Manuskripte

SWR3 Worte

Der ehemalige Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, über die Kunst, dem eigenen Tod gelassen entgegensehen zu können:

Was wird sein, wenn wir gestorben sind? Wird unser Leben einen Sinn gehabt haben? Diese Frage stellt sich nicht erst fünf Minuten vor zwölf, sie schlägt gerade für die intelligenten und nachdenklichen Menschen zurück auf ihr reales Leben. Wer nicht alle seine Glückserwartungen in den wenigen Jahren seiner Lebenszeit unterbringen muss, weil er daran glaubt, dass die Fülle des Lebens ihn nach seinem Tod erwartet, der lebt gelassener.

 

Karl Lehmann, zit. nach: ders. , Mut zum Umdenken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26036

Ein öffentliches Amt aufzugeben fällt vielen Politikern nicht leicht. Dabei helfen kann die Tugend der Demut, meint der frühere Bundestagsabgeordnete Konrad Weiß:

Wer aus einem Amt oder Mandat geschieden ist, wird dann oft die Erfahrung machen müssen, dass man alsbald nicht mehr gefragt ist. Dass also die vorherige Aufmerksamkeit nicht der Person galt, sondern dem Amt, der Funktion, der Aufgabe. Das ist eine Erfahrung, die nicht nur jeder scheidende Abgeordnete oder Minister machen muss, sondern Menschen in allen Lebensbereichen. Nur wer sich Demut bewahrt hat, wird das nicht als demütigend empfinden, sondern als den natürlichen Lauf der Welt.

 

Konrad Weiß, Gegen das Gift des Hochmuts, in: Publik-Forum Heft 1 (2018)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26035

Der ehemalige Bürgerrechtler und Bundestagsabgeordnete Konrad Weiß schreibt über die Tugend der Demut:

Sich als Mensch zu erkennen und anzuerkennen, das klingt einfacher, als es ist. Demut will geübt und erlernt sein. Im Laufe eines langen Menschenlebens werden uns viele Gelegenheiten dazu gegeben: durch Orte und Kunstwerke, Begegnungen und Berührungen, Geburt und Tod, am Krankenbett eines geliebten Menschen, durch eine eigene Krankheit, ein Versagen, ein Scheitern. Demütig zu sein erniedrigt den Menschen nicht, sondern hebt ihn über sich hinaus.

 

Konrad Weiß, Gegen das Gift des Hochmuts, in: Publik-Forum Heft 1 (2018)

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Der jüdische Publizist Michel Friedman, der den größten Teil seiner Familie im Holocaust verloren hat, über den Hass in der Gesellschaft:

Meine Eltern und meine Großmutter waren lebenslang in ihrer Seele verletzt. Trauer war eines der prägnantesten Gefühle in ihrem Leben. Aber genau so groß war ihr Unverständnis darüber, wie es möglich ist, dass Menschen andere Menschen umbringen, weil sie anders scheinen. Wie es möglich ist, daraus sogar eine „moralisch-politische“ Notwendigkeit zu fabulieren. Meine Mutter hat immer gesagt: „ Ich habe den Hass und die Gleichgültigkeit in Reinkultur erlebt. Ich kann dir, mein Kind nur raten, nie zu hassen. Denn der Hass begleitet den Hassenden 24 Stunden lang.“

 

Michel Friedman im Gespräch mit Ulrich Gutmair, in: Die Tageszeitung vom 27./28.01.2018

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26033

Der jüdische Publizist Michel Friedman wendet sich mit Nachdruck gegen Gleichgültigkeit bei rassistischen Sprüchen:

Es gibt etwas, das ich den jungen Leuten vermitteln möchte. Sie müssen sich streiten, den Konflikt aufnehmen, sich zu Wort melden, ihr Gesicht zeigen, wenn in der Familie, in der Schule, im Verein Menschenverachtung, geistige Brandstiftung und damit Gewalt stattfindet – und sei es „nur“ in einem rassistischen Witz. Jedes Mal, wenn man so etwas überhört, verstrickt man sich in Mittäterschaft. Das Sich-Streiten ist die Verfestigung der eigenen Orientierung.

 

Michel Friedman im Gespräch mit Ulrich Gutmair, in: Die Tageszeitung vom 27./28.01.2018

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Es ist ein bewegendes Plädoyer für das Briefeschreiben, dass die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt einer ihrer Romanheldinnen in den Mund legt:

Ich möchte nicht, dass die Worte nackt sind wie auf Faxen oder auf dem Computer. Ich möchte, dass sie von einem Umschlag bedeckt sind, den du aufreißen musst, um an sie heranzukommen. Ich möchte, dass es eine Wartezeit gibt – eine Pause zwischen dem Schreiben und dem Lesen. Ich möchte, dass wir vorsichtig sind mit dem, was wir einander sagen. Ich möchte, dass die Entfernung zwischen uns real und weit ist. Das soll unserer Regel sein: dass wir unseren Alltag und unser Leiden sehr, sehr vorsichtig aufschreiben.

 

Siri Hustvedt, Was ich liebte

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Der Journalist René Hamann ärgert sich über rücksichtslose Zeitgenossen, denen er in der dicht bevölkerten Großstadt Berlin tagtäglich begegnet. Dazu schreibt er folgendes:

Der Sozialdruck, der Dichtestress ist an sich …  nicht einmal das Problem. Das Problem ist, dass dieser Stress erst dann richtig unangenehm wird, wenn die Menschen nicht gegenarbeiten, sondern ihn noch befeuern: Indem sie weiter munter rücksichtslos sind. …

Weggucken, alles wegignorieren, was stört, das ist höchstens die halbe Lösung. Es geht um den Raum, den man mit anderen teilt. Erst an die anderen denken, dann an sich selbst. Schlecht benehmen kann man sich zuhause.

 

René Hamann, Weil der soziale Druck größer wird entwickelt sich Deutschland zur Rempelgesellschaft, in: Die Tageszeitung vom 16./17.9.2017

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