Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Nichts sei so beständig wie ein Provisorium, heißt es. Auf den Jubilar dieses Tages zumindest trifft das zu, denn heute vor 65 Jahren ist unser Grundgesetz in Kraft getreten. Man hatte es ausdrücklich nicht „Verfassung“ genannt. Deutschland war damals geteilt. Sollten die beiden Teile wieder zusammen kommen, so dachte man sich, dann würde man dem Land eine richtige Verfassung geben. Zusammen sind wir zwar schon lange, aber das Grundgesetz ist immer noch da. Es ist längst unsere gemeinsame Verfassung geworden.

Wunderbare Gedanken lese ich darin: Dass jeder Mensch die gleiche, unverletzliche Würde hat, egal wer er ist, wie er tickt und woher er kommt. Dass die Gesundheit und das Leben jedes Menschen von keinem angetastet werden dürfen. Dass alle vor dem Gesetz gleich sind und keiner bevorzugt oder benachteiligt werden darf. Dass jeder, der hier lebt, denken, glauben und sagen darf, was immer er will und dass jeder seine Religion ohne Einschränkung ausüben kann. Immer vorausgesetzt, er schränkt nicht die Freiheit der Anderen ein. Es sind Gedanken, die zutiefst inspiriert sind vom christlichen Menschenbild.

Mag sein, dass vieles in unserm Alltag nicht immer so funktioniert. Dass wir dem ethischen Ideal dieser Gedanken oft genug hinterher hinken. Entscheidend ist aber, dass das Ideal klar ist, und dass wir hoffentlich nie mehr dahinter zurückfallen. In Verantwortung gegenüber allen Menschen, die hier leben, aber auch gegenüber Gott. Das steht nämlich auch so im Grundgesetz. Ganz am Anfang.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17591

Ist das schön!! Der Satz kommt mir schon mal in den Sinn. Bei einem grandiosen Sonnenaufgang über dem Meer, oder beim morgendlichen Blick über ein nebelverhangenes Tal. Der Anblick grandioser Schönheit geht direkt ins Herz. Klar, Schönheit ist subjektiv. Da empfindet jeder von uns anders. Aber es gibt halt eine Menge Dinge, die doch den Allermeisten von uns gefallen. Grandiose Sonnenaufgänge gehören ganz sicher dazu. Es gebe wohl so etwas wie eine scheinbar sinnlose Schönheit, hat ein Biologe mal gemeint. Im Wesentlichen diene alles in der Natur einem bestimmten Zweck, von der Evolution in Jahrmillionen optimiert. Und dann gibt es da diese Dinge, deren Pracht auf den ersten Blick sinnlos erscheint. Beim Pfau etwa. Um an ein Weibchen heranzukommen reicht anderen Vögeln sehr viel weniger. Warum also diese Überfülle? Es gibt etliche solcher Beispiele in der Natur. Sie kommen sogar in der Bibel vor. Die Lilien etwa, die einfach auf den Feldern wachsen und in ihrer Schönheit großartiger erscheinen als selbst der König. Warum nur? Es geht auch einfacher, weniger aufwändig. Besonders effizient ist das jedenfalls nicht.

Der Gedanke von etwas sinnlos Schönem gefällt mir. Er bedeutet doch, dass auch die Schöpfung nicht nur maximal effizient und zweckrational ist. Dass es da auf den ersten Blick Sinnloses, Überschwängliches, zweckfrei Schönes gibt. Vielleicht hat es ja auch einen tieferen Sinn. Und sei es nur, das Leben angenehmer, schöner machen. Ganz zweckfrei. Einfach so. Einfach schön!

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17590

Was für ein Blödmann! Rentner wahrscheinlich. Kann schon nicht mehr richtig Auto fahren, muss aber ausgerechnet heute Morgen hier rumgurken. Der hält doch den  ganzen Verkehr auf. Ich weiß, das gehört sich gar nicht. Aber solche lästerlichen Gedanken rutschen mir ab und zu trotzdem mal raus. Ein unschönes Etikett für den Anderen ist dann immer ganz schnell vergeben. Ein knallhartes Urteil über Leute, die ich genau genommen gar nicht kenne, nie gesehen habe und meistens auch nie wieder sehen werde. Das kann auch mal die Bedienung im Restaurant sein, die mich nicht freundlich genug begrüßt. Der Behördenmitarbeiter, der mir auf die Nerven geht. Oder eben jener Mensch, der nach meiner Meinung auf der Straße nichts verloren hat, weil er viel zu langsam vor mir her fährt. Das passende Etikett haben sie in meinen Gedanken dann gleich weg.

Vielleicht brauchen wir solche Etiketten ja, um die Welt um uns ein wenig zu sortieren. Allerdings ist die Gefahr dabei ziemlich groß, zum Etikettenschwindler zu werden. Denn wenn ich ehrlich bin, weiß ich über die anderen ja gar nichts. Ich weiß nicht, was sie umtreibt. Warum sie so drauf sind. Warum sie gerade jetzt, hier und heute so handeln. Vielleicht gibt es dafür ja wirklich einen triftigen Grund, den ich bloß nicht kenne.

Wahrscheinlich ist es darum keine schlechte Idee,  diese Art von Etiketten möglichst selten zu vergeben. Mich stattdessen mal über den Busfahrer zu freuen, der hat mich gerade gestern mit einem lächelnden „Guten Morgen“ im Bus empfangen hat. Auch der hat jetzt ein Etikett weg, aber ein ganz anderes.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17589

Wegen Gottes Bodenpersonal. So hat der Linken-Politiker Bodo Ramelow einmal begründet, warum er als junger Mann vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten ist. Er ist damit kein Einzelfall. Wenn andere Menschen unsere Erwartungen enttäuschen, kann das ganz schön ärgerlich sein. Heftige Reaktionen nicht ausgeschlossen. Im schlimmsten Fall sogar bis hin zum totalen Bruch. Enttäuschte Erwartungen sind aber nicht nur ärgerlich, sie können manchmal sogar richtig weh tun. Denn bei Dingen, die mir heilig sind, weil mein Herz daran hängt, da bin ich nun mal besonders verletzlich. Das kann schon die geplatzte Verabredung sein, auf die ich mich so gefreut habe. Und dann vergisst der andere sie einfach. Es kann der eigene Geburtstag sein, zu dem ich auch noch einen Kuchen ins Büro mitbringe. Und der Chef denkt nicht mal daran. Es kann aber eben auch der Pfarrer sein, der mich durch sein Auftreten tief enttäuscht. Womöglich, weil ich mir von einem Vertreter der Kirche einfach mehr und  anderes erhofft und erwartet habe.  Die Tür ist in Bitterkeit und Zorn schnell zugeknallt.

Gut zu wissen, dass man jede Tür irgendwann auch mal wieder öffnen kann. Dann, wenn ich bereit dazu bin, auch dem Anderen nochmal eine Chance zu geben. Vielleicht sogar auf die Gefahr hin, erneut enttäuscht zu werden. Bei dem Politiker Bodo Ramelow zumindest war das so. Vor ein paar Jahren ist der nämlich wieder in die Kirche eingetreten. Und zwar auch diesmal wegen Gottes Bodenpersonal.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17588

100.000 in Syrien, 1 Million in Ruanda. Die ganz genauen Zahlen kennt niemand. Die Zahlen der Menschen, die ums Leben gekommen sind, durch Krieg, Rassenhass, Völkermord. Es sind blanke Horrorzahlen. Doch wenn ich ehrlich bin, macht es für mich tatsächlich einen Unterschied, ob ich da von 100.000 oder einer Million Opfern lese? Es sind Größenordnungen, die selbst beim allerbesten Willen für mich nicht vorstellbar sind. Zahlen wie diese gleichen eher einem gigantischen Gruppenbild. Ein vollbesetztes Olympiastadion etwa, von oben fotografiert. Oder der Blick auf die Zuhörermassen beim letzten Rock am Ring. Ein buntes Meer aus Menschen. Beeindruckend anzusehen, aber wenig konkret.

Leiden muss aber konkret werden, um wirklich anzurühren. Aus dem riesigen Gruppenbild muss erst ein Portrait werden mit einer Geschichte, einem Namen, einem Gesicht. Erst dann wird es für mich wirklich fassbar. Zum Jahrestag des Völkermords in ihrem Land haben die ruandischen Studenten hier in Kaiserslautern zu einem Gedenkabend eingeladen. Die allermeisten von ihnen waren noch kleine Kinder damals, als das Grauen über ihr kleines Land kam. Dennoch tragen etliche von ihnen Erinnerungen mit sich. An jene Verwandte, die heute nicht mehr da sind, weil sie damals Opfer des Massenmordes wurden. An einer Wand des Saals hatten die jungen Leute zwei Tische aufgebaut. Portraitfotos von Angehörigen standen dort, ein Strauß Blumen, brennende Kerzen. Einige wenige von einer Million. Auf diesen Tischen erst wurde das Leiden damals konkret. Es bekam ein Gesicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17587

Wegen Gottes Bodenpersonal. So hat der Linken-Politiker Bodo Ramelow einmal begründet, warum er als junger Mann vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten ist. Er ist damit kein Einzelfall. Wenn andere Menschen unsere Erwartungen enttäuschen, kann das ganz schön ärgerlich sein. Heftige Reaktionen nicht ausgeschlossen. Im schlimmsten Fall sogar bis hin zum totalen Bruch. Enttäuschte Erwartungen sind aber nicht nur ärgerlich, sie können manchmal sogar richtig weh tun. Denn bei Dingen, die mir heilig sind, weil mein Herz daran hängt, da bin ich nun mal besonders verletzlich. Das kann schon die geplatzte Verabredung sein, auf die ich mich so gefreut habe. Und dann vergisst der andere sie einfach. Es kann der eigene Geburtstag sein, zu dem ich auch noch einen Kuchen ins Büro mitbringe. Und der Chef denkt nicht mal daran. Es kann aber eben auch der Pfarrer sein, der mich durch sein Auftreten tief enttäuscht. Womöglich, weil ich mir von einem Vertreter der Kirche einfach mehr und  anderes erhofft und erwartet habe.  Die Tür ist in Bitterkeit und Zorn schnell zugeknallt.

Gut zu wissen, dass man jede Tür irgendwann auch mal wieder öffnen kann. Dann, wenn ich bereit dazu bin, auch dem Anderen nochmal eine Chance zu geben. Vielleicht sogar auf die Gefahr hin, erneut enttäuscht zu werden. Bei dem Politiker Bodo Ramelow zumindest war das so. Vor ein paar Jahren ist der nämlich wieder in die Kirche eingetreten. Und zwar auch diesmal wegen Gottes Bodenpersonal.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17586

Im Anzug oder dem schicken Cocktailkleid stehen sie da, mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht. In der Hand ihre Abiturzeugnisse. Vor wenigen Wochen ist hier in Rheinland-Pfalz die Schulzeit für sie zu Ende gegangen. Julia ist dabei, die nun davon träumt, Ärztin zu werden. Laura, die den Schritt auf die Opernbühne wagen möchte. Oder Kathrin, die so gern Meeresbiologin werden will. Große Träume, so, wie sie alle haben, die nun dort stehen. Ob sie in Erfüllung gehen?

Herr Winter, der sie als Lehrer durch ihre Schulzeit begleitet hat, wird in wenigen Monaten in den Ruhestand gehen. Unzählige Abiturienten hat er verabschiedet in all den Jahren. Bei Einigen hat er auch verfolgen dürfen, wie es weiterging. So manchen Traum hat er in dieser Zeit platzen sehen wie eine Seifenblase. Hat miterlebt, dass die Lebenswege seiner Schüler oft ganz anders verliefen als im großen Traum geplant. Verschlungener, gar nicht gradlinig und dabei nicht immer zum Schlechteren. Genau das hat er ihnen zum Abschied dann noch einmal mit auf den Weg gegeben. Dass die Träume ganz wichtig sind im Leben. Als Leuchttürme, als Ziele, auf die hin sich zu leben und zu arbeiten lohnt. Dass es da aber etwas gibt, das noch wichtiger ist. Bei all dem trotzdem offen zu bleiben für das Leben, das einem ja bekanntlich widerfährt, während man noch dabei ist, große Pläne zu machen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17585