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SWR3 Gedanken

Meine Frau und ich sind die absoluten Herrscher. Jedenfalls in unserer Familie. Wir machen die Gesetze, wir vollziehen die Gesetze und wir werden angerufen, wenn es zu Unregelmäßigkeiten kommt.
Unsere Kinder, 2 und 4 Jahre alt, nehmen das täglich in Anspruch. Mehrmals am Tag muss ein Streit geschlichtet werden. Meistens war der Ausgangspunkt eine Art begangener oder versuchter Diebstahl. Der eine wollte das haben, was die andere gerade hat.
Und dann kommt es zur Verhandlung, mit Ankläger und Beschuldigtem. Im Zweifel kommt noch eine lautstarke Klage wegen Körperverletzung dazu, die im Grunde unstrittig ist, weil sie vor den Augen des Gerichts- also uns- stattgefunden hat.
Gerechtigkeit herzustellen ist eine schwierige Sache. Aber aus der Frage raus stehlen kann man sich auch nicht. Gerechtigkeit muss man  Kindern auch beibringen. Und Gerechtigkeit kann nur bestehen, wenn man sich selbst dran hält.
Vielleicht ist das auch das wichtigste an der Sache, in der Familie. Aber wahrscheinlich nicht nur dort: Dass man sich beim Thema Gerechtigkeit selbst dran hält. Weil sonst alles und vor allem die ganze Glaubwürdigkeit zusammenfällt. „Gerechtigkeit soll strömen, wie ein nie versiegender Bach" heißt es in der Bibel. Und der Bach hat wohl seinen Ursprung bei jedem einzelnen. Gerechtigkeit zu üben ist wichtig, für die gute Stimmung in der Familie und für die eigene Glaubwürdigkeit. Wer keine Gerechtigkeit übt, und nicht bei sich selbst anfängt, der ist nicht mehr glaubhaft. Und Kinder merken das schnell. So schnell, dass auch vermeidliche Alleinherrscher irgendwann gestürzt werden.

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Gundula ist eine Alte. Jedenfalls in den Augen der Jugendlichen, weil Gundula schon in Rente ist und gerne Kirchenlieder singt. Und Gundula ist sehr beliebt bei den Jugendlichen.
Sie arbeitet nämlich ehrenamtlich beim Junior-Schüler-Methodenprogramm mit und zeigt da den Jugendlichen, wie sie zum Beispiel jüngeren Kindern ein Gruppenspiel erklären können und worauf sie achten müssen, wenn sie die Regeln erklären. Sie motiviert die Jugendlichen, und bringt ihnen bei, vor einer größeren Gruppe stehen und reden zu können ohne dabei rot zu werden oder das Kichern anzufragen. Manchmal nicht einfach für 14jährige.  
Gundula mag auch die Jugendlichen. Sie lacht viel bei ihren Treffen, dabei hüpfen ihre blonden Locken. Dass sie selbst nicht mehr die Jüngste ist, merkt sie an der „schaurigen Musik", die die Kids hören und manchmal findet sie sie einfach zu laut und zu frech. Aber wenn es sein muss, dann greift Gundula auch durch!
Aber, wie gesagt: Die Kinder mögen Gundula und hören ihr gerne zu, wenn sie erzählt. Von sich und wie es für sie früher war oder wie es für sie jetzt als Frau ist, die sich - wie man heute sagt - in der dritten Lebensphase befinden. Das finden die Jugendlichen nämlich auch interessant.
Ich lerne daraus, dass die Alten den Jungen etwas zu sagen haben. Und ich habe den Eindruck, das tut beiden gut und beide lernen etwas. Die Jungen bekommen etwas von der Lebenserfahrung der Alten mit. Und die Alten lernen, dass sie noch etwas weiterzugeben haben, dass sie gebraucht werden und zwar mit dem was sie haben. Da muss sie sich nicht verstellen. Kirchenlieder singt Gundula immer noch gern und ist trotzdem bei den Jugendlichen beliebt.

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Céline hat alles und sie hat alles erreicht. Nach einer Scheidung lebt sie wieder glücklich mit einem Mann zusammen. Ihre beiden Kinder sind schon fast aus dem Haus - und beruflich hat sie sich etabliert. Keine Selbstverständlichkeit für jemanden, der selbständig ist. Da muss man viel tun. Gut muss man sein - nein, besser als die anderen.
Celine ist besser als die anderen. Manche meinen, sie will die Konkurrenz abhängen. Aber das stimmt nicht. Sie will einfach für sich gut sein. Halbe Sachen kann sie nicht leiden. Wenn sie was macht, dann macht sie es richtig. Das hört sich vernünftig an, ist für Celine allerdings oft eine Falle. Weil sie nicht loslassen kann. Die Probleme nimmt sie mit nach Hause und arbeitet bis in die Nacht. Die Kunden merken nichts davon. Und auch nicht davon, dass Celine manchmal auf dem Zahnfleisch kriecht.
 „Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz", das ist das Motto der Fastenaktion der Evangelischen Kirche und ich würde es meiner Celine und allen andern Celines der Welt gerne ans Herz legen. Sieben Wochen mal ausprobieren, wie das ist, wenn man nicht 120 Prozent gibt, sondern nur 100% oder sogar nur 90%!
Denn wer Celine kennt weiß: Auch wenn sie weniger machen würde, wäre sie noch lange gut genug! Für ihren Job, für ihre Familie und für ihre Freunde Und vielleicht hätte Celine dann mit weniger mehr erreicht. Gelassenheit und Zutrauen in die Situation, in andere und in sich.

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Vor fast 30 Jahren haben evangelische Christen das Fasten wieder entdeckt. Sie haben sich unter dem Motto „Sieben Wochen ohne" zusammengetan. Auch ich bin schon früh, als Jugendlicher mit dem Fasten in Berührung gekommen, habe auf Schokolade verzichtet und alles was süß war.
Bei meinen Freunden erntete ich kein Verständnis. Stundenlang haben wir darüber diskutiert, warum denn Fasten und Verzichten gut sein soll. Eigentlich wollte ich ja erstmal nur herausfinden, ob ich das schaffe. Sieben Wochen ohne Schoki! Das war für meine Freunde seltsam: Wozu das alles? Und einmal sagte mir mein Freund während einer Diskussion: Ich kann nicht glauben, dass Gott das will und dass er das verlangt, dass wir für ihn etwas aufgeben und etwas opfern.
Stimmt, habe ich gedacht, das ist mir auch ein fremder Gedanke: Dass Gott ein Opfer von mir verlangen würde, damit er mich vielleicht liebt. Ich gebe zu, das hat mich nachdenklich gemacht. Warum also Fasten?
Heute sage ich: Nicht für Gott, sondern für mich! Um mich kennenzulernen. Fasten dient dazu, Zeit für sich selbst zu haben und sich nicht ablenken zu lassen von den vielen Dingen, die man hat. „Sieben Wochen ohne!" Heißt auf der anderen Seite „Sieben Wochen mit mir und der Frage, was ist mir eigentlich wichtig im Leben". Und das hat dann aber auch was mit meiner Beziehung zu Gott zu tun.
So gesehen ist die Fastenzeit für mich eine reichhaltige Zeit und ich bin froh, dass auch evangelische Christen diese Zeit wieder entdeckt haben.

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Ein Schotte hat Erdbeeren gekauft. Zuhause betteln die Kinder danach. Widerwillig gibt der Schotte jedem Kind nur eine einzige Erdbeere mit dem Kommentar: "Die eine muss reichen. Die anderen schmecken genauso!" - Tata Tata -
Schottische oder auch schwäbische Sparsamkeit und Fasnet, wie man bei uns sagt, das passt nicht so recht. In der Fasnet geht es verschwenderisch zu, da regnet es Kamellen. Da treiben es die Leute ziemlich bunt und es ist laut. Der Schotte hätte da lieber seine Ruhe. Ganz für sich allein die Erdbeeren essen, das wünscht er sich, der sparsame Schotte.
Lieber nichts rausgeben. Höchstens eine Erdbeere, für den Geschmack!
Aber: Wer will schon eine Erdbeere essen, nur um sich vorzustellen, dass die anderen genauso schmecken? Von Leben und Liebe will man auch mehr als ein Versucherle haben. Zu Recht. Dann lieber den Geiz sparen! Und Erdbeeren für alle! Oder jetzt im Februar doch lieber- Bonbons für alle.. Miteinander feiern und tanzen und essen und trinken. Alles eben was zu einem gelungenen Fest oder einem gelungenen Abend gehört. Eben ganz viel von dem, was das Leben schön und lecker macht.
Jesus war ja auch kein Kind von Traurigkeit. Und er wollte nie, etwas für sich allein haben. Auch wollte er nicht, dass man seinen Besitz immer wieder neidisch verteidigt. Im Gegenteil: Immer wieder hat er die Leute dazu animiert, zusammen zu essen und zu feiern und das Leben mit allen was dazugehört auszukosten.
Morgen, am Aschermittwoch, ist alles vorbei, heißt es. Jetzt also nochmal so richtig Erdbeeren essen. Vielleicht bietet danach das Leben ja nur noch ganz karge Kost. Gut, wenn man sich da hin und wieder über die Lippen lecken kann und etwas von der Süße der Erdbeeren schmeckt, die man einmal in Hülle und Fülle genossen hat.

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Wenn ich als evangelischer Pfarrer heute was zum Rosenmontag und zum Fasching, Karneval oder zur Fasnet sage, kann ich wahrscheinlich nur Fehler machen.
Das närrische Treiben ist katholisch und dem protestantischem Geist fremd.
Für alle Evangelischen, die in einer Fasnachtshochburg wie Mainz oder Köln leben mag das anders sein, ich lebe in Schwaben in einer stockevangelischen Gegend. Da gibt es nichts zu lachen. Jedenfalls nicht auf Kommando wie in der Fasnet!
Und überhaupt: Diese verordnete Lustigkeit! Das ganze Jahr war traurig und dann soll plötzlich alles lustig sein und hinter jeder Ecke lauter ein dreifach donnerndes Ufftäää! Hinzu kommt: nach ein paar Tagen ist alles wieder vorbei. Dann werden die Narrenkappen wieder in den Schrank gelegt. Aus Prinz Manfred I wird wieder ein Sparkassenangestellter und aus Prinzessin Claudia III die Sekretärin im Autohaus. Nach ein paar Tagen - von mir aus auch Wochen - der Ausgelassenheit kommt rumsdiebums der  Alltag. Gerade war noch die Lustigkeit verordnet, gilt jetzt wieder der Ernst des Lebens.
Wobei, zum Stichwort „verordneten Lustigkeit" fällt mir als Pfarrer sogar eine Stelle aus der Bibel ein. Im Buch „Prediger" gibt es eine berühmte Stelle, in der heißt es: Alles hat seine Zeit! Traurigsein hat seine Zeit und Lachen hat seine Zeit! Wer also Spaß am Fasching hat und den Drang hat jetzt zu feiern, für den ist jetzt eben die Zeit dafür.
Also denn: Lass ich halt den Pfarrer Pfarrer sein und setz mir ne Pappnase auf. Ist wahrscheinlich nicht besonders lustig, aber wenigstens biblisch! Alles hat seine Zeit. Jetzt eben das Lachen: Helau, Alaf, und AMEN.

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Dass eine dreizehnjährige Konfirmandin mich trösten würde, hätte ich nicht gedacht.
Und dabei war ich ganz schön niedergeschlagen. Man hat mir nämlich gesagt, was ich schon wusste. Ich würde immer mal wieder zu spät kommen. Außerdem hätte ich im Gottesdienst mal etwas verschusselt. Das kann ich schon nachvollziehen, aber wie es zu mir gesagt wurde, hat mich verletzt. Die Worte waren verletzend und außerdem lief alles anonym ab. Das hat mich noch hilfloser gemacht.
Das hat mich alles mitgenommen, mehr als ich gedacht hatte. Ich stand völlig neben mir. Zum Konfirmandenunterricht hatte ich auf jeden Fall keine Lust mehr.
Tja, und dann kam meine Konfirmandin Sara. Sie sollte diesmal etwas aus der Bibel herauszusuchen, und den anderen vorlesen.
Sie hat sich einen Vers aus einem Psalm herausgesucht und las dann also vor: "Ich höre, wie sie über mich tuscheln; von allen Seiten bin ich bedroht. Sie stecken ihre Köpfe zusammen und überlegen, wie sie mich zur Strecke bringen. Doch ich verlasse mich auf dich! Du, HERR, du bist und bleibst mein Gott! "
Das war, wie für mich gemacht in dem Moment. Und es hat mich wieder aus meiner schlechten Laune raus geholt. Einfach nur diese Worte.
Sara hat das nicht absichtlich gemacht, aber es war schön und hat gut getan. Und: Sara hat damit etwas gemacht, was Martin Luther dann „Priestertum aller Gläubigen" nennen. Sie hat mich mit den Worten, die sie ausgesucht hat getröstet. Sie hat mir Gott nahe gebracht, eine Aufgabe die früher eben Priestern vorbehalten war. Danke Sara!

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