Manuskripte

SWR3 Worte

Morgen beginnt die Adventszeit. Der frühere Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann hat dazu folgendes geschrieben:

Der Advent … hat etwas mit unserer Zukunft zu tun. Wir träumen von etwas, wir ersehnen etwas, wir hoffen auf jemand. … Viele Menschen, auch in unserer Welt, …warten, dass sie ihren Hunger befriedigen, ihren Durst stillen und Gerechtigkeit erlangen können: Freiheit zumal. … Deshalb sollten wir auch in der Adventszeit besonders sensibel sein für das Leiden unserer Welt. Den Erwartungen anderer Raum zu geben, sie nicht ins Leere laufen zu lassen, ist ein wichtiges Werk des Friedens.

 

Karl Lehmann, Weihnachten. Die Kraft eines verkannten Festes, Verlag Kath. Bibelwerk: Stuttgart 2014

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Die Frage, wie das Elend und die Ungerechtigkeit in der Welt zur Vorstellung eines guten und liebenden Gottes passen ist so alt wie der Glaube selbst. Der Theologe Fulbert Steffensky ist jetzt 84 Jahre alt. Er hält an seinem Glauben fest, hat für sich aber eine ernüchternde Antwort gefunden:

Je älter ich werde, umso mehr höre ich auf, die Welt zu erklären. Auch unser Glaube erklärt nichts. Es gibt die großen und unüberbrückbaren Widersprüche zwischen den Versprechungen Gottes und dem Zustand dieser Welt. … Wenn wir Christenmenschen von Hoffnung sprechen, darf man uns nicht vorwerfen können, wir seien Leute, die nicht so genau hinschauten...  Hoffnung lernen heißt auch Illusionen verlernen, auch die Illusionen über Gott.

 

Fulbert Steffensky, in: Chrismon Nr. 10 (2017)

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Der Fernsehmoderator Alfred Biolek blickt auf ein langes Leben zurück. Dabei stellt er fest:

Es ist eigenartig: Obwohl ich fast alles, was mein Leben ausgemacht hat, nicht mehr machen kann, lebe ich immer noch gern. Ich bin schon noch in der Gegenwart, aber ich lebe von den Erinnerungen. Ich kann nicht mehr ins Flugzeug steigen und nach Indien fliegen, das ist vorbei. Meine Ansprüche sind kleiner, mein Radius ist enger geworden, aber so ist der Mensch: Wenn eine Sache nicht mehr geht, sucht er sich Ersatz und freut sich über andere, kleinere Dinge, die noch möglich sind, die einem früher gar nicht aufgefallen sind.

 

Alfred Biolek im Gespräch mit Tobias Haberl, SZ-Magazin Nr. 22 (2017)

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An Gott denken viele Menschen erst in leidvollen Situationen. Der Regisseur Christoph Schlingensief, der 2010 einem Krebsleiden erlag, hat während seiner Krankheit Tagebuch geführt. Darin fragt er sich:

Warum ist das Gottesprinzip kein Freudenprinzip? Warum denkt man nicht an Gott und preist ihn, wenn man sich freut, auf der Welt zu sein, wenn man sich freut, dass tolle Sachen passieren? Warum kommt er immer erst dann ins Spiel, wenn man feststellt: Na klasse, Familie weg und Krebs und wieder kein Sechser im Lotto. Man müsste das Gottesprinzip viel stärker als frohe Botschaft etablieren, als frohen Gedanken, als Freiheitsgedanken, als Friedensgedanken. In jedem Kopf, in jeder Religion, in jedem Wesen, überall.

Christoph Schlingensief, So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung, btb-Verlag: München 2010

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„Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“, so steht es im Vorwort zur schweizerischen Verfassung. Der Journalist Heribert Prantl meint dazu:

Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen: Das ist ein starker Satz, auch wenn die Bezeichnung "Schwache" infiziert ist von den Ausschließlichkeitskriterien der Leistungsgesellschaft. Ein starker Staat ist ein Staat, der für die Angleichung der Lebensverhältnisse sorgt, sich ums Wohl der Schwachen und Behinderten kümmert und dabei lernt, dass sie nicht so schwach sind, wie man oft meint und dann ihre Stärken, die Stärken des Im(Un)perfekten, zu schätzen lernt.

 

Heribert Prantl, Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen, in: Süddeutsche Zeitung vom 11.11.2017

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Was ist wirklich wichtig im Leben, das fragt sich die Klinikseelsorgerin Fanny Dethloff:

Was ist unser Halt im Leben? Welche Haltung zum Leben nehmen wir ein? Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. In unserer Leistungsgesellschaft hängen wir unser Herz an alle möglichen Dinge, an unser Einkommen, an Geld, an Arbeit, an Jugend, an Fußball, an Macht. Doch was gilt am Ende? Woran lohnt es sich wirklich, sein Herz zu hängen?

 

Fanny Dethloff, Wir sind Bettler – das ist wahr, in: Publik- Forum Heft 20 (2017)

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Die Klinikseelsorgerin Fanny Dethloff betreut sterbenskranke Menschen. Zur Frage, wie frei wir Menschen wirklich sind, meint sie:

Als moderne Menschen sind wir gewohnt, unsere Freiheit möglichst zu verteidigen und unsere Autonomie hochzuhalten … Und doch sind wir so sehr angewiesen auf andere, auf das Miteinander, auf unsere Umwelt, das Wetter, das Klima, auf gesellschaftliche Verhältnisse. Bei aller Sehnsucht nach Selbstbestimmung können wir sehr wenig selbst bestimmen. Wir reflektieren das meist zu wenig.

Fanny Dethloff, Wir sind Bettler – das ist wahr, in: Publik- Forum Heft 20 (2017)

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