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SWR3 Gedanken

Plötzlich geht gar nichts mehr. Vollsperrung. Keine Ahnung, warum sie die Autobahn gerade jetzt dicht machen müssen. Ich sehe nur: Alles steht. Wie lange wir hier stehen werden, ist nicht klar. Meine Tagesplanung kann ich wohl erst mal vergessen. Prima. Plötzlich ausgebremst zu werden, das nervt schon gewaltig. Vor allem, wenn es die schön getakteten Pläne so unverhofft durcheinander wirbelt. Darüber könnte ich mich jetzt aufregen, könnte mich in Rage bringen, vielleicht bis an den Rand eines Herzinfarkts. Trotzdem werde ich deshalb ja keinen Meter schneller voran kommen. Vor mir steigen nun die Ersten aus ihren Autos, schlendern neben ihren Fahrzeugen über die Autobahn. Da sonst nichts mehr geht, öffne ich auch die Tür und steige aus. Der Fahrer des LKW auf der Spur neben mir steht vor seinem Sattelzug. „Wartungsarbeiten“, sagt er. „Weiter vorne steht ein großer Kran auf der Fahrbahn. Wird wohl irgendwann fertig sein.“ Er wirkt gelassen, zieht gelangweilt an seiner Zigarette. Wir unterhalten uns, wechseln ein paar Worte miteinander. Schon seltsam, denke ich. Wann hätte mich mit diesem Mann wohl jemals ein Wort gewechselt? Die Vollsperrung macht‘s möglich.

Nach knapp 20 Minuten geht es endlich weiter. Die Karawane setzt sich langsam wieder in Bewegung. Meine Tagesplanung habe ich umstellen müssen und bin trotzdem merkwürdig entspannt. Plötzlich ausgebremst zu werden nervt noch immer. Aber manchmal schafft es auch ganz ungeplant Zeit für Dinge, für die sonst keine Zeit wäre.

 

 

 

 

 

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Nach der Feier kam der Frust. Einen prima Schulabschluss hat Julia hingelegt. Auf ihrem Abschlusszeugnis steht eine eins vor dem Komma. Nun hofft sie auf den ersehnten Studienplatz. Doch den gibt’s nicht. Kein Platz für Julia, denn viel zu viele wollen dasselbe studieren wie sie. Am Ende entscheiden wenige Zehntel hinter dem Komma über Lebensträume. Es ist fast wie beim 100-Meter-Lauf. Auch da  kann ein Sekundenbruchteil den Ausschlag für das Siegertreppchen geben. Den Ausschlag zwischen gefeiert oder vergessen.

Julia muss sich entscheiden: Ihren Berufstraum vergessen und einen andern Weg einschlagen oder weiter alles daran setzen. Die Hoffnung hoch halten um irgendwann doch noch feiern zu können? Julia entscheidet sich fürs Weitermachen, ohne Garantie auf Erfolg.

Ein bisschen bewundere ich sie immer: Menschen, die  alles daran setzen, um sich ihren Lebenstraum zu erfüllen. Dabei kann das manchmal schon ziemlich verrückt wirken. Zumindest für einen, der lieber nüchtern abwägt, was geht und was nicht und sich im Zweifel für den leichteren Weg entscheidet. Wer Lebensträume verfolgt muss nämlich auch Umwege und Durststrecken in Kauf nehmen und sich selbst dann nicht vom Weg abbringen lassen, wenn er stolpert. Klar, das kann auch schief gehen. Ich kann mich verrennen in ein aussichtsloses Unterfangen. Ich kann irgendwann feststellen, dass ich einer Illusion nachgerannt bin. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen kann ziemlich hart werden. Trotzdem, wo ständen wir ohne Menschen, die ihrer Vision folgen und dafür auch bereit sind, etwas zu riskieren.

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Es regnet wie aus Eimern, genau in dem Moment, als ich zum Bahnhof aufbreche. Unterwegs trete ich noch in eine Pfütze und mache mir die Socken nass. Am Bahnhof angekommen hat der Zug dann auch noch 20 Minuten Verspätung.

Es gibt Tage, die ich am liebsten aus dem Kalender streichen möchte. Tage, an denen scheinbar schon am frühen Morgen alles schief geht. An denen sich alles irgendwie gegen mich verschworen hat, so scheint es mir zumindest. Tage, an denen ich das Recht habe, mies gelaunt zu sein. Meine ich zumindest. Dass es den hundert anderen Passagieren im Zug vermutlich genau so geht wie mir, sehe ich erst mal nicht.  Es interessiert mich in diesem Moment schlicht nicht. Sollte es aber. Wenn ich nämlich irgendwann zur Ruhe komme und das Erlebte an mir vorbeiziehen lasse, dann ärgere ich mich oft über mich selbst. Dieses Kreisen ums eigene Ego. Das Gefühl, dass ich doch jetzt mit meinen Problemchen und Unannehmlichkeiten der Nabel der Welt sein muss. Eigentlich nur lächerlich. Ab und zu fallen mir dann schon mal zwei Sätze ein, die zwei große Heilige uns hinterlassen haben: Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nun mal nicht ändern kann, hat der englische Heilige Thomas Morus einmal gesagt. Und als Papst Johannes XXIII. vor den Problemen, die sich vor ihm auftürmten, einmal schier verzweifeln wollte, sagte er sich: Giovanni, nimm dich doch nicht so wichtig.

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Was hat der Glaube eigentlich mit Vernunft zu tun? Nicht besonders viel, könnte man meinen. Angesichts all jener zumindest, die sich wie Verbrecher aufführen und das auch noch mit ihrem Glauben rechtfertigen. Schließlich, so sagen sie, steht das so in den heiligen Schriften und die sind für Gläubige nun mal das Maß der Dinge. In der Tat. Wer bloß die jüdische oder christliche Bibel aufschlägt findet dort alles: Unterdrückung, Ausbeutung, Folter und Mord. So ziemlich alles, was zivilisierte Menschen zu Recht anwidert. Doch weil es da steht heißt das noch lange nicht, dass ich es auch so machen soll. Wer die heiligen Schriften als wortwörtliche Handlungsanweisungen missbraucht, hat in Wahrheit nur wenig von ihnen verstanden. Schließlich stehen dort Geschichten, die oft mehr als 2000 Jahre alt sind. Sie geben eine Ahnung davon, wie Menschen damals gedacht und geglaubt haben. Sie erzählen mir, woher mein Glaube eigentlich kommt und wie er sich über Jahrhunderte weiterentwickelt hat. Zu dem Glauben nämlich, den ich heute habe. Und zu dem gehört für mich, dass Gott mir Vernunft gegeben hat, damit ich sie nutze, so gut ich kann. Ich soll sie mitnichten am Bücherregal abgeben, um das heilige Buch dann wie einen Totschläger zu gebrauchen. Ich soll sie benutzen, um nach dem Sinn fragen. Die alten Texte zum Sprechen zu bringen in meiner Welt des 21. Jahrhunderts. Nur dann können sie mir noch etwas sagen, das auch mit meinem Leben hier und heute etwas zu tun hat. Glauben ohne Vernunft. Für mich geht das gar nicht. Übrigens hat die Bibel das auch schon so gesehen. „Nicht Diener des Buchstabens sollt ihr sein“, heißt es da, „sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ (1 Kor 3)

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Das Leben eines jeden Menschen ist einzigartig und unantastbar, egal woher er kommt und welche Hautfarbe er hat. So will es unser Grundgesetz. Es ist ein Gedanke, der zutiefst vom Christentum inspiriert ist. In Wirklichkeit aber scheint Leben nicht gleich Leben zu sein, zumindest nicht in meiner Wahrnehmung. Als sich in Texas eine Krankenschwester an Ebola infiziert, ist das die Topmeldung der Nachrichten. Von den Vielen, die sich zur selben Zeit in Liberia und Sierra Leone neu infizieren, erfahre ich nichts. Sie bleiben Nummern - solange nur das Virus dort bleibt, wo es ist. Ich nehme erschüttert Anteil am Schicksal des amerikanischen Journalisten, der im Irak vor laufender Kamera ermordet wird. Von den spielenden Kindern, die zur gleichen Zeit in Syrien durch Fassbomben sterben, erfahre ich nichts. Sie sind Zahlen in der Statistik, ohne Namen und ohne Gesicht.

Im Sommer konnte ich in Ruanda die Gedenkstätte für die Opfer des Völkermords vor zwanzig Jahren besuchen. Der letzte Raum der Ausstellung ist den Kindern gewidmet. Ein paar der Kinder werden dort vorgestellt. Stellvertretend für all die Tausenden, die damals ermordet worden sind. Ich sehe ihre Namen und ihre Bilder. Lese von ihren Hobbies, ihren Zukunftsträumen. Und schließlich, wann und wie sie starben. Es ist der Moment, an dem das Leid fassbar wird, weil es das Herz berührt und nicht nur den Verstand. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, heißt es im Ritus der Beerdigung. Das ist weit mehr als eine Floskel. Der Name lässt ein Menschenschicksal konkret werden. Es wäre gut, wenn wir viel öfter Namen erfahren und die Geschichten, die sich mit ihnen verbinden. Aus Syrien und dem Irak. Aus Liberia, Sierra Leone und den vielen Orten, wo das Leiden der Anderen oft nur noch aus Zahlen besteht.

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Nur langsam fließt das kühle Quellwasser aus dem Rohr. Wir stehen in einem grünen Tal, nicht weit entfernt vom wichtigsten Marienheiligtum in Ruanda. Ganz besonderes Wasser sei es, das hier aus der Erde kommt, erzählt mir meine ruandische Begleiterin. Wundersames Wasser. Es habe schon Menschen von schlimmen Krankheiten geheilt. Darum pilgern sie hier hin. Ich höre zu und schweige. Trifft hier afrikanische Wundergläubigkeit auf meine europäische Skepsis?

Dieser Ort, mitten in Afrika, erinnert mich ein wenig an einen Besuch in Lourdes, dem berühmten Wallfahrtsort in Südfrankreich. Wer je dort war, wird die vielen Menschen mit Rollstühlen und Krücken nicht vergessen, die dorthin pilger. Wie sie vor der Grotte verweilen. Wie sie sich das Lourdeswasser, das dort aus einem Felsen kommt, in mitgebrachte Flaschen  abfüllen. Auch ihm werden wundersame Wirkungen zugeschrieben. Gut möglich, dass manche von ihnen wirklich auf ein Wunder hoffen. Doch Wunder geschehen selten. Nur 69 medizinisch unerklärliche Heilungen hat es in Lourdes gegeben, unter Abermillionen von Besuchern in 150 Jahren. Es wäre wie ein Hauptgewinn im Lotto. Die meisten wissen das auch. Trotzdem fahren viele Menschen immer wieder dorthin. Weil es ihnen gut tut, sagen sie. Weil sie zwar nicht geheilt, aber getröstet und bestärkt von dort zurückkommen. Keine großen Wunder, aber viele kleine sind es offenbar, die der Glaube dort wirkt. Und wie es scheint, überall auf der Welt.

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Seit 1000 Jahren gibt es ihn schon, den Tag Allerseelen. Heute, am 2. November wird er gefeiert. Es ist ein Tag, an dem noch immer viele katholische Christen die Friedhöfe besuchen. Sie bringen Blumen und Kerzen mit, stellen sie ab auf den Gräbern ihrer Toten. Doch warum eigentlich? Wenn ich an meine verstorbenen Großeltern denken will, kann ich das schließlich immer und überall tun. Dazu brauche ich diesen Tag nicht. Und auch den Friedhof, den benötige ich dafür genau genommen auch nicht. Schließlich trage ich die Erinnerungen an sie ja in Gedanken mit mir herum.

Trotzdem besuche ich an diesem Tag ihr Grab, wenn es mir möglich ist. Zum einen, weil es mir gut tut, wenn ich einen Ort habe um mich zu erinnern. Einen ganz konkreten Platz, den ich aufsuchen kann. Zum anderen aber auch, weil das Schmücken der Gräber an Allerseelen ein Zeichen der Hoffnung ist, die ich als Christ habe. Die Hoffnung nämlich, dass unsere Verstorbenen nicht einfach weg sind. Begraben und irgendwann vergessen. Dass sie mir im Tod vielmehr vorausgegangen sind in ein anderes Leben bei Gott.

Es gab mal Zeiten, da waren die Friedhöfe noch keine abgeschiedenen Orte. Da tobte dort das Leben. Da wurde gegessen, getrunken und manchmal auch getanzt. Für die Lebenden waren die Toten einfach ein Teil ihres Lebens. Für uns heute kaum noch vorstellbar. Und doch ist ein wenig davon geblieben, heute, am Allerseelentag, an dem sich Menschen begegnen. Auf dem Friedhof nämlich, an den Gräbern ihrer Toten.

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