Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

05APR2020
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Manchmal helfen die Worte von anderen. Sie öffnen einem die Augen, wenn man etwas nicht selbst ausdrücken kann und darum auch nicht sehen.

Heute am Palmsonntag beginnt die Karwoche. Christen erinnern an das Leid Jesu. Worte von anderen erzählen mir die Geschichte eines anderen: Eben war noch alles gut, er wird umjubelt. Aber dann ist alles gekippt: Jesus wird verhaftet, der Schauprozess und er stirbt. Aber diese Geschichte eines fremden, anderen hat so vielen Menschen geholfen, eigenes Leid auszudrücken und Krisen auszuhalten. Über das, was man ertragen muss, hinaus zu schauen.

Auch im Passionslied „O Traurigkeit, o Herzeleid“ haben zwei Menschen so auf Jesus geschaut. Im 30jährigen Krieg. Die erste Strophe ist von dem katholischen Priester Friedrich Spee. 

1) O Traurigkeit, o Herzeleid!
Ist das nicht zu beklagen?
Gott des Vaters einigs Kind
wird ins Grab getragen.

Spee hat in seinem Lied den Tod Jesu beklagt. Und wie. Es wirkt, als stelle er sich neben Gott, der um sein einziges Kind trauert. Und ich kann es mir nicht anders vorstellen. Wer sein Herz so öffnet für einen Vater im Himmel, der stellt sich auch zu menschlichen Eltern, die mit Kindern leiden oder trauern.

Diese Strophe von Friedrich Spee hat der evangelische Pfarrer Johann Rist ein paar Jahre später kennengelernt. Und eigene Strophen dazu geschrieben. Diese stehen heute im evangelischen Gesangbuch. Wie Spee sieht auch Johann Rist Gott, der leidet. Und möchte in Menschen die Kraft zum Mitleiden wecken. Nicht Hartherzigkeit macht uns aus, im Gegenteil. Rist nennt die Hartherzigkeit Sünde. Wer wir sind, zeigt sich in Krisen. 

2) O große Not!
Gotts Sohn liegt tot.
Am Kreuz ist er gestorben;
hat dadurch das Himmelreich
uns aus Lieb erworben.

3) O Menschenkind,
nur deine Sünd
hat dieses angerichtet,
da du durch die Missetat
warest ganz vernichtet.

Manchmal helfen die Worte von anderen, weil sie einem die Augen öffnen für Dinge, die man selbst nicht sehen kann. Die kommende Passionswoche und auch das Lied von Friedrich Spee und Johann Rist. Sie regen an, in allen leidenden Menschen Gott zu sehen. Gott, der mitleidet.
Im Mitleiden liegt auch eine Verheißung. Mitleiden kann aktiv machen. Mitleiden führt Menschen zusammen. Führt auch Gott zu den leidenden Menschen. Jedenfalls war das die Erfahrung von Johann Rist: Aktives Mitleiden überwindet Leid. Mitleid ist nicht ohnmächtig. Es ist eine Kraft, die aus Krisen herausführen kann. Mit Jesu Hilfe, so heißt es in der letzten Strophe bei Johann Rist.

4) O selig ist
zu aller Frist,
der dieses recht bedenket,
wie der Herr der Herrlichkeit
wird ins Grab versenket.

5) O Jesu, du
mein Hilf und Ruh,
ich bitte dich mit Tränen:
hilf, dass ich mich bis ins Grab
nach dir möge sehnen.

 

Musik 1 O Traurigkeit oder Herzeleid, track 90 aus CD 2/3 JS Bach
Chorales, Chamber Choir of Europe

Musiken 2 und 3  
O Traurigkeit O Herzeleid track 2 aus
CD „O Welt sieh hier Dein Leben“, Wilhelmshavener Vokalensemble Ltg Ralf Popken

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