Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 797 - Eigenteil Fulda /EG 11)

Eine Freundin von mir ist die perfekte Gastgeberin. Wenn ich bei ihr zum Essen eingeladen bin, läuft es immer besonders ab: Zur Begrüßung gibt es erst mal ein Getränk, der Tisch ist gedeckt, Blumen sind auf dem Tisch, Servietten in der passenden Farbe dazu. Und das Essen, das sie kocht, wird bei jedem Menü-Gang noch besser. Wenn ich bei ihr Gast bin, fühle ich mich rundum wohl. Sie versetzt sich in ihren Gast hinein und ahnt voraus, was mir guttut.

Wer das Lied singt, das ich heute vorstelle, beschäftigt sich auch mit diesem Thema: Wie soll ich dich empfangen? Der Dichter Paul Gerhardt hält diese Frage für so wichtig, dass er sie gleich am Beginn seines Liedes stellt. Wer einen Gast erwartet, soll sich vorbereiten, innerlich einstellen auf ihn. Wenn dieser Gast Gott ist, gilt das erst recht:

Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze
mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze,
mir kund und wissend sei.

 Wenn Gott zu Gast kommt, bleibt uns das meist verborgen. Johannes der Täufer, ein Zeitgenosse von Jesus, sagt es so: „Mitten unter Euch steht er, den ihr nicht kennt“. Gott kann als Freund, aber erst recht als Flüchtling oder Obdachloser anreisen. Das muss ich als Gastgeber einkalkulieren. Viele Gemeinden setzen das an Weihnachten um und veranstalten ein Festessen für Flüchtlinge, Asylanten, Obdachlose, einsame und verarmte Menschen.

Die letzte Strophe des Liedes spitzt diesen Aspekt noch weiter zu. Wenn Gott kommt, dann kommt er nicht zu einem Festessen, sondern um die Welt zu richten. Viel zu oft hat man den Leuten mit dem Jüngsten Gericht Angst gemacht. Ich verstehe das aber anders. Ich sehe ja, wie viel Ungerechtigkeit und Leid Menschen anderen Menschen zufügen. Sie machen sich gegenseitig in Diktaturen und Krieg das Leben zur Hölle. Da habe ich geradezu Sehnsucht nach einer Situation, die Gerechtigkeit schafft. Und so stelle ich mir das Richten vor: Gott wird Gerechtigkeit schaffen. Dazu muss er nicht mal strafen. Es ist ja schon Strafe genug, wenn ich mit den Folgen dessen leben muss, was ich mit meinem Verhalten bewirke. Es ist nicht egal, wie ich mich verhalte. Aber wie ich dazu stehe, dass Gott kommt, ist entscheidend. In der 10. Strophe  heißt es dazu: Gott kommt „zum Fluch dem, der ihm flucht“ und „mit Gnad […] dem, der ihn liebt und sucht“.

Es kommt also gar nicht als Scharfrichter, sondern als einer, der aufrichten und heilen will. Und das Böse entfernt. Wenn Gott an Weihnachten kommt und seinen Sohn als Geschenk mitbringt, dann richtet mich das auf und macht mich innerlich groß. Ihn zu empfangen, heißt dann für mich, dass ich mich am Heiligabend vor der Bescherung für eine Viertelstunde ausklinke. Ich mache einen Spaziergang, und denke darüber nach, wo ich mich klein fühle und wo Gott mich heute aufrichtet, mir meine echte Größe schenkt:

Ich lag in schweren Banden,
du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht lässt verzehren,
wie irdisch Reichtum tut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23300