Manuskripte

SWR3 Worte

Inger Hermann ist Reli-Lehrerin an einer Förderschule. Sie hat einige bemerkenswerte Episoden aus ihrem Unterricht aufgeschrieben. Zum Beispiel diese hier mit dem Schüler Markus. Der sagt zu seiner Lehrerin:  

„So ein Quatsch, Auferstehung. Gott, den gibt´s doch gar nicht. Wo ist er denn? Wo denn? (…) 

Ich muss sofort antworten, keine Zeit für theologisches Nachdenken. „In dir. Du bist manchmal ganz voll von Gott, von seiner Kraft und seiner Weisheit, und wenn du uns sagst, was du über die Welt und die Menschen und die Tiere denkst: Das hast du dir nicht alleine ausgedacht: Da ist Gott in dir. Das glaube ich.“ 

Sein runder Mund steht offen, die Aggressivität ist plötzlich weg. „Ja, das stimmt!“ Er schnauft tief und laut. Dann völlig unvermittelt: „Frau Hermann, darf ich jetzt lesen?“ 

Markus liest! Zum ersten Mal seit ich ihn unterrichte – er kann theoretisch nämlich kaum lesen und schreiben. Aber heute liest er klar und flüssig, in dem Bewusstsein, dass Gottes Kraft in ihm ist.

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Die Autorin Susanne Niemeyer macht sich Gedanken über den Tod. Sie schreibt: 

Der Tod dauert länger als das Leben. Wenn  etwas länger dauert als das Leben, sollte es mindestens genauso gut sein. Besser aber besser. Sonst wäre der Tod ein Spielverderber. Und wer mag schon Spielverderber. 

Vielleicht ist er so ähnlich wie Mama, die einst „Reinkommen!“ rief, wenn es Abend wurde. Erst wollte man nicht, weil die anderen noch länger spielen durften. Aber dann war es doch nicht so schlimm. Denn es gab Nutellabrot und Milch nach dem Baden, und mit etwas Glück durfte man in eine Decke gehüllt vorm Fernseher essen und man hatte plötzlich vergessen, was man verpasste.

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Heute ist Grün-Donnerstag, der Tag des letzten Abendmahles, als Jesus zum letzten Mal mit seinen Jüngern zusammensaß, Wein getrunken und Brot gegessen hat. Dazu eine Brot-Geschichte: 

In einer schweren Notzeit (…) war der Herr Professor einmal sehr krank gewesen. (…) Die (…) Ärzte murmelten etwas von „kräftiger Nahrung“, wohl wissend, wie schwer es war, überhaupt etwas zum Essen zu beschaffen. 

Aber gerade da schickte ein Bekannter einen halben Laib Brot. So sehr der Professor sich darüber freute – er aß das Brot nicht. Er wusste, dass im Nachbarhaus ein kleiner Junge sehr krank war. (…) Wie sich später herausstellte, behielten auch sie das Brot nicht, sondern gaben es an eine verwitwete Frau weiter (…). Die Witwe trug es zu ihrer Tochter, die (…) mit ihren beiden Kindern in einer Kellerwohnung hauste. Diese (…) erinnerte sich daran, dass ein paar Häuser weiter der Professor krank war (…). Sie nahm das Brot und ging damit zu seiner Wohnung. (…) 

Als der Herr Professor das Stück Brot in der Hand hielt und von dessen Wanderung hörte, war er sehr bewegt und sagte: „So lange noch diese Liebe unter uns ist, habe ich keine Angst um die Menschheit.“

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Antoine Leiris hat in der Terrornacht von Paris seine Frau verloren. Heute, einen Tag nach dem Anschlag von Brüssel, geht mir sein offener Brief an die IS-Terroristen besonders unter die Haut. Antoine hat Folgendes geschrieben:

 „Ihr werdet meinen Hass nicht bekommen. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten, würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren…“„Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu (…) Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. (…) Nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen."

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Heute ist der Todestag von Kardinal Graf von Galen. Er war während des Dritten Reiches Bischof von Münster. Von Galen wurde bekannt, weil er öffentlich und mutig aufgetreten ist gegen Hitlers Ausrottungsprogramm. 1941 hat er Folgendes gepredigt: 

Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind (…)? Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den „unproduktiven“ Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden!

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Eine Geschichte der Autorin Kirstin Westhuis über eine Flaschenpost: 

(…) Mit guten Freunden spazierte ich am Fluss. Da schimmerte etwas im Sonnenschein (…). Eine (…) Kakao-Flasche mit (…) einem Zettel darin. Eine Flaschenpost! Fröhlich aufgeregt (…) drehte (ich) den blauen Schraubverschluss auf und zog mit spitzen Fingern ein leicht feuchtes (…) Blatt heraus. 

Aber was war das? (…) Es waren zwei Seiten voller krakeliger Stichpunkte: Ungeduld – negatives Denken – gescheiterte Bewerbung – Stress an anderen rauslassen – zu viel trinken (…). 

(…) 

Ich sah einen jungen Mann bildlich vor mir, wie er die Wut rausschreibt auf ein weißes Blatt, die Kakao-Flasche neben sich, die er vielleicht am Kiosk gekauft hat – in der Hoffnung, sie schmecke nach früher, als noch alles einfacher gewesen war. Ich muss ihm antworten, dachte ich. Ich muss ihm sagen, dass er nicht alleine ist. (…) Aber nichts. (…) Kein Absender. 

Heute steht die Flasche auf meinem Schreibtisch. Regelmäßig sind meine Gedanken bei dem anonymen Zweifler und bei allen Verzagten und Verzweifelten. Mögen sie gewiss sein, dass immer jemand an sie denkt.      

 

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Ein Frühlingsgedicht des Dichters James Krüss:  

Es krokusst und es primelt
im Garten und am Bach.
Ein Spatzenpaar verkrümelt
sich selig unters Dach. 

Nun wird sich alles wenden:
das Wetter und das Kleid.
Es duftet aller Enden
nach Frühlingsreinlichkeit. 

Nun reimt sich westlich – östlich
so mancherlei auf „Lieb“,
sogar – und das ist tröstlich –
das kleine Wort: Vergib!

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