Manuskripte

21MAI2019
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Ich kann mich in diesen Wochen kaum satt daran sehen: An diesem fantastischen Grün an den Bäumen und Sträuchern. Es ist eine Farbe, die mir richtig das Herz aufgehen lässt. Immer wieder nach dem langen Winter staune ich darüber, wie die Bäume neue Blätter tragen und grün leuchten. Aber dieses Jahr find ich es irgendwie besonders großartig. Vielleicht hat es damit zu tun, dass es im letzten Jahr im Mai schon so heiß und trocken war. Ich kann mich kaum erinnern, dass mir das Grün da so ins Auge gesprungen ist. Aber dieses Jahr, mit dem Regen, der immer wieder gefallen ist: Da konnte sich das Grün in der Natur prächtig entfalten. Es strahlt richtig Kraft aus, finde ich. Es gibt mir Kraft. 

Grünkraft, das ist ein Wort aus den Schriften der heiligen Hildegard von Bingen, das mir in diesen Maitagen in den Sinn kommt. Grünkraft: Damit meint die heilige Hildegard die Kraft, mit der Gott die Welt erschaffen hat –  aber auch die Kraft, die im Menschen wirkt, die ihm gut tut und ihn selbst schöpferisch werden lässt. 

Der Mensch in seinem Innern und die Natur, die ihn umgibt: Die sind bei Hildegard von Bingen eng miteinander verbunden, sie wirken aufeinander. Und das kann ich jetzt im Mai besonders gut nachvollziehen. Es tut meiner Seele einfach gut, dieses Grün zu sehen. Die Bäume und Sträucher, die grün leuchten, sie hellen meine Stimmung richtig auf. Und das Grün lässt mich auch dankbar sein: für diese Natur, die Gott geschaffen hat, für das Leben, das im Frühjahr und Frühsommer so kraftvoll wiederkommt. „Danke, Gott!“ sag ich jetzt manchmal, einfach nur, wenn ich aus dem Fenster und in die Bäume schaue. 

Ich gehe in diesen Maiwochen immer wieder ganz bewusst raus ins Grüne. Genieße es, mich unter einen Baum zu setzen oder durch eine Allee zu spazieren, den Blick immer wieder in die hellen Baumkronen über mir. Ich glaube daran: Gott hat dieses Grün geschaffen. Auch, damit ich Mensch mich daran freue und daraus Kraft schöpfe. Grünkraft.

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20MAI2019
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Gestern vor einer Woche hab ich demonstriert, und zwar nicht gegen etwas, sondern für etwas. Und das war besonders schön. Auf dem Mainzer Gutenbergplatz hab ich für Europa demonstriert, zusammen mit etlichen hundert anderen Menschen. Es gab ein paar Reden, aber vor allem haben wir alle zusammen gesungen. Zuerst das Lied von Queen „Friends will be friends“. Und dann: die „Ode an die Freude“ von Ludwig van Beethoven, die Melodie der Europahymne. Da hatte ich zum ersten Mal einen kleinen Kloß im Hals. Und dann noch einmal: Als ich meinen beiden Neffen beobachtet hab, sechs und neun Jahre alt, wie sie mit den Europaflaggen in der Hand auf dem Platz standen und sie energisch durch die Luft schwenkten, die blauen Flaggen mit den zwölf goldenen Sternen drauf.

Mir ist dabei so richtig bewusst geworden: Ich will, dass meine beiden Neffen in einem friedlichen Europa aufwachsen und leben können. In fünf Jahren und auch noch in fünfzig Jahren. Ich will, dass in diesem Europa auch in Zukunft Menschen freundlich und tolerant und friedlich miteinander auskommen. Europa, das ist ja ein solch großartiges Projekt, eine solch fantastische Entwicklung: Länder, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte bekriegt haben, mit Millionen Toten: Die haben Frieden miteinander geschlossen. Sich zusammen getan. Sie planen ihre Politik und ihre Gesetze zusammen und nicht mehr jeder für sich und womöglich gegeneinander. Und die Menschen in Europa, sie reisen hin und her und lernen sich kennen, und die jungen Leute machen ihre Ausbildung in den Nachbarländern. Wer weiß, wo meine Neffen einmal landen. Ich finde das großartig. 

Es waren von Anfang an auch christliche Politiker und Engagierte, die an diesem Europa gebaut haben. Und für mich ist das auch das wirklich Christliche in unserem Land und Abendland: Dass wir tolerant und friedlich und über die Grenzen hinweg freundlich miteinander umgehen. Ein christliches Europa: In dem denken nicht einzelne Länder nationalistisch nur an sich, so wie auch kein Mensch nur an sich denken soll. In einem christlichen Europa halten wir zusammen und stehen füreinander ein. Und halten christliche Gastfreundschaft hoch. Gestern vor einer Woche hab ich für Europa demonstriert und gesungen, das war mir wichtig. Und nächsten Sonntag werd ich auf jeden Fall für Europa wählen gehen.

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„Ist doch egal“, sagt mein sechsjähriger Neffe im Moment öfter, wenn Mama oder Tante etwas von ihm wollen, was er gerade gar nicht will. Sich bei seinem großen Bruder entschuldigen zum Beispiel oder das Zimmer aufräumen oder mithelfen beim Tischdecken. Ist doch egal! Der Spruch bringt mich als Tante auf die Palme. „Nein, das ist nicht egal!“ Sage ich dann. Weil es mir gerade wichtig ist, aber auch weil ich denke: Es ist grundsätzlich richtig, dass sich der Neffe entschuldigt, wenn er jemandem weh getan hat. Und dass er mithilft in der Familie und Verantwortung übernimmt.

Aber ehrlich gesagt: Ein bisschen verstehen kann ich ihn natürlich auch. „Ist doch egal“, das möchte ich auch manchmal sagen, wenn andere etwas von mir wollen oder eine Aufgabe zu erledigen ist. Im Kleinen wie im Großen. Wenn ich meine Küche aufräumen muss oder im Job etwas ansteht, worauf ich gerade keine besondere Lust habe. Oder auch, wenn ich denke: Ich müsste die Welt mit verbessern, mich mehr engagieren. Dann geht mir durch den Kopf: Was ändert es schon, wenn ich das jetzt nicht gleich erledige? Oder auch: Was bringt das, wenn ich als Einzelne damit loslege? Im Büro einer Kollegin steht die schöne Karte mit dem Ausspruch: „Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal!“ Und darin steckt ja auch was ziemlich Wahres: Ich muss nicht ständig und sofort aktiv werden. Ich darf auch mal gelassen und träge bleiben.

Und trotzdem: Wenn ich mich zu sehr gemütlich einrichte in meiner Gelassenheit, dann wird daraus womöglich eine richtige Gleichgültigkeit. Dann ist es mir egal, wie die Welt um mich herum aussieht. Und das ist nicht gut. Ich will mich empören über Ungerechtigkeiten. Ich will wahrnehmen, was die Menschen um mich herum brauchen. Auch, wenn das manchmal anstrengend ist. „Nein, das ist nicht egal!“ Das sage ich nicht nur zu meinem Neffen. Sondern manchmal auch zu mir selbst.

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Irgendwann bekam ich von meiner Nachbarin ein Bild aufs Handy geschickt, von unseren Briefkästen. Sie hatte nur einen Smiley dazugesetzt. Und ich hab mich wirklich richtig gefreut über dieses Bild. Auf unseren Briefkästen unten im Treppenhaus, acht an der Zahl, waren nämlich acht Aufkleber zu sehen. Und auf denen stand jeweils zu lesen: „Keine Werbung oder kostenlose Werbezeitung“.

Die Aufkleber gingen auf mich zurück. Immer wieder hatte ich mich in den letzten Jahren über die Stapel an Werbebriefen und Werbezeitungen im Treppenhaus geärgert. So viel Plastik und Papier. Und kaum jemand aus dem Haus schien es wirklich zu nutzen, die Stapel lagen eine Weile auf der Treppe herum und wanderten schließlich ungesehen in den Abfalleimer. Anfang des Jahres hab ich dann endlich einen guten Vorsatz umgesetzt: Ich hab allen Nachbarn einen freundlichen kleinen Brief in den Kasten geworfen, mit einer kleinen Schokolade und – diesem Aufkleber vom Umweltzentrum, auf dem steht: „Keine Werbung oder kostenlose Werbezeitung“. „Ich würd mich freuen, wenn wir bei uns im Haus zu mehr Müllvermeidung beitragen könnten“, stand in meinem Brief. Nach zwei Wochen war es soweit, das Bild von der Nachbarin auf meinem Handy zeigte es: Alle Briefkästen zierte dieser Aufkleber.

Und wirklich: Seitdem ist unser Treppenhaus frei von Werbeprospekten. Ich freu mich jedes Mal drüber, wenn ich die leere Treppe rauf oder runter gehe. Es sieht nicht nur schöner aus. Es trägt eben auch zu weniger Papier- und Plastikmüll bei. Der viele Müll ist ein riesiges Problem, gegen das immer mehr Menschen etwas tun. Sie verzichten beim Einkaufen auf Plastiktüten oder auch auf die Einwegbecher für den Kaffee. Und für viele Menschen – für mich auch – hat das auch was mit dem Glauben zu tun: Weniger Müll, das ist gut für Gottes Schöpfung, das „gemeinsame Haus“, wie Papst Franziskus es in seinem Schreiben über die Umwelt sagt. Das gemeinsame Haus Erde schützen und bewahren: Das fängt für mich im eigenen Haus an, zum Beispiel in meinem Treppenhaus.

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Die Berichte über den Missbrauch in der katholischen Kirche: Sie haben mir in den letzten Monaten und Jahren immer wieder die Tränen in die Augen getrieben. Aber auch die Zornesröte ins Gesicht. Wie viele Menschen haben Furchtbares erlebt, und das ausgerechnet durch Kirchenleute, denen sie oder ihre Eltern vertraut haben. Und wie schrecklich, dass andere Kirchenverantwortliche, Bischöfe, Personalchefs, weggeschaut, versetzt und vertuscht haben, statt sich darum zu kümmern, dass der Missbrauch aufhört und die Betroffenen Hilfe bekommen. Viele Menschen haben sich noch ein zweites Mal missbraucht gefühlt: Dadurch, dass ihnen nicht geglaubt wurde, ihnen keiner zugehört hat.

Das ändert sich immerhin gerade. In allem Entsetzen bin ich froh, dass sich in der katholischen Kirche endlich etwas tut. Hochrangige Kardinäle werden aus dem Priesterstand entlassen, Personalakten neu ausgewertet, Bischöfe und auch der Papst treffen sich mit Missbrauchsopfern, hören wirklich zu. Und es gibt Sondersitzungen, wie etwa das katholische Gipfeltreffen gegen den Missbrauch in den letzten Tagen in Rom. In der Kirche wird auch darüber gesprochen und gestritten, was sich grundsätzlich und strukturell ändern muss – zum Beispiel, was den Zölibat angeht oder die Beteiligung der Frauen an Ämtern und Verantwortung. Es geht vieles viel zu langsam, und es gibt Widerstände von Kirchenmännern, die nicht wollen, dass sich etwas ändert, die an Machtstrukturen und Männerbünden festhalten wollen.

Aber ich habe die Hoffnung, dass sich diejenigen durchsetzen werden, die die katholische Kirche wirklich verändern wollen. Weil ich daran glaube, dass der Geist Jesu – trotz allem – in dieser Kirche wirkt. Und Jesus hat Menschen nicht kleingemacht, zum Schweigen gebracht – sondern er hat sie aufgerichtet, ihre Geschichten ernst genommen, sie vor Angriffen anderer bewahrt. Er wollte, dass die Menschen „Leben in Fülle“ haben. Und ich bin davon überzeugt: Jesus wollte auch eine Gemeinschaft, eine Kirche, in der nicht einzelne Macht haben und missbrauchen, sondern in der viele bevollmächtigt sind, schon durch die Taufe. Eine Gemeinschaft, in der Frauen und Männer gemeinsam Verantwortung tragen und Leitung ausüben. Ich hoffe und bete dafür, dass meine katholische Kirche sich in diesem Sinne weiter verändert. Und dass sie dem Missbrauch in ihren Reihen Einhalt gebietet.

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Heute Abend werden vermutlich einige Leute ihre Stiefel vor die Wohnung stellen. Oder Strümpfe an die Türklinke hängen. Vielleicht nicht nur Kinder. Morgen ist nämlich der Tag des heiligen Nikolaus. Und da kann es passieren, dass Stiefel oder Strümpfe sich über Nacht mit Süßigkeiten füllen. Oder im Büro wie aus dem Nichts Schokoladen-Nikoläuse auf den Schreibtischen auftauchen. Geschenke sind besonders, wenn man nicht genau weiß, von wem sie eigentlich kommen.

Der heilige Nikolaus damals ist übrigens für genau solch eine Art von Schenken bekannt geworden. Die Legende erzählt: Ein verarmter Mann hatte nicht genügend Geld, um seine drei Töchter zu verheiraten, und er hatte vor, sie deswegen notgedrungen zu Prostituierten zu machen. Nikolaus, der noch nicht Bischof war und ein größeres Vermögen von seinen Eltern geerbt hatte, erfuhr von der Not der Familie. Eines nachts hat er heimlich drei Goldklumpen durch die Fenster der drei jungen Frauen geworfen. Und sie dadurch vor ihrem Schicksal bewahrt. Die Familie hatte wieder genug Geld für ihre Zukunft. Durch die Überraschungsgeschenke des heiligen Nikolaus.

Geschenke, die einfach so kommen, unerwartet: Die lösen besondere Freude aus. Und das nicht nur in der Familie oder bei Freunden. Sondern erst recht bei Fremden. Ich muss an das strahlende Kind denken, mit dem ich vor kurzem im Zug meine Schokolade geteilt habe. Oder an meine eigene Freude, als ich am Bretzelstand kein Kleingeld hatte und die fremde Frau hinter mir einfach sagte: „Ach lassen Sie, ich spendier Ihnen die Bretzel! Wollen Sie noch etwas?“ Und ich erinnere mich auch an den Obdachlosen, dem ich am Frankfurter Hauptbahnhof ein Sandwich und eine Cola spendiert habe. Wie seine Augen geleuchtet haben. Mit dem Sandwich in der Hand hat er mir erzählt, wie viele Leute er schon angesprochen hat. Und wie groß sein Hunger ist.

Geschenke, die Menschen zum Strahlen bringen. Und Geschenke, die Not lindern. Die hätten auch dem heiligen Nikolaus gefallen.

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Warten können: Das fällt vielen Menschen schwer, gerade vielleicht in heutiger Zeit. Internet und Handy machen es möglich, dass wir die Dinge immer schneller bekommen. Wir müssen nicht mehr warten, bis die Geschäfte offen haben, um etwas zu kaufen, das geht mit einem Klick im Netz. Und wir müssen uns auch nicht mehr gedulden, bis jemand zuhause am Telefon angekommen ist, wir erreichen ihn heutzutage mit dem Handy jetzt und sofort. Auf etwas warten: Das scheint immer mehr aus der Mode zu kommen und ist ziemlich verpönt.

Dabei gibt es auch die wunderbaren Seiten des Wartens: die Vorfreude zum Beispiel. Wenn ich im Restaurant sitze und auf eine Freundin warte, die ich lange nicht gesehen habe: Dann ist das Warten wunderbar. Warten kann auch geschenkte Zeit sein: Wenn ich zum Beispiel darauf warte, dass mein Essen auf dem Herd fertig wird und mir dabei eine Viertelstunde Zeitunglesen gönne, wozu ich sonst kaum komme: Dann tut mir Warten richtig gut. Und schließlich: Warten können ist wichtig, wenn es um die wichtigen Dinge des Lebens geht: Kinder zum Beispiel oder die Natur. Die darf ich nicht drängen, auf die muss ich warten.

Es gibt dazu eine Geschichte, an die muss ich gerade heute denken, am Barbaratag: Die heilige Barbara, so wird erzählt, ist wegen ihres Glaubens ins Gefängnis geworfen worden. Auf dem Weg in die Zelle ist sie an einem kahlen, winterlichen Zweig hängengeblieben. Den hat sie mitgenommen und in ihren Trinknapf gestellt. Sie hat ihm Wasser gegeben und gewartet, und dann ist dieser kahle Zweig mitten im Winter erblüht. Ein Zeichen für Leben und Auferstehung. Und ich finde: auch ein Zeichen dafür, dass sich Warten lohnen kann. Viele Menschen stellen sich heute, am 4. Dezember, Kirschzweige in die Wohnung – und hoffen darauf, dass sie an Weihnachten blühen. Die Barbarazweige stehen für mich auch dafür: Es ist gut, Dinge nicht sofort und auf der Stelle haben zu wollen. Sondern: die Vorfreude auszukosten. Hoffen und warten zu können.

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Jetzt hat er also wieder gestartet, der Advent. Und alle Jahre wieder erlebe ich diesen verrückten Widerspruch: Einerseits möchte ich, dass es im Advent ein bisschen ruhiger zugeht. Ich sehn mich nach ruhigen Momenten mit Kerzenschein, Adventskalender und Gemütlichkeit. Andererseits renne ich in diesen Wochen bis Weihnachten erst recht herum. Für viele ist der Advent eine besonders hektische Zeit. Weihnachtsgeschenke besorgen, diverse Adventsfeiern besuchen, im Büro noch die letzten To-Dos des Jahres abarbeiten. Alle Jahre wieder überleg ich: Wie krieg ich es bloß hin, den Advent ruhiger zu erleben?

Was mir in den letzten Jahren oft geholfen hat: Dinge wegzulassen. Mir weniger vorzunehmen. Eine Freundin von mir hat vor Jahren schon erzählt: „Wir gehen nicht mehr zu jeder Adventsfeier. Und wir backen keine zehn Sorten Plätzchen. Und Geschenke gibt es auch nicht mehr von jedem für jeden, zumindest bei uns Erwachsenen.“ Das ist mir hängengeblieben, und seitdem versuche ich es im Advent auch: Dinge wegzulassen. Den Druck ein wenig rauszunehmen. Wir haben zum Beispiel in der Familie auch ausgemacht: Die Erwachsenen schenken sich nichts mehr gegenseitig. Wir suchen uns stattdessen ein Projekt aus in Afrika oder Südamerika, für das wir alle etwas spenden. Das hat nicht nur den schönen Effekt, dass wir weniger Zeit in übervollen Geschäften verbringen müssen. Es bringt auch etwas Weihnachtsfreude in andere Teile dieser Welt. Und im Büro: Da nehme ich mir jetzt Anfang Dezember meine To-do-Liste noch einmal vor und überlege: Was muss ich wirklich noch dieses Jahr fertig kriegen? Oder was hätte vielleicht noch Zeit bis 2019?

Jedes Ding, jedes To-Do, das ich weglasse, schafft Raum. Raum für ein bisschen mehr Durchatmen bei Kerzenschein. Oder, das gehört für mich als Christin auch dazu: für ein kleines Gespräch ab und zu mit dem lieben Gott. Ich hoffe, ich bekomme das in diesem Advent oft hin: Weniger machen. Und mehr erleben und genießen.

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Heute brennt sie: die erste Kerze an meinem Adventskranz! Und sie macht mein Wohnzimmer heller und freundlicher. Ich freu mich drauf. Mehr Licht ist etwas Wunderbares, gerade jetzt in den düsteren Wintermonaten. Mehr Licht: Das kann aber nicht nur mein Wohnzimmer, sondern auch die große, weite Welt gebrauchen, find ich. In der geht es ja auch oft ziemlich düster zu. Da wäre etwas mehr Licht schön, will heißen: mehr Freundlichkeit, mehr Gerechtigkeit.

Heute, am 1. Advent, startet die Weihnachtsaktion von Adveniat, dem katholischen Hilfswerk für Lateinamerika. Und die Aktion bringt mehr Licht, dorthin, wo es dunkel zugeht. Wo zum Beispiel Kinder und Jugendliche nicht in die Schule gehen können, sondern sich abrackern müssen für das Überleben ihrer Familien. In Lateinamerika und der Karibik leben über 100 Millionen junge Leute zwischen 15 und 24, und ein Großteil von ihnen kann von einer guten Ausbildung nur träumen. Adveniat baut Schulen und Ausbildungszentren für sie, in Panama oder Venezuela zum Beispiel. In Guatemala gibt es sogar eine Radioschule, ein kleiner katholischer Radiosender. Mit ihm können auch junge Leute in abgelegenen Bergregionen einen Schulabschluss machen.

Mehr Licht, mehr Freundlichkeit und Gerechtigkeit kommt so in die Welt. Und auch das gehört für mich unbedingt zum Advent. Nicht nur das kleine Adventslicht, das meine eigene Welt und mein Wohnzimmer ein bisschen heller macht. Sondern auch diese größeren Lichter, die die Welt heller machen. Das Engagement von vielen Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Welt gerechter wird. Und auch ich kann meinen kleinen Teil dazu beitragen. Ich kann selbst Licht bringen. Mit einer Spende oder einer Patenschaft für Kinder in Lateinamerika oder auch: mit fairem Einkauf, mit fair gehandeltem Kaffee aus Guatemala oder Panama oder fair gehandelter Weihnachtsschokolade. Mehr Licht! Ich finde: Das sollte im Advent nicht nur im Kleinen gelten. Sondern auch: im ganz Großen. Es sollte überall heller und freundlicher und gerechter werden, überall auf unserer großen, weiten Welt.

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Es mag ja für manchen naiv klingen: Aber ich hab in den letzten Wochen ein klein wenig was verändert in meinem Alltag. Ich hab Menschen, die eine andere Hautfarbe haben oder eine andere Sprache sprechen, ein klein bisschen anders behandelt. Noch freundlicher. Ich hab ihnen zugelächelt. Ich hab mich im Bus neben sie gesetzt. Oder ihnen an der Haltestelle erklärt, welche Linie sie nehmen müssen Richtung Innenstadt. In mir ist einfach das Bedürfnis: Ich will den vielen Menschen mit so genannter Migrationsgeschichte, die mir jeden Tag begegnen, zeigen: Ihr müsst hier bei uns keine Angst haben. Dies ist ein Land, in dem es freundlich und vielfältig zugeht. Seit den Ereignissen in Chemnitz und den Diskussionen um Rassismus ist mir das besonders wichtig.

Lächeln gegen den Rassismus: Das klingt vielleicht naiv. Aber andererseits: Ich muss jetzt auch immer mal wieder an die Zeit vor achtzig Jahren denken. Als man in Deutschland auch Menschen auf den Straßen gejagt hat. Im November ist die Reichspogromnacht achtzig Jahre her. Damals hat es ja auch nicht damit angefangen, dass man Gebäude in Brand gesteckt hat. Es hat damit angefangen, dass man die Straßenseite gewechselt hat, wenn einem Juden entgegengekommen sind. Dass man Menschen ignoriert hat. Ihnen auf keinen Fall ein Lächeln geschenkt hat. Es fängt ja oft mit solchen Kleinigkeiten an.

Und ich denke mir: Vielleicht lässt sich auch mit solchen kleinen Gesten gegensteuern. Ich frag mich, wie sich Migranten und Deutsche mit Migrationsgeschichte fühlen in diesen Wochen, wenn sie in den Nachrichten hören, dass man sie jagt. Oder dass gebrüllt wird: Ihr seid hier nicht willkommen. Ich will ihnen zeigen: Die Mehrheit denkt anders. Wir sind mehr.

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