Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Schießtraining für Pastoren. Das gibt es seit dem Amoklauf Ende letzten Jahres in Indianapolis. Ein psychisch kranker Mann ist während des Gottesdienstes in eine Pfingstkirche gestürmt und hat wild um sich geschossen.

 

Die Verantwortlichen der Pfingstkirche sagen: „So was darf nicht nochmal passieren. Deshalb lernen unsere Leute jetzt, wie man richtig mit der Waffe umgeht. Dann können sie im Notfall zurückschießen.“

Ich halte das für den völlig falschen Weg. Ganz klar, ich kann mir nicht vorstellen, was so ein Attentat bei den Leuten auslöst, die direkt betroffen sind. Ich kann mich gar nicht in die Lage versetzen. Es ist einfach nur schrecklich.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass es richtig ist, die Pfarrer jetzt mit Waffen auszurüsten. Das funktioniert genau so wenig, wie die Idee, Lehrer nach Amokläufen zu bewaffnen.

Gerade für eine religiöse Gemeinschaft finde ich diesen Weg befremdlich. Die Pfingstkirchen berufen sich auf Jesus. Und genau der steht für Frieden. Jesus schafft es immer friedlich zu bleiben: durch kluge Aktionen und vor allem weil er sich den Leuten zuwendet. Er beachtet die Menschen, geht hin, spricht und bemerkt, was los ist. Daran sollte ich mich, sollten sich die Pfarrer in Indianapolis halten. Frieden geht nur dann, wenn wir miteinander im Kontakt bleiben. Wenn wir nach uns schauen und wenn wir miteinander sprechen. Und nicht, wenn wir die Waffen aufeinander richten.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26450

Wir stehen vor einem Eiscafé und warten auf einen freien Platz. Direkt am Tisch vor uns sitzt ein Ehepaar, so Mitte 50. Der Herr begrüßt unseren zweijährigen Sohn Clemens wie einen alten Freund. „Komm, setz dich her. Hier ist ein Stuhl für dich.“ Clemens schaut ihn mit großen Augen an und setzt sich. Wir stehen noch etwas verdattert daneben. In dem Moment kommt das Eis für das Ehepaar. Der Mann stellt sich vor, er heißt Peter. Peter nimmt seinen riesigen Erdbeerbecher, stellt ihn vor Clemens hin, gibt ihm seinen Löffel und sagt: „Und hier ist dein Eis. Lass es dir schmecken.“ Bevor wir überhaupt was sagen können, löffelt Clemens genüsslich Peters Eis und wir stehen daneben und staunen.

Dann wird der Tisch nebenan frei, Clemens gibt Peter den Löffel zurück und setzt sich zu uns. Bis unser Eis da ist, teilen sich Peter und Clemens das Eis aber noch weiter - vom Nachbartisch aus.

Dann gehen Peter und seine Frau. Wir bedanken uns von Herzen, würden gern die Rechnung übernehmen. Peter wird sauer und sagt: „Ich bitte euch. Sowas schönes. Auf keinen Fall. Machs gut mein Freund. Wenn Du mal wieder ein Eis willst, kommst Du zu Peter.“ Clemens winkt und gibt Handküsschen und dann sind Peter und seine Frau verschwunden.

Ich find´s irre, was ich mit Kindern erlebe. Wie schnell Leute aus dem Nichts mit Kindern in Kontakt kommen. Und wie schnell Clemens sich zu Peter gesetzt und gemütlich mit ihm Eis gegessen hat. Die beiden sind ganz im Moment gewesen, haben es genossen. Fast eine Liebesgeschichte. Und ein bisschen schade, dass sie schon vorbei ist. Uns Eltern jedenfalls hat das sehr beeindruckt. Und es hat uns wieder mal gezeigt, dass Kinder so ganz da sind und vertrauen. Kinder können das, und das bewundere ich: Ihrem Gefühl trauen, leicht in Kontakt kommen und in Ruhe mit netten Leuten ein Eis genießen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26449

Diese Geschichte fängt unheimlich an und hört unheimlich nett auf. Ich hab sie selbst erlebt und sie beginnt mitten in der Nacht in einem Stuttgarter U-Bahnhof. Ein bisschen spooky ist es. Alles leer, niemand unterwegs. Ich brauche noch eine Fahrkarte, also los zum Automaten. Ich hab viel Gepäck und krame nach meinem Geldbeutel. Endlich habe ich ihn, da fällt das Kleingeld raus und ich kriege langsam aber sicher die Krise. Es fehlt nur noch die berühmte eiskalte Hand von hinten.

Aber dann, wie aus dem Nichts, steht plötzlich eine Familie neben mir. Vier Leute, die beiden Kinder schlafen im Kinderwagen. Sie fragen mich in gebrochenem Englisch: „All ok with you?“ Ich nicke. Und dann wollen sie wissen, wie das mit der Fahrkarte läuft. Ich versuche es zu erklären, aber es ist gar nicht so leicht, sich verständlich zu machen. Mit Händen und Füßen klappt es und ich will ihnen zeigen, wie die Karte gezogen wird. Aber erst noch schnell mein Kleingeld aufheben. Sie sind fixer als ich und noch bevor ich was sagen kann, haben sie für sich und mich die Fahrkarten gekauft. Ich will ihnen Geld geben. „Nein, nein“, wehren sie ab. Und dann ziehen sie mit einem „Danke“ und „Good night“ weiter.

Ich bin so überwältigt, dass ich heulen könnte. Die vier haben mich um Hilfe gebeten und am Ende haben sie mir geholfen. Nicht nur, weil sie mir die Fahrkarte geschenkt haben. Ich war völlig übermüdet, fertig, bepackt und allein. Das haben sie irgendwie gespürt und für einen Moment war ich nicht mehr allein. Ich hab einfach zu ihnen gehört - egal ob wir uns kennen oder nicht.

Ich hab mich in der Nacht nicht mehr bedanken können, so kaputt und überwältigt war ich. Also mache ich das auf diesem Weg. Und es geht an alle, die spontan sehen und tun, was nötig ist: DANKE!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26448

Carlos geht ab nächstem Jahr in die Schule. Vorher geht’s zur Schuleingangsuntersuchung. Über einen Satz in der Einladung dazu habe ich mich richtig aufgeregt: „Die Schuleingangsuntersuchung ist notwendig um ggf. Defizite in der gesamten Entwicklung Ihres Kindes festzustellen. So können unter Umständen frühzeitig Fördermaßnamen in die Wege geleitet werden.“

Ich habe große Augen gemacht, als meine Freundin Maggy mir diesen Brief gezeigt hat. Kann es wirklich sein, dass man als allererstes wenn ein Kind untersucht wird, von Defiziten spricht? Davon, was das Kind vielleicht alles nicht kann?

Ich kann das nicht verstehen. Warum steht da nicht: „Wir möchten Carlos kennenlernen und ihn und seine gesamte Entwicklung untersuchen.“ Das klingt doch gleich ganz anders.

Bei so einem Brief würde Carlos im Mittelpunkt stehen. So wie er ist. Mit dem, was er kann, was ihn ausmacht und natürlich mit dem, was ihm schwer fällt.

Aber so wie es im Brief tatsächlich steht, geht es nur um das System. Darum die Regeln einzuhalten, alles richtig zu machen.

Menschen funktionieren aber nun mal nicht „richtig“. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Und gerade die Schule ist doch auch dazu da, Kinder zu stärken. Das was sie gut können, zu fördern und sie zu Persönlichkeiten wachsen zu lassen, die ihre Meinung vertreten können.

Höchste Zeit für einen neuen Brief. Nicht nur für Carlos. Sondern für alle, denen ein großer Schritt bevorsteht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26447

Hinter mir im Zug sitzt ein junger Mann - so Anfang 20. Er ist gerade eingestiegen und offensichtlich total genervt. Sein Handy klingelt. Und dann geht’s los. „Ihr Idioten. Wenn man euch einmal was machen lässt. Immer geht das schief wenn ich Zug fahren will. Jetzt muss ich ganz anders fahren, weil ihr mir so eine dämliche Fahrkarte gebucht habt. Ihr seid selbst dazu zu blöd.“ Kurze Unterbrechung. Ich atme auf. Leider nur kurz, das Netz war weg. Dann geht’s weiter. Im gleichen Ton, gleich laut.

Mir ist das sehr unangenehm. Ich will das nicht mitkriegen. Im ganzen Abteil macht sich komische Stimmung breit. Ich kann das richtig spüren. Irgendwo zwischen fremdschämen und sich ärgern.

Ich überlege, ob ich was sagen soll. Ich werde richtig nervös, bin hin und hergerissen. Was hält mich ab? Ich habe Angst. Vor dem Typen und seiner Reaktion und vor den anderen Leuten. Und was soll ich sagen?

Ich hab jedenfalls nichts gesagt. Und war und bin unzufrieden. Jetzt im Nachhinein ist mir klar, dass es richtig gewesen wäre, den Mann anzusprechen. Und ihn nicht anzugreifen. Ein freundlicher Spruch á la: „Manchmal läuft alles anders als geplant, was?“ oder „Blöder Tag heute!“ hätte ihm vielleicht ermöglicht, durchzuatmen und mir unter Umständen sogar zu erzählen, was ihn eigentlich so auf die Palme bringt.

Ich kenne das selbst. Ich bin recht impulsiv. Und manchmal ist es der passende lockere Spruch von meinem Mann: „Beiß ins Kissen, das hilft.“ Dann ist kurz Motz-Pause und ich muss lachen. Und schon sieht die Welt anders aus. Entweder kann ich dann erzählen, was mich nervt oder es ist schon nicht mehr so wichtig. Vielleicht hätte dieser Spruch ja sogar den Zug-Schnauzer zum Lächeln gebracht.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26446

Mein Schwager Johannes ist für mich ein typisches Beispiel von: richtiger Mann am richtigen Ort.

Johannes ist Lehrer. Seinen Zivildienst hat er im Rettungsdienst gemacht und überhaupt ist alles rund um Biologie und Medizin interessant für ihn. Er ist da total fit. Kein Wunder also, dass er immer wieder um Rat gefragt wird. Auch ich habe ihn schon oft um Hilfe gebeten und mir dabei den ein oder anderen Besuch beim Arzt erspart.

Was mich besonders beeindruckt: er bleibt immer ruhig und besonnen. Das haut mich manchmal um. Vielleicht ist das die Erfahrung aus dem Rettungsdienst. Wenn die Welt untergeht, Johannes steht fest und gibt allen anderen Sicherheit. Ich hab das schon öfter in wirklich dramatischen Situationen mitbekommen. Ein Freund von ihm hat zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen. Johannes war jedes Mal derjenige, der kurz vor knapp hingekommen ist und dafür gesorgt hat, dass das Leben die Oberhand behält.

Bei einem großen Fasnachtsumzug ist ein Mann durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen. Genau an dieser Stelle ist Johannes gestanden und hat sich um die Umstehenden gekümmert. Für mich ist das kein Zufall, dass er immer genau dann an der richtigen Stelle ist, wenn er gebraucht wird.

Ich frage mich immer: Wie macht er das? Kann er das selbst alles verkraften? Er hat mit Psychologen gesprochen, und die sagen: Ja, er kann das. Er kann gut reflektieren und dann auch verarbeiten. Und er hat ein funktionierendes soziales Umfeld. Das fängt ihn auf.

Johannes beeindruckt mich immer wieder. Er setzt das, was er gut kann, jederzeit für andere ein - beruflich und privat. Er weiß, dass er in Krisensituationen stark ist und stark für andere sein kann. Das ist sein großes Talent.

Und ich finde das klasse, wenn Menschen ihre Stärken kennen und die auch voll einbringen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26445

Es gibt nicht nur Hebammen, sondern auch Sterbeammen. Während eine Hebamme den Start ins Leben begleitet, begleitet eine Sterbeamme das Lebensende. Sie ist sozusagen Expertin für den letzten Weg.

Hannah ist Sterbeamme und liebt ihre Aufgabe. Sie sagt: „Sterbeamme sein heißt: „Ja!“ zu sagen, zum Leben und zum Tod. Es heißt: Dasein, innehalten, aushalten.“ Hannah geht es nicht nur um den Menschen, der gerade stirbt oder gestorben ist. Es geht auch um alle, die zurückbleiben, die trauern und nicht wissen, was sie jetzt tun sollen.

Hannah arbeitet vielfältig: sie begleitet die Sterbenden selbst und auch alle rund rum die möchten, also Familie, Freunde. Sie kennt Rituale, die es leichter machen, sich zu verabschieden. Zum Beispiel die Trauerbox: Das ist wie ein Leitfaden durch die Zeit nach dem Tod. Es gibt Anregungen zum Briefe schreiben oder um kreativ zu sein, Tipps, wie ich auf unangenehme Fragen anderer Leute reagiere. In der Box sind auch besondere Salb-Öle und eine Kerze.

Die Sterbeamme richtet den Blick auf das Leben nach dem Tod. Wie kann es weitergehen? Wie können die Angehörigen weitermachen ohne den geliebten Menschen? Und wo ist der jetzt? Sind wir weiterhin verbunden?

Leben und Tod sind wohl die größten Themen für uns Menschen. Wie gut, dass es Profis gibt, die mich dabei unterstützen können. Hebammen und Sterbeammen. Ins Leben heben und auch wieder heraus begleiten. 

Mehr Infos: www.sterbeamme.eu

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26444