Manuskripte

Wie ich auftrete sagt vieles über mich aus

Pferde auszuführen, sie zu bürsten und zu striegeln, gehört nicht gerade zum Kerngeschäft eines Theologen. Dennoch habe ich es getan; beruflich. Meine Kollegen und ich waren „pferdeflüstern“ im Kraichgau. Wir haben einen Pferdehof besucht, um etwas über Kommunikation zu lernen, vor allem über das, was sich auf der nicht-sprachlichen, der non-verbalen Ebene abspielt, wenn Menschen aufeinandertreffen. Menschen kommunizieren immer; sie können gar nicht anders. Aber nur ein kleiner Teil davon geschieht mit Worten. Das meiste drücken sie ohne Sprache aus: Wie ich dastehe, meine Hände halte oder meinen Kopf neige – das alles sagt etwas aus und bewirkt etwas beim Gegenüber. Pferde sind für solche Signale sehr empfänglich und daher als Kommunikationstrainer besonders geeignet. Sie reagieren prompt auf das, was ich bewusst oder unbewusst ausstrahle; und spiegeln es sofort zurück.

Die erste Übung scheint einfach zu sein: „Sucht Euch ein Pferd aus, nehmt es an den Strick und führt es herum.“ Leichter gesagt als getan! Ich habe großen Respekt vor den Tieren. Also betrete ich ganz langsam die Koppel und nähere mich vorsichtig einem Pferd. Es merkt wohl irgendwie, wie unschlüssig ich bin und nutzt das sofort aus. Was auch immer ich versuche: es bleibt einfach stehen und verweigert sich. Die Trainerin rät mir, entschlossener aufzutreten, bei allem Respekt vor dem Tier. Ich soll nicht zögern, es einfach anleinen und loslaufen. Auch unterwegs soll ich ihm zeigen, dass ich mir ganz sicher bin und den Weg kenne. Ich versuche das und es klappt wirklich.

Schnell wird mir deutlich, was das für Menschen heißt und die Art, wie sie auftreten: In jeder Begegnung schwingt mit, was ich denke oder fühle, ob ich Respekt habe oder Angst, ob ich mir meiner Sache sicher bin oder nicht. Was in mir vorgeht, spiegelt sich darin wider, wie ich auftrete. Das fängt schon damit an, wie ich jemanden begrüße: wertschätzend und respektvoll ist das dann, wenn ich aufrecht dastehe und dem anderen in die Augen schaue. Ihm kräftig die Hand zu schütteln, kann bedeuten, dass ich voller Energie bin, selbstsicher und entschlossen. Das ist übrigens eine gute Voraussetzung dafür, jemanden für etwas zu gewinnen, das mir wichtig ist. Wenn ich wach und aufmerksam bin, den Blick des anderen suche und erwidere statt ins Leere zu schauen, wenn ich offen und zielsicher auftrete statt verschlossen und zögerlich, dann strahlt das eine gewisse Offenheit aus. Es zeigt, dass ich am anderen interessiert bin und dass ich mich auf ihn einlasse. Und es spricht für meine innere Klarheit! Mein Gegenüber spürt dann nämlich: der weiß, was er will. Er hat einen Plan; ihm kann ich vertrauen und folgen.

Ja, gefolgt ist mir mein Pferd dann tatsächlich. Allerdings nicht lange. Schon beim nächsten Versuch hat es mich wieder abblitzen lassen. Es gibt nämlich noch mehr Dinge, die man über Pferde wissen muss oder vielmehr darüber, was im Kontakt mit anderen wichtig ist – abgesehen davon, sicher aufzutreten.

Dem anderen Raum geben, Umwege zulassen, Beziehungen pflegen,

In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben von einem Seminar erzählt, das ich mit Kollegen besucht habe. Wir haben mit Pferden gearbeitet, um von ihnen etwas über Kommunikation zu lernen, über das, was sich auf der nicht-sprachlichen Ebene abspielt, wenn Menschen zusammentreffen. Wenn ich zum Beispiel sicher und entschlossen auftrete, kann ich andere leichter zu etwas bewegen. Sie vertrauen mir, weil ich ihnen zeige, dass ich weiß, was ich will und was ich tue.

Bei meinem Pferd hat das geklappt. Es ist mir gefolgt, weil ich entschlossen war. Leider nur kurz; dann ist es wieder stehen geblieben. Aber nicht, weil ich gezögert habe. Der Weg war ihm zu schmal! Das Pferd war eingeengt und hatte nicht genügend Platz, um sich zu bewegen. Es hat sich unwohl gefühlt und hätte gegen seinen Instinkt handeln müssen. Das hatte ich nicht bedacht.

Auch zwischen Menschen ist das manchmal so: etwas läuft nicht, weil einer dem anderen zu wenig Raum lässt. Zum Beispiel bei der Arbeit. Um etwas zu erledigen oder ein Ziel zu erreichen, hat jeder so seinen Weg, seine Methode und sein Tempo. Nur wenn jeder genug Spielraum hat, Dinge auf seine Art anzupacken, funktioniert es. Auch Beziehungen scheitern oft daran, dass sich Partner zu wenig Freiraum zugestehen. Partnerschaft heißt ja nicht: „Du gehörst mir. Lass uns alles gleich tun.“ Es geht vielmehr darum, dem anderen Luft zu lassen und die Möglichkeit zu geben, er selbst zu sein und auch mal zu tun, was ihm wichtig ist.

Und noch etwas ist mir aufgegangen, als ich versucht habe, das Pferd dorthin zu lenken, wo ich hin wollte: Ich verliere nicht, wenn ich dem anderen mal nachgebe und seinen Weg einschlage. Vielleicht mache ich dadurch einen Umweg. Aber ich spare viel Kraft, weil ich ihn nicht erst lange überzeugen und dann doch mühsam mitschleifen muss.

Am besten bin ich übrigens mit dem Pferd zurechtgekommen, nachdem ich es gebürstet, gestriegelt und von Stechmücken befreit hatte. Durch all das nämlich hat das Tier gespürt, dass ich ihm nichts Böses will. Auch das lässt sich auf Menschen übertragen. Wenn die Beziehung stimmt und Menschen einander vertrauen, ist vieles möglich. Deshalb ist es auch so wichtig, immer wieder mal mit Kollegen zu plauschen, Freunde zum Grillen einzuladen oder dem Nachbarn einen Gefallen zu tun! Kleine Gesten eben. Beziehungen leben davon, dass man dem anderen Zeit schenkt, sich für ihn interessiert und Anteil nimmt an dem, was ihn bewegt. Dazu gehört auch, ihn mal zu loben oder ihm ein nettes Wort zu sagen.

Ob dem Pferd unserer Seminar gefallen hat, kann ich schlecht sagen; zum echten Pferdeflüsterer fehlt mir dann doch noch die Übung. Aber ich war begeistert, denn ich habe besser verstanden, was sich da so abspielt, wenn Menschen auf Menschen treffen – oft unbemerkt, ganz ohne Worte.

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Der dreifaltige Gott und das Wasser

Gott mit etwas zu vergleichen, muss eigentlich schief gehen. Denn Gott ist mehr als alles, was ich aus meiner Erfahrungswelt kenne. Und doch tue ich es manchmal! Ich kann nicht anders. Ich muss Gott mit etwas vergleichen, wenn ich eine Ahnung davon bekommen will, wer oder was er ist. Das geht mir gerade an Pfingsten so, wenn der Heilige Geist gefeiert wird. Was soll das denn sein – heiliger Geist? Und wie verhält er sich zu Vater und Sohn. Ein Gott in drei Gestalten?

Um in das Geheimnis Gottes ein wenig vorzudringen, kann Wasser helfen. Wasser fließt. Es kommt in Bächen und Seen vor, macht lebendig, nährt Pflanzen, tränkt Tiere und Menschen. Und es trägt Schiffe. Wasser kann aber auch hart und kalt sein, glatt und rutschig: als Eis nämlich. Dann trägt es zwar auch, aber anderes: Schlittschuhläufer zum Beispiel. Als Eisblock kühlt es Lebensmittel, als Eiswürfel Getränke. Wasserdampf hingegen macht genau das Gegenteil: Er ist heiß und gefährlich. Anders als Eis erzeugt er Energie und treibt Maschinen an. Er lässt sich nicht anfassen und doch bewirkt er etwas.

Wasser kommt also auf drei Arten vor: fest als Eis, flüssig als Wasser und gasförmig als Dampf. Will ich wissen, was Wasser wirklich ist, muss ich alle drei Formen zusammen­nehmen. Es geht nicht anders. Und genau so erlebe ich es, wenn ich über Gott nachdenke. Natürlich ist kein Bild perfekt. Aber wie Wasser hat auch Gott ein Wesen, dem ich nur auf die Spur komme, wenn ich mir die drei Gestalten genau anschaue, in denen er sich zeigt: Gott Vater, Sohn und Geist.

Eis ist fest und kann Menschen tragen. Wenn man so will: wie Gott-Vater. Für mich ist er der Grund, der alles hält. Er sorgt dafür, dass alles „flutscht“, dass die Dinge laufen und die Welt sich dreht.

Wenn Eis schmilzt, wird es zu Wasser. Aus Gott Vater wird der Sohn geboren, Jesus! Die Bibel erzählt, wie er Menschen Hoffnung gibt. Jesus bezeichnet sich selbst einmal als lebendiges Wasser und er schenkt den Menschen neues Leben, mit denen er zusammen ist: den Jüngern zum Beispiel, den Armen und Kranken.

Wasserdampf kommt für mich dem Heiligen Geist am nächsten, weil man ihn nicht greifen kann. Den Geist sieht man nicht, aber er wirkt, wo immer etwas aufbricht, das die Welt verändert. Er wirkt, wo etwas Fahrt aufnimmt wie eine Dampflok. Dieses Bild gefällt mir, denn die Lok wird von Wasserdampf angetrieben, einer Kraft, die sich nicht greifen lässt, die aber unheimlich stark ist, Energie erzeugt und bewegt.

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Für mich sind das drei Dinge, drei Gestalten. Aber wie Eis, Wasser und Dampf sind sie von ihrem Wesen her eins. Gott mag mit nichts vergleichbar sein. Aber Bilder wie das vom Wasser brauche ich manchmal, um ein klein wenig von dem zu erahnen, was meine Vorstellungskraft sprengt.


Gottes Geist und die „heilige Unzufriedenheit“

Was ist der Heilige Geist? Darüber habe ich mir gerade Gedanken zum Pfingstfest gemacht. Der Heilige Geist ist der Geist Gottes. Ich kann ihn nicht sehen, aber fühlen. Wie Wasserdampf kann ich ihn nicht greifen, aber er wirkt, hat Energie und Kraft. Wie das konkret aussieht, kann ganz unterschiedlich sein.

Wenn die Bibel vom Heiligen Geist spricht, dann spricht sie zum Beispiel von den Früchten des Geistes (vgl. Gal 5,18-25). Sie sagt: Wo Menschen herzensgut, treu oder freundlich sind, fröhlich, friedlich oder liebevoll, wo sie sich für andere einsetzen, da handeln sie im Geist Gottes. Der Apostel Paulus denkt zudem über die Gaben des Geistes nach. Er sagt: Jeder hat von Gott etwas mitbekommen, das er gut kann: Fähigkeiten, die aus göttlichem Geist erwachsen, weil sie mir und anderen nutzen (vgl. 1 Kor 12).

Paulus sagt auch, dass der Geist Menschen zu Kindern macht, die Gott ihren Vater nennen (vgl. Röm 8,15). Ich habe lange nicht verstanden, was er damit meint, und ich habe mich auch ein wenig dagegen gesträubt, als Kind bezeichnet zu werden. Vielleicht geht es Paulus aber um das Gefühl, das Kinder ihrem Vater gegenüber haben, wenn er sie zum Beispiel in die Luft wirft und wieder auffängt. In dem Moment spüren sie tief im Herzen, was sie mit ihm verbindet: sie wissen, wo sie hingehören und dass ihr Papa sie liebt. Das ist keine Kopfsache; es geht da um etwas ganz tief drin. Paulus schreibt einmal, dass der Geist dem Herzen Gewissheit gibt, dass Gott es liebt (Röm 5,5). So fühlt sich für ihn heiliger Geist an: er geht zu Herzen und er macht die Liebe Gottes spürbar.

Paulus selbst hat einmal erfahren, was es heißt, von einer „heiligen Unzufriedenheit“ geplagt zu sein. Auch darin sieht er eine Variante, wie der Geist wirkt. Als er in Athen die vielen Götterstatuen sieht, wird er stinksauer! Er beschließt, länger dort zu bleiben, um das Evangelium zu verkünden und gegen diese Götzen anzupredigen (Apg 17,16). Er wirft seine Reisepläne über Bord, um sich selbst treu zu bleiben und weil er eben unzufrieden ist. Für ihn zeigt sich in dieser heiligen Unzufriedenheit der Geist Gottes. Ich glaube, das gibt es bis heute: Ich kenne Menschen, die ihren Beruf aufgegeben oder ein Amt abgegeben haben, um zu tun, was sie im Herzen umtreibt: für andere da zu sein. Und ich denke auch an Menschen, die ihren eigenen Weg gehen und nicht den, den andere für sie vorsehen – weil sie sich dazu berufen fühlen. Und ich rechne auch die Leute dazu, die in diesen Tagen auf die Straßen gehen, weil Unrecht geschieht – einigen Menschen in der Türkei zum Beispiel. Diese Leute verspüren eine heilige Unzufriedenheit und handeln entsprechend.

Nicht alles, was mich bewegt, kommt von Gott. Und ich muss vorsichtig sein, dass ich nicht, ja, meinen eigenen Vogel für den Heiligen Geist halte. Aber manchmal ist da eben eine offene Tür, die vielversprechend ist, eine innere Unruhe, die mich lenkt, oder jenes tiefe Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Für mich hat das immer dann etwas mit Gottes Geist zu tun, wenn es letztlich zu etwas Gutem führt: für mich und auch für andere.

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Partnerschaft - die Kunst, die Blance zu halten

Immer wieder habe ich mit jungen Paaren zu tun, die heiraten möchten. Einen Tag lang nehmen sie sich Zeit für sich und ihren Partner und beschäftigen sich damit, was sie von einander erwarten. Sie überlegen sich, was eine Partnerschaft ausmacht und wie ihre Beziehung gut werden kann.

Die Vorstellungen der Paare sind ganz unterschiedlich: Für die einen gehört zu einer guten Beziehung, sich zu fetzen und auch mal heftig zu streiten; andere halten das für ungut. Manche betonen die gemeinsamen Interessen und wollen möglichst viel zusammen erleben; anderen ist es wichtiger, dass jeder für sich sorgt und seinen Freiraum hat. Es zeigt sich dann schnell, dass es weder das eine noch das andere Extrem ist: Alles gemeinsam zu tun, fördert eine Partnerschaft ebenso wenig, wie wenn jeder nur die eigenen Wege geht. Nähe und Distanz sollten gut ausbalanciert sein. Ebenso Streit und Harmonie. Das ist wie in der Musik: sie wird erst richtig interessant, wenn sie nicht nur harmonisch und auch nicht nur dissonant klingt. Die Mischung macht‘s. Genauso ist es in der Partnerschaft: zu viel Streit schadet, zu wenig aber auch. Wer immer nur friedlich und höflich ist, fördert einen falschen Frieden, eine „Friedhöflichkeit“, die – wie der Name schon sagt – Beziehungen sterben lässt. Ideal ist ein Mittelweg: Wer sich ab und zu konstruktiv und fair streitet, macht sich Luft und klärt die Fronten.

Den Paaren fallen meist noch mehr Dinge ein, die gut ausbalanciert sein sollten und die zu einer guten Beziehung gehören: So sollte jeder die Stärken und Schwächen des anderen gleichermaßen annehmen. Keinem tut es gut, ständig auf seine Schwächen angesprochen zu werden. Und wer ständig idealisiert wird, muss hohen Erwartungen genügen. Auch das geht auf Dauer schief. Eine Beziehung gelingt eher, wenn beide Partner um ihre Ecken und Kanten wissen, aber auch darum, was den anderen auszeichnet und besonders macht. Beziehungen leben außerdem davon, dass die Partner einbringen können, was sie von früher her geprägt hat, Werte und Vorstellungen aus ihrer Familie, die sie leben und vielleicht sogar an ihre Kinder weitergeben möchten – und die decken sich ja nicht immer mit denen, die der andere mitbringt. Gleichzeitig darf das aber nicht alles sein: Es sollte auch genug Platz bleiben für das, was die Partner gemeinsam entwickeln. Auch hier kommt es darauf an, einen guten Mittelweg zu finden.

Ich bitte die jungen Paare in solchen Gesprächen oft, ihre Gedanken auf den Punkt zu bringen und in wenigen Worten zu sagen, was ihre Beziehung tragfähig machen könnte. Meist staunen sie dann nicht schlecht: sie wählen nämlich oft genau die Worte, die das kirchliche Trauversprechen vorsieht. Das Miteinander gelingt, wenn der eine den anderen annimmt – so wie er ist als Mann und Frau mit allen Eigenheiten, wenn sich die Partner lieben, achten und ehren, wenn sie also respektieren, was jeder aus seiner Familie so mitbringt. Und das alles nicht nur heute, wenn es gerade passt, sondern langfristig: in guten und schlechten Tagen.

Obdach für die Seele

Heute wird in den Kirchen der Familiensonntag gefeiert. In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben überlegt, was eine gesunde Partnerschaft ausmacht. Eine Beziehung ist tragfähig, wenn es den Partnern gelingt, einige Dinge gut auszubalancieren, zum Beispiel Nähe und Distanz oder Streit und Harmonie, auch Festhalten und Loslassen, Reden und Schweigen oder Annehmen und Verändern.

Ich denke da oft an eine Sage aus der griechischen Mythologie. Sie erzählt von Philemon und Baucis, einem Pärchen, das zusammen alt geworden ist und es offenbar geschafft hat, eben jene Balancen zu halten. Die beiden sind arm, aber das stört sie nicht weiter, denn sie haben ja sich. Eines Tages klopfen zwei Männer an der Tür. Philemon und Baucis bitten sie herein und bieten ihnen von dem Wenigen an, das sie haben. Als sich der Weinkrug immer wieder füllt, erkennt das Paar seine Gäste: es sind Zeus, der Göttervater, und Hermes, sein Bote. Philemon und Baucis schämen sich, weil sie nicht mehr aufgetischt haben, doch die Götter sind zufrieden. Sie belohnen die beiden. Das Paar wünscht sich aber keinen Reichtum, wie man vermuten könnte! Es geht ihnen um ihre Partnerschaft. Sie wünschen sich, dass sie noch etwas Zeit miteinander verbringen können und dann gemeinsam sterben. Keiner soll den anderen vermissen müssen. Die Götter erfüllen den Wunsch und als es soweit ist, werden Philemon und Baucis in zwei Bäume verwandelt.

Mich berührt an dieser Geschichte, wie eng die beiden miteinander verbunden sind. Ihre Partnerschaft ist tragfähig und das offenbar nicht durch Äußerlichkeiten. Sie lieben und achten, ehren und respektieren sich. Und das strahlt aus: trotz ihrer äußeren Armut nehmen sie ihre Gäste selbstverständlich auf. Weil sie als Paar gefestigt sind und weil ihre Beziehung in der Balance ist, können sie für andere da sein.

Was mich da so fasziniert, hat der Theologe Paul Michael Zulehner einmal ganz gut auf den Punkt gebracht. Er hat gesagt, dass Menschen ein „Obdach der Seele“ brauchen, einen Raum, der stabil ist und von Liebe getragen, wo sie Wurzeln schlagen und wachsen können, weil sie angenommen sind, ohne etwas leisten zu müssen. Zulehner meint damit Partnerschaft und Familie. Philemon und Baucis sind für mich insofern nicht nur ein Idealbeispiel dafür, wie tragfähig Beziehungen sein können. Sie haben für mich ihr „Obdach der Seele“ gefunden, eine Liebe, die ausstrahlt, einen Raum, der so stabil und groß ist, dass er sogar Platz für andere hat; in diesem Fall für die beiden Fremden.

Partnerschaft trägt, wenn sie gut ausbalanciert ist, stabil und von Liebe getragen. Dann kann sie sogar Heimat für die Seele werden, für die eigene, für die vom Partner, für die anderer Menschen oder vielleicht sogar von Kindern. Damit das gelingen kann, müssen sich die Partner gut kennen, sich um den anderen bemühen und immer wieder offen miteinander sprechen. Sie sollten sich aber auch hin und wieder direkt sagen, was sie an sich schätzen. Denn sich über Partnerschaft zu verständigen, ist das eine. Dem anderen direkt zu sagen, warum gerade er der Richtige ist, etwas ganz anderes.

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Der Kerl im Spiegel

Es gibt Momente im Leben, die entscheiden darüber, wie es weitergeht. Ich meine jetzt nicht die großen Weichenstellungen. Ich denke vielmehr an ganz alltägliche Situationen. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue zum Beispiel. Vielleicht kennen Sie das: Sie stehen auf, gucken in den Spiegel und fragen sich, wer Sie da anstarrt. Denn die Person sieht so mitgenommen aus, so wenig vertrauenserweckend: ihre Augen stehen auf Halbmast, die Haare sind völlig zerzaust und das Gesicht ist ganz schön zerknittert.

Genau in diesem Moment aber entscheidet sich, wie der Tag verlaufen wird. Das jedenfalls sagen Motivationstrainer. Johannes Warth zum Beispiel. Er nennt sich selber „Ermutiger“ und „Überlebensberater“. Ich habe ihn neulich erlebt und einiges von ihm gelernt. Er sagt: „Vor dem Spiegel kann man zwei Dinge tun, sich aufgeben oder sich ermutigen. Beides hat Folgen.“ Und er nennt Beispiele dafür:

Wer sich schon im Spiegel nicht leiden kann, leidet den ganzen Tag über: „Ach, wie war die Nacht so furchtbar. Oh je, wie sehe ich nur aus. Du liebe Zeit, was wird das für ein schwerer Tag.“ Und dann kommt es, wie es kommen muss: Es geht tatsächlich was schief und der Tag wird schwer. Denn wer unzufrieden ist, zieht runter; sich selber und andere. „Man erntet, was man sät“, sagt Johannes Warth! Schlechte Laune strahlt aus! Bin ich mies drauf, sind es die anderen mir gegenüber auch. Bei der Arbeit zum Beispiel sind dann alle irgendwie komisch; keiner lacht zu mir rüber oder spricht mehr mit mir als er muss. Und auch zuhause liegt was in der Luft; offenbar sind heute alle auf Streit aus. Für Johannes Warth ist klar, woran das liegt: ich selber habe morgens die Weichen falsch gestellt!

Die Alternative ist, sich morgens gezielt zu ermutigen. Warum nicht der Person im Spiegel ein wenig schmeicheln und was Nettes sagen? Zum Beispiel, wie es bei mir daheim im Dialekt heißen würde: „Kerl, Du gfallsch ma.“ Der Motivationstrainer ist überzeugt: Wer den Tag so anfängt, der gewinnt. Er geht aus dem Badezimmer und ist sich sicher: „Das Beste, was der Welt heute passieren kann, bin ich.“ Und es wird tatsächlich so sein! Denn wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Wer offen in die Welt geht, wird herzlich empfangen! Oder wie Johannes Warth sagt: „Glücklich wird, wer glücklich macht.“ Selbst Schwieriges wird mir leichter fallen, weil ich es gelassen angehe. Und das baut mich auf, den ganzen Tag über immer wieder neu.

Für Warth entscheidet sich übrigens oft schon vor der Badezimmertür, wo es an diesem Tag hingeht – sprachlich nämlich. Manche Menschen stehen morgens auf, um sich hübsch zu machen für das, was kommt. Andere hingegen gehen ins Bad, um „sich zu richten“. Sie ziehen los und „machen sich fertig“. Und dann wundern sie sich, dass die ganze Welt gegen sie ist.

...du bist einziartig

Viele Menschen erschrecken, wenn sie morgens in den Spiegel schauen. Allerdings ist genau dieser Moment enorm wichtig. Er entscheidet darüber, wie der Tag verlaufen wird. Das jedenfalls sagt Johannes Warth, ein Motivationstrainer, von dem ich eben in meinen Sonntagsgedanken erzählt habe. Wer vor seinem Spiegelbild kapituliert, geht unzufrieden in den Tag: Was soll der schon Gutes bringen? Die Alternative ist, sich bewusst zu ermutigen und sich klar zu machen: „Das Beste, was der Welt heute passieren kann, bin ich!“

Darf man aber von sich so überzeugt sein? Johannes Warth fragt sich das ernsthaft. Ist das nicht überheblich und gerade für Christen unangebracht, die sich doch traditionell eher um den Nächsten kümmern sollten als um sich selber. Warth schaut in die Schöpfungsgeschichte und gibt sich dann selber eine Antwort. In seinen humorvollen Worten klingt das so: „Gott schöpfte die Welt. Und bei allem, was er schöpfte, sah er, dass es gut war. Nur beim Menschen nicht. Den fand er sehr gut.“

Wer die Schöpfungsgeschichte genau liest, stellt fest, dass sich dieses „sehr gut“ auf alles bezieht, was Gott gemacht hat: auf Pflanzen, Tiere und auch auf den Menschen. Aber ich finde, Johannes Warth hat dennoch Recht. Der Mensch ist sozusagen das i-Tüpfelchen der Schöpfung. Daran jedenfalls lässt die Schöpfungsgeschichte keinen Zweifel. Dem Menschen nämlich vertraut Gott alles an, was er gemacht hat. Wenn das mal nicht grandios ist!

Es gibt viele weitere Bibelstellen, die zeigen, dass der Mensch ganz besonders ist, einzigartig und von Gott gewollt. Zu meinen Lieblingsstellen gehören zwei Psalmen. In Psalm acht zum Beispiel kann es der Beter kaum fassen, dass Gott den Menschen gemacht hat. Er schreibt: „Sehe ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist da der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände.“ Für den Beter ist es unfassbar: der Mensch ist das Abbild Gottes; jeder Einzelne. Psalm 139 vertieft das noch: Gott kennt jeden Menschen bis ins Letzte, ja, er kennt ihn so gut wie sich selbst. Er hat ihn schließlich gemacht und schon vor seiner Geburt erwählt. Es heißt da: „Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast.“

Ist es also wirklich übertrieben, morgens in den Tag zu starten mit der Einstellung, dass ich zum Besten gehöre, was der Welt passieren kann? Nein, es ist nicht übertrieben. Denn jeder Einzelne ist ganz besonders. Er spiegelt Gott wider und ist von ihm gemacht. Was kann es Besseres geben? Überheblich wird es nur dann, wenn ich nicht auch im anderen oder in der Schöpfung Gott sehe. Auch das sollte ich mir bei aller Selbstliebe immer wieder mal klar machen. Am besten dann, wenn ich mal wieder morgens im Bad schon gleich damit anfange, mein Gegenüber fertig zu machen – diesen unrasierten Kerl im Spiegel.

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Dehnungsstreifen, Falten, Cellulite

„Schatz, findest Du, dass ich älter geworden bin?“ Jedem Mann rutscht das Herz in die Hose, wenn ihn seine Frau das fragt. Egal, was er sagt, es geht daneben: „Ja klar siehst Du älter aus. Guck nur mal Deine Runzeln an.“ Welche Frau will sowas hören? Auch „nein“ ist keine Alternative: „Du siehst genauso jung aus wie damals.“ Soll sie das wirklich glauben? Er glaubt es doch selber nicht. Schließlich kennt er sein eigenes Spiegelbild nur zu gut – die grauen Haare, die Falten und die Bauchmuskeln im Speckmantel. Bleibt nur eine Antwort: „Wir werden doch alle nicht jünger.“

Ich habe neulich von einer Frau gelesen, die ihren Mann in eine ähnliche Lage gebracht hat. Mit Ende Vierzig fühlt sie sich nicht mehr ganz so attraktiv und knackig wie mit Zwanzig. Sie hat Angst, dass sie ihrem Partner nicht mehr gefällt. Das bringt sie auf eine Idee: Sie lässt Fotos von sich machen, die ihren Mann beeindrucken sollen. Der Fotografin sagt sie genau, wie sie sich das vorstellt: „Entfernen Sie alle Dehnungsstreifen, die Falten und auch die Cellulite.“ Für die Fotografin kein Problem: sie dunkelt das Licht ab, wählt die Pose gekonnt aus und retuschiert am Ende die restlichen Problemzonen. Heraus kommen brillante Fotos von einem nahezu perfekten Model.

Dann kommt der Tag, an dem die Frau ihrem Mann die Bilder zeigt. Der aber reagiert anders als gedacht: er zuckt nämlich zusammen. Zwar findet er die Frau auf den Fotos attraktiv. Keine Frage. Aber es ist nicht seine Frau. Nicht die, die ihm über all die Jahre so vertraut geworden ist und deren Makel er nur allzu gut kennt. Es ist nicht mehr die, die er all die Jahre geliebt hat. Ihre Dehnungsstreifen sind weg und damit auch die Spuren der Kinder, die die Zwei zusammen haben. Auch fehlen die Falten und mit ihnen all die Jahre voller Lachen und Sorgen, Höhen und Tiefen. Was die beiden verbindet, was sie erlebt und zusammen durchgestanden haben, ist einfach weg.

Jede Lebensphase hat ihre „Zeit“

In meinen Sonntagsgedanken spreche ich heute darüber, dass sich viele Menschen schwer damit tun, älter zu werden und nicht mehr so knackig zu sein wie früher. Sie sorgen sich darum, dass sie nicht mehr so attraktiv und jugendlich wirken, und sie investieren viel Zeit, Mühe und Geld, damit das nicht passiert. Und doch altern wir alle.

Der Prediger Kohelet macht sich da nichts vor. Im Alten Testament sagt er ganz direkt, was Sache ist: „Die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch“, also vergänglich. Er beschreibt sprachlich sehr schön und doch von der Sache her ganz nüchtern, was eines Tages kommen wird (vgl. Koh 12,1-8). Alles wird beschwerlich werden: „Die Wächter des Hauses werden zittern, die starken Männer sich krümmen.“ Kohelet spielt damit auf die Hände und Beine an. Weiter sagt er: „Die Müllerinnen“, also die Zähne, „werden ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind. Es wird dunkel bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken, das Tor zur Straße wird verschlossen und das Geräusch der Mühle verstummt“; Kohelet meint damit Augen, Ohren und Stimme. Er schreibt weiter: „Der Mandelbaum blüht“, also die Haare werden weiß. Und: „Die Heuschrecke schleppt sich dahin“; damit meint er die Art zu gehen. [Schließlich, so sagt Kohelet, „reißt die silberne Schnur, das Rad zerbricht, der Staub fällt auf die Erde zurück.“]

Kohelet beschreibt das Alter so nüchtern und doch irgendwie so liebevoll, finde ich. Für ihn gehört es ganz selbstverständlich dazu. Offenbar hat er es für sich akzeptiert und kommt gut damit klar. Jedenfalls schwingt für mich in seinen Zeilen keine Wehmut mit. Er scheint nicht damit zu hadern, dass jeder irgendwann älter wird. Und er macht sich auch keinen Kopf um das, was damit verbunden ist. Er akzeptiert einfach, dass alles im Leben seine Zeit hat: „Es gibt eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben; eine zum Pflanzen und zum Ernten. Zum Weinen und Klagen ebenso wie zum Lachen und Tanzen.“ Für Kohelet ist das einfach so. Ein Leben lang gibt es Momente, die wie ein Windstoß kommen und vergehen, Lebensphasen, die einander ablösen. Und jede dieser Phasen schickt ihre Boten voraus, die grauen Haare zum Beispiel, und sie hinterlässt Spuren, Lachfalten oder Dehnungsstreifen von einer Geburt. Für Kohelet ist das nicht schlimm. Er akzeptiert es und kann damit leben – gut und leicht leben.

Mir gefällt diese Einstellung! Kohelet sagt schon auch, dass man für sich sorgen und auf sich achten soll; wörtlich meint er: „Halte deinen Sinn von Ärger frei und schütz deinen Leib vor Krankheit.“ Wenn ich ihn aber recht verstehe, macht er es sich nicht zum Lebensinhalt, gesund und leistungsfähig, jung und attraktiv zu bleiben. Das unterscheidet ihn von vielen Menschen heute. Alles hat eben seine Zeit. Nur wer das akzeptiert, kann den Moment auskosten. Er schaut nach vorne und verliert sich nicht in dem, was er nicht mehr kann, hat oder ist.

Ich wünsche mir, dass mir das auch gelingt. Vor allem dann, wenn ich wieder mal vor dem Spiegel stehe und sie sehe, die Falten, die ersten grauen Haaren und meine Bauchmuskeln im Speckmantel.

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Gehalten und geführt

Der gute alte Bleistift hat eine lange Tradition: die Ägypter haben ihn erfunden. Sie haben flüssiges Blei in Holzrohre gegossen und damit geschrieben. Heute werden Grafitminen dafür verwendet. Ich selber nutze Bleistifte eigentlich kaum noch. Und doch habe ich mir zum Jahreswechsel einen ganz neuen auf meinen Schreibtisch gelegt – so einen mit einem Radiergummi oben drauf!

Nicht, dass ich künftig wieder mehr mit Blei schreiben möchte! Der Stift soll mich an einiges erinnern, was ich im neuen Jahr nicht vergessen will. Bleistifte haben nämlich Eigenschaften, die auch im Leben wichtig sind. Der Schriftsteller Paolo Coelho aus Brasilien hat einmal darauf hingewiesen.

Er sagt zum Beispiel, dass Bleistifte gehalten werden müssen. Alleine aus sich heraus können sie nichts. Sie brauchen eine Hand, die sie hält und führt. Bei Menschen sei das ganz ähnlich. Coelho denkt bei dieser Hand vor allem an Gott – und ich kann das gut nachvollziehen.

Gott ist für die Menschen da – glaube ich. Davon erzählt die Bibel und ich habe das selber auch schon so erlebt: Ich kann mich an ihn wenden, wenn ich ihn brauche. Im Gebet zum Beispiel kann ich ihm Dinge anvertrauen, die mich beschäftigen. Schon oft habe ich gemerkt, dass mir das gut tut. Ich spreche vor Gott aus, was mich umtreibt. Dadurch eröffnen sich manchmal neue Perspektiven und so manche Sorge wird kleiner. Gott wirkt in meinem Leben insofern also mit und begleitet mich. Wenn ich mit ihm spreche, tun sich neue Wege auf und er führt mich dadurch immer wieder einen Schritt weiter. Das ist viel wert, denn wenn ich auf ihn vertrauen kann, kann ich gelöster in die Zukunft gehen, in ein neues Jahr, von dem ich nicht weiß, was es mir bringt. Mir jedenfalls geht das so und insofern hat Coelho recht, finde ich: Wenn Gottes Hand mich hält, bin ich zu mehr imstande, als ich es nur alleine aus mir heraus wäre.

Für mich gibt es aber auch noch andere Hände, die mich halten und führen. Die kleine Hand von meiner Tochter zum Beispiel. Immer wieder nimmt sie mich beiseite, um mir etwas zu zeigen. Etwas, wofür ich als Erwachsener schon viel zu blind bin: die Farben und zarten Details auf der Müslipackung zum Beispiel oder den Glitzerstein am Wegrand, der so schön funkelt. Ihre Hand lässt mich Neues entdecken und die Welt mit ihren Kinderaugen sehen; eben mal wieder so ganz anders, so erfrischend neu! Und es gibt Menschen um mich herum, die ganz wichtig sind für mich: Sie sind da, wenn ich sie brauche, sie helfen mir, wo ich nicht weiterkomme, und sie führen mich, wenn ich den Durchblick verliere.

All diese Hände halten mich, lassen mich stark sein und weisen mir den Weg. Und genau deshalb habe ich den Bleistift auf meinen Schreibtisch gelegt. Ich will sie nicht vergessen; gerade jetzt, am Beginn des neuen Jahres. Ich will bewusst an diese Hände denken, weil ich ihnen dankbar bin. Was wäre ich ohne sie?!

Gebrauchsspuren sind unvermeidlich, Gebrauchsspuren sind unvermeidlbar, machen aber einzigartig

In meinen Sonntagsgedanken habe ich davon erzählt, dass ich mir zum Jahreswechsel einen Bleistift auf den Schreibtisch gelegt habe. So ein Bleistift hat nämlich Eigenschaften, die sich aufs Leben übertragen lassen. Denke ich über sie nach, wirft das ein anderes, größeres Licht auf mein Leben. Und das tut mir von Zeit zu Zeit mal ganz gut.

Bleistifte nutzen sich zum Beispiel ab; manchmal bricht ihre Spitze. Dann muss ich die Arbeit unterbrechen und sie anspitzen. Ich glaube, das ist im Leben genauso. Bei mir wird es auch in diesem Jahr rundgehen und lange nicht alles wird so laufen wie ich es will. Eine Herausforderung kenne ich jetzt schon: Ich werde umziehen und befürchte, dass Kontakte abbrechen, die mir wichtig sind. Vielleicht werden auch einige meiner Pläne durchkreuzt werden oder ich muss mich für immer von lieben Menschen verabschieden. Dann wird es darauf ankommen, stehen zu bleiben und zu schauen, wie es weitergehen kann. Ich muss mich dann neu ausrichten, wieder anspitzen sozusagen, bevor ich weitermache – auch wenn es weh tut und ich mich dadurch verändere. Der Bleistift macht das anschaulich: durchs Anspitzen wird er kürzer. Aber: er schreibt auch wieder! Vielleicht sogar besser als vorher. Das beruhigt mich irgendwie.

Mein Bleistift hat übrigens einen kleinen Radierer oben drauf. Wenn ich mich verschreibe, kann ich das gleich verbessern. Bei mir selber ist das leider nicht ganz so einfach. Ich mache Fehler, verrenne mich manchmal in etwas oder sage und tue Dinge, die andere verletzen. Ich weiß das durchaus. Das Problem ist nur, dass es mir oft unheimlich schwerfällt, meine Fehler zuzugeben und zu korrigieren. Dabei könnte es doch so einfach sein – jedenfalls sagt mir das mein Bleistift. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich Fehler eingestehe und versuche, sie wieder in Ordnung zu bringen! Daran will ich denken, wenn es das nächste Mal soweit ist!

Und an noch etwas soll mich der Bleistift erinnern: Das Wichtigste an ihm ist sein Inneres, die Mine. Sie hinterlässt Spuren, Teilchen von dem, woraus sie gemacht ist. Auch jeder Mensch hinterlässt Spuren, egal, was er tut. Sie hängen mit dem zusammen, was in ihm steckt, wie er tickt und was ihn ausmacht. Sie spiegeln, was er fühlt und denkt und was ihm wichtig ist. Mein Bleistift fragt mich da sozusagen, wie das bei mir so ist, welche Spuren ich hinterlassen möchte. Und dann ist es wichtig, dass ich mit meinem Inneren in Kontakt bin: ich muss mir über Dinge klar werden, mir eine eigene Meinung bilden und Position beziehen. Ich sollte meine Talente entfalten, zeigen was in mir steckt und für was ich stehe. Da habe ich noch einiges zu tun!

Ich bin gespannt, wie das mit mir und meinem Bleistift weitergeht. Vielleicht entdecke ich ja noch mehr Dinge, die er mir zu sagen hat und an denen ich dran bleiben will.
Sicher gibt es auch Dinge, die Sie sich für das neue Jahr vorgenommen haben. Was es auch Gutes ist – ich wünsche Ihnen, dass es gelingt!

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Feiern heißt, sich seiner Wurzeln zu vergewissern

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Karlsruhe. Meine Heimatstadt ist am 17. Juni 300 Jahre alt geworden! Sie feiert das mit über 500 Veranstaltungen; kulturellen, unterhaltsamen und auch einigen zur Geschichte der Stadt. Das ist eine richtig große Sache.

„Haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein.“ (Neh 8,10) Das ist nicht etwa das Motto zum Stadtgeburtstag. Dieser Satz steht in der Bibel, im Buch Nehemia! Oft ruft die Bibel ja dazu auf, enthaltsam zu leben und zu fasten. Es gibt aber auch die andere Seite: Sie lädt dazu ein, Feste zu feiern und das Leben zu genießen. „Haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein.“ Dieser Satz ist an das Volk Israel gerichtet. Israel war lange in Babylon gefangen und darf nun endlich nach Hause. Das Volk ist froh darüber, aber in Jerusalem ist viel zu tun; der Tempel muss neu aufgebaut werden. Zwei Männer tun sich dabei hervor: Esra und Nehemia. Sie motivieren das Volk und helfen dabei, die Ordnung herzustellen. Nach und nach gelingt das auch: Jerusalem blüht wieder auf.
Eines Tages bitten die Menschen Esra, aus der Schrift vorzulesen. Der tut das auch und predigt. Und danach, so überliefert Nehemia weiter, schickt Esra das Volk heim: es soll die Feier weltlich fortsetzen – mit einem Festmahl und süßem Wein.

Feiern hat in der Bibel also zwei Seiten: feiern mit anderen Menschen und mit Gott. Neben Wein und einem guten Essen gehört zu einem Fest auch ein Gottesdienst. In ihm machen sich die Menschen klar, dass sie das, was sie haben, was sie freut und glücklich sein lässt, nicht allein sich selbst verdanken. Sie lesen in den Schriften, erinnern sich an die Väter Abraham, Isaak und Jakob, an wichtige Vorbilder wie Mose und an das, was sie für das Volk getan haben. Dadurch wird ihnen bewusst, wer sie sind, woher sie stammen und wo ihre Wurzeln liegen. Und für Israel hat all das ganz klar etwas mit Gott zu tun. Er steckt hinter allem. Von ihm kommt alles, was heute ist. Sie sind mit ihm verbunden – wie ihre Vorfahren. Daraus lebt Israel, das zeichnet das Volk aus und das feiert es im Gottesdienst.

Wer heute ein Fest feiert, denkt eher selten an Gott oder liest Texte aus der Bibel. Eines aber deckt sich mit dem, was Nehemia überliefert: Feste knüpfen oft an dem an, was Menschen prägt; sie selbst, ihre Familie oder das ganze Volk. Geburtstag, Hochzeitstag oder der Tag der deutschen Einheit zum Beispiel – solche Feste lassen Ereignisse aus der Vergangenheit lebendig werden und zeigen damit auf, woraus einer lebt, was ihn auszeichnet und zu dem macht, was er ist. Sie erinnern daran, was Menschen miteinander verbindet. Und so etwas stärkt und gibt Kraft für das, was kommt.

Das gilt auch für ganze Städte wie Karlsruhe, finde ich. Es freut mich daher, dass die Stadt zum Fest nicht einfach nur, wie Nehemia sagt, ein festliches Mahl hält und süßen Wein trinkt. Sie schaut auch auf ihre Wurzeln und vergewissert sich dessen, was sie ausmacht.

 

Richtig feiern heißt, alle einzubeziehen – auch die Armen

Karlsruhe ist 300 Jahre alt geworden. Die Stadt feiert das mit rund 500 Veranstaltungen. In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben überlegt, was ein Fest aus biblischer Sicht ausmacht. Für Nehemia zum Beispiel hat es etwas damit zu tun, sich an seine Wurzeln zu erinnern, daran, was einen prägt und mit anderen verbindet: Personen aus der Vergangenheit zum Beispiel oder auch Gott. Und es hat etwas damit zu tun, ganz weltlich zu feiern. Bei Nehemia heißt es wörtlich: „Haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein.“
Er bleibt da aber nicht stehen. Gleich im nächsten Vers schreibt er: „Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben.“ (Neh 8,10) Richtig feiern heißt für ihn, miteinander zu feiern und zwar so, dass alle einbezogen sind und sich mitfreuen können.

Auch andere Bibeltexte betonen das. Jesus Sirach zum Beispiel stellt Benimmregeln auf, wie man sich bei Tisch verhalten soll. Er ist in der Hinsicht so eine Art Knigge des Alten Testaments. Ihm ist es wichtig, dass sich bei Tisch alle gut benehmen und dass keiner zu kurz kommt. Ich muss manchmal schmunzeln, wenn ich seinen Text lese, denn er beschreibt manches so herrlich nüchtern. Da heißt es: „Sorge für deinen Nächsten wie für dich selbst … Sei nicht gierig. … Schlürfe nicht … streck die Hand nicht vor dem Nachbarn aus!“ Jesus Sirach ist das rechte Maß wichtig. Er schreibt: „Schmerz, Schlaflosigkeit ... und Magendrücken hat der törichte Mensch. Gesunden Schlaf hat einer, der den Magen nicht überlädt.“ Und zum Thema Wein meint er: „Spiel nicht den starken Mann! Schon viele hat der Rebensaft zu Fall gebracht … Frohsinn, Wonne und Lust bringt Wein … genügsam getrunken. Kopfweh, Hohn und Schimpf … getrunken in Erregung und Zorn.“ (vgl. Sir 31,12-32,13)

Auch Jesus isst und trinkt gerne mit anderen und lädt Menschen an seinen Tisch ein. Aber nicht etwa die Reichen und Berühmten! Er holt die zusammen, die sonst durchs Raster der Gesellschaft fallen: Zöllner und Sünder zum Beispiel. Er tut damit, was schon Nehemia und Jesus Sirach wichtig war. Auch wenn das damals nicht allen gepasst hat und ihn manche sogar als Säufer und Fresser beschimpft haben. (vgl. Mt 11,19)

Die Verfasser der Bibeltexte wissen also, dass Menschen gerne feiern. Und sie unterstützen das. Allerdings müssen Feste so gestaltet sein, dass sie nicht ausufern oder irgendwen ausgrenzen. Das ist ihnen wichtig. Richtig zu feiern, heißt so zu feiern, dass alle etwas davon haben. Feste gelingen, wenn viele verschiedene Menschen, arme und reiche, einbezogen sind und sich freuen können.

Ich wünsche mir, dass das am Geburtstag meiner Heimatstadt gelingt und dass Karlsruhe mit den vielen Veranstaltungen auch die im Blick hat, die sonst durchs Raster fallen.
In diesem Sinne also: Alles Gute, Karlsruhe.

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Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. (Mt 12,34)

Heute gehen die Katholiken im ganzen Land auf die Straße. Mit Fahnen und Lautsprechern ziehen sie um die Häuser. Offiziell heißt das Fronleichnam. Doch viele sprechen auch von „Katholendemos“ – zumindest habe ich das schon oft gehört.

„Katholendemo“ – das klingt so, als wollten die Katholiken protestieren, rebellieren oder sich von etwas abgrenzen; von anderen Konfessionen vielleicht. Das meint das Wort für mich aber nicht. Demonstranten sind zunächst einmal Leute, denen etwas besonders wichtig ist, so wichtig, dass sie dafür auf die Straße gehen. Sie demonstrieren öffentlich für das, was sie bewegt. Eben ganz ähnlich wie es die Katholiken an Fronleichnam tun.

Im Matthäus-Evangelium steht: „Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“ Und nicht nur der Mund, finde ich! Gerade Fronleichnam ist ein Fest, das alle Sinne anspricht. Das habe ich von klein auf so erlebt: Ich war Ministrant, und Fronleichnam war das einzige Fest, an dem wir Minis Fahrradhandschuhe tragen durften. Auf der Prozession haben wir nämlich bei jedem zweiten Schritt die Schellen geläutet und so den Zug der Gemeinde angekündigt. Wir haben das Weihrauchfass geschwungen und Fahnen getragen. Da waren die Handschuhe wichtig, um an den Händen keine Blasen zu kriegen. Viele Anwohner haben die Straßen mit Bildteppichen geschmückt und biblische Szenen aus Blüten, Kaffeesatz und Sägemehl gelegt. Die Gemeinde hat Lieder gesungen, und manchmal sind am Wegrand Leute neugierig stehen geblieben. Einige von ihnen haben sogar mitgesungen. So kenne ich Fronleichnam: offen und einladend, bunt, melodisch und mit dieser besonderen Weihrauchnote. Ein Fest für alle Sinne eben, an dem die Katholiken raus aus den Kirchen auf die Straßen gehen und zeigen, was sie bewegt, miteinander verbindet und woran sie glauben: Jesus Christus.

Und diesen Christus haben wir mitgetragen: in Form eines kleinen geweihten Brotes in einer sogenannten Monstranz. „Monstranz“ kommt vom lateinischen Wort „monstrare“ und heißt zeigen. Die Monstranz ist eine Art Behältnis, mit dem das geweihte Brot gezeigt wird, Christus, der mit den Menschen auf den Straßen des Lebens unterwegs ist.

Für mich ist Fronleichnam also tatsächlich so eine Art „Katholendemo“. Nicht in dem Sinn, dass ich mich von anderen Konfessionen oder Religionen abgrenze. Für mich geht es darum, zu zeigen, dass mir Christus etwas bedeutet. Natürlich weiß ich auch, dass Christus nicht für jeden so wichtig ist. Manch einer mag von ihm sogar enttäuscht sein und deshalb auch nichts mit Fronleichnam anfangen können. Ich aber habe einen Draht zu ihm, eine Beziehung, die ich nicht nur hinter Kirchenmauern pflege, sondern die mein Leben überall trägt und beeinflusst. Deshalb bin auch ich einer von denen, die nachher raus auf die Straße gehen und demonstrieren.

Fronleichnam fragt nach dem tiefsten Kern meines Glaubens

Ich habe eben in meinen Feiertagsgedanken von den sogenannten „Katholendemos“ erzählt, die heute stattfinden. Die Katholiken zeigen an Fronleichnam, was sie bewegt: Jesus Christus. Sie tragen ihn in der Monstranz als geweihtes Brot mit sich und zeigen damit, dass er Menschen begleitet.

Auch ich werde heute auf die Straße gehen. Und ich sehe jetzt schon die fragenden Gesichter am Wegrand und hinter den Fenstern: In diesem Brot soll Jesus sein? Und er soll Menschen begleiten? Das kann man doch heute nicht mehr ernsthaft glauben! Solche Fragen fordern mich heraus! Ich muss da selber immer wieder neu nach Antworten suchen.
Zwei Spuren habe ich für mich entdeckt:

Die eine führt zurück ins 13. Jahrhundert. Damals lebte Juliana von Lüttich, eine Nonne. Sie soll oft stundenlang zum geweihten Brot, zur Hostie gebetet haben. Brot und Wein werden nach katholischem Glauben im Gottesdienst in Leib und Blut Christi verwandelt. Indem der Priester mit den Worten betet, die Jesus beim letzten Abendmahl gesprochen hat, werden sie neu gedeutet und so von ihrem Wesen her verwandelt. Auch wenn sie äußerlich noch wie Brot und Wein aussehen und schmecken, ist in ihnen Jesus da. Für Juliana war das der Weg, mit Jesus in Kontakt zu treten. Sie hat immer wieder seine Nähe gesucht; das war für sie lebenswichtig. Eines Tages hat sie dann Visionen von einem Mond bekommen, der am Rand einen dunklen Flecken hatte. Sie deutete den Mond auf das Kirchenjahr hin, dem etwas fehlt: ein Fest vom Leib und Blut Christi. So ist letztlich Fronleichnam entstanden.

Aber nicht jeder hat diesen Zugang zu Gott im gewandelten Brot. Vielen Menschen ist Gott näher durch das Gebet. Wer betet, bringt vor Gott, was ihn freut, bedrückt oder belastet. Und wer vor Gott ausspricht, was ihn umtreibt, der kann manchmal klarer sehen, was ihm wichtig ist und was nicht. So kann Gott zu einem Gegenüber werden, zu einem Wegbegleiter, der hilft, das Leben zu ordnen und auf die Reihe zu kriegen.

Gott begleitet die Menschen auf ihrem Weg. Dieser Fronleichnamsgedanke ist für mich genial und ein Grund, nachher selber an der „Katholendemo“ teilzunehmen: Wovon mein Herz voll ist, davon darf ich nicht schweigen – so hat das der Evangelist Matthäus formuliert. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass mich Fronleichnam unglaublich herausfordert – mehr als andere Kirchenfeste. Ich muss mich nämlich nicht zuletzt durch die kritischen Blicke der Leute fragen lassen, ob ich auch wirklich hinter dem stehe, für das ich da demonstriere; ob ich wirklich spüre, dass Gott mich begleitet, und wenn ja, woran ich das festmache.
Und ich muss mich fragen, ob ich wirklich eine Beziehung zu ihm habe, über das Gebet vielleicht, das gewandelte Brot oder über andere Wege? Solche Fragen führen mich dann ganz schnell in den tiefsten Kern meines Glaubens.

Insofern mag das Fronleichnamsfest zwar gut 700 Jahre alt sein – für mich aber ist es aktueller denn je.

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Taufe – oder mit allen Wassern gewaschen?

In den letzten Tagen habe ich einige Duschgels verpackt. Sie werden an Familien verschenkt, die ihr Kind taufen lassen. Auf der Verpackung ist unsere Wallfahrtskapelle vom Letzenberg Malsch bei Wiesloch abgebildet; darunter steht ein Segenswunsch: „Alles Gute zur Taufe.“ Die Duschgels sollen die Familien an die Taufe erinnern – und sie nachdenklich machen: Was bedeutet „Taufe“ eigentlich? Etwa, mit allen Wassern gewaschen zu sein?

Die Redensart „mit allen Wassern gewaschen“ kommt aus der Seefahrt. Seeleute waren Menschen, die weit herumgekommen sind. Sie haben in allen Meeren dieser Welt gebadet. Insofern sind sie welt- und lebenserfahren; zugleich aber auch etwas exotisch. Wer einmal das Meer bezwungen hat oder Seeräubern entkommen ist, der hat vor nichts mehr Angst. Er trotzt allen Gefahren, ist trickreich und gerissen. Daran knüpft die Redensart an: mit allen Wassern gewaschen zu sein, heißt clever, hinterlistig und durchtrieben zu sein, ein richtiges Schlitzohr also.

Der Priester Wilhelm Willms hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel: „Taufe – oder mit allen Wassern gewaschen“. Darin wehrt er sich dagegen, dass Christen eben solche Schlitzohren sind. Er sagt, in der Taufe gehe es vielmehr darum, Menschen mit dem „Wasser der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, der Liebe und des Friedens“ zu waschen. Er nennt das auch das „Wasser des christlichen Geistes“. Willms sagt weiter: wer getauft ist, soll sich auch so verhalten. Eltern, Paten und die Gemeinde zum Beispiel. Die sollen „lebendiges Wasser“ sein und dem Täufling zeigen, wie man barmherzig und gerecht ist, liebevoll und friedlich lebt. Für mich steckt da sogar noch mehr drin: wer getauft ist, folgt Jesus nach. Das heißt: Er kümmert sich nicht nur um andere Menschen, sondern denkt auch an die Umwelt und schaut nach vorne.

Ich bin gespannt, wie unsere Duschgels ankommen: heute werden sie das erste Mal verteilt. Ich hoffe, die Tauffamilien werden neugierig, lesen unseren Begleitbrief und machen sich Gedanken darüber, was Taufe für sie bedeutet.
Für mich jedenfalls kommen in der Taufe zwei Dinge zusammen, auf die unser Geschenk hinweisen soll:
Zum einen wäscht man sich mit einem Duschgel. Mich erinnert es insofern an jene Seeleute, die in sämtlichen Weltmeeren gebadet haben. Ich finde, die Taufe soll Menschen tatsächlich stärken, wie diese Seeleute mutig und klug zu sein.
Zum anderen geht es für mich in der Taufe aber noch um mehr. Darauf weist das Bild von der Letzenberg-Kapelle hin, das wir auf das Duschgel gedruckt haben. Getauft zu sein heißt für mich, mit dem „Wasser des christlichen Geistes“ gewaschen zu sein. Und darin liegt für mich ein großer Unterschied zu jenen Seeleuten. Wer getauft ist, sollte eben gerade nicht schlitzohrig und durchtrieben sein, sondern aufrichtig und ehrlich durchs Leben gehen, gerecht und barmherzig, umsichtig und bedacht.

„Neu denken! Veränderung wagen.“

Wer getauft wird, wird gewaschen – aber nicht mit allen Wassern, sondern mit dem „Wasser des christlichen Geistes“. Das hat der Schriftsteller Wilhelm Willms einmal gesagt. Ich habe eben in meinen Sonntagsgedanken davon erzählt. Wer getauft ist, der schmuggelt sich nicht irgendwie durchs Leben. Er packt an, um die Welt gerechter und besser zu machen.

Heute ist der erste Sonntag in der Fastenzeit. Viele Christen bereiten sich auf Ostern vor und überlegen sich, wie sie als getaufte Menschen leben, was sie an sich und der Welt verbessern könnten. An manchen Orten bringen sie dazu Ruderblätter in den Gottesdienst mit. Die Idee dazu stammt vom Hilfswerk Misereor und gehört zur Fastenaktion, die heute startet. Weltweit wird das Klima extremer. Das trifft vor allem die armen Menschen; Fischer zum Beispiel auf den Philippinen. Sie leben am Wasser, oft in einfachen Hütten, und sind auf das Meer angewiesen. Doch Starkregen, Stürme und Fluten bedrohen sie. Außerdem schwimmen im Wasser immer mehr Abfälle statt Fische. Höchste Zeit, das Ruder herumzureißen und einen neuen Kurs einzuschlagen. Genau daran erinnern jene Ruderblätter in den Gemeinden.

Das Leitwort der Fastenaktion heißt: „Neu denken! Veränderung wagen.“ Misereor hat in den letzten Jahren tatsächlich viel verändert. Da sind zum Beispiel die Mangroven-Wälder. Mangroven-Bäume werden direkt ins Wasser gepflanzt. In ihren Wurzeln können sich Fische vermehren. Gleichzeitig bremsen sie Sturmfluten ab, bevor sie auf die Küste treffen und Schaden anrichten. Viele Hütten der Fischer sind auf Stelzen gebaut. Geht das Wasser bei Ebbe zurück, kommt Müll zutage. Die Kinder wissen mittlerweile durch Misereor und andere Organisationen, dass dieser Müll krank macht. Sie haben angefangen, ihn aufzusammeln und zu entsorgen. Die Fischer selbst haben gelernt, sich besser zu organisieren und das Meer und seine Gefahren besser einzuschätzen. Und viele Frauen üben mittlerweile ein Handwerk aus, um Geld dazuzuverdienen und das Einkommen der Familien zu verbessern.

Jene Ruderblätter in den Gemeinden sollen beschriftet werden, so die Idee der Fastenaktion. Die Leitfrage heißt: Was kann ich tun, um etwas zu verändern? Vermutlich gibt es viele Ideen: „Nimm Stofftaschen statt Plastiktüten!“ „Vermeide Müll!“ „Fahr Fahrrad statt Auto!“ „Kauf fair gehandelte Waren!“ „Hilf mit einer Geldspende!“ Ich tu mich manchmal schwer mit solchen Appellen. Bringt das wirklich was – mein winziger Beitrag? Und ich frage mich außerdem: muss es wirklich gerade ich sein, der die Welt rettet?

Ja, ich denke, das muss es! Veränderung fängt bei mir an. Weil ich getauft bin, schmuggle ich mich gerade nicht durchs Leben. Ich packe an, um die Welt gerechter und besser zu machen. Das heißt es für mich, mit dem „Wasser des christlichen Geistes“ getauft zu sein.
Und bringt es was? Ich glaube schon. Misereor und andere Organisationen haben es bewiesen. Das spornt mich an. Ich kann das Ruder selbst in die Hand nehmen! Ich muss nur umdenken und Veränderung wagen.

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- die Fähigkeit zu geben, was man nicht hat

Segen heißt: anderen Gutes zusagen

In rundeiner Stunde findetin meiner Gemeindeeine Pferdesegnung statt. Um 10 Uhr geht es los. Dann treffen sich in Malsch bei Wieslochüber 100 Reiter mit ihren Pferden. Auch Hunde, Katzen und einige Eselwerden dabei sein. Und ich mittendrin. Ich werde die Tiere mit Weihwasser besprengen und das Kreuzzeichen über sie machen. Seit über 50 Jahren gibt es diese Segnung bei uns und nach wie vor zieht sie viele Tierfreunde an. Die Leute kommen zum Teil von weit her und nehmen manche Strapaze auf sich, um sich und ihre Tiere segnen zu lassen.Das wundert mich manchmal ein bisschen, denn viele von ihnen gehen sonst nicht zur Kirche.Warum kommen sie dann aber zu einer solchen Segensfeier?

Ich denke da gerne an eine Geschichte aus den Dolomiten. Sie erzählt davon, wie die Menschen in einem kleinen Bergdorf sonntags von weit her zur Messewandern. Weil sie so lange unterwegs sind, kommen sie regelmäßig zu spät. Manche sogar erst zum Ende der Feier, so dass sie nur noch den Segen auf der Türschwelle mitkriegen. Das aber reicht ihnenscheinbar aus.

Zwei Dinge sind mir an dieser Geschichte wichtig:

Einen Segen bekommeich oft „auf der Türschwelle“, das heißt in „Schwellenmomenten“, in denen Neues beginnt, wenn ich aufbreche, zurückkomme oder an einer Lebenswende stehe.

Und: Einen Segen kann ich „mitkriegen“ – ganz wörtlich gemeint. Ich bekomme ihn mit wie eine Stärkung. Ich kann ihn heimtragen, diesen handfesten guten Wunsch für die nächste Zeit.

Segen meint also, anderenGutes zuzusagen an der Schwelle zu dem, was kommt. So wünsche ich Freunden „Viel Glück und viel Segen“ zum Geburtstag, wenn ein neues Lebensjahr beginnt. MeinerTochter wuschle ich morgens auf der Türschwelledurch die Haare und wünsche ich ihrdamiteinen guten Tag im Kindergarten.Möge sie gesund zurückkommen. Eine Art Wuschelsegen sozusagen; manche kennen denauchals Kreuzzeichen auf die Stirn. Bekannt sind auch die Wünsche aus Irland:irische Segenswünsche gibt esja für fast alle Lebenslagen.

Segne ich jemanden, wünsche ich ihm Gutes für Momente, die ich selbernicht in der Hand habe.Insofern kann ich gut verstehen, wenn die Leute nachher ihre Tiere von weit her in unsere Gemeinde bringen, um sie segnen zu lassen.Sie tun alles dafür, dass es ihnen gut geht – jetzt und in Zukunft. Und sie lassen ihren Tieren darüber hinaus etwas zusagen, das ihre eigenen Kräfte übersteigt:mögen ihre Schützlingegesund bleiben und ihren Besitzern Freude machen.

Für mich ist diese Tiersegnung jedes Jahr etwas Besonderes. Die vielen Menschen mit ihren Tieren zeigen mir nämlich,was auch ich mir ganz tief drin wünsche: Gutes für mich und meine Lieben; dass meinLeben gelingt.Danach sehne ich mich. Zugleich wird mir aber auch klar, dass ich das nicht allein in der Hand habe. Das macht mich manchmal unsicher, aber auch demütig und dankbar für alles, was mir in meinem Leben geschenkt ist.

Segen heißt das Pluszeichen Gottes vor sein Leben stellen

Heute Morgen findet in meiner Gemeinde eine Tiersegnung statt.Menschen kommen mit ihren Tieren zu uns nach Malsch, um ihnen Gutes zusagen zu lassen für eine Zukunft, die sie selber nicht in der Hand haben.

Ich selber spende zwar diesen Segen. Aber ich kann keineswegs garantieren, dass er auch wirkt, also dass dieses Gute auch eintritt und das Leben derergelingt, die ich segne. Was soll das Ganze dann aber?

Der Theologe Fulbert Steffensky hat sich einmal damit beschäftigt. Segen heißt für ihn:geben, was man nicht hat. Ein Segen verzichtet darauf nachzufragen oder zu zweifeln. Wer segnet oder gesegnet wird, denkt nicht darüber nach, was möglich ist oder nicht. Er fragt nicht, was er tun oder bewirken kann. Der Mensch lässt im Segen einfach los und gibt sich in andere Hände. Er überlässt sich Gott. Er ist es, von dem der Segen kommt. Steffensky schreibt dazu sehr anschaulich: Wer segnet oder gesegnet wird,„stürzt in den Abgrund des Schoßes Gottes.“

Sich in den Schoß Gottes stürzen, ihm sein Leben anvertrauen. Das ist ein starkes Bild, finde ich. Segen meint, sich ganz auf das zu verlassen, was Gott durch den, der segnet, durch dessen Segenswort und Segenszeichen zusagt: Gutes nämlich.

Zum Segen gehört normalerweise auch ein Segenszeichen – Weihwasser zum Beispiel oder ein Kreuz. „Segnen“ heißt „signieren“, also etwas„mit einem Zeichen versehen“.

Die Bibel kennt viele solche Zeichen, die über den Menschen hinausweisen und ihm Gutes versprechen: Kain, der Sohn von Adam und Eva zum Beispiel bekommt von Gott ein Zeichen mit, das ihn schützt – das sogenannte Kainsmal. Für Noah wird der Regenbogen zum Segenszeichen. Jakob sieht die Himmelsleiter und Moseden brennenden Dornbusch. Zeichen über Zeichen – bis das Zeichen kommt, das alle anderen einschließt und übertrifft: das Kreuz. Zunächst ist es das Zeichen des Todes, denn Jesus stirbt am Kreuz. Gott holt ihn aber aus dem Tod und machtdamit das Kreuz zum Zeichen für das Leben. Gesegnet sein heißt insofern, mit dem Kreuz bezeichnet oder eben: von Gott „signiert“ sein.

Es gibt dazu eine nette kleine Geschichte: Ein Jungegeht mit seiner Mutter durch die Stadt. Aus der Schule kennt erdie Pluszeichen. Als ihm die Kreuze auf den Kirchtürmenauffallen, fragt er nach: Mama, was sind das für Pluszeichen da oben?

Und genau darum geht es: Segen meint, sein Leben unter das Pluszeichen Gottes zu stellen. Segne ich jemanden, dann wünsche ich ihm dieses Plus, dieses Mehr an Gutem, das nur von Gott kommen kann.

Und so möchte ich auch Ihnen dieses Plus für den heutigen Sonntag zusagen und Sie segnen – mit einem Wort, das Sie sicher kennen und vermutlich selbst schon gebraucht haben. Ich empfehle Sie „zu Gott hin“, „ad deum“ auf Latein.Besser bekannt auf Spanisch und Französisch: Adiós, Adieu.

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