Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 256 / EG 37

Fünf Tage ist er her, der Heilig Abend. Und wieder war die Geschichte von Maria und Josef  für mich schön und anrührend. Allein schon das überfüllte Bethlehem mit seinen vollen Wirtshäusern, der Stall mit Ochs und die raubeinigen Hirten mit ihren Schafen.

Der evangelische Kirchenlieddichter Paul Gerhardt allerdings braucht nichts von all den Äußerlichkeiten, um anzurühren. In einem seiner Weihnachtslieder geht es um das „Ich“ und das „du“ – nur das spielt für ihn eine Rolle. Wer dieses Krippenlied von Paul Gerhard hört, wird schnell hineingezogen in eine warme Atmosphäre: „Ich, Jesus, komme zu dir. Sonst brauche ich nichts.“

Ich steh an deiner Krippen hier,

O Jesu, du mein Leben,

ich komme, bring und schenke dir,

was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

Und lass dir´s wohl gefallen.

(Dorothee Mields, Beate Röllecke, 2006, M0233428)

Paul Gerhardt hat sein Krippenlied nicht für volle Weihnachtsgottesdienste geschrieben, es ist dazu gedacht, dass man es alleine, für sich persönlich betet oder singt. Wer das tut, der beginnt ein Gespräch mit dem Kind. Er oder sie wird zum „Ich“ im Lied und das Jesuskind zum „Du“.

Im Advent 1943 hat ein Gefangener dieses Lied genauso meditiert. Er hatte nur das Lied – ohne weihnachtliche Stimmung oder den Blick auf eine schöne Krippe. Dietrich Bonhoeffer schreibt in seiner Gefängniszelle: „In diesen Tagen habe ich das Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“ für mich entdeckt. Ich hatte mir bisher nicht viel daraus gemacht. Man muss wohl lange allein sein, um es aufnehmen zu können. Ein klein wenig mönchisch-mystisch ist es. Denn: Neben dem Wir, gibt es also doch ein ,Ich und Christus´.“

Bonhoeffer schreibt an einer anderen Stelle, dass der, der lange darüber meditiert, wie das Kind zu ihm steht, der wird ein bisschen so werden wie das Kind. Er meint also, dass das Kind „abfärben“ kann, auf den, der bei ihm stehen bleibt. Vielleicht ist es dann so: Wenn ich wirklich begreife, was mir das Jesuskind zeigt, dann verändere ich mich. Wenn ich glaube, dass Gott mir in diesem Kind seine Liebe zeigt, dann kann ich selber auch mehr lieben. Nicht automatisch und sofort, aber doch Stück für Stück immer mehr – oder Strophe für Strophe. Wichtig ist nur, dass ich „dran bleibe“ oder eben: bei dem Kind stehen bleibe.

Paul Gerhardt „bleibt“ in seinem Krippenlied „dran“. Er beschreibt nämlich Strophe für Strophe, wie groß die Liebe ist, die in diesem Jesuskind steckt. So heißt es in der zweiten Strophe: „Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“

Der Gefangene Dietrich Bonhoeffer schreibt dazu, dass „man wohl lange allein sein muss“, um das zu verinnerlichen. Und vielleicht muss man dazu auch etwas weg lassen: Ochs und Esel zum Beispiel, oder die vielen Hirten und Schafe. „Ich und Christus“ –das ist schon genug.

                            Ich sehe dich mit Freuden an,

                            und kann mich nicht satt sehen.

                            Und weil ich nun nichts weiter kann,

                            bleib ich anbetend stehen.

                            O dass mein Sinn ein Abgrund wär

                            Und meine Seel ein weites Meer,

                            dass ich dich möchte fassen!

                            (Berlin Voices, 2010, M0266537)

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