Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Ach Gott, vom Himmel sieh darein! Mit diesem Stoßseufzer beginnt das heutige Lied zum Sonntag. Ach Gott, in der Welt geht es schlimm zu! Menschen werden verfolgt, auch wegen ihres Glaubens. Sieh es dir an, Gott, schau von deinem Himmel auf die Erde und hilf uns!

„Ach Gott, vom Himmel sieh darein und lass dich des erbarmen,
wie wenig sind der Heilgen dein, verlassen sind wir Armen.“

Das Lied ist von Martin Luther. Ein Hilferuf mitten in dem Kampf um eine Reformation der Kirche. Gut dreihundert Jahre später, im Jahr 1832, lag Luthers Lied in Berlin auf dem Schreibtisch eines jungen Komponisten. Felix Mendelssohn war gerade dreiundzwanzig, doch schon berühmt und vom Erfolg verwöhnt. Aber offenbar kannte er auch Angst und Not:

Eine geradezu bedrohliche Stimmung, wie ein aufziehendes Gewitter. Männer und Frauen rufen in Not, sie suchen nach Halt und Hilfe. Felix Mendelssohn schrieb diese Musik als frommer evangelischer Christ. Dabei ist er erst mit sieben Jahren getauft worden. Vorher war er Jude. Und hat auch nach der Taufe noch erlebt, wie man vor ihm ausspuckte und ihn als „Judenjungen“ beschimpfte. Vielleicht hat er sich daran erinnert, als er die folgenden Worte vertonte: „Sie lehren eitel falsche List.“ Heimtückisch schleichen diese Leute heran und bringen alles durcheinander:

„Sie lehren eitel falsche List.“

Mendelssohns Musik wird erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt. Vor allem seine Kirchenmusik. Denn nicht nur während des Nationalsozialismus waren viele überzeugt: Ein Jude kann keine Kirchenmusik schreiben!

Das sind die, von denen es im Lied heißt: „Sie lehren eitel falsche List.“ Diese falsche Lehre gibt es auch heute noch. Den Streit zwischen evangelischen und katholischen Christen, der Martin Luther beschäftigte, den haben wir ausgeräumt. Die Judenfeindschaft, unter der Mendelssohn litt, immer noch nicht. Und aktuell wird zwischen Christen und Muslimen immer mehr Misstrauen und Hass gesät. Hört das denn nie auf?!

Mendelssohns Musik schildert die Verfolger, die ihrer Sache so sicher sind. Doch am Ende greift Gott ein. Mit Pauken und Trompeten!

 „Darum spricht Gott: »Ich muss auf sein,
d
ie Armen sind verstöret;
ihr Seufzen dringt zu mir herein,
i
ch hab ihr Klag erhöret.
Mein heilsam Wort soll auf den Plan,
getrost und frisch sie greifen an
und sein die Kraft der Armen.«
Ach Gott, vom Himmel sieh darein!

Manchmal wünsche ich mir, dass Gott eingreifen würde, mit Pauken und Trompeten. Doch dann denke ich mir: Gott sieht uns. Und er wartet darauf, dass wir den Hass und die Vorurteile überwinden. Wo immer eitel falsche List gelehrt wird. Gott gibt uns die Kraft, etwas Gutes dagegenzusetzen.

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Musikangaben:

Musiktitel 1 M0354346-015:
Krebs, Johann Ludwig:
Ach Gott, vom Himmel sieh darein
C
horalbearbeitung für Singstimmen
Kammerchor Michaelstein; Döring, Sebastian

Musiktitel 2 M0116704-006-009:
Mendelssohn Bartholdy, Felix; Luther, Martin:
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (1. Satz)
Choralkantate für Bariton, Chor und Orchester.
Kammerchor Stuttgart; Deutsche Kammerphilharmonie Bremen;Bernius, Frieder


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