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SWR3 Gedanken

Rund 374 Tage unseres Leben verbringt jeder von uns mit Warten. So jedenfalls hat es eine Zeitung mal ausgerechnet. Warten auf den Zug. Warten im Stau. Warten auf den Handwerker. 374 Tage, die die meisten von uns wahrscheinlich als unproduktive, verplemperte Lebenszeit empfinden. Ich zum Beispiel ärgere mich immer, wenn ich irgendwo warten muss und dann wieder die Zeitung daheim vergessen habe. So hätte ich jetzt wenigstens noch was Sinnvolles tun können. Vertane Zeit also, überflüssig, zu nichts nütze. Schrecklich!

Und genau darum empfinde ich die Adventszeit, die jetzt beginnt, auch jedes Jahr wieder als eine kleine Herausforderung. Weil ich weiß, dass es jetzt vier Wochen lang genau darum gehen soll. Ums Warten. Und weil ich Warten nun mal hasse. Verplemperte Lebenszeit eben.

Vor Jahrzehnten als Kind, da waren die Dinge natürlich einfacher, klarer. Warten auf Weihnachten, auf die Bescherung und die Geschenke. Und das Warten wurde ja etwas erträglicher gemacht durch den Adventskalender, durch Weihnachtsbäckerei und Süßigkeiten. Doch das ist lange her und funktioniert heute einfach nicht mehr.

Darum hab ich mir was anderes vorgenommen für die nächsten Wochen des Advent. Wenn mich das Warten irgendwo mal wieder nervt will ich versuchen, es mal andersrum zu sehen. Nicht mehr als verplemperte, sondern als geschenkte Lebenszeit. Das heißt, nicht gleich nervös nach Handy oder unerledigter Arbeit zu greifen, sondern es als Zeit zum Nachdenken oder einfach nur zum Runterkommen zu nutzen. Als Zeit für mich also. Ob das gelingt, weiß ich noch nicht. Aber wenn doch, dann bin ich vielleicht gar nicht so weit weg vom Sinn des Advent.

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Die Japanerin Jeongja Han betreibt ein Geschäft, das sich um die Dinge kümmert, die nach dem Tod eines Menschen übrig bleiben. Sie wird beauftragt, wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss und die Angehörigen für das, was sich da so angesammelt hat, keine Verwendung mehr haben. Entrümpelung würde man bei uns wohl sagen. Doch einen großen Container vors Haus, alles rein und weg damit, wie so oft bei uns, ist nicht das, was Jeongja Han macht. In Japan ist Müllentsorgung extrem teuer und darum bekommen ganz viele Dinge dort ein zweites Leben als Gebrauchtware. Entsprechend sorgfältig geht Jeongja Han deshalb mit den Gegenständen um, die sie in den Häusern findet. Aber nicht nur darum. „Ich denke an die Toten, während ich ihre Zimmer leer räume“, sagt sie. „Ich stelle mir vor, was für eine Person dieser Mensch war“. Denn die Dinge, die sie dabei in die Hand nimmt, haben für diesen verstorbenen Menschen ja alle einen Wert gehabt. Und mancher unscheinbare Gegenstand könnte wahrscheinlich ganze Geschichten erzählen über den Menschen, der ihn einmal besessen hat.

Darum macht es für mich einen doppelten Sinn, alte Gegenstände, die noch brauchbar sind, möglichst weiterzuverwenden. Sie sparen wertvolle Ressourcen, die schon heute immer knapper werden. Aber sie sind auch voll von Erinnerungen und erzählen mir im besten Fall noch Geschichten von den Menschen, die sie einmal besessen haben. Eine Art der Wert-Schätzung in doppelter Hinsicht also. Für die Objekte selber und für die Menschen, denen sie einmal lieb und teuer waren.

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Vor vielen Jahren hat ein früherer Chef von mir sich einen lang gehegten Traum erfüllt und sich ein sündteures Gefährt mit dem Stern in die Garage gestellt. Sechs Zylinder unter der Motorhaube und aller denkbare Komfort im Innenraum. Ein Spleen von ihm, so hat er es selber genannt. Nicht wenige Leute aber hat das damals mächtig auf die Palme gebracht. Dabei hatte der Mann für sein Geld gearbeitet. So, wie jeder von uns. Und einen Lobgesang auf die gelebte Armut habe ich ihn damals nie predigen hören.

Ein Pfarrer im teuren Mercedes. Eine Politikerin, die eine Rolex trägt. Ein Flüchtling mit iPhone. Für manche Menschen offenbar Grund genug, sich mal mächtig aufzuregen. Warum eigentlich? Wenn es nur darum ginge, dass ich das auch unbedingt haben will, wäre ja alles halb so wild. Dann spare ich mir eben das teure Auto oder die Luxusuhr zusammen. Und wenn ich sie dann endlich eines Tages am Handgelenk habe, sollte die Welt wieder in Ordnung sein. Ist sie aber nicht. Denn oft geht es in Wirklichkeit gar nicht um das Auto, die Uhr, das Handy. Es geht um den Menschen, der etwas hat, das er in meinen Augen nicht haben sollte. Kurz gesagt: Ich gönne es ihm einfach nicht. Aus welchen Gründen auch immer. Und das ist dann tatsächlich schlimm. Das deutsche Wort dafür heißt Missgunst und für die Christen früherer Zeiten war sie eine der sieben Todsünden. Nicht von ungefähr. Weil sie eine Haltung ist, die dass das Klima zwischen Menschen bis auf den Tod vergiften kann.

Bevor ich mich also das nächste Mal über irgendwas aufrege, das ein anderer hat - sein Auto, seinen Erfolg, seine Gesundheit – werde ich mich hoffentlich erst mal fragen, warum eigentlich? Ob es nicht so ist, dass ich ihm das schlicht und einfach nicht gönne.

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Ach, tut das gut! Meine Sekretärin ist immer ganz happy, wenn sie mal für einen Tag allein im Büro ist. Keine  Kollegen um sie herum, die rumquatschen, telefonieren oder Besuch empfangen. Endlich Zeit, ein paar Dinge in Ruhe wegarbeiten zu können. Ich kann sie gut verstehen. Konzentriert arbeiten kann ich nämlich auch am allerbesten, wenn ich allein und ungestört bin. Doch wenn ich dann wirklich mal so zwei, drei Tage hintereinander am Schreibtisch vor mich hin gebrütet habe und kaum vor die Tür gekommen bin, dann merke ich auch, wie es  mich hinauszieht. Am besten mitten in die Stadt. Unter Menschen. Und wie ich mich dann auch darauf freue, die Kollegen wieder im Büro zu treffen und mit ihnen über Gott und die Welt quatschen zu können.

Nun kann tatsächlich nichts auf der Welt so nervig und deprimierend sein wie andere Leute. Im schlimmsten Fall können wir uns gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Aber ohne die anderen geht es eben auch nicht. Und wenn ich darüber nachdenke, was mich in meinem Alltag glücklich macht, dann fallen mir spontan erst mal viele kleine Dinge ein. Der Sommerabend mit einem kühlem Glas Wein etwa. Der Spaziergang am winterlichen Strand oder der leuchtend bunte Herbstwald der letzten Wochen. Doch am allerwichtigsten sind letztlich die Menschen, die mich umgeben. In deren Nähe ich mich akzeptiert und aufgehoben fühle. Wo ich geliebt bin und wo ich selber lieben kann  und wo ich immer wieder gerne hinkomme. Denn nicht nur die Hölle, sondern auch das größte Glück, das sind die anderen.

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Später Nachmittag. Rushhour im Mainzer Hauptbahnhof. Unser Zug hält und nichts geht mehr. „Wegen eines Notarzteinsatzes am Gleis wird sich unsere Abfahrt auf unbestimmte Zeit verzögern.“ Vielfahrer kennen und fürchten das. Es bedeutet meistens stundenlange Verspätungen, verpasste Termine und genervte Fahrgäste. Und manche lassen ihren Frust dann am Zugführer aus. Schimpfen auf die vermeintliche Mistfirma, die nun ihren Tagesplan durcheinander bringt. „An alle Fahrgäste unserer Mistfirma“ tönt es plötzlich aus dem Lautsprecher im Zug. „Für alle, die es noch nicht begriffen haben. Da vorne auf der Strecke ist eben ein Mensch gestorben und darum fahren wir jetzt nicht mehr weiter!“

Die Ansage hätte er so bestimmt nie machen dürfen. Aber seinen Ärger über die schimpfenden Fahrgäste kann ich trotzdem verstehen. Hinter manchen betont nüchternen Ansagen verbergen sich manchmal nämlich menschliche Tragödien. Einen Menschen zu überfahren ist ein Trauma für jeden Zugführer. Und meistens ist es leider auch die tieftraurige Geschichte eines Menschen, der für sich keinen Ausweg mehr gesehen hat.

Und genau darum fand ich den wütenden Gefühlsausbruch dieses Zugführers auch so passend wie wohltuend. Weil er die übliche geschäftige Routine jenes Nachmittags für einen Moment durchbrochen hat. Und weil er mich und die anderen daran erinnert hat, dass es manchmal Wichtigeres im Leben gibt, als zeitig zu Hause zu sein. Auch ich bin erst viel später als sonst daheim gewesen. Aber dafür habe ich an diesem Abend noch ziemlich lange an einen fremden Menschen gedacht, der auf meiner Strecke den Tod gefunden hat.

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Der Mann am Bahnsteig gegenüber schleicht von Mülleimer zu Mülleimer. Verstohlen linst er in jeden hinein. Und dann sehe ich, wie er ein Stück Pizza aus einem Mülleimer zieht, das ein Fahrgast vorher weggeworfen hat. Er begutachtet das Pizzastück, wischt es ein bisschen ab und isst es auf. Mir drehte sich der Magen herum. An die Flaschensammler habe ich mich zu meiner Schande leider schon gewöhnt. Auch das wollte ich nie. Aber Szenen wie diese machen mich fassungslos. Sie sind die öffentlich sichtbare Spitze eines Eisbergs. All der Menschen nämlich, die in unserem eigentlich steinreichen Land arm sind. Es werden immer mehr. Viele von Hartz IV Betroffene sagen, dass nicht das knappe Budget alleine das Problem ist. Richtig schlimm wird es erst, wenn es zum Dauerzustand wird. Verfestigte Armut nennt sich so was. Wenn die Kinder nie mehr ein größeres Geschenk bekommen können. Ein Restaurantbesuch zum kaum erschwinglichen Luxus und die kaputte Waschmaschine zur Katastrophe wird. Kurz, wenn Armut dazu führt, dass man vom Rest der Gesellschaft abgehängt wird. Ganz langsam passiert das, von Monat zu Monat mehr und mehr. Denn Armut macht auch arm an sozialen Kontakten. Rund jeder sechste in Deutschland ist davon inzwischen betroffen. Daran muss ich manchmal denken, wenn ich durch eine volle Fußgängerzone laufe.

 

„Gepriesen die Hände, die sich den Armen entgegenstrecken, um zu helfen“ hat Papst Franziskus letztes Jahr geschrieben. Das richtet sich an alle, die etwas tun könnten. So wie es verfestigte Armut gibt, gibt es nämlich auch verfestigten Reichtum. Auch diese Menschen unter uns werden mehr. Die eine große Patentlösung gibt es wahrscheinlich nicht. Aber an den Skandal einer immer weiter wachsenden Ungleichheit darf man sich einfach nicht gewöhnen. Damit es irgendwann wieder gerechter zugeht im Land und kein Mensch mehr im Müll der anderen wühlen muss.

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Erst wenn ein Mensch vergessen ist, ist er wirklich tot. Den Satz  hat mir eine Mitarbeiterin der Caritas vor kurzem gesagt. Er bedeutet ihr viel. Darum engagiert sie sich auch für ein Projekt, das es seit einem halben Jahr in Mainz gibt.  Ein universaler Trauerort für Menschen aller Nationalitäten. Gleich, ob sie gläubig sind oder nicht. Es ist erst der zweite universale Trauerort in Deutschland. Sie ist überzeugt davon, dass Menschen einen Ort brauchen, an dem sie trauern können. Und an dem sie sich erinnern können an die Menschen, die sie verloren haben. Damit eben kein Mensch vergessen wird.

Zwei Halbkreise aus Beton sind es, die da jetzt in der Mainzer Altstadt inmitten einer kleinen Grünfläche liegen. Wie zwei Arme, die jeden umschließen, der sich zwischen ihnen aufhält.

Ein Ort, der offen ist für alle, die traurig sind. Und doch hat man ganz besonders an jene Menschen gedacht, die keinen Ort haben, zu dem sie gehen könnten. Keinen Friedhof, kein Grab, keine Gedenkstätte. Nichts. Die im besten Fall noch das Bild des geliebten Menschen in ihrer Erinnerung tragen. So wie jene junge Mutter aus Afghanistan, von der sie mir erzählt hat. Mit ihren drei kleinen Kindern ist sie geflohen aus ihrer umkämpften Heimat. Hat sich schließlich in einem überfüllten Flüchtlingsboot auf die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer gemacht. Als dann in der Nacht ein Sturm aufkam, hat sie verzweifelt versucht, ihre Kinder festzuhalten. Bei zweien ist es ihr gelungen. Ihre kleine Tochter aber fiel aus dem schwankenden Boot ins Meer. Sie hat sie nie wiedergesehen.

Für Menschen wie diese junge Mutter ist der Trauerort gedacht. Menschen, die sich erinnern und trauern wollen um die, die sie verloren haben. Damit nicht nur bei Gott, sondern auch hier unter uns kein Mensch vergessen ist.

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