Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Du bist am Leben! Du atmest! Du siehst das neue Tageslicht!
Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht, finde ich: jeden Morgen aufzuwachen, die Augen aufzuschlagen und neu den eigenen Atem zu spüren.
Die Finsternis der Nacht ist überwunden. Träume und Albträume sind verweht. Der helle Tag hat dich wieder. Das ist wie eine Auferstehung. Jedenfalls Grund genug für ein Morgenlied.
Das  Lied, das ich ihnen heute Morgen mitgebracht habe, stammt von Johannes Mühlmann. Er wurde 1573 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Pegau bei Leipzig geboren. Er selbst ergriff auch den Pfarrerberuf, später war er Professor der Theologie in Leipzig. Besonders als Verfasser geistlicher Lieder hat er sich einen Namen gemacht. Nach einer schmerzhaften Krankheit starb er bereits mit vierzig Jahren im November 1613.
Johann Sebastian Bach hat den Text von Johannes Mühlmann musikalisch zum Leben erweckt und ihm eine Melodie verliehen, die beflügelt.

Dank sei Gott in der Höhe
In dieser Morgenstund',
Durch den ich wied'r aufstehe
Vom Schlaf frisch und gesund!
Mich hatte fest gebunden
Mit Finsternis die Nacht,
Ich hab' sie überwunden
Durch Gott, der mich bewacht.

„Jeder Morgen“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben, „ist ein neuer Anfang unseres Lebens. Jeder Tag ist ein abgeschlossenes Ganzes. .. In die ersten Augenblicke des neuen Tages gehören nicht eigene Pläne und Sorgen, auch nicht der Übereifer der Arbeit, sondern Gottes segnende Nähe.“
Mehr als vierhundert Jahr vorher hat Johannes Mühlmann die Morgenstunde in ganz ähnlicher Weise erlebt. Als Schwelle zu einem neuen Anfang. Als Chance, die gestrigen Schatten hinter sich zu lassen. Als Möglichkeit zu einem Aufbruch zu neuen Ufern.
Ein solches Leben kann nicht gelingen aus eigener Kraftanstrengung. Sondern nur gestärkt durch die Verbindung zu dem, was Kraft schenkt. Am Ende des Liedes steht darum das Bild einer innigen Beziehung: zwischen den Reben und dem Weinstock. Es stammt aus dem Johannesevangelium, wo Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, bringt viel Frucht.
Ein Bild, das mir heute sagt: Sondere dich nicht ab! Bleibe in Verbindung! Mit dem Schöpfer, der dir jeden Morgen ein neues Erwachen schenkt. Mit den Menschen, die Dir gut tun. Und mit denen, für die Du etwas Gutes tun kannst.

Wir sind die zarten Reben,
Der Weinstock selbst bist du,
Daran wir wachs'n und leben
Und bringen Frucht dazu.
Hilf, daß wir an dir bleiben
Und wachsen immer mehr,
Dein guter Geist uns treibe
Zu Werken deiner Ehr'!

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„Dank sein Gott in der Höhe“,
track 8 aus CD 1 „Ein Choralbuch für Johann Sebastian“
BMS (Bohemian Music Service)  
EAN  859 0646 41952 3
MM4093-2

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