Manuskripte

07JUN2020
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Ein Freund von mir ist Pfarrer und oft in Dienstkleidung unterwegs – also mit Priesterkragen. Er wird dann als Geistlicher erkannt und angesprochen. Ein Verkäufer in einer Dönerbude zum Beispiel hat das getan und gleich das schwierigste Thema angerissen: „Wie ist das eigentlich bei euch Katholiken mit der Dreifaltigkeit?“ Für ihn als Muslim ist klar. Gott ist einer. Da ist kein Platz für einen zweiten oder dritten Gott. Wie können Christen an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist glauben? Aber nicht nur Muslime fragen das. Auch Christen selber tun sich oft schwer damit: Die Dreifaltigkeit Gottes zu erklären, beschäftigt sie schon seit es das Christentum gibt.

Der Apostel Paulus war der erste, der Gott sozusagen „aufgedröselt“ hat. Er segnet die Gemeinde in Korinth im Namen des dreifaltigen Gottes (2 Kor 13,13). Das hat Kreise gezogen. 300 Jahre und viele Beratungen später, haben Theologen dann ein Glaubensbekenntnis geschrieben, das die Christen bis heute beten. Im 4. Jahrhundert haben sie festgelegt: Gott ist einer. Er hat ein einziges Wesen, kommt aber in drei Personen vor. Alle drei sind eins, stehen gleichwertig nebeneinander und doch unterscheiden sie sich.

Mir hilft das ehrlich gesagt nicht viel weiter. Und ich glaube, den Theologen damals ging es ähnlich. Sie haben sich viele schlaue Gedanken gemacht, um dem Geheimnis Gottes auf die Spur zu kommen. Aber am Ende haben sie doch Bilder gebraucht, um zu erklären, was sie meinen. Der Kirchenvater Tertullian zum Beispiel hat den dreifaltigen Gott mit einem Baum verglichen, der drei Teile hat: Wurzeln, Stamm und Zweige. Der heilige Patrick hat ein Kleeblatt als Bild benutzt: es ist eins, hat aber drei Blätter.

Ich mag Bilder. Sie sind offen und lassen Spielraum. Ich erahne, wer oder was dieser Gott ist. Nur leider ist keines dieser Bilder perfekt. Ein Kleeblatt hat drei Blättchen. Nur sehen die im Grunde gleich aus. Gott Vater, Sohn und Geist unterscheiden sich aber.

Mir persönlich gefällt deshalb ein anderes Bild ganz gut: Wasser. Wasser kann verschiedene Formen haben:
Gefroren ist es fest und tragfähig – so wie Gott für mich der Grund ist, der mich trägt. Eis ist zwar rutschig, aber das passt schon: ich glaube nämlich, dass Gott dafür sorgt, dass alles „flutscht“ und dass die Welt sich dreht.
Wasser kann auch flüssig sein und Menschen erfrischen – so wie Jesus Menschen lebendig gemacht, sie gestärkt und ermutigt hat.
Und schließlich kommt Wasser auch als Dampf vor. Dampf treibt an – Turbinen zum Beispiel. Gottes Geist hat Kraft, gibt Energie und bewegt Menschen. Auch das passt für mich ganz gut ins Bild.

Die Dreifaltigkeit entfalten

Die Christen haben einen einzigen Gott. Und doch verehren sie Vater, Sohn und Geist. In meinen Gedanken zum Dreifaltigkeitssonntag habe ich eben gesagt, dass das echt schwer zu verstehen ist. Für mich sind die drei Personen so etwas wie drei Seiten von Gott, die für sich stehen, aber doch zusammengehören. Wie bei einem Taschentuch: Wenn ich es öffne, wird es Lage für Lage größer. So ist es auch mit Gott: Wenn ich die Dreifaltigkeit ent-falte, entdecke ich ihre verschiedenen Seiten.

Da ist zum einen Gott-Vater. Aus der Sicht eines Kindes kann ein Vater alles, er weiß alles und ist für seine Kinder da. Genau das erleben die Israeliten zur Zeit der Bibel. Sie staunen darüber, dass es die Welt gibt und dass sie so schön und wohlgeordnet ist. Darüber schreiben sie sogar ein Lied: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Sie erklären damit nicht, wie die Welt entstanden ist. Sie drücken nur aus, worüber auch ich staune: Irgendwann muss aus Nichts etwas geworden sein – ein allererstes Sandkorn zum Beispiel. Aber wie? Das ist für mich nur erklärbar, wenn es einen Schöpfer gibt, eine Art Vater, der das einfach wollte und konnte: Gott. Und die Israeliten erleben diesen Vater-Gott. Er ist einer, der für sie sorgt: er führt sie zum Beispiel ins gelobte Land. Deshalb sprechen sie ihn auch mit „Jahwe“ an. Das heißt: Ich bin da – für euch. Und dieser Gott ist auch für mich da: er weiß, was er mir zumuten und zutrauen kann, mit ihm kann ich mich freuen und bei ihm kann ich traurig sein. Ich kann diesem Vater alles sagen; zu ihm kann ich beten.

Dieser Vater hat dann ein konkretes Gesicht bekommen: in Jesus, seinem Sohn. Jesus macht Gott für mich so richtig greifbar. Zwar verstehe ich nicht genau, wie Gott Mensch geworden ist. Aber das muss ich auch nicht. Ich weiß, dass Jesus eine unglaublich tiefe Beziehung zum Vater gehabt hat – wie wenn zwei Menschen ein Herz und eine Seele sind; nur noch viel stärker. Menschen werden sich ähnlich, wenn sie sich voll und ganz aufeinander einlassen. Bei Jesus und Gott ist das so stark, dass die Bibel sagt: sie sind eins. Wer den Sohn sieht, sieht den Vater. In Jesus kann ich Gott also anfassen. Und der steht Menschen bei, tröstet sie und verurteilt auch die nicht, die Mist gebaut haben. Daran kann ich mir ein Beispiel nehmen, wenn es darum geht, selber was zu tun. Aber Jesus ist für mich noch mehr als ein Vorbild: er macht selber vieles durch und stirbt dann am Kreuz. Aber der Vater schenkt ihm neues Leben. Das verändert alles, denn Jesus sagt: Gott wird auch für mich da sein, wenn ich mal sterbe. Und daran glaube ich.

Der Heilige Geist schließlich ist für mich die Brücke, die Gott und Jesus verbindet. Aber er ist auch für mich heute die Brücke, um an Gott anzudocken. Der Geist Gottes bewegt mich – so wie Jesus damals. Wenn ich mich für Gott öffne, mich auf seinen Geist einlasse, dann tut sich etwas bei mir. Ich muss dann einfach anpacken, wenn jemand meine Hilfe braucht. Ich muss ihm zuhören, wenn er etwas loswerden will. Der Heilige Geist lässt mich für Dinge brennen und er lässt mir keine Ruhe, wenn Dinge nicht im Reinen sind.

Ein Gott in drei Personen. Das ist echt schwer zu verstehen. Aber ich bin froh, dass wir Christen die Dreifaltigkeit haben. Denn sie lässt sich so wunderbar ent-falten! Dadurch kann ich das Wesen Gottes wenigstens einigermaßen greifen und immer wieder neue Seiten an ihm entdecken.

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19JAN2020
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Meine Kinder sind ziemlich kreativ. Vor allem, wenn es darum geht, etwas nicht tun zu müssen. Waschen zum Beispiel. Warum sollten sie die Hände waschen, wenn die eh wieder dreckig werden? Das ist wohl wahr. Und doch ist es sinnvoll. Ich diskutiere dann manchmal mit ihnen. Das kann lästig sein. Aber ich finde es auch spannend, denn ich bin gezwungen, Dinge zu hinterfragen, die für mich selbstverständlich sind.

Vermutlich bin ich genau deshalb neulich an einem Text hängen geblieben. Er heißt: „Zehn Gründe, warum ich mich nicht wasche.“[1] Wer die liest, dem wird schnell klar: in dem Text geht es gar nicht ums Waschen. Es geht um zehn Gründe, warum Menschen nicht zur Kirche gehen.

Es heißt da: „Als Kind wurde ich zum Waschen gezwungen.“ Punkt zwei schaut auf andere: „Die sich ständig waschen, sind doch bloß Heuchler, die meinen, sie seien sauberer als andere.“ In Punkt drei geht es um Seifen: „Es gibt so viele verschiedene. Wie soll ich wissen, welche Seife für mich die richtige ist?“ Der vierte Punkt kreist ums Geld: Die Wasserwerke wollten es doch nur abgreifen. Fünftens besagt, Waschen sei langweilig. Der sechste Grund spielt auf die Atmosphäre an: Im Bad sei es immer so kalt und so steril. Bei Punkt sieben geht es um die Häufigkeit: „Ich wasche mich an Weihnachten und Ostern. Das reicht!“ Und dann heißt es da noch: meine Freunde halten Waschen für unnötig, mir fehlt die Zeit und ich kann mich ja auch im Alter noch waschen.

Zehn Gründe, sich nicht zu waschen oder eben: nicht in die Kirche zu gehen.

Ich bin in der Kirche zuhause, dusche gerne und stelle mich auch gerne solchen Fragen. Daher will ich auf diese Gründe etwas antworten. Das ist nicht leicht, denn sie zielen auf verschiedene Dinge: auf die Kirche als Gebäude, auf die Institution, den Gottesdienst und schließlich auf den ganz persönlichen Glauben. Ich versuche es trotzdem:

Wenn ich morgens dusche, ist das eine kleine Auszeit für mich. Keiner will etwas von mir. Ich habe meine Ruhe, kann alleine sein und abschalten; wenigstens für ein paar Minuten. Ich sortiere mich dann oft für den Tag.
Mit der Kirche erlebe ich das ähnlich: Im Kirchenraum, im Gottesdienst und im Gebet schalte ich ab. Manchmal bleibe ich gedanklich an Figuren, Gemälden oder anderen Dingen hängen. Ein anderes Mal berühren mich die Musik, die Predigt oder das, was die Kinder beitragen. Natürlich kenne auch ich sterile Kirchen und erlebe Gottesdienste, die langweilig sind. Aber eben nicht nur. Was ich immer wieder erlebe und was mich überzeugt, ist das Gegenteil: eine bunte Vielfalt.


… und was ich dagegenhalten kann

Ich habe einen Text entdeckt, der zehn Gründe nennt, warum man sich nicht waschen sollte. Waschen steht dabei für die Kirche. Es geht um zehn Gründe, warum man dort nicht hingeht. Ich gehe gerne zur Kirche und versuche in meinen Sonntagsgedanken, diesen Gründen etwas entgegenzuhalten.

Ein Grund ist, dass jemand als Kind gezwungen wurde. Das war bei mir zum Glück nicht so. Ich erinnere mich nur an Dinge, die ich in der Schule machen musste, obwohl ich es nicht wollte. Aufsätze schreiben zum Beispiel! Meine Lehrer haben das verlangt und ich habe es gehasst. An ein paar Zeilen bin ich ewig gesessen – und meine Mutter dann mit mir an den Hausaufgaben. Aber nach und nach ist es mir leichter gefallen und hat irgendwann sogar Spaß gemacht! Heute schreibe ich richtig gern. Das hätte ich nicht entdeckt, wenn ich nicht hätte schreiben müssen. Ich finde es nicht gut, wenn jemand zu etwas gezwungen wird – schon gar nicht zur Kirche. Aber ich glaube, es braucht manchmal ein wenig Motivation und Leute, die mich an die Hand nehmen. Die mir so Dinge erschließen, die ich alleine nicht ausprobiert hätte; vielleicht weil sie anstrengend sind. Daher tue ich mich auch schwer damit, dass manche Eltern ihr Kind nicht taufen lassen, um ihm nichts vorzuschreiben. Es solle später selber entscheiden, ob es glauben möchte. Aber wie soll das gehen, wenn das Kind weder Kirche noch Glauben kennen gelernt hat? Auf welcher Basis soll es urteilen?

Der Text sagt weiter, die Wasserwerke, also die Kirchen würden einem das Geld aus der Tasche ziehen und aus Heuchlern bestehen. Das mit dem Geld, der Kirchensteuer höre ich oft. Und die Kirche hat ja auch gerade in der letzten Zeit immer wieder bewiesen, dass sie nicht immer gut mit Geld umgehen kann. Aber viele wissen gar nicht, dass von dem Geld auch viel Gutes gemacht wird: Kindergärten, Krankenhäuser und Pflegeheime werden bezuschusst; auch Beratungsstellen, die Jugendarbeit oder Einrichtungen für Bedürftige. Was die Heuchler betrifft – ja, die gibt es. Aber die gibt es überall. Bei der Kirche ist das nur besonders tragisch, weil sie ja immer wieder einfordert, authentisch zu sein. Ich habe in der Kirche aber auch viele Menschen erlebt, die tun, was sie predigen. Leute, die sich zurücknehmen, um für andere da zu sein. Die das Evangelium leben, weil sie dahinterstehen.

Schließlich gibt es da noch die Fragen, warum ich mich überhaupt wasche, also warum ich überhaupt glaube und woher ich weiß, welche Seife die richtige ist. Ich weiß es nicht. Aber ich habe ganz viele große Lebensfragen, die ich gerne beantwortet hätte; zum Beispiel woher ich komme und wohin ich gehe. Auch würde ich gerne wissen, warum ich überhaupt da bin. Warum ich so bin wie ich bin und warum ich in mir oft diese Sehnsucht spüre nach „mehr“ – eine Sehnsucht, die über mich hinausweist und mich vermuten lässt, dass das Leben hier und jetzt nicht alles ist. Und da habe ich festgestellt, dass die Bibel etwas dazu sagen kann. Sie gibt zu denken. Und nicht nur mir. In der Kirche habe ich Leute getroffen, denen es genauso geht. Auch die haben keine fertigen Antworten. Aber sie fragen mit mir zusammen. Und das gefällt mir und bringt mich weiter.

Zehn Gründe, sich nicht zu waschen oder nicht zur Kirche zu gehen. Ich mache es trotzdem – waschen und zur Kirche gehen – auch weiterhin.

 

[1] Vgl. YOUCAT. Deutsch. Firmbuch. Hrsg. Vom YOUCAT-Team Augsburg. Bernhard Meuser. Nils Baer. Augsburg: St. Ulrich Verlag GmbH 2012 87. – ISBN 978-3-86744-217-6.

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20OKT2019
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Ich liebe Filme. Wenn „Harry Potter“ seine Zauberabenteuer erlebt, fiebere ich mit. Und nicht nur ich: Harry Potter begeistert Millionen Menschen. Ähnlich ist das mit Filmen wie „Pretty Woman“ oder „König der Löwen“. All diese Geschichten ziehen Menschen in ihren Bann. Das ist kein Zufall, denn sie folgen einem ganz bestimmten Spannungsbogen, der einfach mitreißend ist: sie sind als „Heldenreise“ aufgebaut.

Heldenreisen beginnen ganz harmlos: Die Hauptfigur lebt ihren Alltag. Doch dann passiert etwas und das Abenteuer geht los: Harry Potter soll die Zauberschule Hogwarts besuchen; Pretty Woman trifft den Mann ihrer Träume. Doch die Heldenfigur zweifelt, zögert und verweigert sich erst einmal; bis eine Art Mentor sie ermutigt, sich auf das Abenteuer einzulassen. Dann muss sie sich bewähren und die Sache spitzt sich zu. Sie stellt sich dem, was sie ängstigt und herausfordert, und wird schließlich belohnt: Pretty Woman bekommt ihren Traummann; Harry Potter besiegt das Böse. Das Schwierigste kommt aber noch: Der Held oder die Heldin muss das, was sie erlebt hat, in den Alltag integrieren. Das ist nicht leicht, denn er hat sich verändert: Harry Potter kehrt nach Hause zurück, weiß aber, dass er eigentlich nach Hog­warts gehört; Pretty Woman lebt ihr neues Leben, hält aber Kontakt zu ihrer Freundin von früher.

Geschichten, die als Heldenreise aufgebaut sind, sind spannend und unterhaltsam. Besonders erfolgreich sind sie aber, weil sie etwas mit mir zu tun haben! Denn was die Helden erleben, kenne ich von mir selber. Auch ich erlebe Abenteuer! Zwar kämpfe ich nicht wie Harry Potter gegen das Böse. Aber ich muss die Abenteuer meines Lebens bestehen und durchlebe dabei oft Ähnliches wie die Helden. Ich kann mich in ihnen wiederfinden mit all dem, was ich so denke, fühle und durchmache.

Harry Potter hat zum Beispiel zwei Freunde an seiner Seite: Hermine und Ron. Als Weggefährten verkörpern sie, was sonst in mir vorgeht. Ron ist eher ängstlich, manchmal etwas bequem und insofern die kritische und vorsichtige Stimme in mir, die mich warnt: „Pass auf!“ „Tu das nicht.“ „Hast du dir das auch gut überlegt?“ „Was werden die anderen sagen?“ Hermine ist gewitzt und mutig und verkörpert die inneren Antreiber: „Mach schon.“ „Trau dich.“ „Nutz den Moment – diese Chance kommt nie wieder.“

Ich hab das neulich im Kleinen erlebt. Mein Sohn hat mich angeschaut und gesagt: „Papa, du bist dick geworden.“ Das hat gesessen. Wie Harry Potter war ich von jetzt auf gleich ins Abenteuer gerufen; nur halt in ein kleines. Sofort war Hermine zur Stelle: „Wenn dein Sohn das schon sagt, dann wird es Zeit: nimm ein bisschen ab. Worauf wartest du?“ Dummerweise war auch der bequeme Ron nicht weit: „Lass dir doch nichts von einem Vierjährigen sagen. Du müsstest auf Süßes verzichten und dich mehr bewegen. Willst du das wirklich, du Held?“

 

In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben erzählt, dass viele große Geschichten wie „Harry Potter“ oder „Pretty Woman“ nach einem festen Schema aufgebaut sind: der Heldenreise. Sie sind so erfolgreich, weil ich mich in den Helden wiederfinden kann. Was sie denken und fühlen, erlebe auch ich, wenn ich vor die Abenteuer meines Lebens gestellt werde.

Der Pastoralreferent Christian Schröder macht sich genau das zunutze. Er nimmt Heldenreisen ganz bewusst her, um Jugendliche auf die Firmung vorzubereiten. Die Firmanden entdecken sich in den Helden wieder. Das hilft ihnen, über sich selber nachzudenken und sich besser kennenzulernen. Schröder bezieht dabei auch die Bibel ein. Er erzählt den Jugendlichen, welche Abenteuer Menschen mit Gott erlebt haben und welche Traditionen und Rituale die Kirche kennt, um Leuten dabei zu helfen, die Abenteuer ihres Lebens zu bestehen.

Schröder hat festgestellt, dass Jugendliche oft sehr genau wissen, in welche Abenteuer sie gerufen sind: Sie sind mit der Schule fast fertig, doch wie geht‘s weiter? Die Eltern trennen sich; was jetzt? Manches können sie beeinflussen, anderes nicht. Wenn die Firmanden dann hören, wie die Jünger von Jesus berufen werden und dass sie ihm folgen, weil er sie überzeugt, dann merken sie, dass man manche Dinge einfach tun muss. Einige entdecken sich in Mose wieder, der daran zweifelt, dass er das Volk aus Ägypten führen kann (vgl. Ex 3,11.13; 4,10). Oder sie lernen Samuel kennen, den Gott dreimal ruft, bis der Priester Eli ihm sagt, dass Gott etwas mit ihm vorhat (1 Sam 3,1-21). Die Jugendlichen sehen dann, dass es oft mehrere Anläufe braucht, bis klar ist, wozu jemand berufen ist. Und sie erkennen, wie wichtig Menschen sind, die ihnen dabei helfen, ihren Weg zu finden und zu gehen.

In den Heldenreisen sind das die Mentoren: bei Harry Potter der Lehrer Dumbledore, bei Pretty Woman der Hotelmanager und bei Samuel der Priester Eli. Sie kennen das Leben und haben den Helden etwas voraus. Nur so können sie sie beraten und ihnen helfen. Die Tradition der Kirche hat diese Mentoren auch: die Paten; die gibt’s bei der Taufe und auch später bei der Firmung. Paten sind Leute, die den Jugendlichen zur Seite stehen. Sie sind für sie da, unterstützen sie und sind ansprechbar für alles, was sie im Leben und Glauben beschäftigt. Wenn die Firmlinge das klar haben, suchen sie ihre Firmpaten bewusst und gezielter aus.

Wie die großen Helden haben auch die Jugendlichen manchmal Angst oder scheitern. Auch da hat die Bibel interessante Beispiele: Petrus versucht einmal, übers Wasser zu gehen, doch vor lauter Angst geht er unter. Jesus packt ihn und zieht ihn raus (vgl. Mt 14,22-33). Solche Texte verstehen die Firmlinge gut. Sie überlegen dann, was sie ängstigt. Sie fragen, wer ihnen die Hand reicht und für sie da ist, wenn es drauf ankommt. Und sie stellen fest, dass das, was nicht möglich zu sein scheint, oft möglich wird, wenn man an sich glaubt und nicht alleine ist. Und dadurch stoßen sie manchmal sogar auf die ganz großen Fragen des Lebens und überlegen, worauf sie grundsätzlich vertrauen und an wen oder was sie glauben.

Heldengeschichten spiegeln die Abenteuer meines Lebens. Seit ich das weiß, schaue ich mir Filme wie „Harry Potter“ noch lieber an. Denn ich bin gespannt, ob ich vielleicht noch etwas Neues lerne – über mich und mein Leben.

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30JUN2019
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Die Muttersprachen der Liebe
Freunde von mir leben im Elsass. Er ist Franzose, sie kommt aus Deutschland. Als sich die beiden kennengelernt haben, konnte sie kaum Französisch und er kaum Deutsch. Das hat sich geändert: die beiden haben sich ineinander verliebt und nach und nach die Muttersprache des anderen gelernt. Heute können sich die beiden nicht nur irgendwie verständigen. Sie verstehen sich richtig gut – bis hin zum Heimatdialekt.

Mit der Liebe ist das ähnlich. Der Amerikaner Gary Chapman ist Pastor und Paarberater. Er sagt: Jeder Mensch hat eine „Muttersprache der Liebe“ Jeder liebt und will geliebt werden – auf seine je eigene Weise. Und wie bei der gesprochenen Sprache verstehen sich Menschen erst dann richtig gut, wenn sie bereit sind, sich auf die Liebessprache des anderen einzulassen.

Anerkennung ist so eine Sprache der Liebe. Chapman meint: Wem es leicht fällt, andere zu loben, der freut sich auch, wenn er selbst ein ehrliches Kompliment bekommt. „Du siehst aber gut aus, mein Schatz.“ Oder: „Du hast echt lecker gekocht.“ Es ermutigt und motiviert den Partner, wenn ich ihn immer wieder bestätige oder mich bei ihm bedanke.

Eine andere „Sprache der Liebe“ heißt Zweisamkeit. Wer diese Sprache bevorzugt, freut sich auch über ein Lob. Es bedeutet ihm aber nicht so viel wie die Zeit, die er mit einem verbringen kann. Und zwar ungeteilt und ungestört. Das kann ein Ausflug zu zweit sein, ein romantischer Abend oder ein Gespräch, bei dem ich ganz bewusst das Handy ausschalte.

Auch Geschenke können Liebe ausdrücken. Es heißt: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und das stimmt. Wenn sie von Herzen kommen, zeigen sie mir, dass ich wertgeschätzt bin und gebraucht werde, dass jemand an mich denkt und sich mit mir beschäftigt. Geschenke – ob sie wertvoll sind oder nicht – können Liebe sichtbar machen. Darum streiten Ehepartner auch hin und wieder, wenn einer von beiden den Ehering nicht trägt, der für den anderen so wichtig ist: er steht schließlich für die Liebe, die die beiden verbindet!

Hilfsbereitschaft ist für Chapman eine vierte Sprache der Liebe. Wer anderen leidenschaftlich gerne hilft, freut sich, wenn er selbst geholfen bekommt. Das muss nichts Großes sein! Das Auto auftanken zum Beispiel oder die Garage aufräumen. Das reicht unter Umständen schon als Liebesbeweis.

Wer Zärtlichkeit besonders mag, fühlt sich geliebt, wenn er vom anderen berührt, umarmt und geküsst wird oder wenn er mit ihm schlafen kann. Wem diese „Sprache der Liebe“ liegt, der hält gerne mal Händchen, ist zärtlich und zeigt dem anderem so, dass er ihn liebt.

Jeder Mensch hat also seine Muttersprache der Liebe: Anerkennung oder Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft oder Zärtlichkeit. Erst wenn ich mir das klar mache und schaue, welche Sprache ich selber spreche, bekomme ich ein Gefühl dafür, wie das beim anderen so ist.

Die Liebessprache des anderen lernen

Schwierig wird es, wenn ich eine andere Sprache der Liebe spreche als mein Gegenüber. Dann kann ich es noch so gut mit ihm meinen, ihn lieben und ihm das auch zeigen. Er wird es nicht verstehen. Wir reden dann an uns vorbei und kommen uns nicht näher. Ich kann meinen Sohn zum Beispiel immer wieder loben und ihm so zeigen, dass ich ihn liebhabe. Wenn er dafür Körperkontakt braucht, versteht er mich nicht; eine dicke Umarmung wäre dann viel hilfreicher. Meinem Kollegen kann ich regelmäßig etwas schenken; wenn er aber lieber ein „Danke“ hören möchte, also anerkannt werden will, dann bringt das nicht viel. Ebenso wenig versteht mich meine Frau, wenn sie Zeit mit mir verbringen will, ich aber den Rasen mähe und Sachen repariere, um ihr so zu zeigen, dass ich für sie da bin.

Gary Chapman behauptet: Wir kommen uns erst dann wirklich näher, wenn wir unsere Muttersprache der Liebe kennen und bereit sind, die des anderen wie eine Fremdsprache zu lernen. Zu lieben ist daher etwas anderes als verliebt zu sein. Denn ich entscheide mich bewusst dafür, mich auf den anderen einzulassen, mich in ihn reinzudenken und so an unserer Beziehung zu arbeiten. Auch wenn das mühsam ist und Kraft kostet.

Chapman hat das Modell der Liebessprachen für Paare entwickelt und dann auf andere Bereiche des Lebens übertragen. Er hat es zum Beispiel für Kinder, Teenager und Familien durchbuchstabiert, für Singles und Berufstätige. Besonders interessant finde ich, dass er auch Gott einbezieht. Chapman ist auch Pastor und er meint, dass die Art zu lieben beeinflusst, wie ich Gott höre, verstehe und erlebe. Wer die Zweisamkeit bevorzugt, kann Gott zum Beispiel finden, wenn er direkt mit ihm spricht, also betet. Anderen tut es gut, in der Bibel zu lesen, weil sie durch sie von Gott ermutigt werden. Manche lieben den Gottesdienst mit seinen Segensgesten und Gebetshaltungen, weil die körperlich erfahrbar sind. Wieder anderen begegnet Gott in den Menschen, denen sie helfen. Manche fühlen sich von Gott beschenkt, wenn sie erfolgreich sind; anderen ist es möglich, Gott einfach so im Alltag zu spüren – etwa wie es in einem Psalm heißt: Du, Gott, umschließt mich von allen Seiten (vgl. Ps 139).

Es gibt Tests, mit denen man rausbekommen kann, welcher Liebestyp man ist. Ich bezweifle, ob das mit ein paar Fragen wirklich klappt. Grundsätzlich glaube ich aber schon, dass jeder seine eigene Art hat, wie er liebt und geliebt werden will. Und ich bin mir sicher, dass es sich lohnt, die Liebessprache anderer zu lernen. Vor allem aber gefällt mir die Vorstellung, dass Gott alle Liebessprachen spricht. Denn das heißt ja, dass er und ich uns auf jeden Fall verstehen können, wenn wir es nur versuchen. Egal, welche Sprache ich spreche.

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Gary Chapman: Die fünf Sprachen der Liebe.

 

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Heute Mittag startet in München die Parade zum St. Patrick’s Day. Dann feiern Tausende Menschen miteinander. Sie tragen grüne Kleidung und befestigen Kleeblätter daran. Sie machen Musik, essen und trinken zusammen. Diese Parade ist eine von vielen, mit der heute der Nationalfeiertag der Iren begangen wird. Menschen gedenken weltweit ihrer irischen Wurzeln oder sind einfach solidarisch und feiern mit.

Zu verdanken haben die Iren diesen Feiertag dem heiligen Patrick. Er hat im 5. Jahrhundert gelebt und den Glauben nach Irland gebracht. Patrick kommt vermutlich aus Großbritannien und stammt aus christlichem Haus. Als er 15 Jahre alt ist, wird er entführt und als Sklave nach Irland gebracht. Er muss dort Schafe hüten. Eines Tages träumt er, wie er entkommt und später den Iren die frohe Botschaft verkündet. Und so kommt es dann auch. Patrick flieht und geht in seine Heimat England zurück. Er wird Priester, dann Mönch, studiert Theologie und kehrt nach Irland zurück.

Und wie er zurückkehrt! Die Legende berichtet, dass alle Schlangen und giftigen Tiere die Insel verlassen, als Patrick mit seinen Gefährten ankommt. Bis heute wird er mit Schlangen dargestellt oder als der Hirte, der er früher war. Patrick erkennt man aber auch am dreiblättrigen Kleeblatt. Mit ihm soll er den Iren erklärt haben, wie das mit der Dreifaltigkeit ist: das eine Kleeblatt hat drei Blätter, so wie sich der eine Gott in drei Personen zeigt – als Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Patrick hat den Glauben verkündet und sich dabei nicht nur Freunde gemacht. So mancher keltische Druide wollte ihn vergiften; doch ohne Erfolg. Man erzählt, dass der Heilige 365 Kirchen hat bauen lassen. Weil er als Gefangener die irische Sprache gelernt hatte, konnten ihn die Leute verstehen. Er hat mit ihnen Gottesdienst gefeiert und ihnen von Gott erzählt. Bis heute pilgern Menschen in Irland an die Orte, wo Patrick gewirkt, gelebt und gebetet hat. Und sie feiern ihn in solchen Paraden wie der nachher in München.

Ich vermute mal, dass nicht jeder, der heute mitfeiert, so ganz genau weiß, wer dieser Patrick war. Für mich aber ist das wichtig: die Kleeblätter, die grünen Kleidung oder auch die Schlangenfiguren, die herumgetragen werden, das alles erinnert an einen Mann, der von etwas überzeugt war. Er hat an Gott geglaubt. Das hat ihn gestärkt. Und das hat dazu geführt, dass er sich nicht hat unterkriegen lassen. Das finde ich bewundernswert! Er hat sich gegen Wiederstände durchgesetzt und weitergemacht, obwohl ihm Leute Böses wollten. Er hat sich behauptet, jedenfalls verstehe ich das so, wenn von den giftigen Schlangen erzählt wird, die vor ihm gewichen sind. Und Patrick hat sich auf andere Menschen eingelassen. Er hat ihre Sprache gelernt und gesprochen. Etwas, das ich heute mitunter vermisse: in der Kirche, wenn sie an Menschen vorbeipredigt. Vor allem aber dort, wo man Menschen anfeindet, nur weil man sie und ihre Sprache nicht versteht.

Die heiligen Schmitts und Hubers von nebenan

Heute feiern die Iren den Heiligen Patrick. In meinen Sonntagsgedanken habe ich erzählt, wie er den christlichen Glauben nach Irland gebracht und das Land geprägt hat. Heilige sind ja oft Menschen, die ein Wunder vollbracht haben, besonders gläubig sind und sich für andere einsetzen. Patrick zum Beispiel soll 365 Kirchen gebaut haben lassen. Man erzählt, dass giftige Tiere vor ihm geflohen sind. Und in Irland gibt es einen Stein, auf dem er gebetet hat; bis heute sind dort seine Knieabdrücke zu sehen.

Ich finde, solche Geschichten legen die Latte echt hoch. Mir macht das fast Angst! In der Bibel steht, dass alle, die an Christus glauben, heilig sind (vgl. Eph 1,4; 1 Petr 1,16). Wenn aber Leute wie Patrick das Maß dafür sind, dann gute Nacht. Ich bin echt froh, dass Papst Franziskus dieses Bild vor Kurzem ergänzt und geweitet hat. Er schmälert nicht, was die großen Heiligen vollbracht haben. Er sagt aber deutlich, dass jeder Mensch heilig sein kann. Er nennt das die „Heiligkeit von nebenan“, die „Heiligkeit der Mittelschicht“.

Heilig sind für ihn Eltern, die ihre Kinder liebevoll erziehen. Partner, die sich lieben und umsorgen. Männer und Frauen, die eifrig schaffen, um etwas zu essen auf den Tisch zu bringen. Für Franziskus haben auch Menschen etwas Heiliges, die Verantwortung tragen und dabei ihre eigenen Interessen zurückstellen. Er sagt: Auch Arbeiter sind heilig, wenn sie ihre Arbeit vernünftig machen und diese Arbeit als Dienst am Menschen verstehen. (vgl. Nr. 7 und 11)

Heilige sind für Franziskus also nicht nur jene wie der heilige Patrick, von denen Großes berichtet wird, sondern auch Menschen wie du und ich, die sich an Jesus orientieren. Herr Schmitt oder Frau Huber von nebenan. Christen, die verwirklichen, was Gott ihnen geschenkt hat, die Humor haben, das Leben bejahen und mit Freude im Augenblick leben. Franziskus sagt, Heiligkeit wachse durch kleine Gesten; zum Beispiel wenn jemand bewusst nicht über andere lästert oder auf der Straße einem Armen was Nettes sagt. (vgl. Nr. 16f.) Und vor allem: Heilige müssen für ihn nicht perfekt sein. Sie dürfen Fehler und Schwächen haben. Aber sie hören auf Gott, suchen nach seinem Willen und erkennen, was sie für andere tun können. So erzählen sie von diesem Gott, dessen Markenzeichen die Liebe ist.

Was der Papst über die Heiligen sagt, bringt für mich eine kleine Geschichte auf den Punkt. Sie erzählt von einem Jungen, der sich in der Kirche langweilt. Er fragt seine Mutter nach den Figuren in den Glasfenstern. Sie will die Andacht nicht stören und antwortet kurz: „Das da sind die Heiligen.“ Als bald darauf sein Lehrer fragt, was Heilige sind, sagt der Junge überzeugt: „Heilige sind Menschen, durch die das Licht scheint.“

Ich finde diese Beschreibung großartig. Heilige sind Menschen, die Gott durchscheinen lassen und die durch das, was sie tun, zeigen, dass Gott die Menschen liebt. Sie können Heiliger Patrick heißen. Sie können aber auch so heißen wie Sie oder ich.

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Christoph, das Ohr, und Momo: zwei, die richtig  zuhören können

Christoph Busch ist etwas über siebzig. Er sitzt regelmäßig in einer Hamburger U-Bahn-Station und hört zu. Er hat dort eine Art Kiosk gemietet und macht nichts anderes als zuhören. Er will Menschen kennenlernen und ein Buch über ihre Geschichten schreiben. Es gibt vieles, was sie zu erzählen haben. Aber nur wenige, die ihnen zuhören. Christoph Busch tut es und deshalb kommen viele bei ihm vorbei.

Richtig zuhören will aber gelernt sein. Es ist mehr als immer wieder mal „aha“ und „ist ja interessant“ zu sagen. Es geht darum, aufmerksam zu sein und sich ernsthaft für sein Gegenüber zu interessieren, dafür, was der andere erlebt hat, worunter er leidet oder was ihn freut.

Momo konnte das. Die Romanfigur von Michael Ende ist das Paradebeispiel dafür, wie man richtig zuhört. Sie ist ganz Ohr. Für Gigi zum Beispiel, den Geschichtenerzähler. Momo nimmt sich Zeit für ihn und ist aufmerksam für das, was er erzählt. Sie will ihm nicht reinreden und ihm auch keine Tipps geben. Sie ist einfach neugierig und hört ihm zu. Sie glaubt fest daran, dass jeder Mensch was zu sagen hat. Sie erwartet das förmlich und ist deshalb so aufmerksam. Das macht ihre Gespräche so echt und so tief. Und das führt dazu, dass sich bei Momos Gesprächspartnern etwas tut: Gigi erzählt von da an noch fantasievoller und spannender. Wer ratlos oder unentschlossen ist, weiß auf einmal, was er will. Schüchterne werden frei und mutig; Traurige Menschen werden wieder froh. Und das nur, weil Momo ihnen zuhört.

Richtig zuhören verändert nicht nur den, der erzählt. Wissenschaftler haben das einmal untersucht. Sie sagen, dass derjenige, der wirklich zuhört, das Heft aus der Hand gibt. Er ist nicht aktiv und fragt nicht nach dem, was ihn gerade interessiert. Er stellt seine eigene Meinung hinten an und verzichtet darauf, Dinge zu bewerten. Er bleibt passiv und denkt sich ganz in den anderen hinein. Aber genau das macht es so schwer, denn das ist ein bisschen so, wie wenn man ins Ungewisse geht und nicht weiß, was kommt. Davor haben viele Angst.

Christoph Busch kennt das. So manches, was er hört, begleitet ihn nach Hause. Er nimmt traurige und freudige Geschichten von Menschen mit. Sie lassen ihn nicht los; sie bewegen und verändern ihn. Christoph Busch wollte eigentlich nur wenige Monate zuhören. Doch er hat weitergemacht. Nicht nur, weil er ein Buch schreiben will; sondern weil er gemerkt hat, wie wertvoll das Zuhören für ihn und für andere ist. Mittlerweile hat er sogar Mitstreiter, die genau wie er einfach da sind, sich Zeit nehmen und zuhören.

Momo gelingt es, von ganzem Herzen zuzuhören. Und Christoph Busch offenbar auch. Manchmal wäre ich gerne ein bisschen mehr so wie sie und ganz aufmerksam für andere. Aber das ist nicht ganz so leicht. Gut nur, dass es jeden Tag viele Möglichkeiten gibt, um zu üben.

Advent kann heißen, aufmerksam zu sein und mal richtig hinzuhören

Christoph Busch hört regelmäßig in einer Hamburger U-Bahn-Station fremden Menschen zu. Einfach so. Ursprünglich hat er das gemacht, um ein Buch zu schreiben. Aber er hat gemerkt, wie wertvoll es ist, einfach da zu sein und hinzuhören. Ich habe eben in meinen Sonntagsgedanken von ihm erzählt, weil seine Geschichte für mich etwas mit Advent zu tun hat:

Im Advent bereiten sich die Menschen auf Weihnachten vor. Sie backen, dekorieren und besorgen Geschenke; das gehört zum Fest. Aber es geht noch um was anderes: Advent heißt wörtlich übersetzt „Ankunft“. In der Adventszeit bereiten Menschen einen Platz in ihrem Herzen vor, den Gott einnehmen soll. So wie Jesus damals zu den Menschen gekommen ist. Darum geht es an Weihnachten: dass sich Gott unter die Menschen mischt und ihnen nahe ist. Was „Advent“ meint, klingt im Lukasevangelium so: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken.“ (Lk 3,4b-5)

Johannes der Täufer hat den Leuten damals erklärt, was damit gemeint ist: Wer viel besitzt, soll denen abgeben, die nichts haben und Not leiden. Wer Macht hat, soll sie nicht ausnutzen, indem er andere ausbeutet, misshandelt oder unterdrückt. Und die Leute sollen sich mit dem zufrieden geben, was sie haben, statt immer mehr zu wollen. Advent heißt also, die Hindernisse zu entfernen, die zwischen Menschen stehen, und die Stolpersteine beiseite zu schaffen, die einem guten Miteinander im Weg liegen. Dann ist Platz für Gott. Dann kann er ankommen – wie Jesus damals. Nur heute eben in den Herzen von Menschen, die darauf hören, was Gott sagt und die sich ansprechen lassen von dem, was von Jesus überliefert ist.

Advent bedeutet also, einzuüben, was den Menschen gut tut und daher im Sinne Gottes ist: für andere da zu sein. Und dazu gehört für mich ganz zentral, was Christoph Busch tut: zuhören, aufmerksam zu sein für das, was andere umtreibt, ohne sie dabei mit dem zu überrollen, was mir selber wichtig ist. Und wenn Jesus sagt: „Richtet nicht“, dann geht das auch in die Richtung: echte Beziehungen wachsen, wenn ich andere ernstnehme, ohne sie zu bewerten oder gar abzuwerten; wenn ich mich ihnen glaubwürdig zuwende.

Christoph Busch sorgt dafür, dass er tun kann, was ihm wichtig ist: er hat einen Kiosk gemietet und sich Zeit reserviert. Er öffnet sich bewusst für andere Menschen; auch wenn ihm das manchmal unter die Haut geht. Das ist für mich Advent: mir Zeit zu lassen, um genau hinzuhören; mich selbst zurückzuhalten und mir dadurch den Druck zu nehmen, alles wissen und machen zu müssen. Darauf zu achten, was mich anspricht und dadurch sensibel zu werden für das, was mir Gott zu sagen hat. Gerade dann, wenn mich das tief drin berührt und vielleicht sogar verändert.

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Papa, ich guck mal in meinem Kopf

Meine Tochter hat was Tolles gesagt. Sie hat dieses Jahr lesen gelernt und ich hab sie gefragt, was da steht. Sie hat es buchstabiert, aber den Sinn nicht erfasst. Und dann kam‘s: Warte, Papa, ich guck mal in meinem Kopf. Klasse, oder? Ich steig mal kurz in meinen Kopf rein und guck nach, was die Buchstaben bedeuten. Sie hat das Prinzip erfasst: Buchstaben müssen durch mich durchwandern, damit ich ihren Sinn verstehe. Das ist wie mit Weintrauben: Sie nur zu lesen, reicht nicht. Sie müssen gekeltert werden, bevor sie zu Wein werden, den man genießen kann. Und dieses Prinzip gilt auch sonst im Leben: Wenn ich was erlebe, ist das schön. Aber erst, wenn ich es noch mal gedanklich herhole, mir die Bilder vorstelle und darüber nachdenke, kann ich eine Essenz herauskeltern, von der vielleicht etwas bleibt. So werden Erlebnisse zu Erfahrungen, von denen ich später zehren kann. Das aber braucht Zeit. Und die muss ich mir nehmen!

In der klösterlichen Tradition weiß man das schon lange. In St. Peter im Schwarzwald zum Beispiel spiegelt sich das in der Architektur. Wer in dem früheren Benediktinerkloster zwischen Kirche und Küche, zwischen Zelle und Bibliothek unterwegs ist, muss durch lange Gänge gehen. Und das braucht Zeit; es geht nicht anders. Diese Übergänge helfen dabei, die Seele nachkommen zu lassen: Ich kann mich von einer Sache auf die nächste einstellen. Ich kann mich sortieren und aus dem, was ich gerade getan und erlebt habe, herausfiltern, was ich behalten möchte. Oder es einfach nur gut abschließen.

Aber die Gänge und Räume in St. Peter können noch mehr. In einem der Flure hängen zum Beispiel Porträts von den Äbten, die früher das Haus geleitet und das Klosterleben gestaltet haben. Zwei von ihnen fehlen aber: die beiden Äbte, die das Kloster fast ruiniert hätten. Die Benediktiner hatten schon immer ein gutes Gespür für das rechte Maß. Wer das nicht gefunden hat, wurde nicht in die Galerie aufgenommen. Schaue ich mir heute die Bilder an, dann machen sie mich nachdenklich: Woran nehme ich eigentlich Maß? Und wie gehe ich mit dem um, was mir anvertraut ist?

Als ich in St. Peter vor den Porträts gestanden bin, ist mir einiges durch den Kopf gegangen. Ich habe mich gefragt, welche Schätze mir anvertraut sind, nicht nur finanziell. Es gibt Menschen, die ich liebe und für die ich da sein will. Schnell ist mir klar geworden, dass das rechte Maß auch mit ihnen zu tun hat: Ich habe wieder mal gemerkt, dass ich mir oft zu wenig Zeit für sie nehme, weil ich mehr arbeite, als ich eigentlich sollte. Und das gilt auch für mich selber: ich gestehe mir oft nur wenig Zeit zu, um das zu tun, was mir Spaß macht und gut tut. Daran sollte ich etwas ändern. Ich war erstaunt, was die Bilder der alten Äbte auslösen können – gerade die, die gar nicht da sind!

Die Buchstaben des Lebens keltern

Meine Tochter hat mich neulich etwas ausgebremst. Ich habe sie gefragt, was da geschrieben steht. Sie hat erst lesen gelernt und geantwortet: Warte, Papa, ich guck mal in meinem Kopf. Sie hat kurz nachdenken wollen und dabei eingefordert, was generell im Leben wichtig ist: sich immer wieder mal Zeit zu nehmen, um sich zu sortieren. In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben davon erzählt, wie die Benediktiner vom Kloster St. Peter bei Freiburg früher damit umgegangen sind. Sie haben das Kloster so angelegt und gestaltet, dass es Besucher wie mich bis heute einlädt, einfach mal langsam zu machen, die Seele nachkommen zu lassen und ein wenig nachzudenken.

Darüber zum Beispiel, wie ich es mit Jesus halte. Zum Kloster gehört ein Fürstensaal, in dem früher Politiker empfangen wurden. Das Deckengemälde zeigt Jesus und ein paar Leute. Die meisten sind blass gemalt, Jesus hingegen kräftig – und nicht nur Jesus, sondern auch ein Sünder. Die Farbe verbindet die beiden miteinander. Das Gemälde will zeigen, dass Jesus der Einzige ist, der sich mit dem Sünder abgibt, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gibt. In dem Raum gibt es auch Spiegel. Sie stehen auf dem Boden und zeigen das Deckengemälde. Wenn ich da reinschaue, schlupfe ich quasi ins Gemälde hinein. Ich sehe mein Spiegelbild bei Jesus stehen und frage mich, wie das mit mir ist: ob ich einer von denen bin, die in der Menge verblassen, oder ob ich mich wie Jesus für andere einsetze und etwas für die Gesellschaft tue, in der ich lebe.

Kann ich als Einzelner die Welt verändern? Die Mönche von St. Peter haben – wenn man das so verstehen will – auch in diese Richtung gedacht: Im Altarraum der Kirche sind Engelfiguren angebracht, die singen und musizieren. Wenn die Mönche morgens in aller Frühe gebetet und halb verschlafen gesungen haben, konnten sie diese Engel sehen. Und ihnen sollte klar werden: auch wenn mein eigener Gesang nicht perfekt ist, so wird er doch mitgetragen von dem der Engel. Ich denke, das gilt für vieles im Leben: Wenn ich das mache, was ich kann, und dabei mein Bestes gebe, ist das genug. Es ergänzt sich mit dem, was andere tun. Und dadurch kann sich die Welt durchaus verändern.

Es lohnt sich, ab und an zu entschleunigen und nachzudenken über mich und mein Leben. Wenn ich das, was ich erlebe und was mich beschäftigt, in Ruhe durch mich hindurchwandern lasse, kann ich es sozusagen keltern, eine Essenz herausfiltern, von der ich dann auch später noch etwas habe. Wenn ich über mich nachdenke, kann ich mir klarer darüber werden, was ich will, wofür ich stehe und wer ich bin. Und das beeinflusst im besten Fall, was ich tue. Das kann ich an Orten wie St. Peter tun und mich vom Geist des Hauses inspirieren lassen. Oft reicht es aber schon, aufmerksam zu sein und einfach mal zwischendurch – wie das meine Tochter gesagt hat – in meinem Kopf zu gucken, was die Buchstaben eigentlich bedeuten, die mein Leben so schreibt.

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A real Man


Es gibt da ein interessantes Teamspiel. Vier Leute stellen sich vier anderen gegenüber und strecken ihre Zeigefinger aus. Sie verzahnen die Finger so wie bei einem Reißverschluss. Dadurch entsteht eine Art Zeigefingerstraße, auf die der Spielleiter dann einen ausgeklappten Zollstock legt. Dann bekommt das Team die Aufgabe, den Zollstock auf dem Boden abzulegen. Einzige Bedingung: alle Finger bleiben am Holz.Ich hab das erst nicht geglaubt, aber dieses Spiel kann echt lange dauern. Acht Leute brauchen dafür schon mal zehn Minuten Zeit! Ohne Absprachen geht das nicht. Das Team muss sich überlegen und darauf einigen, wie es vorgehen will. Schließlich muss jeder seine Finger am Holz lassen und das ist gar nicht so einfach. Das geht nur, wenn die Teammitglieder auch auf diejenigen achten, die sich mit der Übung schwer tun: weil Knie oder Rücken schmerzen und sie deshalb nicht in die Hocke gehen können oder weil sie vielleicht die Finger nicht ruhig genug halten. Die Gruppe muss offen darüber sprechen, was zu tun ist, sich dem Tempo der Langsameren anpassen und Rücksicht auf sie nehmen. Nur dann klappt das.

Wenn ich dieses Teamspiel anleite, dann nehme ich dafür nicht irgendeinen Zollstock. Ich habe einen besonderen: den „Maßstab Mensch“. Das steht auch auf diesem Zollstock drauf. Ich finde, dieser „Maßstab Mensch“ passt zu dem Spiel besonders gut, da es ja darum geht, am anderen Menschen Maß zu nehmen. Das Spiel ausgerechnet mit diesem Zollstock zu spielen, macht die Leute oft nachdenklich. Sie tauschen sich darüber aus, wie sie mit einander umgehen, woran sie andere Menschen messen und woran sie selber gemessen werden wollen.

Ich sage dann meistens auch noch etwas zu dem Wort „Mensch“. Dieses Wort ist vom Deutschen ins Jiddische gewandert und von da ins Englische. Und in allen drei Sprachen heißt es gleich, nämlich „Mensch“. Wenn man im Jiddischen „wirklicher Mensch“ sagt oder im Englischen „a real Mensch“, dann heißt das so viel wie „eine Seele von Mensch“. So ein „wirklicher Mensch“ ist besonders aufrichtig und vertrauenswürdig. Er ist tapfer und anständig. Er ist authentisch und tut das Richtige, weil er auf andere achtet. Er respektiert sie, nimmt Rücksicht auf sie und schert sich nicht darum, ob sie hübsch oder hässlich, reich oder arm, mächtig oder hilflos sind. Ihm geht es um den Kern des anderen, um sein Wesen. „A real Mensch“ weiß, dass alles, was er tut, Folgen hat. Daher handelt er umsichtig; zuhause, draußen und bei der Arbeit. Und wenn er mal was falsch macht, dann gibt er das zu. Schließlich muss er keine äußere Fassade wahren.

„Maßstab Mensch“. Mit diesem Zollstock kann man tolle Spiele machen. Aber auch so richtig in die Tiefe gehen und darüber philosophieren, woran man als Mensch Maß nimmt und was einem wichtig ist, wenn man mit anderen zu tun hat. Und besonders spannend wird es, wenn man direkt mit diesen anderen darüber spricht.

Von Gott geliebt und angenommen

Gerade habe ich in meinen Sonntagsgedanken vom „Maßstab Mensch“ erzählt. Das ist ein klassischer Zollstock, der einfach so heißt. Auf ihm sind neben den Zahlen aber auch Zitate, Namen und Schlagworte abgedruckt; aus der Geschichte der Philosophie und Medizin, aus der Bibel oder von wichtigen Personen. Da ist zum Beispiel „Gandhi“ zu lesen und was man mit ihm verbindet: „gewaltloser Widerstand“. Auch Franz von Assisi und Luther, Galilei und Napoleon. Menschen also, die die Welt geprägt und Geschichte geschrieben haben, weil sie etwas Besonderes geleistet, etwas entdeckt, sich sonst wie hervorgetan und Maßstäbe gesetzt haben.

Wer sich mit diesem Maßstab misst, bei dem könnte schnell Frust aufkommen. Irgendwie vergleicht man sich doch mit diesen Persönlichkeiten und das schüchtert ein. Gut, dass da auch Zitate aus der Bibel auf dem Holz stehen. Ich finde nämlich, die bewirken grad das Gegenteil: sie machen Mut. Da heißt es zum Beispiel: „Du, Gott, umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich“ (Ps 139). Und weiter, dass Gott jeden einzelnen Menschen kennt, noch bevor er geboren ist. Dass er ihn segnet und bei ihm ist. Das heißt doch, dass ich als Mensch zunächst einmal sein darf, wie ich bin. Denn ich bin von Gott gewollt und geliebt, auserwählt und gesegnet. So wie ich bin. Ich habe eine Würde allein dadurch, dass ich bin. Ich muss nicht gleich so großartig sein wie die großen Leuchten der Menschheitsgeschichte. Ich darf wachsen, größer werden und reifen; an den Umständen, die mir das Leben beschert, und an den Personen, die mir begegnen.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat das mal auf seine ganz eigene Art ausgedrückt. Er hat gesagt. „Ich werde am Du“. Auch der Satz steht auf dem Zollstock. Ich wachse an meinem Gegenüber, dadurch, dass ich mich ständig mit ihm und mit der Welt, die mich umgibt, auseinandersetze. Ich darf also werden, mich entwickeln, wachsen. Und wenn ich damit beginne, den anderen so zu respektieren wie er ist, wenn ich auf ihn Rücksicht nehme, weil er vielleicht mit meinem Tempo nicht mithalten kann oder weil er meine Hilfe braucht, dann ist ein Anfang gemacht. Ob ich mich dann mit ihm solidarisiere, ihm helfe und am Ende vielleicht sogar ein kleiner Franz von Assisi oder ein kleiner Gandhi werde, das kann sich ja dann immer noch zeigen.

Ich nutze den „Maßstab Mensch“ gerne, um Leute ins Gespräch zu bringen. Ich lasse ihn dazu manchmal aufklappen und zu einem Kreuz formen. Das Kreuz erinnert nämlich an Jesus, der den Menschen auf Augenhöhe begegnet ist, weil sie ihm etwas bedeutet haben – so wie sie sind. Für Gott ist jeder Mensch wichtig, auch wenn er nicht perfekt ist. Daran möchte ich gemessen werden und daran kann auch ich Maß nehmen.

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Auf der Bühne meines Lebens

„Gott spielt keine Rolle in meinem Leben.“ Ich kenn diesen Spruch schon länger und hab ihn neulich wieder mal auf einem T-Shirt gelesen. Er berührt mich immer wieder neu. Gott spielt in meinem Leben keine Rolle. Ich glaube, das ist wirklich oft so.

Die Hauptrollen auf der Bühne meines Lebens sind gut besetzt; auch ohne Gott. Durch Personen, die mir nahe stehen zum Beispiel, die mich prägen oder geprägt haben – auch wenn sie mittlerweile vielleicht von der Bühne abgetreten sind. Dazu gehören die Familie, Freunde und Kollegen. Die Hauptrollen sind aber auch besetzt durch das, was mir besonders wichtig ist: Projekte zum Beispiel, an denen ich gerne arbeite, oder Dinge, die mich interessieren. Auch die Nebenrollen sind vergeben, manchmal schneller als mir das lieb ist: durch das, was ich tun muss, oder durch Menschen, die auftauchen, etwas von mir wollen und mich auf Trab halten. Für Gott bleibt da kaum Spielraum: er kommt vielleicht noch vor, wenn ich den Gottesdienst mitfeiere, wenn ich bete oder eine Erzählung aus der Bibel höre, die mich anspricht. Sonst aber nicht.

Ich arbeite viel, schaue, dass ich genügend Zeit für meine Familie, für mich oder das habe, was sonst noch so ansteht. Das ist nichts, was die Welt bewegt, und wahrscheinlich ist es viel zu banal, zu alltäglich, als dass Gott da eine Rolle spielen könnte.

Wer jenes T-Shirt schon mal gesehen hat, weiß, dass der Spruch noch weitergeht: „Gott spielt keine Rolle in meinem Leben“, steht auf der Vorderseite – und hinten drauf: „Er ist der Regisseur.“ Das überrascht vielleicht, aber ich finde die Vorstellung ganz interessant. Im Theater bleibt der Regisseur ja meistens unsichtbar. Und doch gibt es ihn. Er spielt keine Rolle auf der Bühne, weil er das ganze Stück überblicken muss. Und das kann er nun mal von außen viel besser als jeder, der mitspielt und selber auf der Bühne steht. Ein Regisseur fordert seine Schauspieler heraus, indem er ihnen immer wieder neue Rollen zuteilt. Manchmal solche, die ihnen liegen und in denen sie zeigen können, was in ihnen steckt. Ein andermal solche, an denen sie wachsen müssen, ja, vielleicht sogar über sich hinaus. Er bringt die vielen Haupt- und Nebenfiguren so zusammen, dass sie sich gegenseitig ergänzen, sich entfalten und ihre jeweilige Rolle mit Leben füllen können. Das zeichnet ihn aus.

„Gott spielt in meinem Leben keine Rolle. Er ist der Regisseur.“ Dieser Gedanke spricht mich an, denn ein Regisseur kennt seine Leute. Er weiß, was er mir zumuten kann und womit er mich überfordert. Er hat den Überblick und das macht es mir leichter, die Rollen anzunehmen, die ich ausfüllen und gestalten soll. Ich darf Gott vertrauen, auch wenn mir meine Rolle mal nicht gefällt oder ich mich nur schwer in sie reinfinde, weil ich keinen Sinn in ihr sehe. Schließlich sollte der große Regisseur doch wollen, dass das Stück meines Lebens gelingt.

Wenn Gott die Regie übernimmt

„Gott spielt in meinem Leben keine Rolle. Er ist der Regisseur.“ Über diesen Spruch habe ich mir eben meine Sonntagsgedanken gemacht. Gott gibt mir die Rolle meines Lebens. Aber was dann? Muss ich alleine damit klar kommen – oder greift er auch mal ein?

Die Bibel erzählt von Leuten, bei denen Gott sehr deutlich Regie geführt hat: von Mose, Elija und Jesus zum Beispiel.

Mose wird von Gott beauftragt, Israel aus der Sklaverei zu führen. Kein leichter Job. Dementsprechend druckst er herum: „Herr, sie werden mir nicht glauben. Und überhaupt: Ich kann nicht gut reden, geschweige denn überzeugen. Nimm doch einen anderen.“ Aber für Gott ist klar: Mose ist der richtige Mann.

Der lässt sich schließlich auch drauf ein und bekommt Unterstützer zur Seite: sein Bruder Aaron steht ihm bei, und sein Schwiegervater Jitro berät ihn. Das stärkt Mose und er wächst über sich hinaus: Erst verhandelt er knallhart mit dem Pharao, dann führt er das Volk trotz großer Mühen in die Freiheit.

Der Prophet Elija hingegen schlägt sich eher als Einzelkämpfer durch. Er versucht, in Israel den rechten Glauben durchzusetzen, macht sich damit aber keine Freunde. Eines Tages erfährt er, dass es ihm an den Kragen gehen soll, und taucht erst mal unter. Elija ist ziemlich am Ende, fast depressiv. Er hockt in einer Höhle und klagt: „Ich bin für Gott eingetreten. Nun bin ich allein und sie trachten mir nach dem Leben.“ Elija ist erschüttert; der Boden unter seinen Füßen wankt. Erst als es wieder ruhiger wird, hört er ein leises Säuseln im Wind. In dieser Stille spricht Gott zu ihm, gibt ihm eine neue Perspektive und motiviert ihn weiterzumachen. Mit Erfolg.

Mose und Elija vertrauen auf Gott. Das zeichnet sie aus. Genau wie Jesus, der selbst im Tod noch darauf hofft, dass Gott ihm hilft. Diese drei sind Paradebeispiele dafür, wie Menschen sich von Gott führen lassen. Allerdings nicht blind. Sie wenden sich auch mal kritisch an den großen Regisseur: Mose wehrt sich dagegen, seinen Auftrag anzunehmen. Elija will nicht mehr weitermachen. Und selbst Jesus hadert am Kreuz: mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Genau deshalb finde ich die drei so sympathisch. An der Regie zu zweifeln, das kenne ich doch auch von mir: Manchmal weiß ich nicht, wie und wo ich anfangen soll, bin frustriert, mutlos oder komplett unsicher, ob Gott überhaupt noch da ist.

Wenn ich zurückschaue, wie diese Situationen jeweils bei mir ausgegangen sind, dann ist das ein bisschen wie bei Mose und Elija: Auch mir haben schon Leute unerwartet beigestanden, wo ich überfordert war. Menschen sind auf einmal aufgetaucht, die mir gut getan haben. Neue Perspektiven haben sich eröffnet, als ich bewusst in mich gegangen bin. Und es hat sich schon oft etwas als gut erwiesen, was mich zunächst aus der Bahn geworfen.

Ich kenne auch das Gefühl, dass Gott manchmal die Hände in den Schoß legt, abwartet und mich einfach machen lässt. Aber ich glaube, er ist trotzdem da. Wenn mir mein Leben über den Kopf wächst, dann greift er schon mal ein, besetzt Rollen neu oder flüstert mir etwas zu – ein bisschen so wie damals bei Mose und Elija.

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Seid wachsam!

Wenn morgens der Wecker klingelt, schlafe ich meist noch tief und fest. Was ich da nicht brauchen kann, ist ein Weckruf, der mich aus den Federn schmeißt. Und doch komme ich nicht anders in die Gänge. Ganz ähnlich ist das bei mir mit dem Advent. Wach auf und sei wachsam – das ist die Botschaft des Tages. Jesus hat das zu seinen Jüngern gesagt und sie damit wachgerüttelt. Er sagt: Mit Gott ist es wie mit einem Hausherrn, der irgendwann vor der Tür steht. Nur wer wach ist, kriegt den Moment mit. Nur wer aufmerksam ist, kann dann, wie es im Kirchenlied heißt, die Tür hoch und die Tore des Herzens weit machen, um den Herrn zu empfangen.

Auch wenn ich Wecker nicht mag, bin ich doch froh, dass mich der Advent so deutlich wachrüttelt. Mir passiert es nämlich oft, dass ich in meinem Alltag nur wenig mit Gott rechne. Mir ist schon klar, dass er überall auftauchen kann. In meinem Gegenüber zum Beispiel. Ich denke auch manchmal an ihn, wenn ich einen Regenbogen sehe, denn der ist für mich so eine Art Brücke zwischen Himmel und Erde. Aber dass Gott auch direkt an die Tür meines Herzens klopft und auch in mir etwas bewirkt, das geht mir oft durch. Um das zu merken, bräuchte ich nicht nur einen adventlichen Weckruf. Ich müsste mir auch die Zeit nehmen, mal genauer hinzuschauen. Und daran hängt es oft.

Ordensleute sind da geübter. Sie meditieren und beten regelmäßig. Dabei lernen sie sich selbst besser kennen. Wer still ist und sich Zeit für sich nimmt, stellt fest, was er denkt und fühlt. Er merkt, wonach er sich sehnt, was er sich wünscht und was er tun kann, um das zu erreichen. Das verändert, wie er die Welt sieht und wie er mit ihr umgeht; denn wer so achtsam ist, prüft im Idealfall genau, was für ihn und andere gut ist – und das tut er dann auch.

Ich denke, genau hier kommt Gott ins Spiel, der da anklopft. Denn wenn ich in mich gehe, entdecke ich, dass ich mich nach Liebe und Geborgenheit sehne, nach Frieden und Gerechtigkeit. Dinge, die Gott wichtig sind. Visionen, die Jesus verkündet und gelebt hat. Ideale, an denen auch ich mich orientieren kann und die ganz konkret lenken, was ich tue. Wenn ich zum Beispiel davon ausgehe, dass Gott bei mir durch das wirkt, was mir selber wichtig ist, was ich mir ersehne und wünsche, dann werde ich dem Kollegen sicher keins reinwürgen, nur weil ich mich über ihn geärgert hab. Das führt nicht weiter und bringt mich dem Frieden nicht näher. Besser, ich spreche ihn auf die Sache an und kläre das. Dadurch verändert sich etwas.

Wacht auf und achtet auf den Herrn; zum Beispiel in der Stille. Die Ordensleute haben früher sogar körperlich erfahren, dass sich was tut, wenn man diesem Weckruf folgt. In St. Peter im Schwarzwald zum Beispiel. Dort gibt es nämlich besondere Kniebänke: Wenn sich die Mönche früh morgens in der eiskalten Kirche versammelt haben, um zu beten, sind sie auf Holzkästen gekniet, in denen heiße Steine lagen. Wer also aufmerksam war und sich Gott zugewandt hat, hat schon bald nicht mehr gefroren. Er hat am eigenen Körper gespürt: beten wärmt.

Und wenn ich zu müde bin?

Wacht auf und seid wachsam, denn ihr wisst nicht, wann der Herr kommt. Das ist die Botschaft des Advents. In meinen Sonntagsgedanken habe ich überlegt, was das heißen kann. Mir Zeit zu nehmen, um still zu werden, zu meditieren und zu beten zum Beispiel. Dabei kann ich nämlich entdecken, wonach ich mich sehne, was ich mir wünsche und was mir wichtig ist. Dadurch kann ich Gottes Stimme in mir hören, die mich letztlich dazu anleitet, anders zu leben, friedlicher, gerechter und liebevoller.

Was aber, wenn ich zu müde bin, um zu meditieren, zu beten und wachsam darauf zu achten, wie Gott bei mir ankommt? Theresa von Avila hat sich das mal gefragt. Sie hat im 16. Jahrhundert gelebt, mehrere Klöster gegründet und dabei richtig angepackt. Sie hat dabei geholfen, die Häuser herzurichten und für den Einzug vorzubereiten. Sie hat sich um ganz banale Dinge gekümmert, das Stroh zum Beispiel, auf dem die Ordensleute schlafen sollten. Das hat sie ganz schön geschlaucht. Sie soll gebetet haben: „Herr der Töpfe und Pfannen, ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein und Dir zum Wohlgefallen in der Nacht zu wachen, auch kann ich nicht meditieren in der Morgendämmerung.“

Dann macht sie Gott einen Vorschlag: „Mache mich zu einer Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche. Nimm an meine rauen Hände, weil sie für Dich rau geworden sind. Kannst Du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen, der himmlische Harmonie hervorbringt auf einer Pfanne? Sie ist so schwer zu reinigen (…)! Hörst Du, lieber Herr, die Musik, die ich meine? Die Stunde des Gebetes ist vorbei, bis ich mein Geschirr vom Abendessen gespült habe, und dann bin ich sehr müde. Wenn mein Herz noch am Morgen bei der Arbeit gesungen hat, ist es am Abend schon längst vor mir zu Bett gegangen.“

Theresa von Avila ist realistisch. Nicht jeder kann sich die Zeit nehmen, um in Ruhe zu meditieren oder zu beten. Ich kenne das gut: oft ist zu viel los und ich bin einfach zu müde dafür. Neulich stand in der Zeitung, dass es sogar dem Papst so geht und dass er manchmal beim Beten einschläft. Aber so wie Theresa betet, zeigt sie, worauf es ankommt: sie geht davon aus, dass Gott immer und überall da ist. Sie rechnet mit ihm und glaubt, dass Gott auch dann bei ihr anklopft, wenn sie einfach nur dem nachgeht, was sie täglich so tut. Das zeigt eine Grundhaltung, die für mich adventlich ist: zu meditieren und zu beten ist wichtig; und es braucht manchmal Auszeiten dafür. Ich kann Gott aber auch entdecken, wenn ich einfach achtsam tue, was gerade ansteht – vielleicht ab und zu unterbrochen durch ein Stoßgebet wie das von Theresa.

Wacht auf und seid wachsam! Es gibt viele Möglichkeiten, „aufgeweckt“ zu leben und aufmerksam dafür zu sein, wo und wie Gott bei mir ankommt.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten ersten Advent.

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