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31AUG2022
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Endlich haben kluge Menschen Wege gefunden, wie ich jeden Tag Zeit sparen kann. Zumindest verspricht mir das die Werbung. Lebensmittel kann ich jetzt online kaufen oder da ist der neue Staubsauger, der alles doppelt so schnell reinigen soll.

Ich würde der Werbung ja gern glauben, doch ich wurde zu oft enttäuscht. Obwohl ich schon vieles ausprobiert habe: von der gesparten Zeit habe ich nie etwas bemerkt. Beim neuen Handy gibt es zum Beispiel so viele Funktionen, dass ich eher mehr Zeit brauche. Angeblich ist alles einfacher geworden, aber mein Tag hat trotzdem nur 24 Stunden.

Darum habe ich es aufgegeben, Zeit sparen zu wollen. Denn wie viel Zeit ich noch auf meinem Lebenskonto habe, das weiß ich nicht. Vielleicht lebe ich noch 30 oder 40 Jahre, vielleicht kommt aber auch ein Unfall oder eine Krankheit dazwischen. Da zählt keine Zeit, die ich irgendwo gespart habe.

Diese unbequeme Wahrheit steht schon in der Bibel. Da sagt Jesus: Niemand kennt den Tag und die Stunde, an dem das eigene Leben endet. Darum sollten wir nicht so tun, als könnten wir frei darüber verfügen. Niemand hat zuhause eine Kiste, in der sich Monate und Jahre sammeln lassen. Die Zeit liegt in Gottes Hand. Jesus rät uns: Seid wachsam. Überlegt Euch, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Mir gefallen die klaren Worte, die Jesus da ausspricht. Ich verstehe ihn so: Lass Dich nicht einfach vom Alltag treiben und tu nicht so, als könnte alles ewig so weitergehen. Sei Dir bewusst, dass Deine Lebenszeit begrenzt ist und morgen schon alles anders sein kann. Darum spielt eine Frage für ein christliches Leben eine wichtige Rolle: Was täte ich, wenn mein Leben in ein paar Tagen enden würde? Mit wem müsste ich mich noch aussprechen? Was braucht meine Seele, um frei und unbeschwert zu sein?

Ganz praktisch gehört für mich dazu, dass ich meiner Frau eine Vollmacht für mein Konto bei der Bank erteilt habe. Falls mir etwas passiert, gibt es an der Stelle kein hin und her. Und ich will nicht darauf vertrauen, wichtige Dinge irgendwann zu erledigen. Darum werde ich im Herbst einen Freund besuchen, den ich schon oft vertröstet habe.

Über den eigenen Tod nachzudenken, scheint nicht in unsere Zeit zu passen. Für mich geht es dabei nicht darum, irgendwo Zeit zu sparen und immer noch mehr erleben zu müssen. Für mich geht es darum, meine Lebenszeit als so wichtig zu begreifen, dass ich über Tage und Wochen hinausdenke. Dann erkenne ich, was meinem Leben wirklich Bedeutung und Sinn gibt.

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30AUG2022
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Die Zahl der Christen in Deutschland ist weiter gesunken. Und dieses Jahr ist es passiert: Nun gehören weniger als die Hälfte der Bevölkerung einer Kirche an. Eine religiöse „Zeitenwende“.

Von heute auf morgen ändert das wenig in unserer Gesellschaft: Es gibt weiter Religionsunterricht an den Schulen, die Kirchenglocke läutet und das Altenheim der Caritas bleibt geöffnet. Und doch wird nicht alles so bleiben, wie es war.

Ich finde es sehr spannend, darüber nachzudenken, was die Kirchengeschichte in den letzten Jahrzehnten geprägt hat. Während der Nazizeit war die Situation dramatisch: Die Nationalsozialisten haben das Christentum verachtet und die Kirche verfolgt. Kirchen haben sie als Pferdeställe benutzt, tausende Priester ermordet, selbst Rom war von den Nazis besetzt. Doch bevor die Nazis die Kirchen auflösen und zerstören konnten, war der zweite Weltkrieg vorbei. Deutschland war ein Trümmerhaufen.

In Westdeutschland haben viele Menschen damals gesagt: Wir bauen dieses Land wieder auf und erinnern uns an unsere christlichen Wurzeln. Auch die Politik hat den Kirchen damals viele Rechte zugesprochen, denn der christliche Glaube sollte die Menschen davor schützen, wieder einem Verbrecher wie Adolf Hitler zuzujubeln.

Für Jahrzehnte war so das Christentum ein selbstverständlicher Teil der Bundesrepublik: Nie zuvor haben die Menschen so viele Kirchen in unserem Land gebaut, die Weihnachtsmesse hat für alle dazugehört, im Fernsehen läuft das Wort zum Sonntag und im Radio das Wort zum Tag.

Wer kann sagen, wie es ohne die Kirche gekommen wäre? Heute höre ich von den Verbrechen, die die Kirche vertuscht hat, um immer sauber dazustehen. Diese Seite ist endlich ans Licht gekommen. Und auf der anderen Seite gibt es die schönen Geschichten, die Menschen mit ihrem Glauben erlebt haben. Zum Beispiel meine Bekannte Giesela, die mit strahlenden Augen von ihrer Jugend, Freundschaften und der Musik erzählt. Für sie war und ist die Kirche deswegen ein Kraftort und ein Stück Heimat.

Wie geht es weiter mit dem Christentum in unserer Gesellschaft? Da habe ich kein klares Bild vor Augen. Ich weiß nur: Auch heute gibt es viele Christen, die unsere Gesellschaft gestalten. Rund vierzig Millionen Menschen. Schulleiterinnen, Bürgermeister, Schauspieler und Busfahrerinnen. Sie tragen viel dazu bei, dass wir in einem menschenfreundlichen Land leben. Manche zeigen sich offen als Christen, andere behalten es für sich.

Für die Kirchen wünsche ich mir, dass sie bescheidener und ehrlicher werden. Denn die Zeiten sind vorbei, in denen es selbstverständlich erschien, dass unsere Gesellschaft vom Christentum durchdrungen und getragen wird. Menschen entscheiden sich frei, woran sie glauben und wie sie glauben. Und zugleich gibt es weiterhin sehr viele Orte, die dazu einladen: Zu beten und zu singen, zu helfen und den Glauben zu feiern.

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29AUG2022
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Eine gute Fee erscheint und Sie haben drei Wünsche frei. Die gute Fee hat wenig Zeit, Sie sollen gleich mit der Sprache rausrücken. Wüssten Sie auf Anhieb, wie Ihre drei Wünsche lauten?

Vielleicht würden einige von Ihnen ganz selbstlos antworten: Frieden für die Welt, niemand soll mehr hungern oder die Klimakrise soll gelöst werden. Die gute Fee wäre mit so großen Wünschen aber überfordert. Wie in jedem guten Märchen soll es um Ihre persönlichen Wünsche gehen: Was wünschen Sie sich für Ihr Leben, Ihre Zukunft – für sich selbst?

Wie wäre es mit ein paar Millionen Euro auf dem Konto? Dieser Wunsch scheint immer eine gute Idee. Aber Glücksforscher haben herausgefunden, dass viele Menschen nach einem Lottogewinn nicht dauerhaft glücklicher sind. Nach einer kurzen Euphorie stellt sich bald wieder der Alltag ein: Viele sind mit dem Geldsegen überfordert und das große Glück stellt sich nicht ein.

Wie wäre es stattdessen mit einer großen Portion Weisheit? So hat sich damals der junge König Salomon entschieden. Ihm erscheint keine gute Fee, sondern Gott persönlich fordert ihn auf, sich etwas zu wünschen. Von König Salomon heißt es in der Bibel: Er wünscht sich ein hörendes, ein weises Herz. Mit Herz und Verstand durchs Leben zu gehen, diese Bitte erfüllt Gott ihm gern.

Vielleicht denken Sie jetzt: König Salomon, der alte Streber. Weisheit – was für ein langweiliger Wunsch. Geht’s noch bescheidener? Warum hat er sich nicht noch einen warmen Tee und Socken für den Winter gewünscht?

Da möchte ich Salomon in Schutz nehmen. Unter Weisheit verstehe ich: In schwierigen Situationen die richtigen Worte zu finden. Das kann dabei helfen, nicht ständig in Streit und Konflikte verwickelt zu werden. Oder einfach zu schweigen, wenn schon alles gesagt wurde. Weisheit bedeutet für mich, die vielen Widersprüche des Lebens besser auszuhalten. Jeden Tag muss ich entscheiden, was ich esse, einkaufe, wie ich zur Arbeit komme oder meine Freizeit verbringe. Fahrrad oder Straßenbahn, Tofuschnitzel oder Rindsroulade sind da noch die einfacheren Fragen. Ständig muss ich abwägen und Kompromisse schließen. Weisheit kann mir dabei helfen, klug zu entscheiden und einen ruhigen Kopf zu bewahren.

Leider rechne ich nicht damit, dass mir so bald eine gute Fee erscheint. Trotzdem finde ich es wichtig, mich zu fragen, was ich mir wirklich für mein Leben wünsche. Vielleicht laufe ich noch Wünschen hinterher, die nicht mehr zu mir passen. Oder ich kann überhaupt nicht sagen, was ich mir wünsche. Wenn ich über meine Wünsche nachdenke, komme ich mir selbst auf die Spur. Und darin steckt bereits ein Stück Weisheit.

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30MRZ2022
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Es gibt Momente, in denen sich mein ganzes Weltbild verschiebt. Der Krieg in der Ukraine hat mich an vielem zweifeln lassen. Ist das noch die Welt, in der ich aufgewachsen bin? Wie verstehe ich eigentlich die Welt um mich herum? Ich kann versuchen, mich an der Vergangenheit zu orientieren: In früheren Zeiten haben die Menschen sich an Gott gewandt, wenn irgendwo ein Unglück geschehen ist. Während der Pest gab es zum Beispiel große Prozessionen, bei denen die Gläubigen um Heilung baten. Oder die Menschen haben nach Kriegen große Denkmäler aufgestellt, um den Schrecken des Krieges zu bannen.

Heute werden keine Schicksalsmächte oder Gott mehr für Katastrophen verantwortlich gemacht. Heute denken wir säkularer. Die Menschen sind ganz auf sich zurückgeworfen. Wenn uns die Zustände nicht gefallen, wird nach den Schuldigen gesucht. So wie jetzt: Putin hat einen furchtbaren Krieg begonnen, die Politiker in Europa haben die Lage falsch eingeschätzt.

Und ist es nicht richtig, sich zu fragen, wer schuldig und verantwortlich ist?
Dahinter steht der Gedanke, dass wir gut leben könnten, wenn alle fair und ehrlich handeln würden. Doch anscheinend gelingt das nicht. Die Kriege hören nicht auf, neue Krankheiten entstehen, das Klima heizt sich auf. Vielleicht muss ich die Welt mehr als einen Ort sehen, an dem das Schicksal oft tragisch verläuft.

Ich denke da an die vielen Widersprüche in Politik und Gesellschaft, die sich nicht auflösen lassen. Selbst die klügsten Politiker können nicht zaubern. Denn die Ressourcen sind begrenzt. Werden mehr Wohnungen gebaut, geht Ackerland verloren. Und bei einem Krieg gibt es sowieso nur Verlierer.

Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Jedes Leben ist auf seine Weise tragisch: Der eine trauert seiner Jugendliebe hinterher, die andere kann nach einem Unfall keinen Sport mehr treiben. Und ich muss mir eingestehen: Seit bald 20 Jahren arbeite ich mit viel Herzblut für die Kirche. Doch viele Menschen wenden sich von der Kirche ab, das Vertrauen schwindet. Da fühle ich mich oft ohnmächtig.

Ich muss wohl lernen, skeptischer und demütiger zu sein. Es gibt keine Glücksformel, nach der das Leben für alle gelingt. Es bleiben Brüche, wir irren uns und scheitern. Eine tragische Welt. Und genau darum halte ich mir auch ein kleines Stück vom Himmel offen. Vielleicht kann Gott zusammenfügen, was auf Erden nicht zusammenfindet. Vielleicht kann er den tragischen Rest heilen, der jedes Leben durchzieht. 

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29MRZ2022
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Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn ich den Ofen öffne und da liegt es: ein selbstgebackenes Brot. Letzte Woche habe ich es endlich ausprobiert. Mehl, Hefe, Wasser, Salz – das Rezept ist einfach. Frisches Brot ist eine Klasse für sich. Und ich habe festgestellt, dass es alle Sinne anspricht, wenn ich ein Brot knete, rieche und schmecke. Der Duft durchzieht die ganze Wohnung. Mir reicht etwas Butter, um es Scheibe für Scheibe zu genießen.

Meine Lust, selbst zu backen, scheint auch gut in die Fastenzeit zu passen. Denn die beiden großen Kirchen rufen zum Klimafasten auf.

Die Aktion hat zum Ziel, dass ich bis Ostern darüber nachdenke, wie ich mich ernähre, einkaufe und Lebensmittel zubereite. Vielleicht gelingt es dabei, eigene Gewohnheiten zu ändern und dabei gesünder und klimafreundlicher zu leben.

Mir gefällt vor allem das Leitwort der Aktion, es heißt: „So viel Du brauchst.“  Dabei geht es darum, mal genau hinzuschauen: Wie viel kaufe ich ein? Wie viel bleibt übrig? Was brauche ich wirklich? Wenn ich im Supermarkt einkaufe, begegnet mir eine riesige Auswahl. Da fühle ich mich oft erschlagen. Auf Schritt und Tritt treffe ich auf Werbung für neue Produkte, die ich angeblich noch brauche.

In der Fastenzeit hilft es mir, mich daran zu erinnern, dass Christen im Vaterunser nicht um tausend verschiedene Dinge bitten. Erst einmal geht es nur um ein Stück Brot: „Unser täglich Brot gib uns heute.“ Das ist der erste Schritt und die Grundlage. Was ich sonst noch brauche, notiere ich mir vor dem Einkauf auf einem Zettel. Da achte ich von Beginn an auf die richtige Menge. Und ich kaufe möglichst regional und Lebensmittel, die wenig verarbeitet sind. Selbst zu kochen und zu backen, ist gesünder und oft sogar günstiger.

Ich hätte es früher kaum für möglich gehalten, wie viel drinsteckt in so einem Brot. Und in diesem Sinne ist es fast so etwas wie ein Lehrmeister für mich: Die Hefe braucht Zeit um zu gehen, da lerne ich Geduld zu haben. Sonst will ich immer schnell alles erledigen. Ein Teig aber muss ruhen. An anderer Stelle kann ich kreativ sein: Bei den Mehlsorten kann ich ausprobieren, kann Körner oder Gewürze beimischen. Jedes Brot wird so zum Einzelstück.

Die Hälfte der Fastenzeit ist vorüber, und ich habe diesmal etwas vorzuweisen. Ein selbstgemachtes Brot. Zu früheren Zeiten haben die Menschen das Brot auch gesegnet. Der Bäcker hat den Brotlaib mit einem Kreuz markiert. Das könnte ich noch übernehmen. Vorerst bin ich einfach dankbar, wenn ich das Brot anschneide und dabei denke: Ich habe so viel wie ich brauche.

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28MRZ2022
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Wovon kann ich nie genug in meinem Leben haben? Von Sinn. Sinn gibt dem Leben Tiefe und Geschmack. Doch wie komme ich zu mehr Sinn in meinem Leben? Antworten darauf hat Tatjana Schnell. Sie ist Psychologin und forscht zu der Frage, was Menschen in ihrem Leben Sinn gibt. Sie unterscheidet dabei verschiedene Typen. Vielleicht haben Sie Lust, sich einer Gruppe zuzuordnen: Da gibt es die religiösen und spirituellen Menschen, denen ihr Glaube Sinn schenkt. Eine andere Gruppe erfährt Sinn, wenn sie sich für eine Sache einsetzt, die sie selbst übersteigt: Zum Beispiel mein Freund Robert, der sich seit Jahrzehnten für die Menschenrechte indigener Völker einsetzt. In Karlsruhe engagiert er sich in der „Gesellschaft für bedrohte Völker“.  Andere Menschen finden Sinn darin, sich selbst zu verwirklichen: Durch beruflichen Erfolg oder eigene Projekte. So wie meine Bekannte Julia, die sich als Managerin eine Auszeit nimmt und auf Weltreise geht. Und dann gibt es noch die Gruppe, die besondere Freude daran hat, in Gemeinschaft mit anderen zu sein. Menschen, für die Familie, der Dart Club oder der Gesangsverein an erster Stelle stehen.

Ich kann jeder dieser Gruppen etwas abgewinnen. Zum Glück muss sich auch niemand auf einen Typ festlegen lassen. Da sind die Jahre, in denen der Beruf an erster Stelle steht. Dann die Jahre, in denen ich mich für ein Herzensanliegen ehrenamtlich einsetze.

Richtig überrascht hat mich aber, dass die Psychologin Tatjana Schnell noch eine ganze andere Gruppe von Menschen gefunden hat: die Gleichgültigen. Etwa jeder Dritte findet sein Leben nicht sinnerfüllt. Ich habe immer gedacht: Wer keinen Sinn erfährt, der steckt bestimmt in einer Krise. Stimmt aber gar nicht. Die Gleichgültigen sind meist jünger und Single. Tatjana Schnell beschreibt sie als pragmatisch: Sehr wissenschafts- und technikorientiert, weder für sich noch für andere besonders engagiert. Ihr Leben bleibt eher an der Oberfläche.

Die Psychologin vermutet, dass viele Menschen zu gestresst sind, um dem Sinn in ihrem Leben auf die Spur zu kommen. Möglichst gut die Schule abschließen, in Studium und Beruf soll es immer vorangehen, alles ist optimiert und verplant. Da bleibt wenig Raum, um nach Sinn zu schürfen.

Ob jung oder alt, für die Lebensqualität ist es offensichtlich wertvoll, im eigenen Leben Sinn zu entdecken. Doch Sinn braucht Muße, Freiraum und Pausen. Nur wer Umwege in Kauf nimmt, kann entdecken, was sein Leben nachhaltig reicher macht. Es gibt so viele Arten, Sinn zu finden. Darum meine ich, dass es sich lohnt, mir und anderen immer wieder die Frage zu stellen: Was gibt meinem Leben einen Sinn?

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20JAN2022
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Ilona engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der Kirche. Für sie gehört der Glaube einfach zum Leben dazu. Nur ihr Sohn zieht da nicht mit. Als Jugendlicher kann er mit der Kirche gerade nichts anfangen.

Als ich bei Ilona in der Küche stehe, bittet sie mich spontan um Unterstützung. „Martin“, sagt sie, „rede Du doch mal mit dem Jungen. Du hast doch Theologie studiert.“ Es geht auch gleich richtig los. Ihr Sohn sagt: „Ich will Ingenieur werden. An der Kirche passt mir nicht, dass sie die Wissenschaft blockiert. In der Schule haben wir gelernt, wie die Kirche Galileo Galilei verurteilt hat. So was Bescheuertes!“

Die Geschichte mit Galilei finde ich auch skandalös. Was hat sich der Papst vor 400 Jahren nur gedacht als er Galilei einsperren ließ? Es gibt doch so viele andere Beispiele, wo der christliche Glaube und die Wissenschaft Hand in Hand gegangen sind. Etwa bei Albertus Magnus, der vor 800 Jahren gelebt hat. Albertus hat als Mönch, Bischof und Wissenschaftler gearbeitet. Er hat in Köln und Paris studiert und gelehrt. Hat als Geologe und Botaniker geforscht und viele Schriften verfasst. Noch heute sind viele Kirchen und Schulen nach ihm benannt.

Galileo Galilei und Albertus Magnus hätten sich sicher gut verstanden. Schließlich hat schon Albertus gesagt: „Aufgabe der Naturwissenschaft ist es nicht, alles, was berichtet wird, einfach hinzunehmen. Sie hat vielmehr die Ursachen im Naturgeschehen zu ergründen.“   

Der Sohn von Ilona zuckt mit den Schultern und verschwindet schnell in seinem Zimmer. All das liegt für ihn wohl schon zu weit zurück. Aber Ilona ist jetzt mitten drin. Sie sagt: „Wie sich Glauben und Wissenschaft verbinden lassen, beschäftigt mich schon lange. Erzähl mir mehr von Albertus Magnus.“. Ich erzähle ihr, wie Albertus durch ganz Europa gereist ist und Wissen gesammelt hat. Auch Bücher von jüdischen und muslimischen Gelehrten hat er gelesen. Hauptsache, er konnte mehr über die Natur erfahren und verstehen.

Vor 30 Jahren hat Papst Johannes Paul II. Galileo Galilei rehabilitiert. Damit hat der Papst deutlich gemacht, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze sind. Albertus wusste das schon im Spätmittelalter. Für ihn gehörten Glauben und Vernunft unbedingt zusammen. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: „Die vornehmste Kraft des Menschen ist die Vernunft. Das höchste Ziel der Vernunft ist die Erkenntnis Gottes.“

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19JAN2022
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Meine Tochter macht sich oft Sorgen wegen des Klimawandels. Sie fragt: Wie können wir leben, ohne die Umwelt zu zerstören? Wie gern würde ich ihr da meine verstorbene Oma Edeltraut vorstellen. Sie wäre ein geniales Vorbild, wenn es darum geht, die Umwelt zu schützen.

Edeltraut ist mit vier Geschwistern aufgewachsen. Damals haben natürlich nicht alle Kinder ein eigenes Zimmer gehabt. Familien hatten viel weniger Wohnraum zur Verfügung. Weil alles im zweiten Weltkrieg verloren war, musste Edeltraut als junge Frau harte Jahre überstehen. Kaum Essen und Feuerholz war Mangelware. Edeltraut hat bei Bauern ausgeholfen, um sich etwas Brot zu verdienen. Damals ging es nur ums Überleben.

Später hat meine Oma geheiratet und mit ihrem Mann in der gemeinsamen Gärtnerei gearbeitet. Sie musste nie wieder hungern. Aber sie ist bescheiden geblieben. Ein kurzer Urlaub in Italien war der größte Luxus, den sie sich geleistet hat. Einen Führerschein hat sie nie gemacht. Als mein Opa gestorben ist, musste sie für jeden Arztbesuch lange mit dem Bus fahren. Obst und Gemüse konnte sie selbst verarbeiten und für den Winter konservieren. Im Keller standen immer viele eingeweckte Früchte.

Heute denken viele darüber nach, wie sie Ressourcen schonen und CO2 sparen können. Es könnte sich lohnen, hier öfter bei Menschen nachzufragen, die bereits 70 oder 80 Jahre alt sind. Wenn ich mit älteren Menschen spreche, können sie mir immer Beispiele dafür nennen, wie klug früher mit vielen Dingen umgegangen wurde. Lebensmittel haltbar machen, Kleidung flicken und vieles mehr.

Meiner Tochter versuche ich weiterzugeben, was ich von meiner Oma gelernt habe. Dazu gehört für mich, dass sie versteht, wie wertvoll Lebensmittel sind, wie viel Arbeit in einem Stück Brot steckt. Bin ich dankbar für mein Essen oder lasse ich den Teller halbvoll stehen? Oft sind es kleine Dinge, die ich bei meiner Oma gelernt habe. Zum Beispiel meine Schuhe im Winter gut zu pflegen. Und überhaupt: mit meinen Sachen sorgsam umgehen. Um diese Haltung geht es mir. Das will ich meiner Tochter vorleben.

Früher steckten die Leute in ganz anderen Zwängen als heute. Sie konnten sich ihren Lebensstil nicht aussuchen, sondern die meisten waren froh, wenn es genug zu essen gab. Heute haben meine Tochter und andere junge Menschen mehr Möglichkeiten. Sie können häufiger selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Ich erzähle deshalb gern von meiner Oma. Weil ich sicher bin: Sie können von früheren Generationen viel lernen.

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18JAN2022
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Mein Schwager Markus ist sehr darum besorgt, dass seine beiden Söhne gut aufwachsen. Er ist sich sicher: Jungen haben es heute nicht leicht. Markus sagt: „In der Schule fällt der Sportunterricht oft aus. Aber die Schulleitung verdreht nur die Augen, wenn ich anspreche, dass meine Jungs mehr Bewegung bräuchten.“  

Markus hat sich eingelesen und fragt sich, in welcher Welt seine Söhne aufwachsen: Statistisch gesehen leben Männer ungesünder als Frauen. Sie sind häufiger spielsüchtig oder alkoholkrank. Jungs haben mehr Probleme in der Schule und sind später häufiger arbeitslos. Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Markus meint: Da muss sich was ändern!

Ich bin etwas ratlos. Die Probleme mag es geben, aber was könnte da helfen? Markus schlägt vor: Es braucht eine neue Männerbewegung. Vor einigen Jahrzehnten, in den 70er und 80er Jahren, gab es das doch schon mal. Junge Männer, die sich gefragt haben, ob sie eigentlich immer so stark und cool rüberkommen müssen. Auf einmal haben Männer lange Haare und Schlaghosen getragen. Doch viel wichtiger als die Mode war die Frage, wie sie sich emanzipieren können. Weg mit den alten Bildern von starken Helden, die schwache Frauen beschützen. Hin zu etwas Neuem: Männer, die zu ihren Gefühlen stehen. Die liebevoll zu sich und anderen sind.    

Ob Markus eine neue Männerbewegung ins Leben ruft, kann ich noch nicht sagen. Doch er spricht viel mit seinen Söhnen. Mitten in der Pubertät will er ihnen zeigen: Ihr seid nicht männlicher, wenn ihr mehr Alkohol als andere trinkt. Oder er spricht mit ihnen über den neusten Blockbuster im Kino: Da sind Typen zu sehen, die schnelle Autos fahren und dicke Bizeps haben. Männer, die hart gegen sich selbst und andere sind. Markus will dem etwas entgegensetzen: Ihr seid cool, wenn ihr Klavier spielt, dem Nachbarskind bei den Hausaufgaben helft oder Mittagessen kocht.

Markus hat mich nachdenklich gemacht. Welche Rolle den Geschlechtern zukommt, muss neu bestimmt werden. Da muss sich in Schule und Beruf noch einiges verändern. Doch in den Familien fängt es an: Da braucht es Mütter und Väter, Omas und Opas die kritische Fragen stellen. Die mit ihren Kindern und Enkeln darüber sprechen, wie sie sich sehen. Wie sie ein gutes Verhältnis zu sich selbst entwickeln. Und das gilt für Mädchen und Jungen gleichermaßen.

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17JAN2022
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Wenn meine Schwiegermutter aus ihrer Kindheit erzählt, kann ich oft nur den Kopf schütteln. Kaum zu glauben, wie es damals in Lüdenscheid im Sauerland, zugegangen ist. Vor 60 Jahren ist durch die Stadt eine unsichtbare Mauer verlaufen. Auf der einen Seite die Welt der Katholiken, auf der anderen die Welt der evangelischen Christen. Da gab es den katholischen Bäcker und Gemüseladen, dort gab es die evangelischen Geschäfte. Alles fein voneinander getrennt. Denn von der anderen Konfession hat man nicht viel gehalten. Wenn ein katholischer und ein evangelischer Partner heiraten wollten, war das in vielen Familien ein Riesenproblem. Da haben Eltern damit gedroht, der Hochzeit des eigenen Kindes fernzubleiben. Ob in Lüdenscheid, Karlsruhe oder Heidelberg: Überall in Deutschland gab es damals diese unsichtbare Mauer.

Heute ist der Tag der Weltreligionen. Dieser Gedenktag erinnert daran, dass alle ein Recht darauf haben, ihre Religion frei auszuüben. Für mich ist es auch ein guter Anlass, um davon zu sprechen, was wir bereits erreicht haben. Nie zuvor konnten sich Menschen in Deutschland so frei entscheiden, woran sie glauben oder nicht glauben. Kaum jemand wünscht sich die Zeiten zurück, in denen sich evangelische und katholische Christen in den Haaren lagen.

Das Beispiel aus Lüdenscheid zeigt: Es geht nicht nur um das friedliche Miteinander von verschiedenen Weltreligionen. Schon bei den Christen gibt es eine große Vielfalt von Konfessionen und Kirchen. Oft gibt es innerhalb einer Religion sogar mehr Konflikte als mit einer anderen. Auch innerhalb der katholischen Kirche gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie der Glaube gelebt werden soll.

Bei den großen Weltreligionen fallen mir auf Anhieb zwei wichtige Gemeinsamkeiten ein:  Der Glaube an eine überirdische Macht und an ein Leben nach dem Tod. Bei der überirdischen Macht sprechen wir meist von Gott, dem Schöpfer oder Allah. Beim Leben nach dem Tod geht es um die Seele: Sie soll im Jenseits weiterexistieren. Wenn Sie daran glauben, können Sie sich im Großen und Ganzen als religiösen Mensch bezeichnen. Das kann die Grundlage sein, um weiter zu fragen und andere religiöse Vorstellungen kennen zu lernen.

Mich würde es freuen, wenn der Weltreligionstag dazu genutzt würde, auf die vielen Fortschritte zu schauen, die es gibt: Vor zehn Jahren wurde in Lüdenscheid sogar ein interreligiöses Forum gegründet, in dem Menschen aus Judentum, Christentum und Islam zusammenarbeiten. Hier und in vielen anderen Städten wollen Menschen zeigen: Wir schauen auf das, was uns verbindet. Wir treten dafür ein, dass alle Religionen und Konfessionen friedlich zusammenleben.

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