Manuskripte

Der Kerl im Spiegel

Es gibt Momente im Leben, die entscheiden darüber, wie es weitergeht. Ich meine jetzt nicht die großen Weichenstellungen. Ich denke vielmehr an ganz alltägliche Situationen. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue zum Beispiel. Vielleicht kennen Sie das: Sie stehen auf, gucken in den Spiegel und fragen sich, wer Sie da anstarrt. Denn die Person sieht so mitgenommen aus, so wenig vertrauenserweckend: ihre Augen stehen auf Halbmast, die Haare sind völlig zerzaust und das Gesicht ist ganz schön zerknittert.

Genau in diesem Moment aber entscheidet sich, wie der Tag verlaufen wird. Das jedenfalls sagen Motivationstrainer. Johannes Warth zum Beispiel. Er nennt sich selber „Ermutiger“ und „Überlebensberater“. Ich habe ihn neulich erlebt und einiges von ihm gelernt. Er sagt: „Vor dem Spiegel kann man zwei Dinge tun, sich aufgeben oder sich ermutigen. Beides hat Folgen.“ Und er nennt Beispiele dafür:

Wer sich schon im Spiegel nicht leiden kann, leidet den ganzen Tag über: „Ach, wie war die Nacht so furchtbar. Oh je, wie sehe ich nur aus. Du liebe Zeit, was wird das für ein schwerer Tag.“ Und dann kommt es, wie es kommen muss: Es geht tatsächlich was schief und der Tag wird schwer. Denn wer unzufrieden ist, zieht runter; sich selber und andere. „Man erntet, was man sät“, sagt Johannes Warth! Schlechte Laune strahlt aus! Bin ich mies drauf, sind es die anderen mir gegenüber auch. Bei der Arbeit zum Beispiel sind dann alle irgendwie komisch; keiner lacht zu mir rüber oder spricht mehr mit mir als er muss. Und auch zuhause liegt was in der Luft; offenbar sind heute alle auf Streit aus. Für Johannes Warth ist klar, woran das liegt: ich selber habe morgens die Weichen falsch gestellt!

Die Alternative ist, sich morgens gezielt zu ermutigen. Warum nicht der Person im Spiegel ein wenig schmeicheln und was Nettes sagen? Zum Beispiel, wie es bei mir daheim im Dialekt heißen würde: „Kerl, Du gfallsch ma.“ Der Motivationstrainer ist überzeugt: Wer den Tag so anfängt, der gewinnt. Er geht aus dem Badezimmer und ist sich sicher: „Das Beste, was der Welt heute passieren kann, bin ich.“ Und es wird tatsächlich so sein! Denn wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Wer offen in die Welt geht, wird herzlich empfangen! Oder wie Johannes Warth sagt: „Glücklich wird, wer glücklich macht.“ Selbst Schwieriges wird mir leichter fallen, weil ich es gelassen angehe. Und das baut mich auf, den ganzen Tag über immer wieder neu.

Für Warth entscheidet sich übrigens oft schon vor der Badezimmertür, wo es an diesem Tag hingeht – sprachlich nämlich. Manche Menschen stehen morgens auf, um sich hübsch zu machen für das, was kommt. Andere hingegen gehen ins Bad, um „sich zu richten“. Sie ziehen los und „machen sich fertig“. Und dann wundern sie sich, dass die ganze Welt gegen sie ist.

...du bist einziartig

Viele Menschen erschrecken, wenn sie morgens in den Spiegel schauen. Allerdings ist genau dieser Moment enorm wichtig. Er entscheidet darüber, wie der Tag verlaufen wird. Das jedenfalls sagt Johannes Warth, ein Motivationstrainer, von dem ich eben in meinen Sonntagsgedanken erzählt habe. Wer vor seinem Spiegelbild kapituliert, geht unzufrieden in den Tag: Was soll der schon Gutes bringen? Die Alternative ist, sich bewusst zu ermutigen und sich klar zu machen: „Das Beste, was der Welt heute passieren kann, bin ich!“

Darf man aber von sich so überzeugt sein? Johannes Warth fragt sich das ernsthaft. Ist das nicht überheblich und gerade für Christen unangebracht, die sich doch traditionell eher um den Nächsten kümmern sollten als um sich selber. Warth schaut in die Schöpfungsgeschichte und gibt sich dann selber eine Antwort. In seinen humorvollen Worten klingt das so: „Gott schöpfte die Welt. Und bei allem, was er schöpfte, sah er, dass es gut war. Nur beim Menschen nicht. Den fand er sehr gut.“

Wer die Schöpfungsgeschichte genau liest, stellt fest, dass sich dieses „sehr gut“ auf alles bezieht, was Gott gemacht hat: auf Pflanzen, Tiere und auch auf den Menschen. Aber ich finde, Johannes Warth hat dennoch Recht. Der Mensch ist sozusagen das i-Tüpfelchen der Schöpfung. Daran jedenfalls lässt die Schöpfungsgeschichte keinen Zweifel. Dem Menschen nämlich vertraut Gott alles an, was er gemacht hat. Wenn das mal nicht grandios ist!

Es gibt viele weitere Bibelstellen, die zeigen, dass der Mensch ganz besonders ist, einzigartig und von Gott gewollt. Zu meinen Lieblingsstellen gehören zwei Psalmen. In Psalm acht zum Beispiel kann es der Beter kaum fassen, dass Gott den Menschen gemacht hat. Er schreibt: „Sehe ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist da der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände.“ Für den Beter ist es unfassbar: der Mensch ist das Abbild Gottes; jeder Einzelne. Psalm 139 vertieft das noch: Gott kennt jeden Menschen bis ins Letzte, ja, er kennt ihn so gut wie sich selbst. Er hat ihn schließlich gemacht und schon vor seiner Geburt erwählt. Es heißt da: „Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast.“

Ist es also wirklich übertrieben, morgens in den Tag zu starten mit der Einstellung, dass ich zum Besten gehöre, was der Welt passieren kann? Nein, es ist nicht übertrieben. Denn jeder Einzelne ist ganz besonders. Er spiegelt Gott wider und ist von ihm gemacht. Was kann es Besseres geben? Überheblich wird es nur dann, wenn ich nicht auch im anderen oder in der Schöpfung Gott sehe. Auch das sollte ich mir bei aller Selbstliebe immer wieder mal klar machen. Am besten dann, wenn ich mal wieder morgens im Bad schon gleich damit anfange, mein Gegenüber fertig zu machen – diesen unrasierten Kerl im Spiegel.

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Dehnungsstreifen, Falten, Cellulite

„Schatz, findest Du, dass ich älter geworden bin?“ Jedem Mann rutscht das Herz in die Hose, wenn ihn seine Frau das fragt. Egal, was er sagt, es geht daneben: „Ja klar siehst Du älter aus. Guck nur mal Deine Runzeln an.“ Welche Frau will sowas hören? Auch „nein“ ist keine Alternative: „Du siehst genauso jung aus wie damals.“ Soll sie das wirklich glauben? Er glaubt es doch selber nicht. Schließlich kennt er sein eigenes Spiegelbild nur zu gut – die grauen Haare, die Falten und die Bauchmuskeln im Speckmantel. Bleibt nur eine Antwort: „Wir werden doch alle nicht jünger.“

Ich habe neulich von einer Frau gelesen, die ihren Mann in eine ähnliche Lage gebracht hat. Mit Ende Vierzig fühlt sie sich nicht mehr ganz so attraktiv und knackig wie mit Zwanzig. Sie hat Angst, dass sie ihrem Partner nicht mehr gefällt. Das bringt sie auf eine Idee: Sie lässt Fotos von sich machen, die ihren Mann beeindrucken sollen. Der Fotografin sagt sie genau, wie sie sich das vorstellt: „Entfernen Sie alle Dehnungsstreifen, die Falten und auch die Cellulite.“ Für die Fotografin kein Problem: sie dunkelt das Licht ab, wählt die Pose gekonnt aus und retuschiert am Ende die restlichen Problemzonen. Heraus kommen brillante Fotos von einem nahezu perfekten Model.

Dann kommt der Tag, an dem die Frau ihrem Mann die Bilder zeigt. Der aber reagiert anders als gedacht: er zuckt nämlich zusammen. Zwar findet er die Frau auf den Fotos attraktiv. Keine Frage. Aber es ist nicht seine Frau. Nicht die, die ihm über all die Jahre so vertraut geworden ist und deren Makel er nur allzu gut kennt. Es ist nicht mehr die, die er all die Jahre geliebt hat. Ihre Dehnungsstreifen sind weg und damit auch die Spuren der Kinder, die die Zwei zusammen haben. Auch fehlen die Falten und mit ihnen all die Jahre voller Lachen und Sorgen, Höhen und Tiefen. Was die beiden verbindet, was sie erlebt und zusammen durchgestanden haben, ist einfach weg.

Jede Lebensphase hat ihre „Zeit“

In meinen Sonntagsgedanken spreche ich heute darüber, dass sich viele Menschen schwer damit tun, älter zu werden und nicht mehr so knackig zu sein wie früher. Sie sorgen sich darum, dass sie nicht mehr so attraktiv und jugendlich wirken, und sie investieren viel Zeit, Mühe und Geld, damit das nicht passiert. Und doch altern wir alle.

Der Prediger Kohelet macht sich da nichts vor. Im Alten Testament sagt er ganz direkt, was Sache ist: „Die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch“, also vergänglich. Er beschreibt sprachlich sehr schön und doch von der Sache her ganz nüchtern, was eines Tages kommen wird (vgl. Koh 12,1-8). Alles wird beschwerlich werden: „Die Wächter des Hauses werden zittern, die starken Männer sich krümmen.“ Kohelet spielt damit auf die Hände und Beine an. Weiter sagt er: „Die Müllerinnen“, also die Zähne, „werden ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind. Es wird dunkel bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken, das Tor zur Straße wird verschlossen und das Geräusch der Mühle verstummt“; Kohelet meint damit Augen, Ohren und Stimme. Er schreibt weiter: „Der Mandelbaum blüht“, also die Haare werden weiß. Und: „Die Heuschrecke schleppt sich dahin“; damit meint er die Art zu gehen. [Schließlich, so sagt Kohelet, „reißt die silberne Schnur, das Rad zerbricht, der Staub fällt auf die Erde zurück.“]

Kohelet beschreibt das Alter so nüchtern und doch irgendwie so liebevoll, finde ich. Für ihn gehört es ganz selbstverständlich dazu. Offenbar hat er es für sich akzeptiert und kommt gut damit klar. Jedenfalls schwingt für mich in seinen Zeilen keine Wehmut mit. Er scheint nicht damit zu hadern, dass jeder irgendwann älter wird. Und er macht sich auch keinen Kopf um das, was damit verbunden ist. Er akzeptiert einfach, dass alles im Leben seine Zeit hat: „Es gibt eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben; eine zum Pflanzen und zum Ernten. Zum Weinen und Klagen ebenso wie zum Lachen und Tanzen.“ Für Kohelet ist das einfach so. Ein Leben lang gibt es Momente, die wie ein Windstoß kommen und vergehen, Lebensphasen, die einander ablösen. Und jede dieser Phasen schickt ihre Boten voraus, die grauen Haare zum Beispiel, und sie hinterlässt Spuren, Lachfalten oder Dehnungsstreifen von einer Geburt. Für Kohelet ist das nicht schlimm. Er akzeptiert es und kann damit leben – gut und leicht leben.

Mir gefällt diese Einstellung! Kohelet sagt schon auch, dass man für sich sorgen und auf sich achten soll; wörtlich meint er: „Halte deinen Sinn von Ärger frei und schütz deinen Leib vor Krankheit.“ Wenn ich ihn aber recht verstehe, macht er es sich nicht zum Lebensinhalt, gesund und leistungsfähig, jung und attraktiv zu bleiben. Das unterscheidet ihn von vielen Menschen heute. Alles hat eben seine Zeit. Nur wer das akzeptiert, kann den Moment auskosten. Er schaut nach vorne und verliert sich nicht in dem, was er nicht mehr kann, hat oder ist.

Ich wünsche mir, dass mir das auch gelingt. Vor allem dann, wenn ich wieder mal vor dem Spiegel stehe und sie sehe, die Falten, die ersten grauen Haaren und meine Bauchmuskeln im Speckmantel.

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Gehalten und geführt

Der gute alte Bleistift hat eine lange Tradition: die Ägypter haben ihn erfunden. Sie haben flüssiges Blei in Holzrohre gegossen und damit geschrieben. Heute werden Grafitminen dafür verwendet. Ich selber nutze Bleistifte eigentlich kaum noch. Und doch habe ich mir zum Jahreswechsel einen ganz neuen auf meinen Schreibtisch gelegt – so einen mit einem Radiergummi oben drauf!

Nicht, dass ich künftig wieder mehr mit Blei schreiben möchte! Der Stift soll mich an einiges erinnern, was ich im neuen Jahr nicht vergessen will. Bleistifte haben nämlich Eigenschaften, die auch im Leben wichtig sind. Der Schriftsteller Paolo Coelho aus Brasilien hat einmal darauf hingewiesen.

Er sagt zum Beispiel, dass Bleistifte gehalten werden müssen. Alleine aus sich heraus können sie nichts. Sie brauchen eine Hand, die sie hält und führt. Bei Menschen sei das ganz ähnlich. Coelho denkt bei dieser Hand vor allem an Gott – und ich kann das gut nachvollziehen.

Gott ist für die Menschen da – glaube ich. Davon erzählt die Bibel und ich habe das selber auch schon so erlebt: Ich kann mich an ihn wenden, wenn ich ihn brauche. Im Gebet zum Beispiel kann ich ihm Dinge anvertrauen, die mich beschäftigen. Schon oft habe ich gemerkt, dass mir das gut tut. Ich spreche vor Gott aus, was mich umtreibt. Dadurch eröffnen sich manchmal neue Perspektiven und so manche Sorge wird kleiner. Gott wirkt in meinem Leben insofern also mit und begleitet mich. Wenn ich mit ihm spreche, tun sich neue Wege auf und er führt mich dadurch immer wieder einen Schritt weiter. Das ist viel wert, denn wenn ich auf ihn vertrauen kann, kann ich gelöster in die Zukunft gehen, in ein neues Jahr, von dem ich nicht weiß, was es mir bringt. Mir jedenfalls geht das so und insofern hat Coelho recht, finde ich: Wenn Gottes Hand mich hält, bin ich zu mehr imstande, als ich es nur alleine aus mir heraus wäre.

Für mich gibt es aber auch noch andere Hände, die mich halten und führen. Die kleine Hand von meiner Tochter zum Beispiel. Immer wieder nimmt sie mich beiseite, um mir etwas zu zeigen. Etwas, wofür ich als Erwachsener schon viel zu blind bin: die Farben und zarten Details auf der Müslipackung zum Beispiel oder den Glitzerstein am Wegrand, der so schön funkelt. Ihre Hand lässt mich Neues entdecken und die Welt mit ihren Kinderaugen sehen; eben mal wieder so ganz anders, so erfrischend neu! Und es gibt Menschen um mich herum, die ganz wichtig sind für mich: Sie sind da, wenn ich sie brauche, sie helfen mir, wo ich nicht weiterkomme, und sie führen mich, wenn ich den Durchblick verliere.

All diese Hände halten mich, lassen mich stark sein und weisen mir den Weg. Und genau deshalb habe ich den Bleistift auf meinen Schreibtisch gelegt. Ich will sie nicht vergessen; gerade jetzt, am Beginn des neuen Jahres. Ich will bewusst an diese Hände denken, weil ich ihnen dankbar bin. Was wäre ich ohne sie?!

Gebrauchsspuren sind unvermeidlich, Gebrauchsspuren sind unvermeidlbar, machen aber einzigartig

In meinen Sonntagsgedanken habe ich davon erzählt, dass ich mir zum Jahreswechsel einen Bleistift auf den Schreibtisch gelegt habe. So ein Bleistift hat nämlich Eigenschaften, die sich aufs Leben übertragen lassen. Denke ich über sie nach, wirft das ein anderes, größeres Licht auf mein Leben. Und das tut mir von Zeit zu Zeit mal ganz gut.

Bleistifte nutzen sich zum Beispiel ab; manchmal bricht ihre Spitze. Dann muss ich die Arbeit unterbrechen und sie anspitzen. Ich glaube, das ist im Leben genauso. Bei mir wird es auch in diesem Jahr rundgehen und lange nicht alles wird so laufen wie ich es will. Eine Herausforderung kenne ich jetzt schon: Ich werde umziehen und befürchte, dass Kontakte abbrechen, die mir wichtig sind. Vielleicht werden auch einige meiner Pläne durchkreuzt werden oder ich muss mich für immer von lieben Menschen verabschieden. Dann wird es darauf ankommen, stehen zu bleiben und zu schauen, wie es weitergehen kann. Ich muss mich dann neu ausrichten, wieder anspitzen sozusagen, bevor ich weitermache – auch wenn es weh tut und ich mich dadurch verändere. Der Bleistift macht das anschaulich: durchs Anspitzen wird er kürzer. Aber: er schreibt auch wieder! Vielleicht sogar besser als vorher. Das beruhigt mich irgendwie.

Mein Bleistift hat übrigens einen kleinen Radierer oben drauf. Wenn ich mich verschreibe, kann ich das gleich verbessern. Bei mir selber ist das leider nicht ganz so einfach. Ich mache Fehler, verrenne mich manchmal in etwas oder sage und tue Dinge, die andere verletzen. Ich weiß das durchaus. Das Problem ist nur, dass es mir oft unheimlich schwerfällt, meine Fehler zuzugeben und zu korrigieren. Dabei könnte es doch so einfach sein – jedenfalls sagt mir das mein Bleistift. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich Fehler eingestehe und versuche, sie wieder in Ordnung zu bringen! Daran will ich denken, wenn es das nächste Mal soweit ist!

Und an noch etwas soll mich der Bleistift erinnern: Das Wichtigste an ihm ist sein Inneres, die Mine. Sie hinterlässt Spuren, Teilchen von dem, woraus sie gemacht ist. Auch jeder Mensch hinterlässt Spuren, egal, was er tut. Sie hängen mit dem zusammen, was in ihm steckt, wie er tickt und was ihn ausmacht. Sie spiegeln, was er fühlt und denkt und was ihm wichtig ist. Mein Bleistift fragt mich da sozusagen, wie das bei mir so ist, welche Spuren ich hinterlassen möchte. Und dann ist es wichtig, dass ich mit meinem Inneren in Kontakt bin: ich muss mir über Dinge klar werden, mir eine eigene Meinung bilden und Position beziehen. Ich sollte meine Talente entfalten, zeigen was in mir steckt und für was ich stehe. Da habe ich noch einiges zu tun!

Ich bin gespannt, wie das mit mir und meinem Bleistift weitergeht. Vielleicht entdecke ich ja noch mehr Dinge, die er mir zu sagen hat und an denen ich dran bleiben will.
Sicher gibt es auch Dinge, die Sie sich für das neue Jahr vorgenommen haben. Was es auch Gutes ist – ich wünsche Ihnen, dass es gelingt!

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Feiern heißt, sich seiner Wurzeln zu vergewissern

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Karlsruhe. Meine Heimatstadt ist am 17. Juni 300 Jahre alt geworden! Sie feiert das mit über 500 Veranstaltungen; kulturellen, unterhaltsamen und auch einigen zur Geschichte der Stadt. Das ist eine richtig große Sache.

„Haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein.“ (Neh 8,10) Das ist nicht etwa das Motto zum Stadtgeburtstag. Dieser Satz steht in der Bibel, im Buch Nehemia! Oft ruft die Bibel ja dazu auf, enthaltsam zu leben und zu fasten. Es gibt aber auch die andere Seite: Sie lädt dazu ein, Feste zu feiern und das Leben zu genießen. „Haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein.“ Dieser Satz ist an das Volk Israel gerichtet. Israel war lange in Babylon gefangen und darf nun endlich nach Hause. Das Volk ist froh darüber, aber in Jerusalem ist viel zu tun; der Tempel muss neu aufgebaut werden. Zwei Männer tun sich dabei hervor: Esra und Nehemia. Sie motivieren das Volk und helfen dabei, die Ordnung herzustellen. Nach und nach gelingt das auch: Jerusalem blüht wieder auf.
Eines Tages bitten die Menschen Esra, aus der Schrift vorzulesen. Der tut das auch und predigt. Und danach, so überliefert Nehemia weiter, schickt Esra das Volk heim: es soll die Feier weltlich fortsetzen – mit einem Festmahl und süßem Wein.

Feiern hat in der Bibel also zwei Seiten: feiern mit anderen Menschen und mit Gott. Neben Wein und einem guten Essen gehört zu einem Fest auch ein Gottesdienst. In ihm machen sich die Menschen klar, dass sie das, was sie haben, was sie freut und glücklich sein lässt, nicht allein sich selbst verdanken. Sie lesen in den Schriften, erinnern sich an die Väter Abraham, Isaak und Jakob, an wichtige Vorbilder wie Mose und an das, was sie für das Volk getan haben. Dadurch wird ihnen bewusst, wer sie sind, woher sie stammen und wo ihre Wurzeln liegen. Und für Israel hat all das ganz klar etwas mit Gott zu tun. Er steckt hinter allem. Von ihm kommt alles, was heute ist. Sie sind mit ihm verbunden – wie ihre Vorfahren. Daraus lebt Israel, das zeichnet das Volk aus und das feiert es im Gottesdienst.

Wer heute ein Fest feiert, denkt eher selten an Gott oder liest Texte aus der Bibel. Eines aber deckt sich mit dem, was Nehemia überliefert: Feste knüpfen oft an dem an, was Menschen prägt; sie selbst, ihre Familie oder das ganze Volk. Geburtstag, Hochzeitstag oder der Tag der deutschen Einheit zum Beispiel – solche Feste lassen Ereignisse aus der Vergangenheit lebendig werden und zeigen damit auf, woraus einer lebt, was ihn auszeichnet und zu dem macht, was er ist. Sie erinnern daran, was Menschen miteinander verbindet. Und so etwas stärkt und gibt Kraft für das, was kommt.

Das gilt auch für ganze Städte wie Karlsruhe, finde ich. Es freut mich daher, dass die Stadt zum Fest nicht einfach nur, wie Nehemia sagt, ein festliches Mahl hält und süßen Wein trinkt. Sie schaut auch auf ihre Wurzeln und vergewissert sich dessen, was sie ausmacht.

 

Richtig feiern heißt, alle einzubeziehen – auch die Armen

Karlsruhe ist 300 Jahre alt geworden. Die Stadt feiert das mit rund 500 Veranstaltungen. In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben überlegt, was ein Fest aus biblischer Sicht ausmacht. Für Nehemia zum Beispiel hat es etwas damit zu tun, sich an seine Wurzeln zu erinnern, daran, was einen prägt und mit anderen verbindet: Personen aus der Vergangenheit zum Beispiel oder auch Gott. Und es hat etwas damit zu tun, ganz weltlich zu feiern. Bei Nehemia heißt es wörtlich: „Haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein.“
Er bleibt da aber nicht stehen. Gleich im nächsten Vers schreibt er: „Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben.“ (Neh 8,10) Richtig feiern heißt für ihn, miteinander zu feiern und zwar so, dass alle einbezogen sind und sich mitfreuen können.

Auch andere Bibeltexte betonen das. Jesus Sirach zum Beispiel stellt Benimmregeln auf, wie man sich bei Tisch verhalten soll. Er ist in der Hinsicht so eine Art Knigge des Alten Testaments. Ihm ist es wichtig, dass sich bei Tisch alle gut benehmen und dass keiner zu kurz kommt. Ich muss manchmal schmunzeln, wenn ich seinen Text lese, denn er beschreibt manches so herrlich nüchtern. Da heißt es: „Sorge für deinen Nächsten wie für dich selbst … Sei nicht gierig. … Schlürfe nicht … streck die Hand nicht vor dem Nachbarn aus!“ Jesus Sirach ist das rechte Maß wichtig. Er schreibt: „Schmerz, Schlaflosigkeit ... und Magendrücken hat der törichte Mensch. Gesunden Schlaf hat einer, der den Magen nicht überlädt.“ Und zum Thema Wein meint er: „Spiel nicht den starken Mann! Schon viele hat der Rebensaft zu Fall gebracht … Frohsinn, Wonne und Lust bringt Wein … genügsam getrunken. Kopfweh, Hohn und Schimpf … getrunken in Erregung und Zorn.“ (vgl. Sir 31,12-32,13)

Auch Jesus isst und trinkt gerne mit anderen und lädt Menschen an seinen Tisch ein. Aber nicht etwa die Reichen und Berühmten! Er holt die zusammen, die sonst durchs Raster der Gesellschaft fallen: Zöllner und Sünder zum Beispiel. Er tut damit, was schon Nehemia und Jesus Sirach wichtig war. Auch wenn das damals nicht allen gepasst hat und ihn manche sogar als Säufer und Fresser beschimpft haben. (vgl. Mt 11,19)

Die Verfasser der Bibeltexte wissen also, dass Menschen gerne feiern. Und sie unterstützen das. Allerdings müssen Feste so gestaltet sein, dass sie nicht ausufern oder irgendwen ausgrenzen. Das ist ihnen wichtig. Richtig zu feiern, heißt so zu feiern, dass alle etwas davon haben. Feste gelingen, wenn viele verschiedene Menschen, arme und reiche, einbezogen sind und sich freuen können.

Ich wünsche mir, dass das am Geburtstag meiner Heimatstadt gelingt und dass Karlsruhe mit den vielen Veranstaltungen auch die im Blick hat, die sonst durchs Raster fallen.
In diesem Sinne also: Alles Gute, Karlsruhe.

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Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. (Mt 12,34)

Heute gehen die Katholiken im ganzen Land auf die Straße. Mit Fahnen und Lautsprechern ziehen sie um die Häuser. Offiziell heißt das Fronleichnam. Doch viele sprechen auch von „Katholendemos“ – zumindest habe ich das schon oft gehört.

„Katholendemo“ – das klingt so, als wollten die Katholiken protestieren, rebellieren oder sich von etwas abgrenzen; von anderen Konfessionen vielleicht. Das meint das Wort für mich aber nicht. Demonstranten sind zunächst einmal Leute, denen etwas besonders wichtig ist, so wichtig, dass sie dafür auf die Straße gehen. Sie demonstrieren öffentlich für das, was sie bewegt. Eben ganz ähnlich wie es die Katholiken an Fronleichnam tun.

Im Matthäus-Evangelium steht: „Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“ Und nicht nur der Mund, finde ich! Gerade Fronleichnam ist ein Fest, das alle Sinne anspricht. Das habe ich von klein auf so erlebt: Ich war Ministrant, und Fronleichnam war das einzige Fest, an dem wir Minis Fahrradhandschuhe tragen durften. Auf der Prozession haben wir nämlich bei jedem zweiten Schritt die Schellen geläutet und so den Zug der Gemeinde angekündigt. Wir haben das Weihrauchfass geschwungen und Fahnen getragen. Da waren die Handschuhe wichtig, um an den Händen keine Blasen zu kriegen. Viele Anwohner haben die Straßen mit Bildteppichen geschmückt und biblische Szenen aus Blüten, Kaffeesatz und Sägemehl gelegt. Die Gemeinde hat Lieder gesungen, und manchmal sind am Wegrand Leute neugierig stehen geblieben. Einige von ihnen haben sogar mitgesungen. So kenne ich Fronleichnam: offen und einladend, bunt, melodisch und mit dieser besonderen Weihrauchnote. Ein Fest für alle Sinne eben, an dem die Katholiken raus aus den Kirchen auf die Straßen gehen und zeigen, was sie bewegt, miteinander verbindet und woran sie glauben: Jesus Christus.

Und diesen Christus haben wir mitgetragen: in Form eines kleinen geweihten Brotes in einer sogenannten Monstranz. „Monstranz“ kommt vom lateinischen Wort „monstrare“ und heißt zeigen. Die Monstranz ist eine Art Behältnis, mit dem das geweihte Brot gezeigt wird, Christus, der mit den Menschen auf den Straßen des Lebens unterwegs ist.

Für mich ist Fronleichnam also tatsächlich so eine Art „Katholendemo“. Nicht in dem Sinn, dass ich mich von anderen Konfessionen oder Religionen abgrenze. Für mich geht es darum, zu zeigen, dass mir Christus etwas bedeutet. Natürlich weiß ich auch, dass Christus nicht für jeden so wichtig ist. Manch einer mag von ihm sogar enttäuscht sein und deshalb auch nichts mit Fronleichnam anfangen können. Ich aber habe einen Draht zu ihm, eine Beziehung, die ich nicht nur hinter Kirchenmauern pflege, sondern die mein Leben überall trägt und beeinflusst. Deshalb bin auch ich einer von denen, die nachher raus auf die Straße gehen und demonstrieren.

Fronleichnam fragt nach dem tiefsten Kern meines Glaubens

Ich habe eben in meinen Feiertagsgedanken von den sogenannten „Katholendemos“ erzählt, die heute stattfinden. Die Katholiken zeigen an Fronleichnam, was sie bewegt: Jesus Christus. Sie tragen ihn in der Monstranz als geweihtes Brot mit sich und zeigen damit, dass er Menschen begleitet.

Auch ich werde heute auf die Straße gehen. Und ich sehe jetzt schon die fragenden Gesichter am Wegrand und hinter den Fenstern: In diesem Brot soll Jesus sein? Und er soll Menschen begleiten? Das kann man doch heute nicht mehr ernsthaft glauben! Solche Fragen fordern mich heraus! Ich muss da selber immer wieder neu nach Antworten suchen.
Zwei Spuren habe ich für mich entdeckt:

Die eine führt zurück ins 13. Jahrhundert. Damals lebte Juliana von Lüttich, eine Nonne. Sie soll oft stundenlang zum geweihten Brot, zur Hostie gebetet haben. Brot und Wein werden nach katholischem Glauben im Gottesdienst in Leib und Blut Christi verwandelt. Indem der Priester mit den Worten betet, die Jesus beim letzten Abendmahl gesprochen hat, werden sie neu gedeutet und so von ihrem Wesen her verwandelt. Auch wenn sie äußerlich noch wie Brot und Wein aussehen und schmecken, ist in ihnen Jesus da. Für Juliana war das der Weg, mit Jesus in Kontakt zu treten. Sie hat immer wieder seine Nähe gesucht; das war für sie lebenswichtig. Eines Tages hat sie dann Visionen von einem Mond bekommen, der am Rand einen dunklen Flecken hatte. Sie deutete den Mond auf das Kirchenjahr hin, dem etwas fehlt: ein Fest vom Leib und Blut Christi. So ist letztlich Fronleichnam entstanden.

Aber nicht jeder hat diesen Zugang zu Gott im gewandelten Brot. Vielen Menschen ist Gott näher durch das Gebet. Wer betet, bringt vor Gott, was ihn freut, bedrückt oder belastet. Und wer vor Gott ausspricht, was ihn umtreibt, der kann manchmal klarer sehen, was ihm wichtig ist und was nicht. So kann Gott zu einem Gegenüber werden, zu einem Wegbegleiter, der hilft, das Leben zu ordnen und auf die Reihe zu kriegen.

Gott begleitet die Menschen auf ihrem Weg. Dieser Fronleichnamsgedanke ist für mich genial und ein Grund, nachher selber an der „Katholendemo“ teilzunehmen: Wovon mein Herz voll ist, davon darf ich nicht schweigen – so hat das der Evangelist Matthäus formuliert. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass mich Fronleichnam unglaublich herausfordert – mehr als andere Kirchenfeste. Ich muss mich nämlich nicht zuletzt durch die kritischen Blicke der Leute fragen lassen, ob ich auch wirklich hinter dem stehe, für das ich da demonstriere; ob ich wirklich spüre, dass Gott mich begleitet, und wenn ja, woran ich das festmache.
Und ich muss mich fragen, ob ich wirklich eine Beziehung zu ihm habe, über das Gebet vielleicht, das gewandelte Brot oder über andere Wege? Solche Fragen führen mich dann ganz schnell in den tiefsten Kern meines Glaubens.

Insofern mag das Fronleichnamsfest zwar gut 700 Jahre alt sein – für mich aber ist es aktueller denn je.

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Taufe – oder mit allen Wassern gewaschen?

In den letzten Tagen habe ich einige Duschgels verpackt. Sie werden an Familien verschenkt, die ihr Kind taufen lassen. Auf der Verpackung ist unsere Wallfahrtskapelle vom Letzenberg Malsch bei Wiesloch abgebildet; darunter steht ein Segenswunsch: „Alles Gute zur Taufe.“ Die Duschgels sollen die Familien an die Taufe erinnern – und sie nachdenklich machen: Was bedeutet „Taufe“ eigentlich? Etwa, mit allen Wassern gewaschen zu sein?

Die Redensart „mit allen Wassern gewaschen“ kommt aus der Seefahrt. Seeleute waren Menschen, die weit herumgekommen sind. Sie haben in allen Meeren dieser Welt gebadet. Insofern sind sie welt- und lebenserfahren; zugleich aber auch etwas exotisch. Wer einmal das Meer bezwungen hat oder Seeräubern entkommen ist, der hat vor nichts mehr Angst. Er trotzt allen Gefahren, ist trickreich und gerissen. Daran knüpft die Redensart an: mit allen Wassern gewaschen zu sein, heißt clever, hinterlistig und durchtrieben zu sein, ein richtiges Schlitzohr also.

Der Priester Wilhelm Willms hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel: „Taufe – oder mit allen Wassern gewaschen“. Darin wehrt er sich dagegen, dass Christen eben solche Schlitzohren sind. Er sagt, in der Taufe gehe es vielmehr darum, Menschen mit dem „Wasser der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, der Liebe und des Friedens“ zu waschen. Er nennt das auch das „Wasser des christlichen Geistes“. Willms sagt weiter: wer getauft ist, soll sich auch so verhalten. Eltern, Paten und die Gemeinde zum Beispiel. Die sollen „lebendiges Wasser“ sein und dem Täufling zeigen, wie man barmherzig und gerecht ist, liebevoll und friedlich lebt. Für mich steckt da sogar noch mehr drin: wer getauft ist, folgt Jesus nach. Das heißt: Er kümmert sich nicht nur um andere Menschen, sondern denkt auch an die Umwelt und schaut nach vorne.

Ich bin gespannt, wie unsere Duschgels ankommen: heute werden sie das erste Mal verteilt. Ich hoffe, die Tauffamilien werden neugierig, lesen unseren Begleitbrief und machen sich Gedanken darüber, was Taufe für sie bedeutet.
Für mich jedenfalls kommen in der Taufe zwei Dinge zusammen, auf die unser Geschenk hinweisen soll:
Zum einen wäscht man sich mit einem Duschgel. Mich erinnert es insofern an jene Seeleute, die in sämtlichen Weltmeeren gebadet haben. Ich finde, die Taufe soll Menschen tatsächlich stärken, wie diese Seeleute mutig und klug zu sein.
Zum anderen geht es für mich in der Taufe aber noch um mehr. Darauf weist das Bild von der Letzenberg-Kapelle hin, das wir auf das Duschgel gedruckt haben. Getauft zu sein heißt für mich, mit dem „Wasser des christlichen Geistes“ gewaschen zu sein. Und darin liegt für mich ein großer Unterschied zu jenen Seeleuten. Wer getauft ist, sollte eben gerade nicht schlitzohrig und durchtrieben sein, sondern aufrichtig und ehrlich durchs Leben gehen, gerecht und barmherzig, umsichtig und bedacht.

„Neu denken! Veränderung wagen.“

Wer getauft wird, wird gewaschen – aber nicht mit allen Wassern, sondern mit dem „Wasser des christlichen Geistes“. Das hat der Schriftsteller Wilhelm Willms einmal gesagt. Ich habe eben in meinen Sonntagsgedanken davon erzählt. Wer getauft ist, der schmuggelt sich nicht irgendwie durchs Leben. Er packt an, um die Welt gerechter und besser zu machen.

Heute ist der erste Sonntag in der Fastenzeit. Viele Christen bereiten sich auf Ostern vor und überlegen sich, wie sie als getaufte Menschen leben, was sie an sich und der Welt verbessern könnten. An manchen Orten bringen sie dazu Ruderblätter in den Gottesdienst mit. Die Idee dazu stammt vom Hilfswerk Misereor und gehört zur Fastenaktion, die heute startet. Weltweit wird das Klima extremer. Das trifft vor allem die armen Menschen; Fischer zum Beispiel auf den Philippinen. Sie leben am Wasser, oft in einfachen Hütten, und sind auf das Meer angewiesen. Doch Starkregen, Stürme und Fluten bedrohen sie. Außerdem schwimmen im Wasser immer mehr Abfälle statt Fische. Höchste Zeit, das Ruder herumzureißen und einen neuen Kurs einzuschlagen. Genau daran erinnern jene Ruderblätter in den Gemeinden.

Das Leitwort der Fastenaktion heißt: „Neu denken! Veränderung wagen.“ Misereor hat in den letzten Jahren tatsächlich viel verändert. Da sind zum Beispiel die Mangroven-Wälder. Mangroven-Bäume werden direkt ins Wasser gepflanzt. In ihren Wurzeln können sich Fische vermehren. Gleichzeitig bremsen sie Sturmfluten ab, bevor sie auf die Küste treffen und Schaden anrichten. Viele Hütten der Fischer sind auf Stelzen gebaut. Geht das Wasser bei Ebbe zurück, kommt Müll zutage. Die Kinder wissen mittlerweile durch Misereor und andere Organisationen, dass dieser Müll krank macht. Sie haben angefangen, ihn aufzusammeln und zu entsorgen. Die Fischer selbst haben gelernt, sich besser zu organisieren und das Meer und seine Gefahren besser einzuschätzen. Und viele Frauen üben mittlerweile ein Handwerk aus, um Geld dazuzuverdienen und das Einkommen der Familien zu verbessern.

Jene Ruderblätter in den Gemeinden sollen beschriftet werden, so die Idee der Fastenaktion. Die Leitfrage heißt: Was kann ich tun, um etwas zu verändern? Vermutlich gibt es viele Ideen: „Nimm Stofftaschen statt Plastiktüten!“ „Vermeide Müll!“ „Fahr Fahrrad statt Auto!“ „Kauf fair gehandelte Waren!“ „Hilf mit einer Geldspende!“ Ich tu mich manchmal schwer mit solchen Appellen. Bringt das wirklich was – mein winziger Beitrag? Und ich frage mich außerdem: muss es wirklich gerade ich sein, der die Welt rettet?

Ja, ich denke, das muss es! Veränderung fängt bei mir an. Weil ich getauft bin, schmuggle ich mich gerade nicht durchs Leben. Ich packe an, um die Welt gerechter und besser zu machen. Das heißt es für mich, mit dem „Wasser des christlichen Geistes“ getauft zu sein.
Und bringt es was? Ich glaube schon. Misereor und andere Organisationen haben es bewiesen. Das spornt mich an. Ich kann das Ruder selbst in die Hand nehmen! Ich muss nur umdenken und Veränderung wagen.

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- die Fähigkeit zu geben, was man nicht hat

Segen heißt: anderen Gutes zusagen

In rundeiner Stunde findetin meiner Gemeindeeine Pferdesegnung statt. Um 10 Uhr geht es los. Dann treffen sich in Malsch bei Wieslochüber 100 Reiter mit ihren Pferden. Auch Hunde, Katzen und einige Eselwerden dabei sein. Und ich mittendrin. Ich werde die Tiere mit Weihwasser besprengen und das Kreuzzeichen über sie machen. Seit über 50 Jahren gibt es diese Segnung bei uns und nach wie vor zieht sie viele Tierfreunde an. Die Leute kommen zum Teil von weit her und nehmen manche Strapaze auf sich, um sich und ihre Tiere segnen zu lassen.Das wundert mich manchmal ein bisschen, denn viele von ihnen gehen sonst nicht zur Kirche.Warum kommen sie dann aber zu einer solchen Segensfeier?

Ich denke da gerne an eine Geschichte aus den Dolomiten. Sie erzählt davon, wie die Menschen in einem kleinen Bergdorf sonntags von weit her zur Messewandern. Weil sie so lange unterwegs sind, kommen sie regelmäßig zu spät. Manche sogar erst zum Ende der Feier, so dass sie nur noch den Segen auf der Türschwelle mitkriegen. Das aber reicht ihnenscheinbar aus.

Zwei Dinge sind mir an dieser Geschichte wichtig:

Einen Segen bekommeich oft „auf der Türschwelle“, das heißt in „Schwellenmomenten“, in denen Neues beginnt, wenn ich aufbreche, zurückkomme oder an einer Lebenswende stehe.

Und: Einen Segen kann ich „mitkriegen“ – ganz wörtlich gemeint. Ich bekomme ihn mit wie eine Stärkung. Ich kann ihn heimtragen, diesen handfesten guten Wunsch für die nächste Zeit.

Segen meint also, anderenGutes zuzusagen an der Schwelle zu dem, was kommt. So wünsche ich Freunden „Viel Glück und viel Segen“ zum Geburtstag, wenn ein neues Lebensjahr beginnt. MeinerTochter wuschle ich morgens auf der Türschwelledurch die Haare und wünsche ich ihrdamiteinen guten Tag im Kindergarten.Möge sie gesund zurückkommen. Eine Art Wuschelsegen sozusagen; manche kennen denauchals Kreuzzeichen auf die Stirn. Bekannt sind auch die Wünsche aus Irland:irische Segenswünsche gibt esja für fast alle Lebenslagen.

Segne ich jemanden, wünsche ich ihm Gutes für Momente, die ich selbernicht in der Hand habe.Insofern kann ich gut verstehen, wenn die Leute nachher ihre Tiere von weit her in unsere Gemeinde bringen, um sie segnen zu lassen.Sie tun alles dafür, dass es ihnen gut geht – jetzt und in Zukunft. Und sie lassen ihren Tieren darüber hinaus etwas zusagen, das ihre eigenen Kräfte übersteigt:mögen ihre Schützlingegesund bleiben und ihren Besitzern Freude machen.

Für mich ist diese Tiersegnung jedes Jahr etwas Besonderes. Die vielen Menschen mit ihren Tieren zeigen mir nämlich,was auch ich mir ganz tief drin wünsche: Gutes für mich und meine Lieben; dass meinLeben gelingt.Danach sehne ich mich. Zugleich wird mir aber auch klar, dass ich das nicht allein in der Hand habe. Das macht mich manchmal unsicher, aber auch demütig und dankbar für alles, was mir in meinem Leben geschenkt ist.

Segen heißt das Pluszeichen Gottes vor sein Leben stellen

Heute Morgen findet in meiner Gemeinde eine Tiersegnung statt.Menschen kommen mit ihren Tieren zu uns nach Malsch, um ihnen Gutes zusagen zu lassen für eine Zukunft, die sie selber nicht in der Hand haben.

Ich selber spende zwar diesen Segen. Aber ich kann keineswegs garantieren, dass er auch wirkt, also dass dieses Gute auch eintritt und das Leben derergelingt, die ich segne. Was soll das Ganze dann aber?

Der Theologe Fulbert Steffensky hat sich einmal damit beschäftigt. Segen heißt für ihn:geben, was man nicht hat. Ein Segen verzichtet darauf nachzufragen oder zu zweifeln. Wer segnet oder gesegnet wird, denkt nicht darüber nach, was möglich ist oder nicht. Er fragt nicht, was er tun oder bewirken kann. Der Mensch lässt im Segen einfach los und gibt sich in andere Hände. Er überlässt sich Gott. Er ist es, von dem der Segen kommt. Steffensky schreibt dazu sehr anschaulich: Wer segnet oder gesegnet wird,„stürzt in den Abgrund des Schoßes Gottes.“

Sich in den Schoß Gottes stürzen, ihm sein Leben anvertrauen. Das ist ein starkes Bild, finde ich. Segen meint, sich ganz auf das zu verlassen, was Gott durch den, der segnet, durch dessen Segenswort und Segenszeichen zusagt: Gutes nämlich.

Zum Segen gehört normalerweise auch ein Segenszeichen – Weihwasser zum Beispiel oder ein Kreuz. „Segnen“ heißt „signieren“, also etwas„mit einem Zeichen versehen“.

Die Bibel kennt viele solche Zeichen, die über den Menschen hinausweisen und ihm Gutes versprechen: Kain, der Sohn von Adam und Eva zum Beispiel bekommt von Gott ein Zeichen mit, das ihn schützt – das sogenannte Kainsmal. Für Noah wird der Regenbogen zum Segenszeichen. Jakob sieht die Himmelsleiter und Moseden brennenden Dornbusch. Zeichen über Zeichen – bis das Zeichen kommt, das alle anderen einschließt und übertrifft: das Kreuz. Zunächst ist es das Zeichen des Todes, denn Jesus stirbt am Kreuz. Gott holt ihn aber aus dem Tod und machtdamit das Kreuz zum Zeichen für das Leben. Gesegnet sein heißt insofern, mit dem Kreuz bezeichnet oder eben: von Gott „signiert“ sein.

Es gibt dazu eine nette kleine Geschichte: Ein Jungegeht mit seiner Mutter durch die Stadt. Aus der Schule kennt erdie Pluszeichen. Als ihm die Kreuze auf den Kirchtürmenauffallen, fragt er nach: Mama, was sind das für Pluszeichen da oben?

Und genau darum geht es: Segen meint, sein Leben unter das Pluszeichen Gottes zu stellen. Segne ich jemanden, dann wünsche ich ihm dieses Plus, dieses Mehr an Gutem, das nur von Gott kommen kann.

Und so möchte ich auch Ihnen dieses Plus für den heutigen Sonntag zusagen und Sie segnen – mit einem Wort, das Sie sicher kennen und vermutlich selbst schon gebraucht haben. Ich empfehle Sie „zu Gott hin“, „ad deum“ auf Latein.Besser bekannt auf Spanisch und Französisch: Adiós, Adieu.

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1 Maria ist eine ganz besondere Frau

In meiner Gemeinde wird heute Abend gefeiert. Keine Party, sondern eine Mai-Andacht. Das ist aber nicht nur in meiner Gemeinde so. Gerade im Marienmonat Mai beten viele Menschen weltweit zu Maria, der Mutter Jesu: „Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade. Der Herr ist mit Dir.“Was macht Maria so besonders?

Die Bibel berichtet davon, dass Maria den Sohn Gottesgeboren hat.Von Anfang an war sie deshalbhoch angesehen. Und weil man davon ausgeht, dass die Mutter Jesu besonders eng mit Gott verbunden ist, sehen viele in ihr bis heute auch eine Fürsprecherin,derman persönliche Bitten anvertrauen kann. Sie hat sozusagen einen besonderen Draht zu Gott.

Vielen Menschensteht Maria aber noch aus einem anderen Grund nahe. Sie finden sich in ihr wieder, denn sie ist auch Frau und Mutter. Sie durchlebt vieles, was andere Menschen auch erleben oder zumindest nachempfinden können. Das macht sie menschlich und sympathisch.

Als zum Beispiel der Engel Gabriel Maria davon erzählt, dasssie Jesus gebären soll, reagiert sie erschrocken undverunsichert. Und das nicht nur, weil Jesus der Sohn Gottes war!Maria ist jung, nicht verheiratetundbekommt ein Kind. Das macht ihr zu schaffen.

Und Maria macht noch viel mehr durch: Gleich nach der Geburt muss die ganze Familie nach Ägypten fliehen. Vieles muss sie zurücklassen: Freunde, Besitz und ihre Heimat.

Maria kennt aber auch die ganz alltäglichen Sorgen von Eltern. Mit zwölf Jahrensetzt sich Jesus einmal von seiner Familie ab.Maria ist besorgt und sucht ihn. Natürlich ist sie froh, als sie ihn endlich findet; gleichzeitig aber auch ziemlich sauer. Sie schimpft mit Jesus: „Kind, wie konntest du uns das antun?“

Und schließlich weint Maria unter dem Kreuz. Sie verliert ihren Sohn. Das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann.

Maria steht also vielen Menschendeshalb nahe, weil sie sich in ihr wiederentdecken.
Was michdabei besonders an ihr fasziniert, ist die Art und Weise, wie Maria ihr Leben meistert. Sie kommt offenbar ganz gut zurecht. Dass sie wirklich verzweifelt wäre, berichtet die Bibel nirgends. Und genau das gibt vielen Menschen Kraft, die selbst nicht mehr weiterwissen.

Was macht Maria so stark? Ich denke, es ist das, was ihr der Engel auf den Kopf zusagt und was wir heute noch beten: „Maria, Du bist voll der Gnade. Der Herr ist mit dir.“ Er sichertihr also zu, dass Gott zu ihr halten undihr beistehen wird.Darauf vertraut sie und das trägt sie in allem, was sie durchlebt.

Ich finde das wirklich beeindruckend – und manchmal wünschte ich mir, Gott würde auch mir so etwas zusagen.

2 Maria zeigt mir, dass auch ich Gott wichtig bin

Maria wird von vielen Menschenverehrt; sie ist die Mutter Gottes. Viele beeindruckt aber vor allem, dass sieauch ein ganz normaler Mensch ist, eine Frau, die im Alltag ihren „Mann steht“. Davon habe ich ebenin den Sonntagsgedanken erzählt.Vielleicht ist Mariadeshalb so stark, weil ihr der Engel Gabriel direkt zusagt, dass Gott sie nicht alleine lässt – auch wenn es die Bibel etwas edlerausdrückt: „Maria, du bist voll der Gnade. Der Herr ist mit dir.“

Ich habe Maria schon oft um dieseZusage beneidet – bis ich eines Tages ein echtes Aha-Erlebnis hatte. Mir ist bewusst geworden: Was der Engel Mariasagt, gilt auch für mich!Ich kann mich noch ganz gut an diesen Aha-Moment erinnern. Ich warin Freiburg unterwegs undhabe mir die Figuren über dem Eingangzum Münster angeschaut. Dort ist Gabriel zu sehen, wie er sich Maria zuwendet. Auf seinem Spruchband steht: Du bist voll der Gnade. Und Maria?Sie zeigt mit ihrem Finger auf diejenigen, diesie anschauen. Ich habe damals Gänsehaut bekommen. Es war für mich, alsob Maria mir dieseBotschaft weitergibt. Noch nie zuvor ist mir das so klar geworden: Thomas, auch du bist voll der Gnade. Gott ist auch mit dir – mit dir und all den anderen Menschen.

Damals habe ich verstanden, dass der Engel zu Maria eigentlich nur das sagt, wasdie ganze Bibel immer wieder von Gott berichtet: die Menschen sind ihmwichtig. Er traut ihnen etwas zu – auch mir. Ich stehe in seiner Gunst, unabhängig davon, was ich kann oder wer ich bin. Und wenn ich mich so angenommen und geliebt weiß, dann ist mir vieles möglich.Das ist fast wie im Sport: Wer angefeuert wird, ist motivierter und kommt leichter ans Ziel.

In Freiburg habe ich damals übrigens noch etwas kapiert. Mir ist aufgefallen, dass die Bibel nichts davon sagt, ob der Engel Maria bei der Flucht nach Ägypten unterstützt hat. Er hilft ihr auch nicht, nach Jesus zu suchen, als der sich von seiner Familie absetzt. Und er ist auch nicht dabei, als Maria um ihren Sohn trauert. Es ist vielmehr Josef, der Mariabegleitet. Es sind die Frauen, die mit ihr weinen; die Jünger, die sich um sie kümmern.
Ich glaube, dass ich von Gott getragen bin, spüre ich vor allem dadurch, dass sich andere Menschenfür mich einsetzen und zu mir stehen.

Das ist, was ich persönlich an Maria so schätze: Sie zeigt mir, dassich für Gott wichtig und wertvoll bin – einfach nur weil es mich gibt.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie genau das in der kommenden Woche spüren können – vielleicht durch Menschen, die für Sie da sind. Und sollte es nicht rund laufen, weil die anderen Sie mal wieder nerven –auch so etwas soll ja vorkommen –, dannbleiben Sie gelassen und nachsichtig. Machen Sie sich bewusst: auch die sind voll der Gnade.

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Den Bogen entspannen

Es ist August - für viele der Urlaubsmonat schlechthin. Raus aus dem Alltag und faulenzen, am besten gleich mehrere Wochen lang. Auch bei mir ist das so. Schon lange freue ich mich auf meinen Urlaub, weil ich einfach merke, dass die Luft raus ist. Ich muss endlich mal wieder auftanken, gründlich ausschlafen und was anderes sehen.

Umso mehr bin ich neulich erschrocken, als ich in der Zeitung gelesen habe, dass ein langer Urlaub gar nicht viel bringt. Gut, man hat Zeit für die Familie, kann seinen Hobbies nachgehen oder andere schöne Dinge tun. Für die Erholung aber braucht es keine wochenlange Auszeit - das sagen zumindest die Forscher. Acht Tage sollen es sein, bis man wieder fit ist. Jeder Tag mehr ist zwar schön, aber eigentlich nicht nötig. Und die Forscher sagen noch mehr: Die Energie aus dem Jahresurlaub hält nicht lange. Spätestens im Herbst kommt die Müdigkeit zurück und die Akkus sind wieder leer.

Was aber kann man dagegen tun? Vom Apostel Johannes wird eine bemerkenswerte Geschichte überliefert. Sie erzählt, dass er zwischendurch immer wieder mal mit einem zahmen Rebhuhn gespielt hat. Eines Tages sieht das ein Jäger und ist völlig empört: Wie kann ein Mann wie Johannes seine wertvolle Zeit nur mit Spielen verplempern? So viel Sinnvolles hätte er doch in diesem Moment leisten können. Johannes aber bleibt gelassen und stellt dem Jäger nur eine Frage: „Warum hältst Du den Bogen in Deiner Hand nicht ständig gespannt?" Für den Jäger ist die Antwort klar: „Wenn ich das tue, verliert mein Bogen an Spannkraft! Und wenn es drauf ankommt, hat der Pfeil nicht mehr genügend Antrieb."

Genau so ist das auch bei mir! Um für den Alltag dauerhaft fit zu sein, brauche ich regelmäßige Auszeiten. Zeiten, in denen ich wie Johannes nichts leiste, nichts produziere und einfach das tue, was mir gefällt. Ob ich mehrere Tage ins Grüne fahre oder nach der Arbeit noch eine kurze Runde mit dem Fahrrad drehe; ob ich mit Freunden ein Bierchen trinke oder einfach ein gutes Buch lese - das ist völlig egal. Hauptsache ich gönne mir Momente, in denen ich die Spannung rausnehme.

Wenn ich demnächst in Urlaub fahre, werde ich daran denken: Der Jahresurlaub ist wichtig - keine Frage. Wie der Jäger aber seinen Bogen immer wieder entspannt, muss auch ich regelmäßig ausspannen. Nur dann habe ich genügend Kraft, um dauerhaft meine Aufgaben zu meistern und meine Ziele zu verfolgen. Und nur dann bin ich gerüstet, wenn es in meinem Leben darauf ankommt.

verreisen in die Welt und ins eigene Ich 

Es ist wichtig, sich regelmäßig zu entspannen. Nur wer erholt ist, kann den Alltag meistern. Erholung - das verbinden viele mit „reisen": raus von Zuhause und alle Sorgen weit hinter sich lassen. Am Frankfurter Flughafen wird das besonders deutlich: bis zu 200.000 Menschen sind dort im Sommer täglich unterwegs. Viele davon Touristen, die in Urlaub fliegen.

Was in diesen Trubel scheinbar so gar nicht reinpasst, ist die Kapelle am Flughafen. Sie ist zentral von der Abflughalle aus erreichbar und liegt doch etwas abgeschieden auf der Empore. Und sie wird gut besucht: von Menschen, die am Flughafen arbeiten, von Geschäftsleuten und auch von Touristen.

Ich habe mir sagen lassen, dass manche Flughafenmitarbeiter gezielt zum Gebet und zum Gottesdienst in die Kapelle kommen. Sie unterbrechen ihre Arbeit und gönnen sich eine ruhige Minute, in der sie mit Gott sprechen und ihm anvertrauen, was sie umtreibt.

Auch Geschäftsleute, die von einem Flughafen zum anderen reisen, nutzen diesen Raum. In der Stille tauchen sie in ihre Gedanken ab und besuchen ihre Lieben zuhause. Das gibt ihnen Kraft - auch weit weg von zuhause.

Touristen überbrücken in der Kapelle manchmal die Zeit bis zum Abflug. Einige bitten Gott um seinen Segen für die Reise. Andere setzen sich einfach in die Stille und lassen die Hoch- und Tiefpunkte der letzten Tage noch einmal vorbeiziehen. Sie wollen mit dem, was in der letzten Zeit so alles war, innerlich abschließen bevor der Urlaub beginnt. Wieder andere fürchten sich vor dem Flug und vor dem, was unterwegs passieren könnte. Sie denken ganz bewusst über ihr Leben nach, gehen in sich und beschäftigen sich mit dem, was sie bewegt.

All diesen Menschen ist eines gemeinsam, ob sie die Kapelle regelmäßig besuchen oder nur einmal kurz vor dem Abflug: Sie tauchen ab in ihr Inneres. Sie nutzen die Kapelle, um einen Augenblick ganz für sich allein zu haben. Sie ordnen innerlich, was sie beschäftigt. Sie suchen nach dem, was ihnen Halt und Kraft gibt, und fragen danach, was sie antreibt.

Ein unscheinbarer Raum der Stille an diesem Flughafen, an dem gerade in der Urlaubszeit noch mehr los ist als sonst. Ich glaube, es könnte keinen besseren Ort für diese Kapelle geben. Für mich nämlich weist sie auf etwas ganz Entscheidendes hin: Wenn die Urlauber nach Frankfurt kommen, wollen sie den Alltag weit hinter sich lassen und Abstand gewinnen. Sie fliegen in die Ferne und suchen dort nach Erholung. Wirklich auszuspannen, die Spannung aus dem Alltag rauszunehmen, ist aber mehr! Es geht darum, gerade auch in die andere Richtung zu reisen, ganz tief ins eigene Ich hinein. Nur dort nämlich finde ich das, woraus ich täglich schöpfe: meine persönlichen Kraftquellen, die mich halten und tragen.

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Glaube, der nach Einsicht sucht

Was tut mehr weh: eine Ohrfeige, die ich mir nur vorstelle, oder eine Ohrfeige, die ich tatsächlich bekomme? Die Antwort liegt auf der Hand. Gleiches gilt für viele andere Bereiche: wenn ich jemanden küsse oder umarme, ist das intensiver, als wenn ich nur über Zärtlichkeit philosophiere. Auch werde ich von einem Schnitzel nur dann satt, wenn es real auf meinem Teller liegt - ein Fantasie-Schnitzel hilft da nicht weiter.
Anders gesagt: was es wirklich gibt, ist gehaltvoller als das, was nur theoretisch existiert.

Anselm von Canterbury hat das auch schon gewusst. Vor rund 950 Jahren hat er mit diesem Argument versucht zu beweisen, dass es Gott wirklich gibt. Viele halten ihn deshalb für den bedeutendsten Theologen des 11. Jahrhunderts. Heute ist sein Gedenktag und ich finde, seine Ideen sind nach wie vor spannend. Er wollte damals Gott und das, was die Christen glauben, ganz logisch und plausibel erklären - selbst für die Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch wie hat er das gemacht?

Für Anselm ist klar, dass Gott absolut vollkommen ist. Es gibt nichts, das größer ist als er. Wer an Gott glaubt, beschreibt ihn als allmächtig, allwissend, allgegenwärtig - ja, als Allergrößten eben. Aber auch diejenigen, die nicht an Gott glauben, können sich zumindest ein Wesen vorstellen, das absolut vollkommen ist - etwas, worüber hinaus es nichts Größeres gibt.

Und genau hier kommt für Anselm der Gedanke ins Spiel, den jeder verstehen wird, der schon mal eine Ohrfeige bekommen hat, umarmt worden ist oder ein Schnitzel gegessen hat: was wirklich existiert, ist gehaltvoller als das, was nur in Gedanken vorkommt.
Kann man sich also etwas absolut Vollkommenes vorstellen, dann muss es das auch real geben. Würde dieses Vollkommenste nämlich nur in der Fantasie existieren, dann wäre etwas denkbar, das noch größer und noch vollkommener ist: nämlich etwas, das es auch real und wirklich gibt. Folglich muss es Gott geben - theoretisch UND praktisch.

Anselm von Canterbury geht also von der Gedankenwelt aus und schließt von ihr auf die Wirklichkeit. Dass man so etwas tun kann, lässt sich aus alltäglichen Erfahrungen belegen: echter Schmerz, wirkliche Zärtlichkeit oder eine reelle Mahlzeit sind gehaltvoller als nur die Vorstellung davon. Damit beweist Anselm Gott.
In der Geschichte hat man immer wieder versucht, Anselms Argumente zu widerlegen. Doch bis heute faszinieren sie Menschen - auch mich. Wer nämlich Anselms gedanklichen Klimmzügen folgt - ob gläubig oder nicht - stößt auf das, was die Christen Gott nennen.

Wovon das Herz voll ist, davon kann der Mund nicht schweigen

Immer wieder versuchen Menschen zu beweisen, dass es Gott gibt. Manche wollen sogar belegen, dass Jesus der Sohn Gottes war und auferstanden ist. Mich fasziniert so etwas - gerade in der Osterzeit. Denn ich frage mich da oft, ob dieser Gott wirklich existiert, ob er Jesus tatsächlich aus dem Grab geholt hat und ob das auch bei mir einmal so sein wird. Es wäre schön, wenn es dafür Beweise gäbe.

Doch braucht es die wirklich? Es gibt doch Menschen, die damals dabei waren - Augen- und Ohrenzeugen wie Maria, Petrus, Paulus oder Barnabas. Diese Menschen haben Gott erlebt, sind Jesus begegnet oder am leeren Grab gestanden. Das hat sie so bewegt, dass sie öffentlich davon erzählt haben. Dafür hat man sie verfolgt und teilweise sogar umgebracht. Und dennoch waren sie nicht kleinzukriegen. Mit ihrem Leben sind sie für Gott eingestanden. Das ist historisch belegt und sollte eigentlich auch mich überzeugen. Und doch suche ich dauernd nach stichhaltigeren Beweisen. Woran liegt das?

Vielleicht ist es bequemer, Gott abstrakt zu beweisen. Ich kann nämlich jedes Argument auch widerlegen. Und solange ich keinen absolut überzeugenden Beweis finde, dass es Gott wirklich gibt, brauche ich nicht mit aller Konsequenz an ihn zu glauben. Anders bei jenen Zeugen. Es wäre so einfach, ihnen zu vertrauen. Doch wenn sie Gott erlebt haben, dann müsste auch ich mir darüber klar werden, wie ich zu ihm stehe. Vielleicht müsste ich sogar mein Leben umkrempeln. Und das ist anstrengend! Ich brauche ja nur auf Jesus zu schauen, wie er gelebt und gehandelt hat, und sofort fallen mir Dinge auf, die ich in meinem Leben verändern sollte. Womöglich müsste ich mich sogar öffentlich zu Gott bekennen - wie die Christen damals: wovon ihr Herz erfüllt war, davon konnte ihr Mund nicht schweigen! Aber genau deshalb wurden sie ja von so vielen abgelehnt. Was, wenn das auch mir passiert?

Ich brauche nur mal ehrlich zu mir selbst sein: Bei Trauergesprächen war genau das schon mein Problem. Ich habe mich mehrfach davor gedrückt, Gott ins Spiel zu bringen - immer dann, wenn die Angehörigen mit Gott offenbar wenig anfangen konnten. Ich habe vieles über den Verstorbenen erfragt, wie er so war, was er gemacht und im Leben erreicht hat. Gebetet aber habe ich nicht. Ich habe auch nicht viel von dem gesprochen, wovon ich selbst überzeugt bin: nämlich dass es nach dem Tod weitergeht. Davon habe ich erst in der Friedhofskapelle gepredigt - dort, wo es erwartet wurde, wo niemand darauf reagieren oder gar kritisch nachfragen konnte. Ich habe es also vermieden, konkret für meinen Glauben einzustehen.

Gerne wäre ich mir absolut sicher, dass es Gott gibt und dass Jesus sein Sohn war. Aber was dann? Für die Botschaft Jesu einzustehen, kann ziemlich schwer sein. Es beeindruckt mich, wie konsequent die ersten Zeugen der Auferstehung das geschafft haben. Von ihrer Kraft und Überzeugung - davon wünschte ich mir manchmal auch etwas.

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