Manuskripte

SWR3 Worte

Echlas al-Azzeh sitzt im Rollstuhl. Die 43-Jährige lebt in Bethlehem. Keine leichten Bedingungen. Sie erzählt, warum sie trotz allem zufrieden ist.

(…) Ich beschwere mich nicht darüber, dass ich nicht laufen kann. Ich frage nicht: Warum ich und nicht meine Schwester oder mein Cousin? Es wäre dumm, das zu fragen. Ich bin glücklich mit meinem Rollstuhl.

Ich bin nicht religiös, aber ich glaube doch, dass Gott mir das Leben gegeben hat – und jetzt muss ich sehen, wie ich klarkomme.

Nur wenige sind zufrieden mit dem, was sie haben. Ein Mädchen mit glatten Haaren wünscht sich Locken. Kranke fragen sich: Warum bin ich nicht gesund? Aber das sind Dinge, die zum Menschen gehören.
Menschen, die immer fragen „Warum ich?“ sind nicht mit sich im Reinen. Ich versuche, mich selbst und die Umstände zu mögen, dann geht alles leichter. Anders ist das bei Krieg oder der Besatzung hier. Die ist von Menschen gemacht, die ein bestimmtes Interesse verfolgen, nicht von Gott. Das werde ich nicht einfach akzeptieren.

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Es kommt auf die Perspektive an. Davon erzählt folgende Geschichte:


Es war einmal ein Huhn, das stark schielte. Dieses schielende Huhn sah deshalb die ganze Welt etwas schief und glaubte, sie sei tatsächlich schief. So sah es zum Beispiel auch seine Mithühner und den Hahn schief. Es lief immer etwas schräg und stieß ziemlich oft gegen die Wände.
An einem windigen Tag ging das schielende Huhn mit seinen Mithühnern am Turm von Pisa vorbei. „Schaut euch das an“, sagten die Hühner, „der Wind hat diesen Turm schiefgeblasen.“ Auch das schielende Huhn betrachtete den Turm, fand ihn aber völlig gerade. Es sagte nichts, dachte aber bei sich, dass die anderen Hühner womöglich schielten.

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Erinnerungen vom Tag, an dem die Müllabfuhr vorbeikam:

Früher war es für mich immer etwas ganz Besonderes, wenn die Müllabfuhr gekommen ist. Ich bin sofort an die Tür gerannt - einfach nur, um den Müllmännern zuzuwinken. Manchmal erkannte ich sie sogar wieder und auch die Müllmänner hielten schon mal nach mir Ausschau, wenn sie die Straße hochfuhren.
Heute weiß ich, warum sich die Müllmänner damals immer so gefreut haben, wenn ich wieder an unserer Haustür stand. Da war jemand, der sie bemerkt!

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Ein irischer Segenswunsch in der Mitte der Woche:

Ich wünsche dir, dass du liebst, als hätte dich noch nie jemand verletzt, dass du tanzt, als würde keiner hinschauen, dass du singst, als würdest du die Welt um dich herum vergessen, dass du lebst, als wäre das Paradies auf Erden.

 

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Die Autorin Vreni Merz schlägt vor, den Tag heute ganz aufmerksam anzugehen und dann zu schauen, was passiert:

Was siehst du, wenn du schaust – was hörst du, wenn du horchst, und wenn du wach und aufmerksam den Tag beginnst?
Wo kommst du hin, wenn du die Türen nicht verriegelst und die Fenster deines Hauses offen hältst? Und was geschieht, wenn du sogar den Gartenzaun durchbrichst?

Das Herz wird weit – die Welt ist größer, als du denkst. Und deine Hände können mehr, als du glaubst.

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Ein Segensgebet am Morgen für den Start in die neue Arbeitswoche:

Herr, segne meine Hände, dass sie behutsam sind, dass sie halten können, ohne zur Fessel zu werden, dass sie geben können ohne Berechnung (...). 

Segne meine Augen, dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen, dass sie das Unscheinbare nicht übersehen, dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige, dass andere sich wohlfühlen können unter meinem Blick.

Segne meine Ohren, (…) dass sie hellhörig sind für die Stimme in der Not, dass sie verschlossen sind für den Lärm und das Geschwätz, dass sie das Unbequeme nicht überhören.

Herr, segne meinen Mund, dass ich dich bezeuge, dass nichts von ihm ausgeht, was verletzt und zerstört, dass er heilende Worte spricht.

Segne mein Herz, dass es Wärme schenken und begehren kann, dass es reich ist an Verzeihung, dass es Leid und Freude teilen kann.

 

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Die Schriftstellerin Katharina Hecker wünscht sich, dass alle fröhlich sind, wenn sie mal stirbt. Warum, erklärt sie in einem Interview:


Ich würde gern noch länger leben, aber abgesehen davon, dass ich meine Kinder aufwachsen sehen möchte, gibt es nichts, wovon ich denke, das stehe noch aus, das stehe mir noch zu. Es kann einem ja immer was passieren, und dann wäre mein großer Wunsch an die Lebenden: Seid fröhlich, für mich ist es in Ordnung.

Es gibt gute Tote, und ich möchte gern eine gute Tote werden. Meine guten Toten leisten mir nach wie vor Gesellschaft, sie sind präsent. Nicht immer und nicht physisch, aber sie begleiten mein Leben weiter. Das Gefühl, das mir jemand, der doch gerade gestorben ist, auf die Schulter tippt, ist für mich ähnlich wie das unglaubliche Glücksgefühl, wenn ich jemanden berühre, den ich liebe.

 

 


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