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SWR3 Gedanken

23JAN2021
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Ein Kollege von mir joggt morgens immer ins Büro. Noch ziemlich verschwitzt hält er mir einen gelben Zettel unter die Nase, darauf steht eine Frage: „Tut es gut, was du machst?“ Auf dem Weg zur Dusche ruft er mir noch zu: „Das hat an einem Laternenmast geklebt.“ Ein bisschen verwirrt lässt er mich zurück – und auch nachdenklich, denn die Frage wirkt nach: „Tut es gut, was du machst?“

Sagen wir´s mal so: Ich hoffe, dass es einigen gut tut oder dass es manche vielleicht zum Nachdenken anregt, wenn sie mich morgens im Radio hören. Aber ich mach ja noch andere Sachen, und ob die immer allen gut tun?

Als mein Kollege frisch geduscht am Schreibtisch sitzt, recherchieren wir ein bisschen. Denn ganz klein steht am unteren Rand des Zettels „die Erinnerungsguerilla“. Das sind Leute, die überall kleine gelbe Zettel mit Fragen hinkleben. Sie können rückstandsfrei entfernt werden, was mein Kollege ja schon ausprobiert hat. Und auch woanders wieder hingeklebt werden. Das habe ich gleich ausprobiert, und die Frage prangt jetzt an meiner Pinnwand.

Die „Erinnerungsguerilla“ schreibt, sie glaubt an die Kraft der Fragen. Stimmt, bei mir hat es auf jeden Fall gewirkt. Und deshalb kleben sie ganz unterschiedliche Fragen an Fahrradlenker, Bushaltestellen, Mülleimer, oder Fensterläden. Und dann kann es sein, dass mich beim Joggen oder beim Brot holen oder beim Busfahren oder beim Rauchen ganz unvermittelt eine Frage trifft. Zum Beispiel die hier: „Was bleibt wenn du gehst?“

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22JAN2021
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Fährt man von Titisee nach Freiburg, dann kommt man unweigerlich durchs Höllental. Und sobald man unten ist, und die enge Schlucht sich weitet, steht da der Bahnhof und das Gasthaus „Himmelreich“.

Ich kann mir gut vorstellen, wie die Namen entstanden sind. Früher, als es noch keine Tunnels und keine dreispurig ausgebaute Straße gab, da waren Händler und Reisende sicher gottfroh, wenn sie die gefährliche Schlucht hinter sich hatten. Und wenn dann noch ein Krug Bier und ein deftiges Vesper vor ihnen stand – dann war das sicher wie im Paradies.

Als ich die Strecke vor Kurzem gefahren bin, da habe ich am Gasthaus ein großes Schild gelesen: „Himmelreich to Go“. Klar, die Gastronomie muss derzeit hart ums Überleben kämpfen und lässt sich einiges einfallen, Speisen zum Mitnehmen zum Beispiel.

Zu „Himmelreich to Go“ ist mir noch etwas eingefallen. Jesus hat oft vom „Himmelreich“ gesprochen. Er hat damit zweierlei gemeint. Erstens das ewige Leben bei Gott. Auch dort soll es paradiesisch zugehen. Die Propheten haben es immer wieder mit einem Festmahl verglichen, bei dem es an nichts fehlen wird. Vielleicht ein bisschen so wie im Gasthaus Himmelreich.

Und zweitens hat Jesus gemeint, dass das Himmelreich immer schon ein bisschen auf der Erde aufblitzen kann. Wenn mir etwas unerwartet in den Schoß fällt - eine Lösung, Hilfe von irgendwo, ein Geldsegen, ein Glücksmoment. Und je mehr wir dafür tun, desto heller kann es hier aufscheinen: wenn wir uns unterstützen, uns akzeptieren wie wir sind, wenn wir gerecht und ehrlich sind. Dann ist das ein bisschen wie im Himmelreich. Oder „Himmelreich to Go“.

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21JAN2021
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Heute ist Weltknuddeltag. Bisher habe ich damit immer Szenen verbunden, wo jemand in einer Fußgängerzone ein Schild hochhält, auf dem „Free Hugs“ – also kostenlose Umarmung draufsteht. Und dann wird umarmt, gelacht, und manchmal ist es auch ein bisschen peinlich.

Der diesjährige Weltknuddeltag dürfte ziemlich ins Wasser fallen. Denn wer lässt sich heute noch umarmen, wo sogar das Händeschütteln schon problematisch ist? Für manche ist das nicht weiter schlimm, andere leiden ganz schön darunter. Denn sich zu berühren und körperliche Nähe ist für viele ein Grundbedürfnis, das es momentan einfach sehr schwer hat.

Schlimm finde ich, dass sich die Meinungen so verhärten. Die einen gehen mit den Beschränkungen zu locker um und gefährden dadurch sich und andere. Die anderen machen einen auf Corona-Blockwart und nerven diejenigen, die versuchen, normal mit der Krise umzugehen. Die einen gelten als die Entspannten, die anderen als die Vernünftigen. Jeder möchte Recht haben, und ein Dazwischen, eine ausgleichende Position, die gibt es gar nicht mehr.

Durch die Gesellschaft geht inzwischen nicht nur ein Sicherheitsabstand, sondern ein richtig großer Riss. Und der geht sogar quer durch Freundschaften und Familien, die sich zerstreiten.

Vielleicht würde da eine virtuelle Umarmung helfen. Dass sich also nicht die Körper umarmen, sondern die Positionen. Dass ich gelten lasse, was der andere denkt, dass ich Bedürfnisse ernst nehme, niemanden vereinnahme, dass ich nicht den Finger erhebe, sondern auf mich selbst schaue. Eine virtuelle Umarmung - vielleicht genau das Richtige am heutigen Weltknuddeltag.

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20JAN2021
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„Kann man Gottes Liebe spüren?“ Das hat mich Ronja über facebook gefragt. Das ist schon in einem echten Gespräch nicht einfach, aber ich hab´s einfach mal versucht. Ein bisschen umständlich habe ich angefangen, dass man Gottes Liebe am besten durch andere Menschen spüren kann. Wenn mir jemand genau die richtigen Worte zur richtigen Zeit sagt. Wenn mich jemand aufbaut oder mir aus einer Misere hilft: Starterkabel, Müsliriegel, Kleingeld. Ronja antwortet: „Ja, aber ist das denn Gottes Liebe?“

Ich hab nochmal nachgedacht und geschrieben: „Hast Recht, Gottes Liebe kann ich auch direkter spüren. Das sind seltene Momente, wo ich mit Glück erfüllt bin: Wenn´s draußen schneit, wenn meine Katze auf meinem Bauch liegt und schnurrt, in einer Kirchenbank, wenn im Gegenlicht Weihrauch aufsteigt, wenn mich so ein tiefes Gefühl trifft, dass ich geborgen bin.“

Dann Ronja wieder: „OK, das sind aber interpretierte Eindrücke von dir. Eine schnurrende Katze muss nicht gleich die Liebe Gottes verkörpern.“ Da hat sie natürlich Recht. Aber dann ist mir zum Glück etwas eingefallen, womit sie vielleicht zufrieden sein könnte. Ich habe geschrieben: „Es ist eigentlich wie bei der Liebe unter Menschen auch. Ein Blick, eine Berührung, ein lieber Satz – alles auch Interpretationssache. 100% sicher sein kann ich nie. Aber ich werd verrückt, wenn ich die Liebe jede Minute anzweifle. Letztlich ist es mit der Liebe Gottes nicht anders als mit der Liebe unter Menschen: Ich kann sie spüren, ihr vertrauen, darauf bauen. Aber in dem Moment, wo einer Beweise verlangt, da geht was kaputt.“

Ronja hat nicht mehr geantwortet. Vielleicht war sie zufrieden, aber wahrscheinlich ist sie einfach weiterhin auf der Suche – so wie ich auch.

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19JAN2021
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Allein sein mit sich – das kann ganz schön hart sein. Ich meine jetzt richtig allein, also auch ohne Handy und Bücher. Ich probiere das ab und zu mal aus für ein paar Tage im Kloster. Am Anfang weiß ich gar nichts mit mir anzufangen. Ich versuche mich zu zerstreuen, indem ich mich im Klosterladen umschaue oder spazieren gehe. Aber wenn ich mich nach ein, zwei Tagen auf die Leere einlasse, dann merke ich, wie ich mit mir selbst in Kontakt komme. Mit meiner Vergangenheit und damit, wie es weitergehen soll. Das kann sehr anstrengend sein.

Ein Meister des Alleinseins war der Heilige Antonius aus Ägypten. Um das Jahr 270 herum ist er gerade mal volljährig und steckt in einer tiefen Krise. Er beschließt auszusteigen und zieht sich in die Wüste zurück. Dort verbringt er viele Jahre in einer Felsenhöhle.

Wie hart das gewesen sein muss, zeigen alte Bilder: Antonius umringt von fiesen Dämonen, die an ihm zerren und ihn bedrängen. Sie stehen für Ängste und innere Kämpfe in der Einsamkeit. Aber irgendwann ist Antonius an einem Punkt, da kann ihm nichts mehr was anhaben. Ein Freund von ihm hat ihn so beschrieben: „Weder war er aus Gram missmutig geworden, noch vor Freude ausgelassen. Er war vielmehr ganz Ebenmaß und natürlich in seinem Verhalten.“

Bald schon spricht sich das herum, und viele Menschen suchen Rat bei Antonius. Es heißt, er sei extrem weise gewesen, sparsam mit Worten, milde im Beurteilen und gelassen ohne Ende.

So wär ich auch gerne. In mir selbst ruhen, im Reinen mit meiner Umwelt und mir. Ich möchte zwar nicht in die Wüste ziehen, aber ab und zu eine kleine Auszeit, so ganz allein nur mit mir selbst - das ist doch schon ein guter Anfang.

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18JAN2021
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Versteckspielen mit Papa gehört für meine Kinder zu den Highlights. Manchmal brauchen sie ganz schön lange, bis sie mich haben. Und auch heute ist es wieder so. Ich stehe strumpfsockig auf dem Fensterbrett in der Küche und bemühe mich, in eine Falte des Vorhangs zu passen. Da ruft es: „18, 19, 20 - ich komme“, und ich richte mich auf eine unbequeme Wartezeit ein.

Was ich schon alles gesucht habe! Zeugnis oder Generalschlüssel zum Beispiel. Wenn die weg sind, dann geht mir ganz schön die Muffe. Unbeschreiblich ist der Moment, wenn ich Dinge wiederfinde. Unsere Katze war mal 5 Tage verschwunden. Und dann nachts um elf höre ich die Katzenklappe und sie steht vor mir. Erleichterung pur, überströmendes Glück.

Gesucht wird aber noch mehr. Der richtige Beruf zum Beispiel. Oder die Liebe des Lebens, eine Heimat, die richtige Therapie oder den Sinn, warum ich überhaupt hier bin.

Gerade durchstreifen die Kinder die Küche. Ich halte die Luft an und mach mich noch ein bisschen dünner. Puh, nochmal gut gegangen. Ich kenne Kinder, die sind totunglücklich, wenn sie nicht gefunden werden. Und vielleicht ist das auch eine Sehnsucht von uns Menschen im Leben: dass wir gefunden werden: von jemandem, der mich so nimmt, wie ich bin oder letztlich auch von Gott.

Ich glaube an einen Gott, der mich gerne findet. Und ich glaube, es ist sinnlos, dass ich mich vor ihm verstecke. Aber zum Suchen und Finden gehören immer mindestens zwei. Einer der sucht, und jemand der sich finden lässt.

„Papa, hab dich!“ Mist, so war das jetzt nicht gemeint.

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17JAN2021
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Schlafen und tot sein ist ein bisschen ähnlich. Mit dem Sterben tun sich viele schwer. Und ich weiß, dass das auch für´s Schlafen gilt.

Für mich hat Schlafen etwas Göttliches. Wenn ich mich nach einem langen Tag ins Bett fallen lasse, mich in Kissen und Decke kuschle, wenn ich merke, wie sich meine Muskeln entspannen, wie ich loslassen kann – geistig und körperlich, dann ist das für mich wie ein kleiner Blick ins Paradies – so schön.

Es heißt ja, der Tod sei des „Schlafes Bruder“. Liegt ja auch nahe, denn wenn man schläft, ist man auch ein bisschen wie tot. Vielleicht ist es auch andersrum: Wenn man tot ist, ist es ein bisschen wie schlafengehen. Dann bekommt der Tod sogar etwas Tröstliches. Endlich kann ich alles sein lassen. Mein Körper, der sein Leben lang viel geleistet hat, darf endlich ausruhen. Aber auch so vieles, das mich im Geist beschäftigt und umtreibt darf Frieden finden.

Das A und O ist das „loslassen“. Das fällt mir hier im Leben unheimlich schwer. Im Tod ist es sozusagen verordnet, da muss ich es irgendwann können. Ich lasse alles Irdische hinter mir. Schwer macht es, dass ich es nicht selbst in der Hand habe, aber das macht es gleichzeitig auch leichter.

Wenn ich sterbe, dann lege ich Geist und Körper vertrauensvoll in Gottes Hände. Die stelle ich mir vor wie eine große und bequeme Matratze, die mich aufnimmt. Ich entspanne und freue mich auf viel Ruhe. Und beim Aufwachen vielleicht auf noch viel, viel mehr.

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