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SWR3 Gedanken

Ein Schrei, ein Scheppern, ScherbenKlirren - ich renne ins Bad: da steht die kleinste vor den Resten ihrer Hyazinthe im einstmals roten Blumenglas.
Aus dem Zorngeheul bekomme ich heraus, dass sie selbst die Pflanze von der Ablage geworfen hat. Aus Wut. Aus Wut darüber, dass sie schon verblüht und „nicht mehr schön" war.
Die ältere Schwester hilft beim Scherbensammeln und erklärt: „die ist nur für jetzt nicht mehr schön. Aber wenn wir die Blumenzwiebel in die Erde machen, blüht sie nächstes Jahr wieder. Ganz schön!"
„Warum?" schluchzt die Kleine.
„Weil das halt so ist." Amelie wird ganz energisch, „Die Blume hat jetzt ihre Kraft verbraucht. Sie ist erst mal  tot. Deshalb muss sie in die Erde."
„Wie Opa?"
„Ja, nur ohne Sarg. Und nächstes Jahr kannst du im Garten gucken, ob sie wieder lebendig ist."
„Der Opa auch?"
Die große Schwester schaut mich verzweifelt an und versucht eine Antwort: „Nein der Opa kann nicht blühen, der ist ja keine Blume."
„Ach so", schnieft die kleine Schwester. Dann fällt ihr noch was ein.
„Und Jesus? Der ist auch manchmal tot und dann wieder nicht."
Amelie gibt nicht auf. „Na ja, irgendwie schon - aber nee, der war nur einmal kurz tot. Und jetzt lebt er immer."
Ich will Amelie aus der Klemme helfen: „los, wir gehen jetzt runter und graben die Hyazinthenzwiebeln ein."
„Ok", sagt die kleine Schwester, „dann kann der Opa dem Jesus helfen, dass sie blühen."

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Auf meinem Schreibtisch steht eine kleine hölzerne Babuschka. So eine, die man in der Mitte öffnen kann, und dann noch viele weitere immer noch kleinere Babuschki entdeckt.
Ich habe sie von einer russischen Frauengruppe geschenkt bekommen. Immer mal wieder packe ich sie alle aus und staple sie sorgfältig wieder ineinander.
Ein Spielzeug, ein Zeitvertreib - und irgendwie auch ein Gleichnis dafür, wie das Leben sich so entwickelt.
Wenn ich mein Leben anschaue, habe ich mich schon etliche Male neu ausgepackt, habe versucht, mich sozusagen neu zu erfinden.
Jedesmal ging es darum herauszufinden, was wirklich zu mir gehört, und was ich in Zukunft nicht mehr brauche, um ich zu sein. Beruhigend zu entdecken, dass es Dinge gibt, die kontinuierlich zu mir gehören. So fühle ich mich zum Beispiel noch im größten Umbruchschaos von Gott begleitet, ja umhüllt. Und ganz egal, wie ich mein Aussehen verändere, modisch oder körperlich, ich erkenne mich im Spiegel untrüglich wieder.
Und doch lasse ich Stufe für Stufe auch etwas zurück. Tricks und Ausreden, die ausgedient haben, weil ich mit der Zeit besser weiß, was ich kann und was nicht. Unsicherheiten und Überreaktionen, die ich kenne und endlich überwunden habe.
Ganz am Ende dieses Lebensprozesses stehe ich hoffentlich irgendwann da wie eine geläuterte kompakte und glückliche Babuschka. Wie die kleinste russische Puppe auf meinem Schreibtisch. Die mir übrigens manchmal einen Bibelspruch zuflüstert „Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir. Ich stärke dich, ich helfe dir auch".
Also gut, Gott, denke ich, mal schauen, was ich noch  abgeben kann....

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„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" dieser Spruch klingt erst mal wie Werbung für ein Diätprodukt rechtzeitig vor Beginn der Bikinisaison.  Tatsächlich aber sagt das Jesus zum Teufel. Als der ihn dazu bringen will, das Fasten aufzugeben. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", sagt Jesus und fährt fort: „sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht." (Mt 4,4)
Was könnte das sein, diese anscheinend so nährenden Worte, die uns das Butterbrot vergessen lassen? Schlag nach in der Bibel, würde Jesus  sagen. Sie ist nämlich voll davon. Voller Psalmen, Erzählungen, Zuspruch und Segen. Die Bibel sagt uns auf viele verschiedene Weisen, dass wir nicht alleine sind. Dass Gott uns trägt und begleitet.
Aber natürlich beschränkt sich Gottes Wort nicht auf die Bibel. In Liedern, die wir singen oder hören, in Bildern, die wir anschauen oder vielleicht malen, spüre ich manchmal ganz unmittelbar, dass mich Gott trägt, begleitet, nährt. Ja, auch die guten Worte von Freunden oder die Natur selbst vermitteln mir diese Nähe zu Gott.
Was mich betrifft: ich brauche diese „Worte" so sehr wie das tägliche Brot. Und ich glaube, dass es vielen anderen auch so geht. Gottes Wort in seinen vielen Facetten erdet, nährt, trägt uns und gibt unserer Seele einen Ansprechpartner. In Fastenzeiten und an Festtagen.

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Fellflusen von der Katze in jeder Ecke. Unter dem Teppich vereinen sich Tannennadeln mit Plätzchenkrümeln. Schmierige Kinderhände haben Spuren an Türen und Wänden hinterlassen. Die Fensterscheiben lassen die Sonne nur streifenweise durch. Ich muss nicht lange überlegen: Zeit für den Frühjahrsputz.
Was in den Wintermonaten gemütlich schien und irgendwie heimelig, passt nun mehr zum Drang nach Licht und Luft und Draußen.
Und mit jedem Zimmer, jedem Regalbrett, das ich von Staub und Schmutz befreie, fühle ich mich leichter, luftiger. Ich freue mich plötzlich wieder an meiner Wohnung, an den Büchern, den Bildern, dem Blick nach draußen und den Vasen und Gläsern, in denen sich das Licht brechen kann.
Das Frühjahr mit seinen neuen Lebensimpulsen hat endlich Platz bei mir Zuhause. Ich habe Raum geschaffen.
In meiner Wohnung und dabei auch in mir selbst. Beim Aufräumen und Putzen überträgt sich offensichtlich die körperliche Tätigkeit auf das Innenleben.
Mein heimlicher Groll über die Freundin, die sich Weihnachten nicht gemeldet hat, ist verflogen; ich werde sie anrufen. Meine gemischten Gefühle gegenüber den Kindern, die langsam pubertär und nicht nur süß sind, haben einer großen Neugier Platz gemacht: wie werden sie sich entwickeln? s Jahr machen. Meine Unlust angesichts der neuen Projekte, die beruflich anstehen, wird verdrängt von einer großen Zuversicht: ich bin ja nicht allein, ich schaff das schon.
Insofern passt der Frühjahrsputz zur Fastenzeit: sieben Wochen, in denen ich mich neu ausrichte, mich von dem löse, was mich bitter, unbeweglich, unversöhnlich macht. So durchgeputzt kann an Ostern dann wirklich alles neu werden.

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Die Frau klingt unsicher beim Erzählen. Ihr Vater ist vor wenigen Tagen verstorben, alt und hochbetagt und dement, sein Tod kam nicht überraschend. Überraschend war etwas ganz anderes: „eines Morgens", erzählt die Tochter, „wollte ich meinen Vater im Pflegeheim besuchen. Aber er war nicht in seinem Zimmer und das Bett war unberührt. Besorgt suchte ich den Pfleger und fragte, was mit meinem Vater geschehen sei.
‚Ach', sagte der, ‚schauen Sie doch mal bei Frau soundso im Zimmer nebenan'. Und dort war er tatsächlich, in enger Umarmung mit einer anderen Pflegeheimbewohnerinnen. Mein Vater! Mit 82. Und dement war er doch auch."
Sie weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Zögernd erzählt sie dann von der merkwürdigen Erfahrung den hinfälligen Vater noch einmal in einer solchen Rolle zu erleben. Als Liebhaber, der händchenhaltend mit seiner späten Freundin den Kaffee aus dem Schnabelbecher schlürft. Als gebrechlicher Alter, dem der Pflegedienst die Medikamente verabreichen muss. Als Vater, der immer mal wieder vergisst, dass er eine Tochter hat. Als Demenzkranker, der seine letzten Tage genießt wie einen einzigen blühenden Frühlingstag.
Dieser Eindruck ist der stärkste und macht es der Tochter am Ende leichter. Für die Trauerfeier hat sie ein besonderes Gotteswort ausgesucht: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?"
Die Tochter hat erlebt, wie dieses Neue schon in den letzten Lebenstagen ihres Vaters angefangen hat. Neues mitten im Alten!

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Geschafft! Der Winter ist vorbei. Zumindest steht das so im Kalender. 21. März, Frühlingsanfang. Punkt. Ab heute mag es zwar noch in manchen Nächten Frost geben und auch noch mal kräftig schneien, aber es ist nicht mehr daran zu rütteln: astronomisch und kalendarisch ist jetzt Frühling.
Am konsequentesten folgen diesem Termin die Schaufensterdekorationen. Luftige Röcke, kurzärmlige Hemden und knappe Tops bewirken, dass wir die ersten Pullis in die Winterkiste verbannen, auch wenn wir dann ab und an frieren. Wir passen uns dem Kalenderdatum an, solange bis es auch die Temperaturen auf Frühling stehen.
Wie gut wäre es, wenn wir uns auch in anderen Dingen so mitreißen lassen würden. Zum Beispiel von der schlichten Zusage, die einem Menschen bei der Taufe mitgegeben wird:  Gott kennt dich, liebt dich und begleitet dich.
Dieses Ja Gottes gilt. Das ganze Leben lang, und darüber hinaus. Trotzdem wird es in jedem Leben immer wieder Zeiten geben, in denen ich von diesem Ja nichts spüre, mir womöglich elend alleine vorkomme. Aber Gottes Versprechen ist mindestens so zuverlässig wie unser Kalender.
Wenn ich auf das Versprechen Gottes vertraue, könnte mein Leben angstfreier werden. Wenn ich darauf vertraue, dass ich tatsächlich begleitet und behütet bin, kann ich mutiger losziehen. Und wie in diesen Tagen auch schon mal zuversichtlich die Handschuhe und Zweifel aller Art Zuhause lassen.

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Eigentlich ist der November der klassische Monat, um an die Verstorbenen zu denken. Da ist es ja auch die meiste Zeit des Tages grau und dunkel und neblig. Ganz von allein wird man irgendwie melancholisch und schwelgt in Erinnerung.
Aber gestern war der Todestag Goethes, und ich bin froh, dass dieser Tag in diese Vorfrühlingstage fällt.
Für mich verbindet sich mit dem großen Dichter ein ganzer Schatz an wunderbaren Gedichten, Dramen und Erzählungen. Und die passen viel besser in eine lichte Jahreszeit. Überhaupt verliert der Tod seine Schrecken, wenn ich draußen das viele Grün und die bunten Frühblüher wachsen sehe. Jede Narzisse predigt jetzt auf ihre Weise, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass das Leben stärker ist als der Tod und dass die ganze Schöpfung von Leben durchpulst ist.
Ich kann mir plötzlich besser vorstellen, dass die Menschen, die mir lieb waren und schon verstorben sind bei Gott sind. Dass es dort vor Leben überquillt.
Goethe sitzt in meiner Vorstellung mittenmang dabei und zitiert seine Verse. Passend zum März:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

Für Goethe steckte in jeder Blume die aufblüht etwas von der Lebenskraft Gottes, die sich mir bis heute mitteilt. In wärmenden Sonnenstrahlen, in blühenden Bäumen, in Gedichten und in Erinnerungen an Menschen, die mich begleitet haben.

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