Manuskripte

SWR3 Worte

Jeder Mensch hat im Leben „seinen“ Stern.

Ich muss ihn nur erkennen

zwischen all den grellen Lichtern,

die um mich aufleuchten und auf mich einwirken:

jenen einen Stern,

der mich ganz persönlich meint.

 

Mag die Welt über mich den Kopf schütteln,

weil sie den Stern nicht sieht:

Was bedeutet das schon?

Niemand außer mir weiß,

dass sich dieser Stern in meiner Seele spiegelt.

 

Sein Licht lebt in mir und ich ahne,

dass es mich zur Krippe führt –

dorthin, wo ich Gott begegne.

 

Ein Gedicht der Theologin und Journalistin Corinna Mühlstedt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16635

Das Gedicht „Nur ein Strohhalm“ von Andreas Knapp

kein kindgerechtes Biotop

nur ein Stallgeruch

gegen den selbst Weihrauch

nicht ankäme

 

kein Hirtengeflöte

nur ein Bretterverschlag

und Wind pfeift

durch das letzte Loch

 

kein Rauschen goldener Engel

nur das Gesurre

lästiger Fliegen

zum Teufel mit ihnen

 

kein Kometenleuchten

nur ein Strohstern

zufällig hingeweht

und wieder zerstört

 

kein Allmachtsgott

nur ein Kind

in seinem Lächeln aber

Geburt von Liebe

 

Ein Gedicht des Ordenspriesters und Theologen Andreas Knapp.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16634

Rabbi Pinchas legte seinen Schülern die Frage vor, wie man den Augenblick erkennen könne, in dem die Nacht gerade endige und der Morgen beginne. „Ist es der Moment, da der Morgen so weit graut, dass wir bereits fähig sind, auf eine gewisse Entfernung hin einen Hund von einem Ochsen zu unterscheiden?“, fragte ein Schüler. „Keineswegs“, antwortete der Rabbi. „Ist es der Augenblick, in dem wir zwischen einem Dattel- und einem Feigenbaum unterscheiden können?“, fragte ein zweiter. „Ebenso nicht“,  beschied ihn der Rabbi. „Und wann also kommt der Morgen?“, fragten die Schüler. „Er ist dann da, wenn wir das Antlitz irgendeines Menschen erblicken und in ihm Bruder und Schwester erkennen“, sagte Rabbi Pinchas. „Solange wir dazu unfähig sind, herrscht Nacht.“

 

Aus dem Buch „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ von Tomas Halik.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16633

Was ich dir wünsche?

Nicht,

dass du dein Leben verbringen sollst

unberührt von den Menschen,

irgendwo in der Stille an einem See,

als wäre alle Tage Ferien.

 

Aber ich wünsche dir,

dass du hin und wieder eine Stunde hast,

in der deine Seele still liegt wie Wasser

und das Licht sich in ihr spiegelt.

 

Ich wünsche dir,

dass du absehen lernst von deiner eigenen Kraft

und stehen, zart und biegsam wie ein Wollgras,

das in dem Seegrund Halt hat,

in dem es steht.

 

Ein Gedicht des evangelischen Theologen Jörg Zink.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16632

Der Dichter Erich Fried hat herausgefunden, dass das Rezept für eine gute Welt eigentlich ganz einfach ist. Er beschreibt es mit viel Ironie in seinem Gedicht

 

Die Maßnahmen

Die Faulen werden geschlachtet,

die Welt wird fleißig;

Die Hässlichen werden geschlachtet,

die Welt wird schön;

Die Narren werden geschlachtet,

die Welt wird weise;

Die Kranken werden geschlachtet,

die Welt wird gesund;

Die Traurigen werden geschlachtet,

die Welt wird lustig;

Die Alten werden geschlachtet,

die Welt wird jung;

Die Feinde werden geschlachtet,

die Welt wird freundlich;

Die Bösen werden geschlachtet,

die Welt wird gut.

 

Das Gedicht „Die Maßnahmen“ von Erich Fried.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16631

Ein Text des Theologen und Kabarettisten Fabian Schwarz:

 „Und irgendwann sind wir so weit zu wissen, woher das Leben auf der Erde stammt!“, beendete der Wissenschaftler seine Ausführungen.

„Und dann?“, fragte ich.

„Na dann wissen wir Bescheid.“

„So“, meinte ich. „und dann?“

„Na, dann forschen wir weiter!“

„Weiter als bis zum Anfang?“

„Wenn es sein muss auch das, ja!“

Ich lachte. Selbst wenn man am Anfang angekommen ist, kann man noch weiter zurückgehen. (…)

„Und dann?“, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. Dann blickte er auf die Uhr und meinte, er müsse dringend zu seiner nächsten Besprechung. Eilig, seine Unterlagen unter dem Arm, sprang er in sein Institut.

Ich saß noch ein bisschen im Café, trank meine heiße Schokolade, zahlte und ging in Ruhe nach Hause.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16630

Licht aller Lichter, wenn es so schien,

als gebe es keine Hoffnung,

habe ich dein Licht gesehen

in den Augen eines Kindes.

 

Wenn es so schien,

als gebe es keine Freude,

habe ich deine Freude gefühlt

in der Stimme eines Freundes.

 

Wenn es so schien,

als sei das Leben schal,

habe ich die Frische des Sonnenlichts

genossen auf meiner Haut.

 

Dank sei dir

für deine Liebe in vieler Gestalt.

Öffne meine Sinne für deine Nähe,

dass ich dich lieben kann und dich finden

in allen Dingen.

 

Ein Gedicht von Samuel Friedländer

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16629