Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Das Herz bekommt Besuch: Ich finde, das ist ein gutes Bild dafür, wie manchmal mein Leben – mein Fühlen, Denken und Handeln – von innen heraus verändert wird: 

Wenn ich wie aus dem Nichts eine neue Idee habe – oder auf einmal mein Zorn verebbt und Frieden einkehrt. Dann habe ich den Eindruck, dass mein Herz Besuch bekommt. 

Wenn das Herz freundlichen Besuch bekommt, dann ist Pfingsten, dann kommt der Heilige Geist: So verstehe ich diese erste Strophe des Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus“, die gerade erklungen ist. „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“, so hat Martin Luther sie ins Deutsche übersetzt, „besuch das Herz der Menschen dein, mit Gnaden sie füll, denn du weißt, dass sie dein Geschöpfe sein“.

Martin Luther kannte sich aus damit, wie es ist, wenn das Herz Besuch bekommt. Er hatte oft das Gefühl, solchen Besuch zu bekommen – allerdings nicht nur freundlichen Besuch, sondern auch ungebetenen, feindlichen, von „bösen Geistern“ und „Dämonen“, wie er das genannt hat. Für ihn war das Herz ein Kampfplatz zwischen Gut und Böse. Umso wichtiger war ihm die Bitte um Gottes freundlichen Geist, den Heiligen Geist. Deshalb hat er sich die lateinischen Worte des mittelalterlichen Pfingsthymnus zu eigen gemacht und frei ins Deutsche übersetzt. Damit alle verstehen konnten, wie kostbar Gottes Geist ist:

Denn du bist der Tröster genannt, des Allerhöchsten Gabe teur, ein geistlich Salb an uns gewand, ein lebend Brunn, Lieb und Feur‘.

Gottes Geist tröstet, er heilt wie eine Salbe, kühlt und belebt wie frisches Brunnenwasser, wärmt und erhellt wie Feuer. Und er wirkt nicht nur im Herzen, auf das Gefühl, sondern auf alle Dimensionen des Menschen:

Gottes Geist besucht Herz und Verstand – und hilft auch, meine Bedürfnisse zu steuern.

Plötzlich einen Zusammenhang zu verstehen, oder für einen Menschen da sein zu können, weil ich ihn lieben gelernt habe, oder die Kraft zu bekommen, etwas anzugehen, vor dem ich mich lange gedrückt habe – das ist eine Gabe, ein Geschenk. 

Wer oder was die schöpferische Kraft ist, aus der solche Gaben entspringen, darauf gibt es unterschiedliche Antworten. Ich nenne diese Kraft in der christlichen Tradition den „Heiligen Geist“. Ich freue mich, wenn er mein Herz besuchen kommt. Und ich bitte heute an Pfingsten darum mit den alten Worten: Veni creator spiritus – Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist!

 

 

 
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