Manuskripte

SWR3 Worte

Neulich im Radio: Eine Sendung über die Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen. „Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre", lautete der Titel. Was würden Sie tun, wenn Sie genug Geld zum Leben hätten? Ein spannendes Gedankenexperiment! Was wäre, wenn die vielen Zwänge, Verpflichtungen und Notwendigkeiten in Beruf und Privatleben - wenigstens für kurze Zeit - nicht existieren würden? Was würde ich dann - aus freien Stücken - tun wollen? Wofür würde ich mich einsetzen? Vielleicht würde ich zunächst gar nichts tun, nur da sein und in mich lauschen. Vielleicht wäre ich plötzlich mit meiner eigenen Erschöpftheit konfrontiert. Aber nach einer Weile würde sich zeigen, was ich wirklich, wirklich will.

"Was ich wirklich will" von Elke Pale-Langhammer

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Ich sitze beim Frühstück. Das Küchenradio krächzt die Verkehrsnachrichten. In meinen Gedanken quäle ich mich bereits über die verstopfte A3. Unter dem Tisch döst mein Hund. Hat alle Zeit der Welt. Seufzend räkelt er sich, knabbert schließlich an meinen Socken. Ich greife - wie hilfesuchend - unter den Tisch, spüre den Atem des Tieres, das weiche Colliefell, den schmalen Kopf, der sich zärtlich in meine Hand schmiegt. Mein Hund: ein Meister des Augenblicks. Seine Welt ist meine Hand auf seinem Fell und das Anschmiegen des Kopfes. Eine andere hat er gerade nicht. Komme ich heim, fliegt er mir laut singend entgegen. Wolfsgeheul. Was schert es ihn ob ich eine Stunde weg war oder eine Woche? Er feiert die glückliche Heimkehr. Freude pur. Radikale Gegenwart. Lehrmeister Tier.

"Tierische Gegenwart " von Silvia Becker

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Ein Engel hat immer für Dich Zeit, das ist der Engel der Langsamkeit. Der Hüter der Hühner, Beschützer der Schnecken, hilft beim Verstehen und beim Entdecken, schenkt die Geduld, die Achtsamkeit, das Wartenkönnen, das Lang und Breit.

Er streichelt die Katzen, bis sie schnurren, reiht Perlen zu Ketten ohne zu murren. Und wenn die Leute über Dich lachen und sagen Du musst doch schneller machen, dann lächelt der Engel der Langsamkeit und flüstert leise: Lass Dir Zeit! Die Schnellen kommen nicht schneller ans Ziel. Lass den doch rennen, der rennen will!

Ein Engel hat immer für Dich Zeit... Er sitzt in den Ästen von uralten Bäumen, lehrt uns den Wolken nachzuträumen, erzählt vom Anbeginn der Zeit, von Sommer und Winter, von Ewigkeit.

Ein Engel hat immer für Dich Zeit, das ist der Engel der Langsamkeit

"Der Engel der Langsamkeit " von Jutta Richter

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Die Rituale, mit denen ich den Tag beginne und beschließe, tun mir gut. Sie sind Ausdruck meines einmaligen Lebens. Gott braucht natürlich meine Rituale nicht. Ich lebe mit diesen Ritualen auch nicht, um irgendeine Pflicht zu erfüllen oder irgendjemand zu befriedigen, sondern weil ich mich in ihnen daheim fühle, weil ich Lust habe meinem Leben eine Form zu geben, und es selbst zu leben, anstatt gelebt zu werden. Es müssen nicht immer fromme Rituale sein. Der eine hat das Ritual, dass er seine Kleider abends sorgfältig auf den Stuhl legt, der andere, dass er sich morgens zuerst ans offene Fenster stellt und die frische Luft einatmet. Rituale sind Formen eines guten Umgangs mit sich selbst. Ich gehe sorgsam und achtsam mit mir um, ich feiere den Augenblick, ich feiere das Leben.

Rituale - von Anselm Grün

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Meine Großeltern waren über 60 Jahre lang ein Paar. Manchmal erscheint mir das unvorstellbar: über 60 Jahre lang Alltag. Vielleicht lag gerade darin das, was sie zusammengebunden hat. Sie haben ihre Partnerschaft nicht mit der Erwartung überfordert, dass jeder Tag ein Fest sein müsse. Sie haben sich vom Alltagsgeschäft zusammennehmen lassen wie durch einen Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Sicher, das war auch nicht alle Tage so. Beide konnten aufeinander wütend sein und übereinander energisch den Kopf schütteln. Aber irgendwie schafften sie es, immer wieder in Einklang miteinander zu kommen. Ich denke das ist harte Arbeit. Und nicht selten ist es reines Glück, wenn es gelingt.

"Alltagsgeschäft von Thomas Meurer"

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Jeder Mensch, sagt eine alte, jüdische Überlieferung, benötige zwei Taschen. In der rechten müsse er einen Zettel mit den Worten aufbewahren: „Um meinetwillen wurde die ganze Welt erschaffen." In der linken Tasche müsse es ein Zettel mit der Botschaft sein: „Ich bin nur Staub und Asche."  In der Tat, beides brauchen wir. Etwas von dem Gefühl: Ich bin ganz wichtig. Ich bin der wichtigste Mensch auf Erden! Aber wenn es dabei bliebe, nur dabei, würden wir abheben und größenwahnsinnig werden... Deswegen brauchen wir ein Gegengewicht. Ich bin begrenzt, ich bin vergänglich, ersetzbar! Davon allein kann man allerdings auch nicht leben. Man würde schwermütig werden und verzweifeln. Wir brauchen beides. Eine gute Balance von Selbstgewissheit und Selbstbeschränkung. „Um meinetwillen wurde die ganze Welt erschaffen" und „ich bin nur Staub und Asche". Zwei Taschen. Zwei Zettel. Zwei Erinnerungen.

Von Waldemar Pisarski

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