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SWR3 Gedanken

08FEB2020
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Ich erinnere mich noch genau: Es war auf der Ersti-Party an der Uni Trier, alle die neu mit dem Studium anfingen, waren zur Kneipentour und dann auf eine Erstsemester-Party eingeladen. Während die Bässe wummerten, fragte mich einer aus unserer Gruppe: Was studierst du denn?  Ich darauf: Katholische Theologie. Den darauf folgenden Blick vergess´ ich nicht mehr: Ich glaube einen arroganteren Augenaufschlag hab ich noch nie gesehen. Und dazu sagte der Typ: „Du hast aber schon mal was von der Evolutionstheorie gehört, oder?“

„Wie panne war das denn“, denk ich mir bis heute. Denn Gott sei Dank erleb ich die Gespräche seit dem immer wieder als total spannend, wenn ich erwähne, was ich studiert hab. Theologie. Die Lehre von Gott. Und ich glaube sowohl meine Gesprächspartner als auch ich kennen die Evolutionstheorie und halten sie dazu auch noch für sehr wahrscheinlich.

Wo ist auch das Problem? Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Buch – es geht, nehmen wir mal die Schöpfung – eben nicht darum, ob Gott nun an Tag 4 die Sterne und an Tag 5 die Tiere geschaffen hat. Sondern die Schöpfungserzählungen geben Antwort auf die Frage: Warum existiert überhaupt etwas?

Ich kann gleichzeitig an Gott, meinen Schöpfer glauben ohne die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wie die Evolutionstheorie deshalb abzulehnen. Beides hat seine Berechtigung, weil die Fragen andere sind. Einmal geht’s ums WIE. Damit beschäftigt sich die Evolutionstheorie. Und dann geht’s ums WARUM. Das fragt der glaubende Mensch. Und das fragt auch Harald Lesch, Professor für Theoretische Astrophysik, der in seinem Buch „Was hat das Universum mit mir zu tun?“ schreibt: „Die Werkzeuge für die Bewältigung der Probleme des Lebens liefert die Wissenschaft, für Orientierung aber sorgen Literatur, Musik, Kunst, Philosophie und Religion. Einen Außerirdischen würde ich nie danach fragen, welche Naturgesetze auf seinem Planeten gelten. Es sind dieselben wie bei uns. […] Aber ich würde gern von ihm wissen, welche Musik er hört, welche Bilder auf seinem Planeten gemalt werden, […] und an was er glaubt.“

Quelle: Harald Lesch: Was hat das Universum mit mir zu tun? Nachrichten vom Rande der erkennbaren Welt, C.Bertelsmann, München 2019, S. 201.

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07FEB2020
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Deborah kommt aus dem südamerikanischen Guayana. Ihre Vorfahren sind Afrikaner, die versklavt wurden. Deborah studierte Medizin in Deutschland und arbeitet schon lange als Ärztin hier. Einmal wird sie von Patienten, die sie zuvor behandelt hat, bespuckt. Dabei hört sie das hässliche Wort mit N am Anfang, das benutzt wird, um schwarze Menschen zu diskriminieren. Deshalb ging sie Mitte Januar in Köln demonstrieren. Ein großes Banner wurde vorneweggetragen: „N-Wort stoppen!“

Denn kurz vor Weihnachten 2019 hatte das Landesverfassungsgericht von Mecklenburg-Vorpommern geurteilt, dass das N-Wort, dass ein gewählter Politiker im Parlament mehrfach benutzt hatte, die „Würde oder die Ordnung des Hauses“, also des Landtages, nicht verletze.[1]Das sehe ich anders. Das N-Wort verletzt definitiv, und zwar Menschen. Menschen wie Deborah oder Mariyam.

Mariyam ist Schülerin. Zu ihr wird das N-Wort in letzter Zeit immer öfter gesagt. Sie erzählt mir: „Es macht mich fertig. Es ist das Wort, das so viele meiner Vorfahren als letztes gehört haben, bevor sie auf Baumwollplantagen umgebracht wurden.“ Von weißen Farmbesitzern. Es ist das Wort, dass auch in deutschen Kolonien wie Namibia Menschen diskriminierte. Darum ist es kein Wort, es ist ein Unwort.

Wenn Deborah oder Mariyam so genannt werden, dann sind sie erst einmal sprachlos. Dann können sie es nicht fassen, dass ein solches Unwort wieder salonfähig wird. Deshalb braucht es dann alle, die drumherum stehen und das mitbekommen. Sie müssen den Mund aufmachen. „Jeder, der nichts gegen Rassismus tut, ist Teil des Problems“, sagt Mariyam.

Ähnlich hat das schon Martin Luther King formuliert: „Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde“[2]. Und wie Martin Luther King glaube ich, dass jeder Mensch „ein Kind Gottes und nach seinem Bild geschaffen ist."[3]- völlig unabhängig von gesellschaftlichem Rang, Religion, von Hautfarbe oder Herkunft.

 

[1]Vgl. https://taz.de/Die-alte-Debatte-um-das-N-Wort/!5647620/

[2]https://www.facebook.com/SWR1BW/photos/trauriger-jahrestag-am-4-april-1968-wurde-martin-luther-king-bei-einem-attentat-/1737064793017840/

[3]https://www.evangelisch.de/taxonomy/term/18521

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06FEB2020
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Mir sitzt Michael Patrick Kelly gegenüber. Für ein Interview. Ich hab nur zehn Minuten, aber einem Musiker, der in seinen Songs so wunderbar von Menschen erzählt, den will ich etwas fragen, worüber man wahrscheinlich auch zehn Tage sprechen könnte. Deshalb: „Michael Patrick, was ist der Mensch?“ Der Musiker nimmt tief Luft: „Puh - das ist ja die große philosophische Frage! […] Für mich ist ein Mensch ein Mysterium! […] Wenn ich jetzt ein Kunstbild mir anschaue, oder einen Song höre, dann frage ich mich ja: Wer ist der Künstler? Wer hat das erfunden? Weil erst dann kann ich es richtig verstehen, was damit gemeint war.“

Wow, jeder Mensch – ein Kunstwerk. Gefällt mir. Und ich finde: Was er sagt stimmt. Van Goghs Sonnenblumen etwa leuchten in noch kräftigerem gelb, wenn ich erfahre, dass er sie in Vorfreude auf den Besuch von Gauguin gemalt hat. Oder: Was Aretha Franklin in dem Song „Respect“ fordert, verstehe ich besser, wenn ich weiß, dass sie als afroamerikanische Frau der Bürgerrechtsbewegung in den USA ihre Stimme lieh.

Und auch Michael Patrick Kellys musikalische Werke kann ich besser verstehen, wenn ich bedenke, dass der Popstar sechs Jahre in einem Kloster in Frankreich gelebt hat. Seine Antwort auf meine Frage „Was ist der Mensch?“ hat mich deshalb total begeistert. Michael Patrick Kelly faltet seinen Gedanken weiter aus:

„Und so sehe ich das auch mit uns Menschen. Ich glaube nur wenn wir uns auf die Möglichkeit einlassen, dass es eine Ursache gibt, die wir Gott nennen, können wir uns wirklich selber verstehen. […] Ich habe meine Identität natürlich als Mensch, Mann, Musiker – da gibt es ja verschiedene Aspekte meiner Identität, aber die tiefste Antwort darauf habe ich im Glauben gefunden. In der Begegnung mit meinem Erfinder oder Künstler oder nennen wir ihn Gott, da hab ich mich selbst zutiefst verstanden. Und das tut gut!“

Ein starkes Statement, finde ich: ich kann in allen Menschen, denen ich heute begegne und in mir selbst mehr erfahren über den, der alles ins Leben rief. Über den großen Künstler Gott. Und in mir und den anderen seine Kunstwerke sehen.

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05FEB2020
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Der Kinositz katapultiert mich in eine für mich außergewöhnliche Welt: Im Film „Alles außer gewöhnlich“ hält der Titel, was er verspricht: Die Menschen, die hier die Hauptrollen spielen, sind Autisten wie Valentin, die durch eine sensible Kameraführung in ihrer eigenen Welt porträtiert werden. Betreut werden sie von Pflegeschülern wie Dylon aus den Banlieus von Paris. Die leben nicht nur in den Randzonen der französischen Hauptstadt, sondern auch am Rand der Gesellschaft. Deswegen passt auf die Jugendlichen wie auf die Pfleger das Filmzitat einer Mutter eines autistischen Jungen, das mir bis heute nachgeht. Sie sagt:

„Für mich gibt es die, die einen nicht mehr ansehen. Die einem nicht mehr zuhören. Und dann die anderen. Und glauben sie mir: das sind nicht viele.“

Das Zitat schreckt mich auf: Wo stehe ich? Schau ich hin? Höre ich zu? Ich befürchte oft „Nein“. Der Film macht mich sensibel. Und mich motiviert auch mein christlicher Glaube: Denn die Bibel ist voll von Erzählungen, in denen Jesus genau das tut: auf Blinde, Lahme oder Aussätzige zugehen. Die von allen verachtete Ehebrecherin bekommt bei Jesus eine zweite Chance. Der unbeliebte Zöllner wird von Jesus besucht. Jesus sieht sie an – und gibt ihnen so Ansehen. Sie alle sind in den Augen Gottes unendlich wertvoll.

Und es gibt diese Menschen, die danach lechzen angesehen und gehört zu werden, ja auch heute: Die Familie, die mit ihrem Kind unterwegs ist, dass das Down-Syndrom hat oder der Rentner, der im Mülleimer verschämt nach Pfandflaschen sucht.

Es sind auch die Figuren aus dem Film, der auf einer wahren Begebenheit ruht: Als der anfangs so impulsive Pflegeschüler Dylon es schafft seinen autistischen Schützling Valentin durch stetes Zusprechen dazu zu ermutigen, ein Pferd zu streicheln, spüre ich den Atem der Stute, auch auf meiner Haut. Kino hat Kraft. Und diese Bilder müssen es schaffen – von der Leinwand hinein auch in mein Leben.

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04FEB2020
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Die Big Band hat in der Kölner Philharmonie ein Feuerwerk an guter Laune entfacht. Jazz vom Feinsten abgeliefert. Ein tolles Konzert, das mir meine Kumpels geschenkt haben. Jetzt noch ein lecker Kölsch und der Abend ist perfekt. Ob´s hier wohl in der Nähe eine Kneipe gibt? Denn weit können wir nicht, Tim, einer von uns, hat seine Gehhilfen dabei. Direkt gegenüber vom Konzerthaus finden wir ein Restaurant. Aber drinnen stellen wir fest: Ganz schön voll hier. Es gibt nur noch zwei Plätze in der Mitte eines langen Tisches. Rechts und links sitzt jeweils ein Paar. Wir sind zu viert, aber alle schmal geschnitten. Wir fragen spontan einfach mal nach. Zuerst bei dem älteren Ehepaar. Sie reagieren total gelassen: „Wir rücken zusammen, hier passen wir alle dran.“ Schon entsteht auf der Bank eine Lücke. Wir fragen aus Höflichkeit aber noch bei dem Paar auf der anderen Seite nach: „Wäre es für Sie auch ok, wenn wir uns noch dazusetzen?“

„Nein! Das ist unser Tisch. Wir waren zuerst hier. Oder wollen Sie etwa, dass wir uns nachher gegenseitig auf dem Schoß sitzen?“ Die Leichtigkeit der Jazzmusik weicht einer fassungslosen Stille. Meinen die das ernst? Das Paar wird noch einmal deutlich: „Hier ist kein Platz!“

 Mich hat das noch lange beschäftigt: Ein und derselbe Tisch und zwei ganz verschiedene Antworten auf die Frage, ob der Platz für alle reicht! Vielleicht auch, weil wir an diesem Abend am eigenen Leib gespürt haben, was unterschiedliche Antworten mit den eigenen Plänen machen. Pläne finden ihren Platz – oder sie zerplatzen. Oft geht es dabei um mehr als ein kühles Kölsch.

Denn die Frage nach dem Platz begleitet uns ein Leben lang: Angefangen beim heiß begehrten Platz in der Kita bis hin zu der Frage, welchen Platz unsere Gesellschaft für ältere und kranke Menschen hat. Jeder kennt aus seinem Leben Situationen, in denen er nur existieren konnte, weil jemand seinen Platz mit ihm geteilt hat. Und oft lernt derjenige, der für andere Platz macht, seinen eigenen Platz im Leben neu kennen – lebendiger und weniger langweilig.  So wie an einem langen, geselligen Tisch.

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03FEB2020
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Jesus steht in hellen Jeans und weißem Shirt auf der Bühne. Um ihn herum seine Jünger, ebenfalls ins Jeans und Shirt, manche mit Dreitagebart. Maria Magdalena trägt ein hellblaues Sommerkleid. Frisch kommt die Inszenierung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber daher. Am Ende der Aufführung wird es jedoch mucksmäuschenstill auf der Bühne. Jesus steht mit ausgebreiteten Armen vor einem leuchtenden Kreuz. Und auf der großen Videoleinwand über der Bühne kann das Publikum einen Satz lesen: „In the end, we will be judged in the terms of love“.  Auf deutsch: „ Am Ende werden wir danach gerichtet, wie viel wir geliebt haben.“

Für mich ist das ein ganz starker Satz. Er verbindet das Gericht Gottes mit der Kraft der Liebe. Ich glaube an beides und daran, dass beides zusammengehört. Es wird am Ende meines Lebens ein Gericht geben, ich werde Gott begegnen.

Was bei diesem Gericht zählen wird, ist die Frage, ob ich in meinem Leben geliebt habe.

Wenn Gott richtet, dann sicher nicht um mich niederzumachen, um mir meine Fehler vorzuhalten, weil ihm das Spaß macht oder er das nötig hat. Ich glaube Gott will richten, weil ihm etwas an mir liegt, weil er mich aufrichten will. Das macht mir Mut es trotz all meiner Fehler immer wieder neu zu versuchen mit der Liebe  - zu Gott, meinen Mitmenschen und mir. 

Damit ist keine romantische Liebe gemeint. Liebe kann auch anstrengend sein.

Das erlebt auch heute Morgen wieder die Ehefrau, die ihren schwerkranken Mann versorgt und ihm hilft, in den Tag zu starten. Oder der Flüchtlingspate, der seinem Nachbar helfen will hier eine Arbeit zu finden. Oder der Enkel, der sich bei seinem Besuch noch einmal die Erzählung der inzwischen dementen Großmutter anhört und ihr dabei die Hand hält. Wie die Jünger Jesu im Musical ziehen diese Menschen los, oft ganz unspektakulär - in Jeans und Shirts.

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02FEB2020
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„Ihr seid das Salz der Erde.[…] Ihr seid das Licht der Welt.“( Mt 5,13-14). Von all den Bildern, die Jesus benutzt hat, gefällt mir das besonders gut. Und Jesus macht auch klar, wie das gehen kann: Salz und Licht sein. Nämlich mit einem Leben, das sich für mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit und mehr Liebe auf der Erde einsetzt. Ich glaube: unsere Gesellschaft braucht tatsächlich Salz und Licht. Also: Menschen, die Würze und Wärme ausstrahlen: Würze, weil unser Konsumverhalten endlich fairer und nachhaltiger werden muss, damit Menschen nicht mehr unter Trümmern begraben werden, weil sie in Bangladesch und anderswo unsere Kleider nähen. Oder mit Waffen Kriege bestreiten, die auch in deutschen Firmen hergestellt werden. Menschen mit Würze mischen sich ein, damit sich der Geschmack verbessert – hin zu einem guten und gerechten Miteinander.

Und unsere Gesellschaft braucht Wärme: wenn es darum geht Trauernde zu trösten, die Eltern oder Kinder verloren haben. Oder keine eigenen Kinder bekommen können. Wärme, wenn es darum geht Menschen mit Down-Syndrom zu umarmen, die immer öfter hören, dass es „so etwas“ wie sie doch eigentlich heute nicht mehr geben müsste. Wärme, wenn Menschen aus Syrien oder Eritrea vor unserer Haustür eine neue Heimat suchen, damit sie bei einem Kaffee erzählen können – von ihren Wunden, die der Krieg gerissen hat, aber auch von ihren Hoffnungen für eine bessere Zukunft.

Würze und Wärme sind keine Eigenleistung von mir. Ich bekomme sie von Gott: Wenn ich zum Beispiel in der Bibel lese, wird mein Alltag gewürzt und ich bekomme neue Impulse für mein tägliches Handeln. Und wenn ich bete, dann ist Gott für mich auch in schwierigen Zeiten ein Licht, das mich wieder neu entfacht, um in dieser Welt Salz und Licht zu werden – und so Gott selbst zu begegnen, im Gesicht meines Nächsten.

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