Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 452

Der Herr wird dich mit deiner Güte segnen,
er zeige freundlich dir sein Angesicht,
der Herr wird mit Erbarmen dir begegnen,
und leuchten soll dir seines Friedens Licht. 

Der Herr ist Gott, er schuf das Universum,
er hauchte Leben ein in Meer und Land.
Er schuf auch dich und gab dir einen Namen.
Geschrieben stehen wir in Gottes Hand.

GL 452 

(Aufnahme aus der CD: Frische Lieder aus dem Gotteslob“Bennoverlag) 

Freundlich angeschaut zu werden, das tut gut. Es vermittelt uns: Du bist willkommen, ich bin dir wohl gesonnen. Oft entscheidet sich schon im ersten Augen-Blick, wie sich eine Beziehung weiterhin gestalten wird. Ein offener Blick lädt uns ein, uns ebenfalls zu öffnen. Bei einem abweisenden oder desinteressierten Blick ziehen wir uns schnell zurück. Was zwischen den Menschen wichtig ist, gilt erst recht für die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Wie schaut Gott den Menschen an?

In einem Segenswort aus dem Alten Testament heißt es: 

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil. 

Diese Segensworte  sind zu einem Lied geworden, um das es heute morgen gehen soll: 

Der Herr wird dich mit deiner Güte segnen,
er zeige freundlich dir sein Angesicht,
der Herr wird mit Erbarmen dir begegnen,
und leuchten soll dir seines Friedens Licht 

Segen - Güte – Erbarmen – das sind Worte, die fast nur noch im religiösen Sprachgebrauch vorkommen. Für manche mögen sie überholt klingen - aber mir bedeuten sie etwas. Sie wecken in mir das Vertrauen, dass Gott nicht eine fremde Macht ist, vor der ich mich fürchten müsste. Ich kann Gott vertrauensvoll begegnen und das stärkt mein Grundvertrauen ins Leben. Weil ich glaube, dass Gott mein Leben segnet, kann ich in vielen kleinen und großen Momenten sein Wirken und seinen Segen entdecken – etwa wenn morgens die Sonne aufgeht oder  wenn mir jemand freundlich begegnet. Und auch schwierige Erfahrungen können dieses Grundvertrauen nicht ganz zerstören. 

Der Herr ist Gott, er schuf das Universum,
er hauchte Leben ein in Meer und Land.
Er schuf auch dich und gab dir einen Namen.
Geschrieben stehen wir in Gottes Hand. 

Ganz am Anfang der Bibel wird erzählt, wie Gott die Welt erschaffen hat. Am Ende jedes Schöpfungstages heißt es immer wieder: „und Gott sah, dass es gut war.“ Darin zeigt sich eine tiefe Zuversicht: die Welt ist kein kalter Kampfplatz, wo nur die Macht des Stärkeren regiert.

Vielmehr ist Gottes Güte wie ein Wasserzeichen in unsere Welt eingeprägt. Alles Gute, das wir im Leben erfahren, können wir als Zeichen von Gottes Güte begreifen. Das verändert das Lebensgefühl. Dass unser Leben glückt, ist dann nicht selbstverständlich – es ist ein Geschenk. 

Aber was ist, wenn unser Leben nicht glückt? Wenn Lebensträume sich nicht erfüllen? Wenn Beziehungen zerbrechen? Wenn uns eine schwere Krankheit bedroht? Hat uns Gott dann seinen Segen entzogen? Gerade religiöse Menschen ringen oft mit ihrem Gott. Warum zeigt er ihnen seine Güte nicht? Sind sie nicht gesegnet? 

Es ist eigentümlich: Gott erwählt gerade die, die nicht  auf der Sonnenseite des Lebens stehen.  Abraham zum Beispiel ruft er aus einer sicheren Existenz in ein unstetes Wanderleben.

„Ich will dich segnen“ – sagt Gott zu ihm. „Du sollst Stammvater eines großen Volkes werden“.  Doch Abraham merkt ganz lange gar nichts davon. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass er endlich den ersehnten Sohn bekommt. Aber Abraham erfährt etwas anderes. Gott ist mit ihm unterwegs. Immer wieder ist er Abraham ganz nah. Als Abraham resigniert mit seinem Lebenswunsch abschließen will, da führt Gott ihn in die Nacht hinaus und sagt ihm: so viele Sterne wie du am Himmel siehst, so groß wird dein Volk sein. 

Abraham ist tatsächlich zu einem Stammvater geworden – seine Nachkommen sind aber weit mehr als seine Kinder und Kindeskinder. Es sind alle, die Gott als einen entdeckt haben, der ganz nahe ist - in den glücklichen und in den schmerzlichen Stunden. Wer dabei Gottes Gegenwart ahnt und spürt, der ist gesegnet.

 

 

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