Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Kaum zu glauben, dass sie einmal in derselben Burschenschaft waren: Der ernste Liederdichter Philipp Spitta, dessen Lied Ich steh in meines Herren Hand wir gerade gehört haben, und der genial-spöttische Heinrich Heine. Und doch, die beiden waren eng befreundet miteinander. Während ihrer gemeinsamen Zeit in Göttingen dichtet Heine sein berühmtestes Lied: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten:

Philipp Spitta hatte nicht viel Geld, sein Vater war jung gestorben. Theologie studieren durfte Spitta  nur wegen eines tragischen Unglücksfalls. Sein Bruder, der eigentlich Theologie hatte studieren sollte, war ertrunken. Das Geld, das für das Studium des Bruders vorgesehen war, stand nun Philipp Spitta zur Verfügung, der sein Studium in Göttingen begann. Heine und Spitta müssen sich sehr nahe gestanden haben, diese beiden jungen, so unterschiedlichen Männer. Heinrich Heine lieh 20 Taler, das war viel für die damalige Zeit, seinem Freund Philipp, damit der sich eine Harfe kaufen konnte.

Die Freundschaft zwischen Heine und Spitta war tief, oft besuchte Heine Philipp in Lüneburg, wo Spitta als Hauslehrer tätig war. Man musizierte unter dem Lindenbaum. Irgendwann zerbrach dann die Freundschaft zwischen Spitta und Heine. Es heißt, Spitta habe die derben Witze von Heine nicht mehr gutheißen können.

Vielleicht war es aber auch so, dass Heine mit der Gottergebenheit seines Freundes ebenso wenig klarkam wie der mit Heines Mut zum Widerstand. Jedenfalls hätte Heine sicher niemals die Strophe 3 von Spittas Lied unterschreiben können, denn Demut und Stille halten war ganz gewiss nicht Heines Sache:

Trotzdem: Ich hätte es schön gefunden, wenn die Freundschaft zwischen Heine und Spitta die Unterschiedlichkeit der beiden Männer hätte aushalten können. Wenn die beiden hätten weiter miteinander reden und musizieren und dichten können. Ich glaube: Es hätte ihnen gut getan. Ich persönlich bin sehr glücklich darüber, dass ich Freunde habe, die ganz anders sind als ich. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Freundschaften zerbrechen können. Das hat mir oft sehr wehgetan, manchmal habe ich aber auch deutlich gespürt, dass wir uns einfach zu sehr entfernt hatten. Ähnliche Erfahrungen machen Menschen auch mit Gott. Manche Menschen haben mir erzählt, dass ihnen die Beziehung zu Gott verloren gegangen ist im Lauf ihres Lebens. Einige waren traurig darüber, andere vermissen nichts. Philipp Spitta dichtete: Was er verspricht, das bricht er nicht, er bleibet meine Zuversicht. Es ist ein Geschenk, wenn man Gott so vertrauen kann. So wie eine Freundschaft zu einem Menschen ein großes Geschenk ist. Selbstverständlich ist es nicht.

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