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SWR3 Gedanken

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Teaser: Und den Letzten beißen die Hunde…

            

Och nö. Nicht schon wieder. Ich will mir einen Einkaufswagen holen.Und genau in dem Einkaufswagen, den ich nehmen will, liegt natürlich noch der Kassenzettel des Vorgängers drin. Das passiert mir echt ständig. Warum können die Leute auch nicht einfach ihre Wagen vollständig ausräumen, bevor sie sie ihn zurückstellen.

Die Frau neben mir hat dasselbe Problem. In ihrem Wagen liegen allerdings ein  Werbeprospekt und ein Salatblatt. Aber die Frau macht damit kurzen Prozess. Zieht ihren Wagen raus, nimmt Salatblatt und Werbeprospekt raus und schmeißt sie einfach in den nächsten Wagen. Das ist natürlich auch ne Idee. Wenn das immer so weitergeht, dann kommen Salatblatt und Werbeprospekt einfach irgendwann im letzten Wagen an. Und was dann? Jemand muss es dann am Ende wegräumen.

Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Das ist doch nicht nur bei den Einkaufswagen so, sondern lässt sich auf so viele Situationen übertragen. Familie, Job, Politik, Wirtschaft, Umwelt.

Irgendjemand verursacht ein Problem. Eine weitere Person bekommt es zugeschoben und muss sich dann entscheiden: Problem lösen oder weiterschieben. Viele Probleme können einfach durchgereicht werden, bis es einen gibt, der sich erbarmt, den Zusatzaufwand auf sich nimmt und das Problem löst. Eine unbemerkte Wohltat, denn keiner danach weiß, dass es überhaupt ein Problem gab.

Mit diesem Gedanken entschließe ich mich, jetzt mal die zu sein, die das Problem löst. Ich nehme den  Kassenzettel aus dem Wagen und werfe ihn in einen Mülleimer. Und als ich zurückkomme, hat in der Zwischenzeit schon ein anderer meinen entleerten Wagen gezogen. In dem, den ich nun ziehen kann, liegt – ein Salatblatt.

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Nacht der Schande. Auch unter diesem Titel ist die letzte Silvesternacht in Erinnerung geblieben. Weil unzählige Männer an Bahnhöfen Frauen belästigt und sexuell genötigt haben. Zwei Monate zuvor hat Gretchen Kelly, eine Bloggerin, einen Text über sexuelle Gewalt gegenüber Frauen verfasst, der mir da sofort wieder eingefallen ist. Weil er zeigt: Das ist kein neues Problem. Es hat aber ein völlig neues Ausmaß angenommen.

Kellys Artikel kann ich hier nur in Auszügen wiedergeben, aber ich finde was sie schreibt sehr wichtig und traurigerweise auch wahr.

Sie schreibt:

(...), wir haben es alle schon getan.

Wir haben alle gelernt, (...) wie man es vermeidet, einen Mann zu verärgern oder uns selbst in Gefahr zu bringen. Wir haben alle schon bei diversen Gelegenheiten einen unpassenden Kommentar ignoriert. Wir haben alle schon eine völlig unangebrachte Anmache einfach weggelacht. Wir haben alle unsere Wut heruntergeschluckt als wir kleingemacht oder belächelt wurden.

Es fühlt sich nicht gut an.(...). Aber wir machen es, um uns nicht in Gefahr zu bringen, nicht gefeuert zu werden, nicht als Zicke verschrien zu sein. Wir wählen also meist den Weg der geringsten Unsicherheit für uns. Der Weg der geringsten Unsicherheit ist für uns: [...]

 Den Sexismus weglachen, weil wir das Gefühl haben, keine andere Wahl zu haben.(...)

Das Telefon in der Hand haben, den Finger auf dem Anrufen-Button, wenn wir abends allein nach Hause gehen.

Unsere Schlüssel zwischen die Finger der Faust stecken, wenn wir eine Waffe auf dem Weg zum Auto brauchen.

Lügen und behaupten, dass wir einen Freund haben, nur damit ein Typ ein "Nein" akzeptiert.

In einer überfüllten Bar oder sonst einem überfüllte Ort sein und sich umdrehen, um zu sehen, wer einem da eben an den Arsch gefasst hat.

Wissen, dass wir selbst wenn wir ihn entdecken, wahrscheinlich nichts sagen werden. (...)

Unseren Freunden, Eltern oder Gatten nichts zu sagen, weil es nur eine alltägliche Tatsache ist, ein Teil unseres Lebens.(...)

Vielleicht haben deshalb die guten Männer in unserem Leben keine Ahnung, dass wir mit diesen Sachen täglich zu tun haben. Vielleicht ist es so normal geworden, dass uns gar nicht klar ist, dass wir es ihnen hätten sagen sollen.                               

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Ich komme vom Einkaufen nach Hause und da steht er in meinem Flur: Ein Einbrecher. Er sieht mich, ich sehe ihn. Er rennt los und ich – hinterher. Ich brülle:Wie kannst du nur? Ich merk mir dein Gesicht! Leider erwische ich ihn nicht, denn er biegt um eine Hausecke und ist weg.

Die Polizisten, die später kommen, sind alle sehr nett, finden den Mann aber leider auch nicht. Einer fragt, ob ich eine Opferberatung möchte, um den Vorfall zu verarbeiten. Toll, dass es sowas gibt, denke ich mir. Damit kann vielen Menschen geholfen werden, bei denen es nicht so glimpflich ablief wie bei mir. Ich lehne die Opferberatung aber dankend ab. Ich will mich von diesem dreisten Einbrecher einfach nicht zum Opfer machen lassen. Das wäre für mich, als ob ich ihm dann seinen Einbruch in mein Leben als  Erfolg zugestehen würde. Es gibt einen Spruch, den ich immer schon gut fand: Täter suchen Opfer, keine Gegner. Dass ich dem Einbrecher hinterhergerannt bin, war eine Kurzschlussreaktion, unüberlegt und auch gar nicht so ungefährlich. Trotzdem emotional gesehen war sie für michgut. Weil ich eben dadurch nicht in die Opferrolle gezwungen war, sondern mich in gewisser Weise wehren konnte. Und dadurch für den Einbrecher zum Gegner geworden bin. Musste mich nicht so schwach und ausgeliefert fühlen wie in anderen Fällen, wenn Menschen nachhause kommen und alles ist durchwühlt und geklaut. (Oder wenn die Täter mehrere oder viel stärker sind. Da steht man der Situation einfach hilflos gegenüber. Und das ist dann richtig schlimm.

Obwohl es bei mir noch relativ gut lief kamen sie trotzdem: Ängste, Alpträume, Überempfindlichkeiten. Auch der Gedankeob es wirklichso schlau war, ihm nachzuschreien, dass ich mir sein Gesicht merke. Aber es normalisiert sich mit der Zeit. Und immer wenn sich doch wieder dieses flaue Gefühl anschleicht setz ich ihm Entschlossenheit entgegen. Und die Hoffnung darauf, dass er irgendwann darüber nachdenkt, was er getan hat.

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Als hätte jemand bei den Nachrichten auf Vorspulen gedrückt. So fühlt es sich gerade für mich an. Eine schreckliche Nachricht jagt die nächste. So schnell, dass ich gar nicht mehr weiß, worüber ich mich zuerst aufregen soll. Über die Nötigungen und Bedrohungen von Frauen? Über Jugendliche, die sich einen perversen Spaß draus machen, Passanten zu verprügeln? Über immer neue Terrorangriffe und Kriege, die Menschen ihr Zuhause, ihre Sicherheit oder das Leben nehmen? Über Missbrauch von Kindern, verseuchte Umwelt, undundund... Ich kann es einfach nicht mehr hören. Will sie nicht mehr sehen. All die nicht endenden schrecklichen Nachrichten.

Aber was tun? Nachrichten ausschalten, Zeitungen wegwerfen, Augen, Ohren und Mund zuhalten wie die berühmten Äffchen? Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen? Das kann keine Lösung sein. Für einen Moment wäre das vielleicht angenehm. Aber davon wird kein Krieg beendet, nicht eine Kinderseele geschützt und nicht ein Quadratmeter Umwelt gerettet.

Wer schlechte Nachrichten verringern will, der muss gute erschaffen. Und das ist richtig schwierig.

Mir hilft da mein Glaube. Jesus hat in einer Zeit gelebt die vielleicht noch schlimmer war als unsere. Und er hat trotzdem so viel Gutes getan: Er hat eben nicht akzeptiert, dass eine Frau von Männern gesteinigt wird, sondern ihr einen Neuanfang ermöglicht. Eben nicht seine Ziele mit Gewalt durchgesetzt, sondern Frieden geschaffen. Er hat eben nicht die Unbeliebten abgewiesen, sondern mit ihnen gegessen. Hat eben nicht zurückgeschlagen, sondern vergeben. Weil er eben nicht Ohren, Augen und Mund verschlossen, sondern weit geöffnet hat. Jesus hat mit offenen Augen die Missstände in der Gesellschaft angeschaut. Er hat mit offenen Ohren den Klagen der Menschen zugehört. Und dann den Mund aufgemacht und klare Worte gefunden für das, was er für richtig  hielt: Eine gerechte Welt, auf der Menschen in Frieden leben können. Schauen, hören, sprechen! Es ist schwierig. Aber notwendig. Damals wie heute.   

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Warum das denn? Wir haben Meinungsfreiheit in Deutschland. Reden ist Gold, ist Schweigen denn  dumm? Nein. Schweigen ist dann Gold, wenn einer schweigt, um zuzuhören. Wer Ohren hat zu hören, der höre, sagt Jesus (Matt 11,15). Aber um wirklich zu hören, muss man selbst einen Moment schweigen. Zuhören, verstehen. Und dann etwas dazu sagen. Reden ist Silber, wenn es auf das Schweigen folgt. Erklären, Ratschläge geben, nachfragen, hinterfragen, informieren. Und dann wieder schweigen. Und zuhören. Schweigen ist Gold wert. Wenn man versteht, was der andere redet.

So Viele reden gerade so Vieles. Zur Flüchtlingskrise, über politische Einstellungen, über Gutmenschen, Integration und Gewalt. So Viele reden gerade so Vieles. Reden ist Silber. Ich hab manchmal den Eindruck, dass es bald Silber vom Himmel regnet.

Und so Viele Schweigen. Schweigen über so Vieles. Schweigen über ihre Erfahrungen. Schweigen über ihre Gefühle, Ängste, Ideen und Meinungen. Weil sie Angst haben, dass ihnen keiner richtig zuhört. Dass sie missverstanden werden. Dass ihre Meinung nicht angemessen ist.

Auf allen Seiten verhärtete Fronten. So hart wie Silber, so hart wie Gold. Ich habe das Gefühl, da stimmt was nicht. Die Einen schweigen, um nichts Falsches zu sagen. Die Anderen reden und reden, aber sagen doch nichts. Schweigt. Aber um zuzuhören. Redet. Aber miteinander und nicht aneinander vorbei. Lasst Reden Silber werden. Und Schweigen wirklich zu Gold.

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Ein Blick von der Kante in die Tiefe. Das erste Mal. Ich hab keine Ahnung, was passieren wird. Wie es sich anfühlen wird. Ich weiß nur, wenn ich diesen Schritt gehe, kann ich ihn nicht mehr rückgängig machen.

Ich erinnere mich noch so gut an meinen ersten Sprung vom Dreimeterbrett. Besser gesagt an die Situation davor. Dieser Gefühlsmix aus Unsicherheit, Angst, Mut, Zweifel und Willen. Den Willen, diesen Sprung zu wagen, in der Hoffnung, dass er gut ausgeht. Es ist ja nur ein Schritt, aber der kostet unglaubliche Überwindung. Und dann – Zack. Innerhalb einer Sekunde ist es geschehen. Die Entscheidung zu springen und der Sprung sind eins. Zeitgleich.

Es ist oft nicht leicht, den ersten Schritt zu machen. Meistens kostet es Überwindung, etwas Neues auszuprobieren. Aber wenn man den ersten Schritt nicht macht, sich nicht überwindet, dann wird man immer stehenbleiben. Und sich überlegen: Was wäre, wenn ichs versucht hätte?

Der Sprung vom Dreimeterbrett ist für mich symbolisch geworden für viele Entscheidungen im Leben. Eine Entscheidung zu treffen, bei der man nicht auf Erfahrungen zurückgreifen kann, kostet Mut und Überwindung. Weil man nie sicher sein kann, wie es ausgeht. Aber was ist denn die Alternative? Entweder ewig an der Kante stehenzubleiben oder eben sich umzudrehen. Die Leiter wieder runterzusteigen.

Häufig ist die Überwindung zum Sprung wichtig, damit man sich weiterentwickeln kann. Neue Erfahrungen machen und lernen, mit den Konsequenzen umzugehen. Aber ich habe es auch schon erlebt, dass in Situationen der Schritt zurück die beste Wahl war. Bei einem Streit oder einem Irrtum. Da muss man nicht immer springen.

Ob man dann anerkennende Blicke für eine elegante Landung erntet, einen üblen Bauchplatscher hinlegt oder sich vielleicht schämt, weil man zurückgegangen ist: Ich glaube bei allen Varianten kommt es nur darauf an, zu seiner Entscheidung zu stehen und aus den Konsequenzen zu lernen.

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Was glitzert ist meistens wertvoll: Gold, Edelsteine, Diamanten. Aber was ist eigentlich mit Tränen? Die glitzern auch, aber sind nicht wertvoll. Oder doch? Tränen sind Wasser und Salz. Sie gehören zum Leben dazu. Es gibt so viele Situationen, in denen Tränen fließen. Und so viele verschiedene Menschen, die Tränen weinen. Und doch sind die Tränen der Menschen gleich: Eine Träne kennt kein Alter, keine Hautfarbe und keine Nationalität. Eine Träne kennt nur das Gefühl aus dem sie entsteht. Eine Träne macht Menschen einander ähnlicher. Und sieht dabei so schön aus.

Ein durchsichtiger Schleier, der sich sanft über dem Auge ausbreitet und die Iris in ganz neuen Farben schillern lässt. Eine Flüssigkeit, die sich wie ein feuchtes Tuch über den Blick legt, als ob es ihn reinigen will. Und der eine glitzernde Tropfen, der sich beim Blinzeln aus dem Nass des Auges löst und einsam die Wange hinunterrinnt: Eine unscheinbare Spur auf der Wange. Spiegelbild eines Kratzers auf der Seele.

Und wenn genugTränen geflossen sind, dann sehen die Augen wieder klar. Vielleicht klarer als zuvor. Dann sind vielleicht nicht nur die Augen reingewaschen, sondern auch das Herz.

Aber die schönsten Tränen sind die, die Menschen verbinden oder einander näher bringen. Wenn eine Mutter die Tränen ihres Kindes trocknet. Wenn ein Mann die Tränen einer Frau zärtlich mit dem Finger aus dem Gesicht nimmt. Oder wenn ein Freund mit dem anderen mitweint. Was glitzert ist meistens wertvoll. Auch Tränen sind wertvoll. Sie reinigen den Blick und das Herz. Und sie sind besonders wertvoll, wenn jemand erkennt, dass sie getrocknet werden müssen.

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