Manuskripte

14MRZ2020
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„Jetzt hab halt Vertrauen. Es wird schon gut gehen.“ Ich habe den Satz oft gehört. Zum Beispiel vor Prüfungen.

„Jetzt hab halt Vertrauen. Es wird schon gut gehen.“ Eine gut gemeinte Aufforderung. Bei mir hat sie das Gegenteil bewirkt. Ich habe mich auch noch schlecht gefühlt, weil ich Angst hatte und kein Vertrauen. Deshalb habe ich den Satz aus meinem Sprachgebrauch gestrichen. Vertrauen haben kann man nicht einfach. Es wächst und wenn keines gewachsen ist, muss ich damit umgehen, dass ich keines habe.

Während einem Besuch bei meinem Enkelkind ist mir bewusst geworden, wie viele positive Erfahrungen ein Mensch braucht, damit er vertrauen kann. Mein Enkelsohn ist 20 Monate alt. Noch vor acht Wochen ist er ganz still geworden, wenn Mama und Papa beide weg waren. Der sonst fröhlich plappernde Junge ist verstummt und hat sich wenig bewegt. Manchmal hat er weinerlich und fragend gesagt… Mama, Papa? Ich habe ihm darauf versichert, dass beide wiederkommen und ihn lieb haben. Vor wenigen Tagen war ich wieder bei meinem Enkel. Diesmal hat er sich morgens von seinen Eltern fröhlich verabschiedet und ihnen gewinkt als sie zur Arbeit gegangen sind. Ungefähr eine Stunde lang hat er danach in kurzen Abständen zu sich selbst und mir gesagt: „Mama, Papa wieder. Mama, Papa lieb.“ Dann war es vorbei und doch sichtlich erleichtert, als er gemerkt hat, dass Mama und Papa tatsächlich wieder gekommen sind. 

Vertrauen wächst. Es ist nicht einfach da. Es kann auch nicht schnell mal so herbei geredet werden. Menschen, die von Anfang an ihren Eltern vertrauen können, ohne dabei verletzt zu werden, haben es leichter. Das Gute ist, dass Vertrauen immer wachsen kann. In jedem Alter. Habe ich mit 58 Jahren festgestellt. Mein Vertrauen in mich selbst ist in den letzten Jahren sogar mehr gewachsen als jemals zuvor. Weil ich mir bewusst gemacht habe, was ich alles kann und welchen Wert das hat für mich und andere. Aber auch, weil ich gelernt habe, zu akzeptieren, was ich nicht kann. Es ist befreiend, dafür andere um Hilfe zu bitten anstatt mich zu schämen oder erfolglos anzustrengen. Und ich übe, Bedürfnisse ernst zu nehmen. Zum Beispiel mein Bedürfnis nach regelmäßigen Ruhepausen in meinem Alltag. Heute weiß ich: Ich kann darauf vertrauen, dass ich weiß was für mich gut ist. Auch bei diesem Prozess habe ich erlebt: Vertrauen kann ich nicht einfach so herbei reden. Es wächst.

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13MRZ2020
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Letztes Jahr im Herbst ist meine Mutter gestorben. Die Anzeichen dafür habe ich Monate vorher schon bemerkt. Sie hat abgenommen, die Zeiten zwischen ihren Krankheitsphasen sind immer kürzer geworden. Sie war 87 Jahre alt. Den Zeitpunkt ihres Todes hätte aber keiner nennen können. Erst vier Tage vor ihrem letzten Atemzug war klar, dass sie im Sterben lag. 

Ich selbst hatte bis dahin keine Erfahrungen mit dem Sterben. Jetzt habe ich erlebt: Sterben gehört zum Leben dazu. Und, das Sterben eines Menschen kann auch gnädig sein. Meine Mutter war bis zuletzt geistig ganz wach. Jeden Tag hat sie sagen können, wie froh sie war, dass sie zuhause in ihrem Bett sein durfte. In den letzten drei Tagen hat sie ihre Augen kaum mehr geöffnet, auch nicht mehr viel gesprochen. Mir ist es so vorgekommen als hätte sie sich in der Ewigkeit einen Platz gesucht. Immer wieder ist sie von weit her zurückgekommen, hat auch gekämpft. Bis sie entschieden ihren rechten Zeigefinger nach vorne streckte und laut und deutlich gesagt hat: Da, da, da. So als würde sie mir zeigen, dass sie einen guten Platz für sich gefunden hat. Danach ist sie ganz ruhig geworden und vier Stunden später friedlich eingeschlafen. Ich habe keinen Zweifel mehr, dass ihr Leben in einer anderen Dimension weitergeht. 

Wenn ich an die letzten Tage im Leben meiner Mutter denke, bin ich immer noch überrascht. Ich habe ihr Sterben keineswegs schrecklich erlebt. Ich habe keine Angst bekommen und war auch nicht nur traurig. Intensiv, unvergleichlich mit allem was ich bisher erlebt habe war, wie meine Mutter sich verabschiedet hat. Nichts war für mich wichtiger in diesen Tagen. Ich bin bis heute berührt, wie selbstverständlich ich gewusst habe, was ich tun muss. Auch in den Stunden danach habe ich sie immer wieder gestreichelt und mit ihr gesprochen. Bin bei ihr gesessen und habe auch gespürt, dass sie erlöst ist. Meine tote Mutter war mir ebenso vertraut wie im Leben.

Ich weiß, dass es auch ganz andere Sterbeprozesse gibt. Die alles andere als gnädig sind.

Das Sterben meiner Mutter war gnädig. Ein großer Verlust und ein Geschenk. Sterben und Tod sind für mich vertrauter und selbstverständlicher. Und: Mein Glaube an ein Leben nach dem Tod ist gestärkt.

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12MRZ2020
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Ich fahre in Stuttgart mit der U-Bahn. Der Wagen in dem ich sitze, ist nicht ganz besetzt. Fast alle haben ein Smartphone und sind damit beschäftigt. Ich war selbst kurz versucht, meins auszupacken. Ich bin oft hin- und hergerissen. Einerseits bin ich fasziniert, was mit dem kleinen Gerät alles möglich ist. Die Fotos von meinem Enkelkind freuen mich riesig, die unverhofft in meinem Alltag ankommen. Wenn ich mich verspäte, kann ich das kurz mitteilen und keiner muss sich Sorgen machen. Meiner Freundin kann ich mit einem einzigen Emoji zeigen, dass ich an sie denke. Ich mag es, so leicht und unkompliziert mit lieben Menschen verbunden sein zu können. Wenn‘s sein muss, weltweit. Und ich bin begeistert, wie schnell ich mich informieren kann, wenn ich was wissen will.

Gleichzeitig rege ich mich auf, wenn ich das Smartphone viel zu oft in die Hand nehme und schaue, wie das Wetter wird oder welche neuen Nachrichten es gibt. Ich habe schon mal einen Tag lang aufgeschrieben, wie viel Zeit ich eben auch sinnlos mit dem Gerät verbringe. Manchmal bin ich richtig empört, wie andere die schnelle Kommunikation missbrauchen. Die Nachricht, dass ein Mensch gestorben ist, will ich nicht auf diesem Weg. Ich will so auch keine Konflikte klären und nicht auf die Schnelle Nachrichten lesen, die in Wirklichkeit kompliziert und lang sind. Von cyber mobbing und anderen Grausamkeiten war ich bisher Gott sei Dank nicht betroffen. 

Mit dem Smartphone ist es wie mit dem Auto und jeder anderen Erfindung. Ein Zurück hinter die neuen Möglichkeiten gibt es nicht mehr. Jammern, weil „früher alles besser war“ ist auch sinnlos.

Eindeutig ist: Es liegt an mir, wie ich mit diesem Medium umgehe. Ich habe mich entschieden, das Gerät nicht mehr aus Langeweile anzuschalten, um mir die Zeit zu vertreiben. Wenn ich Zug fahre, schaue ich lieber aus dem Fenster. Ich will keine Nachrichten lesen, die mich ohnehin nicht betreffen. Denn es spielt für mich keine Rolle, welches prominente Paar sich getrennt hat oder welcher Kandidat bei Günter Jauch wieviel Geld gewonnen hat. Ich nutze das Telefon, wenn es nötig ist. Aber ich achte darauf, dass ich andere damit nicht störe. Ich schalte das Smartphone auf lautlos, weil ich nicht immer und überall erreichbar sein will. Außer ich erwarte dringend eine Nachricht. Und wenn ich ins Bett gehe, bleibt das Smartphone in der Küche ;)

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11MRZ2020
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„Ich will, dass du bist!“ Dieser Zuspruch steht in großer Schrift im Eingangsbereich der Würzburger Augustinerkirche. Kurz gesagt ist es das, was im Evangelium zu lesen ist. Jesus hat sich immer den Menschen zugewendet, ganz besonders denen, die gesellschaftlich benachteiligt oder ganz ausgeschlossen waren. Gerade ihnen gegenüber hat er sich so verhalten, dass sie spüren konnten: „Ich will, dass du bist!“ 

Es ist auch das Leitwort von Guido Lorenz. Er hat 37 Jahre in Stuttgart als Betriebsseelsorger gearbeitet. Im Januar ist er in Ruhestand gegangen. Ich erzähle von ihm, weil er wichtig ist für mich, obwohl ich ihn nur ein einziges Mal persönlich getroffen habe. Wenige Jahre nachdem er angefangen hat für die Betriebsseelsorge zu arbeiten. Ich erinnere mich sehr genau daran, mit welcher Hochachtung er von den vielen Menschen gesprochen hat, die er in Betrieben getroffen hat. Mich hat das berührt. Jedes noch so klein und unbedeutend erscheinende Menschenleben war ihm der Rede wert. Die Menschen in Lagerhallen, am Fließband, auf Baustellen. Er hat dem türkischen Teamleiter genauso eine Stimme gegeben wie der Migrantin aus Eritrea. Der kroatischen Witwe und dem geflüchteten jungen Azubi aus Syrien. Er hat immer wieder selbst am Fließband gearbeitet oder für einige Wochen einen LKW gefahren. Um spüren zu können wie sich ein Leben anfühlt als Arbeiter am Band oder im LKW auf der Straße.

Guido Lorenz hat mit Betriebsräten und Gewerkschaften für gerechtere Arbeitsbedingungen gekämpft. Zusammen mit seinen vielen Kollegen in der Betriebsseelsorge der Diözese Rottenburg Stuttgart. Er hat dafür gesorgt, dass Menschen wahrgenommen worden sind, die machtlos waren, arbeitslos, auf jeden Fall zu kurz gekommen. Dazu angetrieben hat ihn sein Leitwort: „Ich will, dass du bist!“ So versteht er die Beziehung von Gott zu den Menschen. 

Ich bin nicht Betriebsseelsorgerin geworden. Aber diese Aufmerksamkeit für jeden Menschen hat mich geprägt. Jeder Mensch hat eine große Geschichte – auch wenn sie noch so bedeutungslos erscheint. Jeder Mensch hat ein Recht darauf beachtet zu werden. Weil jedem die Zusage Gottes gilt: „Ich will, dass du bist!“

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10MRZ2020
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Eine Frau war gründlich aus der Spur geraten. Mehrere Jahre hat sie ihren Mann betrogen. Hat ein Doppelleben geführt, von dem nur ihre beste Freundin gewusst hat. Bis eines Tages alles aufgeflogen ist. Das war schlimm. Für den Ehemann, weil er sich verraten gefühlt hat. Für die Frau, weil sie viele Jahre mit einer großen Lüge gelebt hat. Weil sie ihren Mann verletzt hat. Und weil sie sich selbst nicht verstanden hat. Sie hat sich geschämt. Und sie hat Angst gehabt. Von anderen verurteilt zu werden. Moralisch in die Ecke der schlechten Menschen gestellt zu werden. Sie hat Hilfe gesucht und in einer Psychologischen Beratungsstelle gefunden. Mit Herzklopfen ist sie dort im Wartezimmer gesessen.

Nichts von dem, was sie befürchtet hat, ist eingetroffen. Der Mann, dem sie ihre Geschichte erzählt, hat zugehört und mit ihr überlegt, was in ihrem Leben passiert ist, dass es so weit kommen konnte. Ohne sie und ihr Verhalten zu bewerten. Er hat sie angenommen wie sie war. Einfühlsam und verständnisvoll. Ich habe nie vergessen, wie die Frau davon erzählt hat. Die Erleichterung war ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Der Therapeut hat mit ihr nach den Gründen für ihre Untreue gesucht und sie eben nicht an den Pranger gestellt. 

Zum ersten Mal hat sie einen Menschen getroffen, der sich so verhalten hat, wie sie Jesus aus biblischen Geschichten kannte. Einen Menschen, der nachfragt, der verstehen will und erst einmal niemanden abstempelt, niemanden verurteilt. Einen, der davon ausgeht, dass jeder ein guter Mensch sein will. Und immer Gründe hat, wenn er es nicht sein kann. 

Der Besuch in der Beratungsstelle war wegweisend für die Frau. Durch die Gespräche dort hat sie allmählich verstanden, warum sie ihrem Mann untreu geworden war. Das ist ihr nie wieder passiert. Aber vor allem war sie fasziniert davon, wie würdevoll der Berater sie behandelt hat, obwohl sie sich unwürdig verhalten hat. Das hat ihr viel Kraft gegeben, den Scherbenhaufen aufzuräumen, den sie hinterlassen hat. Und so viel Hoffnung, dass ihr Leben trotzdem gut weitergehen kann. Außerdem hat sie gelernt, selbst auch mit anderen Menschen vorsichtiger zu sein. Erstmal niemanden abzustempeln, in eine Schublade zu stecken und zu verurteilen. Sie hat gelernt, nachzufragen und zu verstehen. Mitfühlend zu sein mit ihrem eigenen Fehlverhalten und dem von anderen.

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09MRZ2020
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Es ist die erste Schulstunde. Religionsunterricht. Ich sitze mit den Kindern im Kreis. Aber noch bevor ich überhaupt etwas sagen kann, meldet sich Maya. Jetzt sofort, bevor wir anfangen, muss sie ihre Frage loswerden: „Du, Eva-Maria, warum gibt es überhaupt Gott? Meine Mama und mein Papa haben gesagt, ich soll dich mal fragen. Wenn du’s nicht weißt, kann ich noch unsern Pfarrer fragen.“ 

So sind Kinder. Sie stellen die großen Fragen einfach und ungeniert. Ich schlage den Kindern vor, dass wir gemeinsam über diese spannende Frage nachdenken: „Warum gibt es überhaupt Gott?“

Luka sagt sofort: „Gott gibt es, weil es uns gibt. Weil, er hat ja alles erschaffen, die Erde und die Tiere und die Menschen und dann muss es ihn natürlich geben. Sonst wären wir ja gar nicht da.“

Jule findet auch: „Gott muss es geben. Weil er uns lieb hat. Und manche Menschen sind ja arm und ganz allein und die brauchen das richtig doll, dass Gott für sie da ist und sie lieb hat.“

Mathis gibt dagegen zu bedenken: „Aber wir wissen doch gar nicht, ob es Gott wirklich gibt. Also können wir auch nicht sagen, warumes ihn gibt, wenn wir nicht mal sicher sind, dasses ihn gibt.“ Fabian fällt dazu noch ein, dass Maya erst mal sagen muss, welchen Gott sie meint. Weil die Christen ja an einen anderen Gott glauben als die Muslime oder die Buddhisten. Und die Griechen hatten ja gleich mehrere Götter.

 

Also so denken Kinder zwischen sechs und neun Jahren, und so vieles wissen sie. Ich bin immer wieder fasziniert und gespannt, ob und wie sich ihr Glaube an Gott entwickelt. Das haben wir nicht in der Hand. Aber weil sie soviel wissen über die verschiedenen Religionen. Weil sie so viele Fragen haben. Und weil ihre Eltern oft unentschieden und unsicher sind in Glaubensfragen, brauchen sie Gesprächspartner, die mit ihnen nachdenken und ihre Fragen ernst nehmen. 

„Warum gibt es überhaupt Gott?“ „Glaubst du, dass wir darauf wirklich eine Antwort geben können?“ frage ich Maya nach dem Gespräch im Kreis. Sie zuckt mit den Schultern. Luka meldet sich noch mal: „Also, wenn sowieso jeder selber rausfindet, ob es Gott gibt oder nicht, ist es auch gar nicht so wichtig, warum es ihn gibt.“

Und Maya beschließt das Gespräch für sich so: „Hm, also ich glaube dass es Gott gibt. Weil ich finde es gut, dass er alle Menschen lieb hat.“

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Als Jugendliche und junge Frau habe ich mich oft einsam und schutzlos gefühlt. Damals hätte ich das so gar nicht sagen können. Erst im Rückblick auf diese Jahre erinnere ich mich daran. 

Gehalten hat mich damals mein Glaube: Gott ist da. Er will, dass ich bin.Es gibt Texte aus dieser Zeit, die für mich bis heute wichtig sind. Dazu gehört ein Vers aus Psalm 91, ein Gebet, das in der Bibel steht.

Der Verfasser dieses Gebets schreibt, felsenfest überzeugt:

„Denn er, Gott, hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen; dass sie dich auf den Händen tragen, und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

Wenn ich diese Sätze gelesen oder gehört habe, habe ich mich geborgen und geliebt gefühlt. Ich habe mir vorgestellt, dass ich umgeben bin von Engeln, die auf mich aufpassen. Die mich sogar auf Händen tragen, wenn ich nicht mehr kann und selbst nicht weiter komme. Engel, die manches Hindernis aus dem Weg räumen, damit ich mich nicht verletze. Auf meinem Schulweg. Im Zug nach Stuttgart, nachdem ich ausgezogen war bei meinen Eltern um zu studieren. In meinem ersten Studentenzimmer in Tübingen.

Die Musik von Mendelssohn-Bartholdy zu diesem Psalmvers habe ich erst viele Jahre später gehört. Es ist ihm gelungen, so zu komponieren dass es mir noch wärmer wird ums Herz. Sanft, liebevoll, himmlisch klingt das Musikstück in meinen Ohren. Eine Zeit lang habe ich es jeden Morgen angehört. Es dauert kaum vier Minuten und hat mir oft geholfen, meinen Tag zu beginnen.

Ich bin vorsichtig zu erzählen, wie wichtig dieser Glaube an Gott war. Manchem mag das fast kitschig vorkommen. Und weil es mich früher gekränkt hätte, für mein Gottvertrauen belächelt oder hinterfragt zu werden, habe ich es lieber für mich behalten. Denn ich habe genau gespürt: An Gott glauben zu können, bedeutet nicht, auch beweisen zu können, dass Gott existiert. Das kann ich nicht.

Heute meine ich auch nicht mehr, dass ich das beweisen muss. 

Ich glaube ohne jeden Zweifel: Gott hält und trägt mich. Ich bin beschützt und geborgen bei ihm, auch wenn ich mich sonst von niemandem beschützt fühle. Er will, dass ich bin. Diesen Glauben habe ich verinnerlicht. Er ist das Fundament, auf dem ich lebe.

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28SEP2019
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Die Tür steht Tag und Nacht offen. Obwohl sie das nicht will. Die alte Dame hätte gerne ihre Ruhe und mehr Privatsphäre. Sie hat das Pflegepersonal oft darum gebeten, die Tür doch zuzumachen. Es hat nichts genützt. Sie ist für vier Wochen zur Kurzzeitpflege in einem Seniorenheim.

Ich habe sie dort besucht. Bisher habe ich das Wort Pflegenotstand nur vom Hören-sagen gekannt. Jetzt erlebe ich, was das heißt. Tatsächlich stehen viele Türen offen, und ich höre aus manchen Zimmern, wie jemand leise weint oder stöhnt. Andere sitzen im Rollstuhl auf dem Flur und starren vor sich hin. Auf der Station für demente alte Menschen schreit einer von ihnen ständig „Hallo“.

Ich bin schon nach vier Stunden froh, dass ich wieder gehen kann. Obwohl ich auch erlebt habe, wie sich alle Mitarbeiterinnen anstrengen. Sie sind freundlich und wollen, dass es den alten Menschen so gut wie möglich geht. Dieses Pflegeheim will ein gutes Heim sein. Schöne Bilder hängen an der Wand. Es gibt tolle Beschäftigungsangebote und überall Polstermöbel auf den Fluren, die dazu einladen, sich niederzulassen. 

Die alte Dame, die ich besuche, braucht jedoch vor allem eines: Zuwendung. Sie braucht jemanden, der mit ihr spricht, dem sie von ihrem Leben erzählen kann. Jemanden, der Geduld hat, während sie sich wäscht und anzieht. Der aushält, wenn sie weint. Wenn sie traurig ist, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben keine Knödel mehr kochen kann. Sie braucht jemanden, der Zeit hat. Aber wer sollte das in einem Pflegeheim leisten können bei so vielen Menschen? Auch Angehörige sind damit bisweilen überfordert. Da zeigt sich dann, wie wichtig Freunde und Bekannte sind oder auch Nachbarn, die sich gerne Zeit nehmen und einfach da sind. Es gibt inzwischen deshalb auch Pflegedienste, die genau darauf achten: dass sie ausreichend Zeit haben für Zuwendung. Ich habe einen Artikel entdeckt über ein Konzept aus den Niederlanden, nach dem inzwischen auch Pflegedienste in Deutschland arbeiten. „Buurtzorg“ heißt es und bedeutet so viel wie Nachbarschaftshilfe. Alte Menschen werden in ihrem Zuhause gepflegt. Sie werden unterstützt, dass sie auch als alte Menschen ihr Leben selbst achten und wertschätzen. Dass sie ihre Stärken noch zeigen und tun, was sie selbst weiterhin können. Ich finde, genau darauf kommt es an. Dass Menschen am Ende ihres Lebens ihren Wert und ihre Würde fühlen können trotz allem, was sie einschränkt und was sie nicht mehr können.

 

Quelle:

http://www.buurtzorg-in-deutschland.org

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26SEP2019
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„Das war eine tolle Sache“ sagt Ali. Zusammen mit Felix hat er ein Möbelstück gebaut. Es hat für 6 Wochen unter der Paulinenbrücke in Stuttgart gestanden. Dort treffen sich Obdachlose, Drogenabhängige und viele mehr. Ein offener Ort zum Wohnen und Schlafen auf einem ehemaligen Parkplatz. Eigentlich schon seit langem ein Schandfleck in Stuttgart. Auch ein Ort, an dem es häufig zu Konflikten gekommen ist. 

Ali und Felix studieren Stadtplanung an der Universität in Stuttgart. Sie hatten die Idee, unter der Paulinenbrücke einen Ort zu schaffen, an dem Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten zusammenkommen.

Ihr Experiment ist gelungen. Sogar einen Preis haben sie damit gewonnen. Sie haben für ihre Masterarbeit ein sogenanntes Stadtregal entworfen. Eine einfache Küche mit einen Schlafplatz. Jeden Tag ist dort gekocht worden. Jeder, der wollte, hat mitessen können. So ist ein Ort der Begegnung entstanden, an dem alle miteinander geredet und sich sogar manche Konflikte gelöst haben. Weil sich die Menschen besser kennen-lernen konnten. Ermutigend ist bei diesem Stuttgarter Experiment außerdem, dass an dem Möbelstück nichts kaputt gegangen ist. Alle sind pfleglich mit den Dingen umgegangen. Ein obdachloser Mann hat sich besonders darum gekümmert und dafür gesorgt, dass alles sauber bleibt. Am Nachmittag hat er Kaffee gekocht für alle.

Ali und Felix wünschen sich, dass viele Städte ihren Mitbürgern solche Plätze anbieten, auf denen sie sich treffen und gemeinsam etwas tun können. 

Ich habe über das Projekt einen Zeitungsartikel gelesen. Und war begeistert. Als Christin beschäftigt mich dieses Thema. Ich wünsche mir sehr, dass Menschen gut zusammen-leben, auch wenn alle unterschiedliche Voraussetzungen haben. Studierte und Nicht-Studierte. Geflüchtete und Einheimische. Westdeutsch und Ostdeutsche. Manche werden abwinken und das traumtänzerisch finden. Für mich ist es ein Traum, den ich in meinem Alltag versuche umzusetzen. Mit den Kollegen und Kindern in der Schule. Mit Nachbarn, beim Einkaufen…

Weil Ali und Felix mit ihrem Projekt genau das beabsichtigen, finde ich bemerkenswert, dass ihnen das in Stuttgart unter der Paulinenbrücke gelungen ist. Einem Ort, an dem ich das kaum für möglich gehalten hätte.

 

Quelle:

Südwestpresse vom Dienstag, dem 13. August 2019 auf der Seite: Stuttgart und Umgebung

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25SEP2019
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Die Frau ist neugierig und lernt gerne. Auch mit 87 Jahren noch. Sie sieht schlecht, hört schlecht, läuft am besten mit einem Rollator, ist immer wieder krank. Aber sobald es ihr gesundheitlicher Zustand erlaubt, ist sie ganz wach. Dann nimmt sie aufmerksam wahr, was um sie herum geschieht. Interessiert sich nach wie vor für gesellschaftliche und politische Entwicklungen im Land. Liest die Zeitung. Einige Jahre hat sie ihre Töchter und Enkelkinder dabei beobachtet, was sie mit ihrem Smartphone machen. Am meisten hat sie fasziniert, dass man damit Fotos und Nachrichten verschicken kann und die gleich dort ankommen, wo sie hin sollen. Irgendwann hat sie vorsichtig gefragt, ob sie das auch noch lernen könnte. Die alte Dame ist meine Mutter. Wir Kinder haben ihr zum 86. Geburtstag ein Smartphone für Senioren geschenkt. Sie hat sich gefreut wie ein Kind! Begeistert hat sie jeden Tag gelernt und geübt. Und jetzt ist sie glücklich über die Nachrichten von ihren Enkelkindern. Auch die kleinen Videos von ihrem Urenkel kann sie anschauen. Inzwischen fotografiert sie selbst mit ihrem Handy und verschickt ihre Fotos. Ihre Nachrichten sind korrekt in der Rechtschreibung und gespickt mit den passenden Emojis. Ihr selbst ist gar nicht bewusst, wie klasse das ist. So selbstverständlich findet sie ihre Neugierde und ihre Lust, etwas zu lernen, obwohl sie alt ist. 

Ihre Freude, auch als alte Frau immer noch zu lernen, ist für mich ein Geschenk und ein wertvolles Vermächtnis. Und sie ist das beste Beispiel dafür, dass Menschen lebendige Wesen sind. Solange wir leben, können wir lernen und uns verändern. Denn unser Körper besteht aus unvorstellbar vielen Zellen, die sich ständig erneuern. Ein Freund von mir hat mit 63 Jahren noch angefangen, Klavier zu spielen. Er hat sich damit einen Traum erfüllt. Eine Bekannte hat angefangen Kunstgeschichte zu studieren, nachdem sie ihm Ruhestand war. Weil sie das immer schon interessiert hat.

Ich weiß, dass das nicht für alles und jeden gilt. Es gibt genügend Gründe, warum Menschen nicht mehr dazu lernen können oder wollen. Manche haben in der Schule schlechte Erfahrungen gemacht. Andere sind so belastet, dass sie alles Neue überfordert. Aber weil ich selbst gerne lerne, gefällt mir die Aussicht, dass ich das hoffentlich noch sehr lange kann

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