Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

18APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Endlich gibt es sie wieder, die bunten Felder mit dem Schild: „Blumen zum Selbstschneiden“ Nebendran die einbetonierte Kasse, da soll man dann den Preis für die Blumen einwerfen, die man gepflückt hat. Dazu der Satz: „Nur gekaufte Blumen schenken Freude!“ Jedes Mal, wenn ich an so einem Selbstbedienungsfeld vorbeikomme, bin ich ein bisschen erleichtert. So ein Feld scheint sich immer noch zu rechnen, weil genug Leute ihre selbstgepflückten Blumen auch bezahlen – ganz ohne Auslasskontrolle oder Video-Überwachung. Ich finde das gut, dass ich von der Landwirtin oder dem Landwirt einen Vertrauensvorschuss bekomme. So komme ich immer an frische Blumen.

Ich mag solche Orte, an denen ich so einen Vertrauensvorschuss erhalte. Ein Mitbring-Buffet ist auch so etwas. Alle Leute bringen zum Buffet mit, was sie besonders gut können oder gerne machen, und so entsteht eine riesen Auswahl. Wenn viele was beisteuern, dann reicht es für alle, auch wenn jemand nicht dazu kommt, etwas vorzubereiten.

Natürlich besteht immer die Gefahr, dass mein Vertrauen auch missbraucht wird. Es heißt „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, aber wenn alles nur noch mit Kontrolle funktioniert, dann geht viel an Vertrauen verloren. Ich merke, wenn ich jemandem richtig vertrauen kann, egal ob ich die Person gut kenne oder nicht, dann tut das verdammt gut. Das fühlt sich viel besser an als Videoüberwachung und Sicherheits-Checks. Und weil ich ein echter Vertrauens-Fan bin, versuche ich, wo es geht, dem Vertrauen ein bisschen unter die Arme zu greifen. Blumenfelder zum Selbstschneiden oder ein Mitbring-Buffet, ich finde das sind klasse Beispiele dafür: Kontrolle ist gut, jemandem vertrauen können, besser.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30649
17APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eine verkehrte Welt: Wer hätte vor drei Wochen gedacht, dass die Krankenpflegerin, der Mann an der Supermarkt-Kasse, oder die Frau bei der Müllabfuhr „systemrelevant“ sind – also unersetzlich? Spätestens heute ist klar: Wenn die zuhause bleiben würden, dann wäre das Chaos perfekt. Systemrelevant heißt: Etwas oder jemand ist so wichtig, dass man nicht darauf verzichten kann, ohne dass alles zusammenbricht. Mein Eindruck war, dass das bisher nur für große Banken gegolten hat. Einige davon wurden in der Banken-Krise als „too big to fail“ eingestuft, das heißt, man hat mit allen Mitteln versucht, sie zu retten. So ähnlich war es in den vergangenen Wochen mit den Leuten im Krankenhaus oder in den Supermärkten.

Ich glaube, für Gott sind alle Menschen systemrelevant. Ich glaube daran, dass jeder einzelne Mensch wichtig ist, egal, ob er ein Krankenhaus leitet oder ob er auf der Straße sitzt. Wenn ich die Geschichten von Jesus in der Bibel ernst nehme, dann gehe ich sogar noch ein Schritt weiter und sage: Grade die, die in unserer Wirtschaft durchs Netz fallen, liegen Gott besonders am Herzen. Die, die krank sind oder die Leute, die gar nicht daheimbleiben können, weil sie kein Zuhause haben oder von dort fliehen mussten. Sie sind für Gott „too big to fail“, also zu wichtig um sie scheitern zu lassen.

Das hört sich alles andere als unparteiisch an; und das kann mich manchmal auch ganz schön verunsichern, gerade wenn es mir gut geht. Aber das Gefühl zu kurz zu kommen habe ich trotzdem nicht. Mein Glaube hilft mir eher dabei, dass ich mich solidarisch zeigen kann mit anderen Menschen. Und gerade in Zeiten wie jetzt ist das ganz besonders wichtig.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30648
16APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mein Schwager Miguel hat eine interessante Angewohnheit. Wenn ich ihn beim Essen frage, ob er mir den Salat mal reichen könnte, dann nimmt er die Schüssel nicht einfach nur in eine Hand, sondern in beide Hände und gibt sie mir rüber. Er sagt, das ist ein Zeichen für Respekt und Wertschätzung – mir und dem Lebensmittel gegenüber. Das funktioniert natürlich nicht überall, aber besonders beim Essen oder wenn er beispielweise ein Geschenk überreicht, dann ist ihm das wichtig.

Ich finde das eine schöne Angewohnheit. Wenn ich etwas mit beiden Händen festhalte, dann ist mir ganz besonders wichtig, dass es nicht runterfällt oder kaputtgeht. Das zeigt, dass es mir etwas wert ist. Den Salat hat jemand gepflanzt, gehegt, geerntet und zubereitet. Wäre schade drum, wenn der jetzt auf dem Boden landet.

Und noch etwas: Wenn Miguel mir die Schüssel mit beiden Händen reicht, dann dreht er sich automatisch zu mir hin. Mal zwischendrin schnell etwas weiterreichen und dabei weiteressen geht so nicht. Er schenkt mir ein klein bisschen mehr Aufmerksamkeit, wenn er das mit beiden Händen macht. Ein einfaches und schönes Zeichen.

Mein Schwager Miguel ist in Ghana aufgewachsen, und er sagt, bei ihm in der Familie hat er das so gelernt und viele machen das so. Seitdem ich das weiß, versuche ich ihm die Salatschüssel, wenn es geht auch mit beiden Händen zu geben. Dann zwinkere ich ihm zu, er zwinkert zurück, wir lachen beide und irgendwie ist jedes Mal klar, was wir beide denken: Schön, dass wir hier zusammen am Tisch sitzen. Der Salat ist wertvoll und du auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30647
15APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Noch bevor alle Veranstaltungen wegen Corona abgesagt wurden, war ich auf einem Tanzabend in Tübingen. Heute nicht so richtig vorstellbar, aber vielleicht erinnere ich mich deshalb so gerne daran. Circa hundert Leute tanzen einen Abend lang Volkstänze aus ganz Europa – in Gruppen, zu zweit, im Kreis, mal gemütlich im Walzer, mal im Schweinsgalopp durch den ganzen Saal. Und eine junge Frau mit dabei, die mit geschlossenen Augen jeden Tanz mittanzt. Irgendwann habe ich gemerkt, sie ist blind. Und da war ich total beeindruckt.

Blind tanzen – beim Walzer zu zweit, kann ich mir das noch gut vorstellen. Aber sie macht auch bei Gruppentänzen mit, wild durch den ganzen Saal und ich habe gefühlt alle drei Sekunden einen neuen Partner. Die Frau hat offensichtlich Vertrauen in die Menschen um sich herum und in sich selbst.

Die junge Frau an dem Abend hat mir Mut gemacht, mich auch öfters in Dinge hineinzustürzen, die im ersten Moment auf mich unheimlich kompliziert wirken. Ein Konflikt im Freundeskreis zum Beispiel, der schon länger anhält. Sieht unheimlich kompliziert aus, das Problem könnte aber vielleicht mit einem guten Gespräch geklärt werden. Das hat viel mit Selbstvertrauen zu tun. Und ich kann darauf vertrauen, dass wir es gut miteinander meinen im Freundeskreis, da geht es mir ähnlich wie der jungen Frau beim Tanzabend.

Mir hilft dabei auch mein Glaube an Gott. Glauben ist wie Vertrauen in etwas haben, dass es gut werden kann. Ich vertraue auch darauf, dass dieser Ausnahmezustand, wie wir ihn gerade haben, irgendwann wieder zu Ende ist und dass wir es da gut raus schaffen. Wir sind nicht dafür geschaffen uns abzuschotten und überall Sicherheitsabstände einzuhalten. Ich glaube eher, wir sind dazu gemacht, dass wir Vertrauen zueinander finden. Wir sind zum Tanzen gemacht. Und ich kann es kaum erwarten, wenn es damit wieder losgeht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30646
14APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor einiger Zeit ist mir ein Wortmonster begegnet: Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz Das bedeutet Folgendes: Wir Menschen können die allermeisten Dinge nicht. Wir können zum Beispiel nicht unendlich lange leben, oder wir können nicht sagen, wie das Wetter in zwei Wochen wird. Aber eine Sache können wir Menschen ziemlich gut: Wir können damit klarkommen, dass wir das Allermeiste nicht können. Das heißt, wir tun etwas Anderes stattdessen, wir können das kompensieren. Konkret heißt das: Ich vertreibe mir die Angst vorm Sterben einfach mit irgendwas Anderem – Eis essen zum Beispiel oder Serien schauen. Oder ich nehme vorsichtshalber die lange unddie kurze Hose mit in den Urlaub, dann ist es egal, wie das Wetter in zwei Wochen wird. Das ist Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz. Ich komme ganz gut damit klar, dass ich so vieles nicht kann oder weiß.

Wir können auch nicht komplett verhindern, dass sich das Corona-Virus weiter ausbreitet und dass sich weiter Leute anstecken. Aber ich kann schauen, dass das nicht ganz so schnell passiert. Ich kann daheimbleiben und mit Freundinnen und Freunden über Telefon und Video-Chat plaudern. Ich kann in der Nachbarschaft den Leuten helfen, die nicht mehr raus können. Oder ich kann einfach mal wieder Leuten schreiben, von denen ich schon lange nichts mehr gehört habe. Das ändert alles nichts daran, dass das Virus noch da ist. Aber ich kann kompensieren.

Klar, ich kann auch ohne Ende Klopapier und Nudeln kaufen, aber ich habe mir vorgenommen sinnvoll zu kompensieren. Mit etwas, was mir Hoffnung macht, was mich positiv denken lässt oder was mich zum Lachen bringt. Wenn ich das dann noch mit anderen teile, dann würde ich sagen, ist das ein ziemlich ausgefeiltes Krisen-Management.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30645
13APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Während des Studiums habe ich in einem Freiburger Stadtteil gelebt, über den hatte ich vorher nur miese Geschichten gehört. Nicht wirklich schön, nicht gerade sauber, sozialer Brennpunkt – kurz: Ein Problemviertel. Dann bin ich dort hingezogen und habe wunderbare Menschen kennengelernt. Mir ist der Stadtteil in der Zeit richtig ans Herz gewachsen. Wenn jetzt jemand von dem Viertel abschätzig redet, will ich direkt etwas dagegensetzen und sagen, wie wohl ich mich dort gefühlt habe, und dass ich viele gute Geschichten von dort kenne.

Chimamanda Adichie ist Schriftstellerin und sie sagt: „Es ist gefährlich, wenn man über etwas nur eineGeschichte erzählt.Und wenn wir uns klar machen, dass es niemals nur eine einzige Geschichte gibt, über keinen Ort, über keinen Menschen, dann erobern wir ein Stück vom Paradies zurück.“[1]Ich glaube damit hat sie recht. Geschichten wie die vom Freiburger „Problemviertel“ machen mich manchmal richtig blind. Ich sehe dann nur noch diese eine Geschichte. Und je öfter ich sie höre, desto mehr bin ich selbst davon überzeugt: Soist das und nicht anders!

Genauso geht es mir leider auch manchmal mit Menschen. Ich höre eine schlechte Geschichte über jemanden und schon ist das so präsent, dass es alles andere an diesem Menschen überdeckt. Mir fällt es dann schwer, unvoreingenommen in ein Gespräch zu gehen. Wenn ich aber mit der Person rede, wird mir oft klar, da gibt es auch ganz andere Geschichten, die werden nur selten erzählt.

Ich möchte mir gerne ein Stück vom Paradies zurückzuerobern: Ich werde in Zukunft versuchen, immer mindestens zwei Geschichten zu hören, bevor ich mir überhaupt ein Urteil über jemanden erlaube.

 

[1]Vgl. The danger of a single story (Chimamanda Ngozi Adichie | TEDGlobal 2009) https://www.ted.com/talks/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story?utm_source=tedcomshare&utm_medium=email&utm_campaign=tedspread

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30644
12APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Heute an Ostern übe ich den Aufstand – gedanklich zumindest. Ich finde das tatsächlich rebellisch, was wir Christinnen und Christen da feiern. Sieht auf den ersten Blick in eine Kirche vielleicht gar nicht so aus, die Leute so brav in der Kirchenbank – oder zurzeit vor dem Gottesdienst-Live-Stream. Ich glaube aber, der eigentliche Sinn von Ostern ist das genaue Gegenteil von brav dasitzen.

In der Geschichte von Ostern geht es im Grunde um einen Aufstand. Jesus wurde ans Kreuz genagelt und ist gestorben. Und für die, die mit Jesus unterwegs waren, ist in dem Moment klar: Aus die Maus. Jesus liegt tot im Grab.

Drei Tage später sieht die Sache ganz anders aus. Die ersten, die das leere Grab sehen, sind überzeugt: Jesus lebt. Und weil der Tod bekanntlich ein ziemlich unschlagbarer Endgegner ist, gibt es eigentlich nur einen, der hinter diesem Aufstand gesteckt haben kann: Gott höchstpersönlich. Gott wollte die ganze Sache anscheinend so nicht stehen lassen. Ein Aufstand gegen den Tod also – von Gott angezettelt.

Mir macht die Auferstehungs-Geschichte Mut selbst aufzustehen und rebellisch zu sein. Gegen alle Sachen, die mich oder andere Menschen klein machen wollen. Gegen rechte Parolen zum Beispiel auf der Straße oder im Netz. Wenn ich das sehe oder höre, fühle ich mich zuerst wie gelähmt. Dann muss ich oft erst einmal Mut zusammensuchen. Aber dann kann ich aufstehen, mich zu Wort melden und dagegenhalten. Mit Argumenten, mit Leidenschaft und mit der Gewissheit, dass ich nicht alleine bin. Mich nicht klein kriegen lassen von Angstmache und Hetze – immer wenn mir das gelingt, dann ist das wie eine Art Auferstehung für mich.

Ostern heißt für mich, dass ich mich daran erinnere, dass Gott vor 2000 Jahren aufständisch war. Das stiftet mich jetzt noch dazu an, mir das Wort nicht verbieten zu lassen und auch aufzustehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30643