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SWR3 Gedanken

Morgen ist ein neuer Tag. Mit dem Satz hat uns ein Nachrichtenmoderator jahrelang jeden Abend in die Nacht verabschiedet. Der Satz mag ja vielleicht banal klingen, doch ich finde ihn trotzdem immer ganz passend. Weil er den Blick eben noch nicht auf morgen, übermorgen oder das nächste Jahr richtet, sondern noch ganz bewusst beim Heute bleibt. Bei diesem konkreten Tag. Bei all dem, was da ist und war. Alles weitere kommt sowieso von selbst! In der Bibel heißt das: „Sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage“ (Mt 6,34). Andersherum gesagt: Schaut lieber wach auf diesen Tag. Denn heute wird gelebt, geliebt und auch gelitten. Und das ist es, was in diesem Moment einzig zählt. Das ist es, was jetzt wichtig ist. Damit ist überhaupt nicht gesagt, dass ich besser völlig in den Tag hineinleben soll. Dass ich nichts mehr planen, meine Arbeit nicht vorbereiten oder für mich selber vorsorgen soll. Es heißt nur, dass ich über all diesen superwichtigen Dingen, die ich zu erledigen habe, das Heute nicht übersehe und in Gedanken längst woanders bin. So, dass mir die gedrückte Stimmung meiner Mitarbeiterin gar nicht mehr auffällt. Der Stolz, mit dem mir meine Tochter von der gelungenen Kursarbeit erzählt, oder die liebevolle Bemerkung meiner Frau, bevor sie heute Morgen zur Arbeit ging. All das ist nämlich auch wichtig, und zwar heute. In diesem Moment! Alles andere kann warten, denn morgen ist ja wieder ein neuer Tag.

 

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Heute ist ein guter Tag um besonders an Tom und Laura zu denken. Die beiden erleben nämlich gerade die erste große Liebe ihres Lebens mit allem, was dazu gehört. Mit Schmetterlingen im Bauch. Mit vielen Fragen. Mit Glücksgefühlen und manchmal auch mit Frust, wenn es mal nicht so rund läuft zwischen ihnen. Und vielleicht werden sie sich etwas schenken, so wie viele andere auch. Heute, am Valentinstag.

Ich glaube kaum, dass sie etwas von dem alten Bischof wissen, der vor weit über 1000 Jahren diesem Tag seinen Namen gegeben hat und der eher zufällig zum Schutzpatron der Liebenden wurde. Tom und Laura mag das alles heute reichlich egal sein. Und doch könnten sie es cool finden, dass es da so etwas wie einen himmlischen Schutzpatron für ihre Liebe geben soll. Weil ihnen natürlich dämmert, dass die Liebe nicht nur so ein kribbelndes Gefühl bleiben wird. Dass sie in Wirklichkeit viel mehr ausmacht und auch dann ja noch tragen soll, wenn es mal richtig dicke kommt. Ja, dass es sogar mal richtig mühsam werden könnte mit der Liebe. Schon in guten, aber ganz besonders in den schlechten Tagen. „Die Liebe ist langmütig und gütig. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem Stand“, hat der Apostel Paulus mal geschrieben. Verdammt große Worte sind das.  Sie auch in schweren Zeiten zu leben, kann aufreibend sein und trotzdem unglaublich beglückend. Gut, wenn ich mich dann gestützt und getragen weiß. Nicht nur von Menschen, sondern auch vom Himmel. Zu lieben und sich geliebt zu wissen, das ist wie ein Vorgeschmack des Himmels. Tom und Laura würden da ganz sicher zustimmen.

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„In der Freiheit der Kinder Gottes sollst du leben“. Wer getauft wird, bekommt diesen schönen Satz mit auf den Weg gegeben. Wenn Freiheit aber mehr als ein frommer Wunsch sein soll, muss sie konkret werden. Lisa, eine junge Studentin, habe ich beim Auswahlgespräch für eine kirchliche Begabtenförderung kennengelernt. Sie hatte sich um ein Stipendium beworben. Lisa kommt aus einem kleinen Dorf im bayrischen Wald. Ihr Vater ist Handwerker, ihre Mutter Hausfrau. Studiert hat bisher keiner aus ihrer Familie. Nach der Grundschule wollte Lisa unbedingt aufs Gymnasium. Doch ihre Eltern konnten das überhaupt nicht verstehen. Ihre Noten waren hervorragend, aber die Mädchen aus ihrem Dorf gingen nun mal auf die nahe Realschule. Also kam auch Lisa dorthin. Mädchen brauchen nicht unbedingt ein Abitur, sagte man ihr. Ihre Noten blieben gut, aber ihre Eltern konnten noch immer nicht verstehen, was ihre Tochter antrieb. Unterstützt von einem ihrer Lehrer erstritt sie sich von ihnen dann die Erlaubnis, in die Stadt gehen zu dürfen, aufs Gymnasium. Die Eltern willigten widerstrebend ein. Ihr Abitur machte sie als eine der Besten und studiert nun an der Universität. Ich wollte das einfach unbedingt, sagt sie. Raus aus meinem Dorf. Frei werden und mehr lernen können. Es war Lisas ganz eigener Traum vom Leben. Von ihrem Leben! Die Freiheit, ihn auch leben zu dürfen, hat sie sich erkämpfen müssen. Gegen Unverständnis und eingefahrene Traditionen. Das Stipendium, um das sie sich beworben hatte, hat sie am Ende unseres Tages auch bekommen. Und ihre Eltern, die Lisa über alles liebt? Die sind nun sogar stolz auf ihre begabte Tochter.

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Viel Glück. Wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich das zu jemandem sage? Ein schneller, gut gemeinter Wunsch: Viel Glück. Wahrscheinlich ist mir in dem Moment selber nicht immer so klar, was genau ich damit meine. Glück ist halt ziemlich individuell. Für jeden Menschen heißt es etwas Anderes. Möglich sogar, dass es heute etwas Anderes bedeuten kann als noch vor einem Monat. Viel Glück! Das kann die Bestärkung vor einer Prüfung sein aber auch eine Aufmunterung vor dem Gang ins Krankenhaus. Oder vielleicht der gut gemeinte Zuspruch zum Beginn eines neuen Jobs. Hab Glück mit dem, was dich dort erwartet.

Nur eines, dass meine ich bei diesen zwei Worten eigentlich nie: Das angeblich ganz große Glück. Die große, stürmische Liebe, den ganz großen Geldsegen und was da sonst noch in unseren Träumen herumschwirren mag. Weil es in Wirklichkeit so selten vorkommt. Und weil ich beim ständigen Warten auf das ganz große so viel vom kleinen Glück verpassen kann. Denn das Glück kommt ja viel öfter nur in kleinen Dosen. Glück, das kann für mich zum Beispiel  die Erleichterung sein, wenn nach einer konzentrierten Arbeit die Anspannung von mir abfällt. Das Aufatmen nach dem Check beim Arzt, wenn alles in Ordnung ist. Oder auch, wenn mir ein Musikstück nach wochenlangem, frustrierendem Üben zum ersten Mal fehlerfrei gelingt. Dann kommt es nur noch darauf an, dieses kleine Glück auch zu spüren und auszukosten. Es nicht achtlos vorbeiziehen zu lassen, weil ich in Gedanken schon wieder beim nächsten Projekt bin. In diesem Sinne wünsche ich ihnen für heute Viel Glück.

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Hier erfahren sie, wie sie sich selber zu einer „wertvollen und interessanten Marke“ machen. Der Titel des Kurses, zu dem ich da eingeladen werde, macht mich stutzig. Mich zu einer Marke machen? Geht’s noch? Das Bild von verschiedenen Kaffeepackungen im Supermarkt kommt mir in den Sinn: Mild, sanft, anregend, charaktervoll. Ich also als Marke, die ich dann anpreisen kann? Am besten noch mit Markenlogo und Markenidentität. Nein, mein Ding ist das nicht, und dennoch weiß ich, dass es oft so läuft. Wenn es um den Studienplatz geht, den Traumjob, oder die erhoffte Position im Unternehmen. Überall, wo schnell aussortiert werden muss. Wo der im Vorteil ist, der sich in minimaler Zeit maximal interessant präsentieren kann. Schaut alle her, hier bin ich. Mit mir bekommt ihr sie, die wertvolle und interessante Marke. Eine Art Firmenetikett meiner Ich-AG, das gleich signalisiert: Der Typ taugt was. Fast wie beim Kaffee: Der ist mild, sanft, anregend oder charaktervoll.

Nein, Marketingsprache für Menschen finde ich einfach irgendwie daneben. Wir sind gottlob kein Päckchen Kaffee. Wir sind unendlich komplexer, spannender und viel geheimnisvoller. Einfach deshalb, weil wir Menschen sind. Und darum wird es auch immer spannend bleiben, sich mit einem von uns einzulassen. Schließlich hält selbst der Mitarbeiter, den ich seit Jahren zu kennen meine, immer noch Überraschungen für mich bereit.

Den besten Kaffee übrigens habe ich nicht unter den bekannten Marken gefunden, sondern in einer kleinen Rösterei in unserer Stadt. Er ist auch nicht herausgeputzt, sondern steckt in einer schmucklosen Papiertüte. Auf den Inhalt kommt es eben an.

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95 Jahre alt ist unsere Nachbarin geworden. Vor kurzem ist sie gestorben. Lange, fast bis zum Ende, war sie noch fit, ging selber einkaufen, hielt Haus und Bürgersteig in Ordnung. Am Ende ging dann alles sehr schnell. Da war es wohl wie bei einer Sanduhr, der man beim Ablaufen zuschaut. Irgendwann rutscht eben das letzte Körnchen durch das Stundenglas und ein langes Leben geht zu Ende.

Die Bibel hat ein wunderbares Wort geprägt, das mir bei solchen Geschichten immer wieder einfällt. Lebenssatt sei dieser Mensch gestorben, satt an Jahren, heißt es da (Gen 25,8). In einer Gesellschaft wie jener, von der uns die Bibel erzählt, war es ja nicht unbedingt selbstverständlich, jeden Tag satt zu sein. Satt sein zu dürfen ist ein Geschenk, etwas Großartiges. Wenn einer dann lebenssatt gehen darf, dann heißt das doch wohl, dass das Leben diesen Menschen satt gemacht hat. Dass er von allem etwas mitbekommen hat. Alles, was ein langes Leben so auf Lager hat. Höhen und Tiefen, Freude und Leid, und möglichst alles in erträglichen Maßen. Ich weiß, dass es meiner Nachbarin in ihrem langen Leben tatsächlich so ergangen ist. Sie hat zwei Weltkriege und schmerzhafte Verluste erleiden müssen. Aber auch eine lange Ehe erleben dürfen und ein gesundes, erfülltes Alter. Am Ende hat alles wohl irgendwie zusammen gepasst. Das Leben hat sie satt gemacht. Und 95 muss man dazu vielleicht gar nicht unbedingt werden. Lebenssatt. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann, dass ich das eines Tages auch mal von meinem Leben sagen kann.

 

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Ist Beten für Sie nicht auch Arbeit? Ein Gast im Kloster fragte das mal einen Mönch, mit dem ich schon lange befreundet bin. Mein Freund hat das natürlich verneint, aber die Frage hat mich schon verblüfft. So hatte ich das noch nie gesehen. Wenn ich nämlich ab und zu ein paar Tage im Kloster verbringe, dann genieße ich sie, die regelmäßigen Gebetszeiten. Ich genieße es, einzutauchen in den Lebensrhythmus der Mönche. In die geordnete Struktur von Arbeits- und  Gebetszeiten. Diese Struktur hat sich der Ordensgründer Benedikt schon vor 1500 Jahren für seine Gemeinschaft ausgedacht und wenn ich dort bin merke ich immer wieder: Sie tut auch mir gut.

Daheim wird mir jedoch schnell klar, dass ich nun mal kein Mönch bin. Da wird es schnell zum Problem, wenn man Familie, Job und ein halbwegs regelmäßiges Gebet unter einen Hut bringen will. Ich weiß, dass es auch meinem Freund, dem Mönch, manchmal so geht. An Tagen, an denen er besonders viel zu tun hat. Zum Glück aber war der heilige Benedikt ein ganz guter Menschenkenner. „Bete und arbeite“, so lässt sich das Wesentliche seiner Regel in drei Worten zusammenfassen. Doch fein säuberlich getrennt hat er sich das gar nicht gedacht. Idealerweise sollte nämlich auch die Arbeit der Mönche eine Form des Gebets sein. Beten als ein In-Kontakt-Bleiben mit Gott, den ganzen Tag über. Dazu muss man nicht unbedingt still und andächtig in einer Kirche sitzen und Psalmen murmeln. Das geht auch bei der Arbeit. Die besonderen Gebetszeiten machen aber trotzdem Sinn. Als ganz bewusste Unterbrechung und als Sammlung, die dem Tag eben diese wohltuende Struktur gibt. So gesehen kann also auch die Arbeit eine Art Gebet sein und Beten manchmal eben auch Arbeit.

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