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SWR3 Gedanken

„Igittigitt, das hatte doch schon mal jemand an. Das ist sowas von unhygienisch“ sagt eine Konfirmandin.
Der Diakon lächelt freundlich in die Runde. „Nein“, sagt er, „wir sortieren alle Sachen, die wir bekommen, waschen und bügeln sie, bevor sie in unseren Laden kommen.“
„Aber wer will denn so olle Sachen tragen?“ fragt eine andere Konfirmandin.
Wir sind mit unserer Konfirmandengruppe in der KaufKultur. Das ist ein kleiner, unscheinbarer Laden in einer Seitenstraße der Tuttlinger Innenstadt.
„Es kann sich nicht jeder neue Sachen leisten“, erklärt der Diakon, „es gibt viele Leute, die mit sehr wenig Geld über die Runden kommen müssen. Die können hier für ein paar Euros gute Kleider kaufen.“
Einige Konfirmanden haben es sich in der Kaffeeecke gemütlich gemacht. „Ja“, sagt der Diakon, „viele kommen auch bloß, um einen Kaffee zu trinken, manche sind zuhause allein und freuen sich, hier andere zu treffen. Manche brauchen einen Rat. Auch dafür sind wir da.“
Die Konfis haben viele Fragen (woher kommen die Klamotten? wer kommt denn so und kauft ein?...), der Diakon beantwortet sie geduldig. Nach einer Weile verlassen wir die KaufKultur wieder.
„Frau Pfarrerin“, fragt eine Konfirmandin auf dem Rückweg, „können wir jetzt wenigstens noch schnell in den coolen Laden da drüben rein? Ich brauch dringend noch so ein neues Top.“

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Oder: Was machen, wenn’s passiert?
Apokalypse - ein spannendes Thema. Viele Filme malen das aus: wie das ist, wenn die Welt, wie wir sie kennen, untergeht. Wenn Riesenwellen Amerika überrollen, Atombomben die Erde zur Wüste machen, unsichtbare Viren die Menschheit ausrotten. In Hollywood überlebt meistens eine Handvoll Menschen, die für das Gute und den Erhalt der Menschheit heldenhaft kämpfen.
In der Bibel ist Apokalypse nicht nur das Wort für „Weltuntergang“. Es ist das Wort für ein Versprechen. Gott verspricht, eine neue Welt zu schaffen. Eine Welt, in der niemand mehr weinen muss, in der Milch und Honig fließen, in der es keinen Krieg mehr gibt.
„Apokalypse jetzt!“ heißt ein Buch von Greta Taubert. Für sie ist Apokalypse auch nicht das Ende, eher eine Herausforderung. Was kommt, wenn der Crash kommt? Wie überleben, wenn es ernst wird? Wie sich vorbereiten? Wenn es eine globale Bankenkrise gibt? Wenn die Nahrungsmittelknappheit einsetzt? Kann man sich vorbereiten?
Die Autorin entdeckt eine ganze Welt von Aussteigern und Andersmachern, Freaks, Visionären und Utopisten. Sie lernt zu gärtnern und Lebensmittel einzulegen, sie recycelt Klamotten, sie teilt, sie verschenkt und bekommt geschenkt, sie tauscht, was sie braucht.
Vor allem aber kommt sie zu dem Ergebnis, dass wir nur gemeinsam überleben können. Leben und Überleben geht nur in Gemeinschaft mit anderen Menschen. Das ist, wie ich finde, eine schöne, eine aufrüttelnde Feststellung: Nur gemeinsam mit anderen klappt das Leben – damit könnte man eigentlich schon jetzt ernst machen. Und gemeinsam dem Versprechen Gottes näher kommen: einem Land, in dem Milch und Honig für alle fließen.

Greta Taubert: „Apokalypse jetzt! Wie ich mich auf eine neue Gesellschaft vorbereite Ein Selbstversuch. Eichborn 2014.

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„Das kann ich allein!“ – als ich im Kindergartenalter war, war das mein Lieblingssatz. Das kann ich allein! Ich wollte ganz selbstständig Hosen und T-Shirts aussuchen und mich selber anziehen. Ich wollte ohne Fahrradstützen Rad fahren und Schuhe selber binden. Vermutlich kennen Sie das, diesen kindlichen Stolz. „Lass mich, ich kann das allein!“ Und wie wichtig es ist, das zu respektieren.
Dazu gibt’s eine Geschichte in der Bibel. (2.Mose 18,13-27)
Mose, der Chef der Israeliten, urteilt von morgens bis abends über Rechtsstreitigkeiten. Sein Schwiegervater beobachtet ihn und hat so seine Fragen. Aber Mose verteidigt sich: „Ich muss das alles machen. Sie kommen ja alle zu mir!“ Sein Schwiegervater hat da seine Zweifel, ob Mose das alles so alleine machen muss. Schließlich würde er sich selber dabei müde machen. Und das Volk, das von morgens bis abends anstehen muss, würde dabei auch müde werden. „Wie wäre es, wenn du Hilfsrichter einsetzen würdest? So für kleinere Rechtsstreitigkeiten?“ schlägt der Schwiegervater vor.
Mose muss erst mal lernen, Hilfe oder Rat anzunehmen. Zum Beispiel vom Schwiegervater. Er muss lernen, bei seiner Arbeit Prioritäten zu setzen, Arbeit zu delegieren und sich von anderen auch mal helfen zu lassen.
Als Kind war ich stolz darauf, vieles allein zu machen und allein zu können. Als Erwachsene bin ich stolz darauf, nicht mehr alles allein machen zu müssen. Weil ich weiß: bei vielen Dingen bin ich sehr wohl auf die Hilfe anderer angewiesen – so wie andere auf meine Hilfe angewiesen sind. Das Leben ist ein lebendiger Austausch. Ein Geben und Nehmen von Hilfe.  Manchmal mehr, manchmal weniger.

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„Ich möchte gerne Theologie studieren“ das Mädchen steht vor mir, ihr Vater daneben. Er möchte, dass sie erst mal mich fragt, als Pfarrerin. „Man muss ja auch an die Zukunft denken“ meint er und guckt mich bedeutungsvoll an.
Und ich sage: Das Theologiestudium ist einer der schönsten Studiengänge! Nicht, weil ich Pfarrerin bin und meine Wahl als die Beste hinstellen möchte. Ich sage das, weil das Theologiestudium heute noch einer der wenigen Studiengänge ist, der Allgemeinbildung vermittelt. Man lernt ein bisschen was von allem. Wenn man erst einmal über die drei alten Sprachen – Latein, Griechisch und Hebräisch - die Sprachen der Bibel - hinweg ist, dann geht es richtig los: man beschäftigt sich natürlich mit der Bibel (wer hat sie geschrieben und warum, was ist darin so passiert). Man lernt etwas über die Geschichte unserer Kultur, über Psychologie und Pädagogik, man beschäftigt sich mit Philosophie und Ethik. Jemand hat mal gesagt, Theologen seien Allrounddilettanten! Und in der Tat, wir haben von vielem eine Ahnung.
In einem hat der Vater aber natürlich recht: wir wissen heute nicht, wie die Kirche von morgen aussehen wird. Aber wir wissen auch nicht, wie die Banken der Zukunft aussehen werden – und trotzdem werden viele Banker.
Ich war nicht wirklich religiös, als ich anfing, Theologie zu studieren, aber ich wollte das mit Gott besser verstehen und mit Menschen zusammenarbeiten.
Ich denke, es ist das Sinnvollste, die Ausbildung oder das Studium zu machen, zu dem man Lust hat und das einem liegt – alles weitere sieht man dann, so Gott will und wir leben.

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„Glaubst du an Gott?“ der junge Mann guckt mich mit großen Augen an.
„Guter Mann“, sage ich, „ich bin Pfarrerin. Und für eine Pfarrerin gehört der Glaube an Gott quasi zum Berufsbild dazu!“ Er guckt noch verdutzter. „Scherz!“ sag ich. Ach so.
Aber eigentlich hat seine Frage schon was. So selbstverständlich ist das nicht, an Gott zu glauben. Früher, vor hundert Jahren da war das selbstverständlich. Da konnte sich kaum einer vorstellen, ohne Glaube an Gott zu leben. Heute ist es eher umgekehrt.
Aber zurück zu mir. Ja, ich glaube wirklich an Gott. Nicht, weil das zu meinem Berufsbild gehört. Oder weil ich das muss. Natürlich haben Pfarrer auch Zweifel und Zeiten, in denen sie vergessen, dass es Gott gibt.
Aber für mich kann ich sagen: auch in den schwierigsten und dunkelsten Momenten meines Lebens hatte ich nie Zweifel, dass da einer ist, der mich trägt, dass da eine Kraft ist, die mich aus den Untiefen meines Lebens wieder herausholt. Zum Beispiel als ich krank war oder während meiner Scheidung. Ich weiß nicht, seit wann ich glaube und ich weiß nicht, warum.
Irgendwie habe ich einfach sowas wie Gottvertrauen, ein Vertrauen, dass Gott da ist – wie auch immer das dann aussehen mag. Ich weiß nicht, wie Gott ist, warum passiert, was eben passiert. Manchmal bin ich wütend und verzweifelt, als zum Beispiel meine wunderbare Katze tot gefahren wurde. Oder als gleich mehrere Bewerbung von mir hintereinander abgelehnt wurden. Und doch unter Tränen noch und trotz der Wut hatte ich Vertrauen. Dass es gut werden wird. Und dass das Leben weitergeht. Anders. Oft sogar besser. Auf jeden Fall aufregend…

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Sitzungen, Konferenzen, Besprechungen - also ehrlich gesagt: ich mag sie nicht. Zu langweilig und letztendlich kommt zu wenig dabei rum. Es reden immer nur dieselben paar Leute. Und die sagen dann, was sie immer sagen.
Aber einmal, einmal sollte es anders laufen. Seitdem denke ich anders über Sitzungen.
Wir sind wie immer brav in den Raum getrabt. Da sitze ich ausgerechnet neben denen, die ich am wenigsten leiden kann: links von mir Matthias, der zu allem was zu sagen hat, auch wenn er überhaupt keine Ahnung hat, rechts von mir Doris. Für sie ist alles, aber auch alles negativ und der Mensch nichts als eine Misere.
Unser Konferenzleiter kommt als letzter.
„Bevor wir anfangen“ verkündet er „möchte ich, dass jeder von uns etwas Nettes und Positives über seinen rechten und linken Nachbarn sagt.“
Schluck. Betretenes Schweigen. Und in mir arbeitet es. Was soll ich bloß machen? Was sagen? Aber dann geht die Runde los: jeder findet und sagt tatsächlich etwas Schönes über seine Nachbarn rechts und links. Und während wir so reden, einer nach dem anderen, verändert sich unmerklich die Stimmung.
Die nachfolgende Sitzung ist eine der effektivsten und interessantesten, die ich je erlebt habe. Vielleicht weil uns so nebenbei klar geworden ist, dass die neben uns tatsächlich auch gute Eigenschaften haben, dass sie manche Sachen gut können und liebenswerte Seiten haben. Vielleicht weil es uns einfach auch mal gut tut, ein Kompliment zu hören.
Dass Sie mich nicht falsch verstehen: Ich muss das jetzt nicht immer vor einer Sitzung haben. Aber ich möchte schon immer wieder mal dran denken, was mir klar geworden ist: Menschen sind immer mehr, als das, was wir von ihnen sehen. Und manchmal können sie sogar ganz nett sein.

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Gunsbach ist ein idyllisches Dörfchen in den Vogesen. Gunsbach hat einen Bäcker, eine Kirche, eine Grundschule – und ein klitzekleines Museum. Das war mal das Wohnhaus  von Albert Schweitzer, dem großen Arzt und Allroundgenie. Vor 50 Jahren ist er gestorben, genau gesagt, im September 1965. Aber vieles von dem, was er angefangen hat, lebt bis heute.
Lambarene zum Beispiel. Das Krankenhaus, das er gegründet hat im heutigen Gabun.
Im Museum ist ein Zimmerchen dem Musiker Albert Schweitzer gewidmet. Schweitzer war ein begnadeter Orgelspieler, mit seinen Konzerten sammelte er Geld. Geld für sein Lebensprojekt Lambarene.
Ein weiteres Zimmer zeigt Albert Schweitzer als Arzt im Krankenhaus in Lambarene.
Dort sitzt Albert Schweitzer eines Tages auf dem Deck eines Schleppkahns. Der Fluss fließt so dahin, die Sonne scheint, Flusspferde gähnen im Wasser und Schweitzer schreibt: „Geistesabwesend saß ich da…, um den elementaren und universellen Begriff des Ethischen ringend,… Blatt um Blatt beschrieb ich mit unzusammenhängenden Sätzen… (da) stand urplötzlich vor mir, nicht geahnt und nicht gesucht, das Wort: ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘“
Was hat er gemeint mit ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘? Er meint unsere Verantwortung gegenüber allen unseren Mitgeschöpfen, Menschen wie Tieren. Diese ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘ gilt es zu leben, ganz praktisch. Albert Schweitzer hat das versucht.
Wie kann ich leben und das so wenig wie möglich auf Kosten anderer? Wie kann ich leben und dabei so wenig wie möglich andere Menschen oder Tiere schädigen oder gar vernichten? Gar nicht so einfach, hat Schweitzer gemeint. Aber es ist gut, sich immer wieder diese Frage zu stellen. Und sein Bestes zu tun und sich darum zu bemühen, anderen Menschen und Tieren mit Ehrfurcht zu begegnen. Auch wenn‘s Mühe macht.

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