine ich, dass es sich lohnt, mir und anderen immer wieder die Frage zu stellen: Was gibt meinem Leben einen Sinn?

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20JAN2022
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Ilona engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der Kirche. Für sie gehört der Glaube einfach zum Leben dazu. Nur ihr Sohn zieht da nicht mit. Als Jugendlicher kann er mit der Kirche gerade nichts anfangen.

Als ich bei Ilona in der Küche stehe, bittet sie mich spontan um Unterstützung. „Martin“, sagt sie, „rede Du doch mal mit dem Jungen. Du hast doch Theologie studiert.“ Es geht auch gleich richtig los. Ihr Sohn sagt: „Ich will Ingenieur werden. An der Kirche passt mir nicht, dass sie die Wissenschaft blockiert. In der Schule haben wir gelernt, wie die Kirche Galileo Galilei verurteilt hat. So was Bescheuertes!“

Die Geschichte mit Galilei finde ich auch skandalös. Was hat sich der Papst vor 400 Jahren nur gedacht als er Galilei einsperren ließ? Es gibt doch so viele andere Beispiele, wo der christliche Glaube und die Wissenschaft Hand in Hand gegangen sind. Etwa bei Albertus Magnus, der vor 800 Jahren gelebt hat. Albertus hat als Mönch, Bischof und Wissenschaftler gearbeitet. Er hat in Köln und Paris studiert und gelehrt. Hat als Geologe und Botaniker geforscht und viele Schriften verfasst. Noch heute sind viele Kirchen und Schulen nach ihm benannt.

Galileo Galilei und Albertus Magnus hätten sich sicher gut verstanden. Schließlich hat schon Albertus gesagt: „Aufgabe der Naturwissenschaft ist es nicht, alles, was berichtet wird, einfach hinzunehmen. Sie hat vielmehr die Ursachen im Naturgeschehen zu ergründen.“   

Der Sohn von Ilona zuckt mit den Schultern und verschwindet schnell in seinem Zimmer. All das liegt für ihn wohl schon zu weit zurück. Aber Ilona ist jetzt mitten drin. Sie sagt: „Wie sich Glauben und Wissenschaft verbinden lassen, beschäftigt mich schon lange. Erzähl mir mehr von Albertus Magnus.“. Ich erzähle ihr, wie Albertus durch ganz Europa gereist ist und Wissen gesammelt hat. Auch Bücher von jüdischen und muslimischen Gelehrten hat er gelesen. Hauptsache, er konnte mehr über die Natur erfahren und verstehen.

Vor 30 Jahren hat Papst Johannes Paul II. Galileo Galilei rehabilitiert. Damit hat der Papst deutlich gemacht, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze sind. Albertus wusste das schon im Spätmittelalter. Für ihn gehörten Glauben und Vernunft unbedingt zusammen. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: „Die vornehmste Kraft des Menschen ist die Vernunft. Das höchste Ziel der Vernunft ist die Erkenntnis Gottes.“

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19JAN2022
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Meine Tochter macht sich oft Sorgen wegen des Klimawandels. Sie fragt: Wie können wir leben, ohne die Umwelt zu zerstören? Wie gern würde ich ihr da meine verstorbene Oma Edeltraut vorstellen. Sie wäre ein geniales Vorbild, wenn es darum geht, die Umwelt zu schützen.

Edeltraut ist mit vier Geschwistern aufgewachsen. Damals haben natürlich nicht alle Kinder ein eigenes Zimmer gehabt. Familien hatten viel weniger Wohnraum zur Verfügung. Weil alles im zweiten Weltkrieg verloren war, musste Edeltraut als junge Frau harte Jahre überstehen. Kaum Essen und Feuerholz war Mangelware. Edeltraut hat bei Bauern ausgeholfen, um sich etwas Brot zu verdienen. Damals ging es nur ums Überleben.

Später hat meine Oma geheiratet und mit ihrem Mann in der gemeinsamen Gärtnerei gearbeitet. Sie musste nie wieder hungern. Aber sie ist bescheiden geblieben. Ein kurzer Urlaub in Italien war der größte Luxus, den sie sich geleistet hat. Einen Führerschein hat sie nie gemacht. Als mein Opa gestorben ist, musste sie für jeden Arztbesuch lange mit dem Bus fahren. Obst und Gemüse konnte sie selbst verarbeiten und für den Winter konservieren. Im Keller standen immer viele eingeweckte Früchte.

Heute denken viele darüber nach, wie sie Ressourcen schonen und CO2 sparen können. Es könnte sich lohnen, hier öfter bei Menschen nachzufragen, die bereits 70 oder 80 Jahre alt sind. Wenn ich mit älteren Menschen spreche, können sie mir immer Beispiele dafür nennen, wie klug früher mit vielen Dingen umgegangen wurde. Lebensmittel haltbar machen, Kleidung flicken und vieles mehr.

Meiner Tochter versuche ich weiterzugeben, was ich von meiner Oma gelernt habe. Dazu gehört für mich, dass sie versteht, wie wertvoll Lebensmittel sind, wie viel Arbeit in einem Stück Brot steckt. Bin ich dankbar für mein Essen oder lasse ich den Teller halbvoll stehen? Oft sind es kleine Dinge, die ich bei meiner Oma gelernt habe. Zum Beispiel meine Schuhe im Winter gut zu pflegen. Und überhaupt: mit meinen Sachen sorgsam umgehen. Um diese Haltung geht es mir. Das will ich meiner Tochter vorleben.

Früher steckten die Leute in ganz anderen Zwängen als heute. Sie konnten sich ihren Lebensstil nicht aussuchen, sondern die meisten waren froh, wenn es genug zu essen gab. Heute haben meine Tochter und andere junge Menschen mehr Möglichkeiten. Sie können häufiger selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Ich erzähle deshalb gern von meiner Oma. Weil ich sicher bin: Sie können von früheren Generationen viel lernen.

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18JAN2022
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Mein Schwager Markus ist sehr darum besorgt, dass seine beiden Söhne gut aufwachsen. Er ist sich sicher: Jungen haben es heute nicht leicht. Markus sagt: „In der Schule fällt der Sportunterricht oft aus. Aber die Schulleitung verdreht nur die Augen, wenn ich anspreche, dass meine Jungs mehr Bewegung bräuchten.“  

Markus hat sich eingelesen und fragt sich, in welcher Welt seine Söhne aufwachsen: Statistisch gesehen leben Männer ungesünder als Frauen. Sie sind häufiger spielsüchtig oder alkoholkrank. Jungs haben mehr Probleme in der Schule und sind später häufiger arbeitslos. Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Markus meint: Da muss sich was ändern!

Ich bin etwas ratlos. Die Probleme mag es geben, aber was könnte da helfen? Markus schlägt vor: Es braucht eine neue Männerbewegung. Vor einigen Jahrzehnten, in den 70er und 80er Jahren, gab es das doch schon mal. Junge Männer, die sich gefragt haben, ob sie eigentlich immer so stark und cool rüberkommen müssen. Auf einmal haben Männer lange Haare und Schlaghosen getragen. Doch viel wichtiger als die Mode war die Frage, wie sie sich emanzipieren können. Weg mit den alten Bildern von starken Helden, die schwache Frauen beschützen. Hin zu etwas Neuem: Männer, die zu ihren Gefühlen stehen. Die liebevoll zu sich und anderen sind.    

Ob Markus eine neue Männerbewegung ins Leben ruft, kann ich noch nicht sagen. Doch er spricht viel mit seinen Söhnen. Mitten in der Pubertät will er ihnen zeigen: Ihr seid nicht männlicher, wenn ihr mehr Alkohol als andere trinkt. Oder er spricht mit ihnen über den neusten Blockbuster im Kino: Da sind Typen zu sehen, die schnelle Autos fahren und dicke Bizeps haben. Männer, die hart gegen sich selbst und andere sind. Markus will dem etwas entgegensetzen: Ihr seid cool, wenn ihr Klavier spielt, dem Nachbarskind bei den Hausaufgaben helft oder Mittagessen kocht.

Markus hat mich nachdenklich gemacht. Welche Rolle den Geschlechtern zukommt, muss neu bestimmt werden. Da muss sich in Schule und Beruf noch einiges verändern. Doch in den Familien fängt es an: Da braucht es Mütter und Väter, Omas und Opas die kritische Fragen stellen. Die mit ihren Kindern und Enkeln darüber sprechen, wie sie sich sehen. Wie sie ein gutes Verhältnis zu sich selbst entwickeln. Und das gilt für Mädchen und Jungen gleichermaßen.

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17JAN2022
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Wenn meine Schwiegermutter aus ihrer Kindheit erzählt, kann ich oft nur den Kopf schütteln. Kaum zu glauben, wie es damals in Lüdenscheid im Sauerland, zugegangen ist. Vor 60 Jahren ist durch die Stadt eine unsichtbare Mauer verlaufen. Auf der einen Seite die Welt der Katholiken, auf der anderen die Welt der evangelischen Christen. Da gab es den katholischen Bäcker und Gemüseladen, dort gab es die evangelischen Geschäfte. Alles fein voneinander getrennt. Denn von der anderen Konfession hat man nicht viel gehalten. Wenn ein katholischer und ein evangelischer Partner heiraten wollten, war das in vielen Familien ein Riesenproblem. Da haben Eltern damit gedroht, der Hochzeit des eigenen Kindes fernzubleiben. Ob in Lüdenscheid, Karlsruhe oder Heidelberg: Überall in Deutschland gab es damals diese unsichtbare Mauer.

Heute ist der Tag der Weltreligionen. Dieser Gedenktag erinnert daran, dass alle ein Recht darauf haben, ihre Religion frei auszuüben. Für mich ist es auch ein guter Anlass, um davon zu sprechen, was wir bereits erreicht haben. Nie zuvor konnten sich Menschen in Deutschland so frei entscheiden, woran sie glauben oder nicht glauben. Kaum jemand wünscht sich die Zeiten zurück, in denen sich evangelische und katholische Christen in den Haaren lagen.

Das Beispiel aus Lüdenscheid zeigt: Es geht nicht nur um das friedliche Miteinander von verschiedenen Weltreligionen. Schon bei den Christen gibt es eine große Vielfalt von Konfessionen und Kirchen. Oft gibt es innerhalb einer Religion sogar mehr Konflikte als mit einer anderen. Auch innerhalb der katholischen Kirche gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie der Glaube gelebt werden soll.

Bei den großen Weltreligionen fallen mir auf Anhieb zwei wichtige Gemeinsamkeiten ein:  Der Glaube an eine überirdische Macht und an ein Leben nach dem Tod. Bei der überirdischen Macht sprechen wir meist von Gott, dem Schöpfer oder Allah. Beim Leben nach dem Tod geht es um die Seele: Sie soll im Jenseits weiterexistieren. Wenn Sie daran glauben, können Sie sich im Großen und Ganzen als religiösen Mensch bezeichnen. Das kann die Grundlage sein, um weiter zu fragen und andere religiöse Vorstellungen kennen zu lernen.

Mich würde es freuen, wenn der Weltreligionstag dazu genutzt würde, auf die vielen Fortschritte zu schauen, die es gibt: Vor zehn Jahren wurde in Lüdenscheid sogar ein interreligiöses Forum gegründet, in dem Menschen aus Judentum, Christentum und Islam zusammenarbeiten. Hier und in vielen anderen Städten wollen Menschen zeigen: Wir schauen auf das, was uns verbindet. Wir treten dafür ein, dass alle Religionen und Konfessionen friedlich zusammenleben.

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10NOV2021
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Was haben Gorillas und Menschen gemeinsam? Sie sind in jungen Jahren glücklich, in der Lebensmitte eher unzufrieden und im Alter wieder fröhlich und ausgeglichen. Große Studien haben gezeigt: Diese drei Phasen gelten für Menschen und Affen überall auf der Welt. Natürlich gibt es Ausnahmen von dieser Glücksregel. Doch ganz allgemein lässt sich sagen: Glück hängt stark vom Alter ab.

Die Wissenschaft erklärt es so: Kinder und Jugendliche sind in der Regel neugierig und optimistisch. Nur so trauen sie sich an neue Aufgaben und lernen dazu. In der Lebensmitte stellt sich der Körper um: Ich will nicht mehr jeden Baum hochklettern, ich denke eher an das Risiko. Vielleicht spüre ich auch, wie die Kräfte nachlassen.

Ich bin jetzt Anfang 40 und könnte einfach darauf warten, dass in 10 Jahren mein Lebensglück wieder steil ansteigt. Doch so einfach will ich es mir nicht machen. Ich habe eine Vorstellung davon, was ich selbst für mein Glück tun kann.

Als erstes denke ich mir: Warum sollte ich mir meine Lust daran nehmen lassen, Neues auszuprobieren? Ein Freund lädt mich immer wieder dazu ein, einen Segelschein mit ihm zu machen. So weit ist es nicht bis zum Bodensee. Zwar habe ich vom Segeln keine Ahnung, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Mein zweiter Glücks-Tipp besteht darin, mich mit Gott verbunden zu fühlen. Wie für viele andere ist für mich die Spiritualität ein Schlüssel zu Glück. Einige Zeit habe ich hier auch neue Dinge ausprobiert und wollte möglichst viel über die verschiedenen Religionen und ihre Mystik lernen. Seit Corona entdecke ich wieder mehr von dem, was ich schon längst kenne. Da ist das alte Kirchenlied, das ich schon als Kind mitgesungen habe. Da ist die Kapelle am Wegrand, in der ich in die Ruhe genieße und still werde. Wenn ich Glück habe, spüre ich dann, dass ich mit etwas Größerem verbunden bin. Egal wie glücklich oder unglücklich ich gerade bin, beten kann ich immer.

Vielleicht kommt das Glück im Alter von ganz allein. Schön, wenn die Wissenschaft dafür viele Belege hat. Ich habe trotzdem Ideen dafür gesammelt, was ich selbst unternehmen kann. Neues ausprobieren und meine Spiritualität pflegen. Mich interessiert, was Ihnen zu mehr Lebensglück verhilft. Gern können Sie mir schreiben. Sie finden meine Adresse unter Kirche-im-SWR.de.

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09NOV2021
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Immer mehr junge Menschen träumen davon, mit 40 Jahren in Rente zu gehen. Kein Witz. Das funktioniert so: Möglichst früh in den Beruf einsteigen und gut verdienen. Dann für einige Jahre sparen, sparen, sparen und viele Aktien kaufen. Dank eiserner Disziplin und etwas Glück an der Börse soll es mit Anfang 40 so weit sein: Das kleine Vermögen reicht, um den Beruf an den Nagel hängen zu können.

Dieses Lebensmodell hat auch einen eigenen Namen: Frugalismus. Frugalismus leitet sich vom Wort „frugal“ ab. Das bedeutet so viel wie genügsam oder einfach. Als Frugalist hinterfrage ich radikal, was ich wirklich zum Leben brauche. Keine teuren Abos, keine Fernreisen, auch nicht das neuste Handy. Außerdem sollte ich gut rechnen können: Wie viel kann ich über die nächsten Jahre ansparen? Und ab wann habe ich genug, um sorgenfrei leben zu können?

Für einen richtigen Frugalisten tauge ich wohl nicht. Die 40 habe ich schon überschritten, und ein großes Aktienpaket habe ich nicht aufgebaut. Mich fasziniert aber der Gedanke vom einfachen Leben. Frugalisten verzichten auf viele Dinge, weil sie meinen: Das brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Der Coffee to go aus dem Pappbecher fällt weg, auch bei der Kleidung wählen sie genau aus. Junge Menschen berichten, wie sie sich so freier und zufriedener fühlen. Sie wollen auch später nicht mehr Geld ausgeben. Ihnen geht es vor allem darum, selbst entscheiden zu können, ab wann ihr Leben jenseits der Arbeit beginnt.

Wem die Frugalisten noch nicht weit genug gehen, dem empfehle ich die Geschichten von Frauen und Männern, die in der Kirche als Heilige verehrt werden. Allen voran der heilige Franziskus aus Assisi, der vor 800 Jahren gelebt hat. In seiner Generation hat er einen Trend gesetzt: arm und bedürfnislos zu leben, frei vor Gott und den Menschen. Franziskus ist noch viel weitergegangen als die Sparfüchse heute: Das Erbe seiner Familie hat er in den Wind geschossen. Ein einfaches Gewand war alles, was er besessen hat.

Franziskus hat es auf die Spitze getrieben: Wie viele andere Heilige hat er seinen Besitz komplett abgegeben und weggeschenkt. Ein Frugalist muss hoffen, dass es an der Börse weiter aufwärts geht und ihn keine großen Ausgaben überraschen. Franziskus hat diese Sorge nicht gekannt: Irgendjemand wird ihm schon ein Stück Brot zustecken. Ansonsten fastet er eben.

Wie gesagt besteht wenig Hoffnung, dass aus mir noch ein echter Frugalist wird. Ein Leben wie Franziskus habe ich auch nicht im Sinn. Doch beide Lebensweisen fordern mich heraus: Schau, was Du wirklich brauchst.

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08NOV2021
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Ein Szenario, das gar nicht mehr so weit in der Zukunft liegt: Ein selbst fahrendes Auto ist kurz davor einen Unfall zu bauen. Es hat nur die Wahl, ob es nach links in eine Menschengruppe oder nach rechts auf einen Kinderwagen zusteuert. Wie soll so ein Auto reagieren, wenn es um Leben und Tod geht?

Erst einmal gilt: Das selbstfahrende Auto wird so entscheiden, wie es der Hersteller programmiert. Wissenschaftler wollen nun herausfinden, welche Regeln dabei gelten sollen. Dafür haben sie eine weltweite Umfrage gestartet. Auf der Homepage moralmachine.net können Sie mitmachen. Der Name passt: Moralmachine heißt auf Deutsch Moralmaschine. 40 Millionen haben bereits an der Umfrage teilgenommen. Ich bin einer von ihnen. Bei den Fragen musste ich zum Beispiel entscheiden, ob bei einem Unfall eher ein Hund oder ein Mensch sterben soll. Oder ob das Roboterauto bei einem Unfall 3 oder 5 Menschen überfahren soll. Schon diese Fragen sind heikel. Doch es geht noch weiter: Sollen eher junge oder alte Menschen sterben, eher Frauen als Männer?

Auch wenn ich diese Fragen mit einem Mausklick am Bildschirm beantworten kann, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Ich bin nur froh, wenn ich niemals in eine Situation gerate, in der ich so etwas entscheiden muss. Egal welche Antwort ich anklicke: richtig oder falsch kann es hier nicht geben.

Bei der Moralmaschine kann ich nur zwischen zwei Optionen unterscheiden: Stirbt bei dem Unfall ein obdachloser, alter Mann oder eine junge Sportlerin? Als Christ tue ich mich sehr schwer damit, jemandem den Vorzug zu geben. Ich will nicht entscheiden, welches Leben einen höheren Wert besitzt. Vielleicht ist es ein bisschen feige, wenn ich mich nicht festlegen möchte.

Auch andere scheinen Probleme damit zu haben, hier über Leben und Tod zu entscheiden. Denn die Umfrage lässt sich noch erweitern. In einem Experiment konnten Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine dritte Option wählen. Die dritte Antwort lautet: Alle Verkehrsteilnehmer sollen gleich behandelt werden. Die große Mehrheit, rund 80 %, haben diese dritte Antwort gewählt.

Ich weiß nicht, welche Moral Autos und Maschinen in Zukunft haben werden. Es wird auch weiterhin tödliche Unfälle geben. Vielleicht führt die Frage in die Sackgasse, wer dann bevorzugt werden soll. Darum finde ich es richtig, eine dritte Antwort anzubieten: Alle Menschen sollen gleichbehandelt werden. Am besten sollten die Maschinen diese Lektion als aller erstes lernen: Denn jedes Leben ist einzigartig und Wert, es zu schützen.

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