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SWR2 Wort zum Tag

28SEP2019
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Es sieht aus wie in einem archäologischen Museum: Auf einem Podest finden sich Vasen und Schüsseln, Scherben von Tassen und Tellern, Geschirr, teilweise wieder zusammengefügt und gekittet, ein zerbrochenes Waschbecken, ein eingeschweißtes Hemd. Alles sorgsam angeordnet und mit kleinen Beschriftungen versehen.

 

Die Gegenstände sind Teil einer Installation der niederländisch-japanischen Künstlerin Nishiko, die sie für die Kunsttriennale für Kleinplastik in Fellbach bei Stuttgart eingerichtet hat. Seit 2011 beschäftigt sich die Künstlerin mit der Dokumentation der Katastrophe von Fukushima. Viermal ist sie seither in die Region gereist. Sie hat Menschen, die vor dem Tsunami und der Atomkraftwerkshavarie dort gelebt haben, interviewt. Sie hat fotografiert und Überreste des zerstörten Besiedlungsgebiets gesammelt.

 

„Repairing Earthquake“ nennt sie ihr Projekt – und das ist auch die Besonderheit ihrer Arbeit, ihre künstlerische Aussage. Die Scherben und Fragmente sind nach Möglichkeit wieder zusammengekittet, die Fundstücke gesäubert und instandgesetzt – repariert. Das eingeschweißte Hemd hat die Künstlerin mehrfach gewaschen und gebügelt.

 

Dabei wendet Nishiko eine typisch fernöstliche Technik der Wiederherstellung an, bei der zum Beispiel Bruchstellen nicht unsichtbar gemacht werden, sondern sichtbar bleiben. Ersatzteile werden als sichtbare Elemente hinzugefügt – und das gewaschene Hemd behält seinen Grauschleier. Man sieht den Fundstücken die Spuren der Katastrophe an, die über sie hinweg gegangen ist.

 

So berührt „Repairing Earthquake“ mich als Betrachter auf zweierlei Weise. Die wiederhergestellten, aber eben nur notdürftig reparierten Gegenstände bleiben Mahnmale einer Katastrophe, die nicht vergessen oder verdrängt werden darf. Nishiko legt mit ihrer Arbeit den Finger in die Wunde, macht Narben sichtbar und spürbar.

 

Zum anderen haben ihre Bemühungen etwas ebenso rührend-liebevolles wie hilfloses. Denn es gibt Katastrophen – menschengemachte Katastrophen – deren Folgen nicht mehr getilgt werden können, und wo die Maßnahmen zur Wiederherstellung hinter den zerstörerischen Auswüchsen weit zurückbleiben. „Lasst die Finger von Risiken, deren Folgen ihr nicht mehr beherrschen könnt“, höre ich Nishiko mit ihrer Arbeit sagen. Eine prophetische Botschaft in einer Zeit technischen Leichtsinns!

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27SEP2019
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In früheren Zeiten glaubten die Menschen, Naturkatastrophen seien eine Strafe Gottes für ihr sündiges Verhalten. Zum Beispiel die biblische Geschichte von Noah, der Sintflut und der Arche: Da wird ein Unwetter, das ganze Erdteile überschwemmt, als Strafgericht Gottes über die gottlosen Zeitgenossen Noahs gedeutet.

 

Das lässt Fragen aufkommen: Kann Gott wirklich wollen, dass seine gesamte Schöpfung zerstört wird – um eines Strafgerichts willen? Waren wirklich alle Menschen – Noahs Familie einmal ausgenommen – so gottlos, dass dieses Totalurteil gerechtfertigt erscheint? Und warum müssen unschuldige Tiere sterben?

 

Solche Fragen machen es mir schwer, die Sintfluterzählung einfach als Geschichte über ein göttliches Strafgericht zu verstehen. Und etwas Zweites kommt hinzu: Ist es nicht vielmehr der Mensch, der sich selbst richtet, wenn er an den Folgen seines Handelns zugrunde geht?

 

Heute erleben wir hierzulande zunehmend Starkregen und Hitzeperioden im Extrem. Auch Trockenheit und Dürre sind Naturkatastrophen. Und aus der biblischen Sintflutgeschichte könnte schnell eine moderne „Sintglutgeschichte“ werden. Doch zugleich wissen wir: Manche, wenn nicht viele der heute zu erlebenden Wetterextreme sind menschengemacht.

 

Und genau da bekommt die alte Sintfluterzählung für mich einen neuen, ganz aktuellen Sinn – wenn ich sie von ihrem Ende her lese: Nach der alles vernichtenden Flut lässt Noah eine Taube aus der Arche fliegen. Sie soll nach begehbarem Land Ausschau halten, nach einem neuen Ort des Lebens. Und sie kehrt mit einem Ölblatt im Schnabel zurück.

 

Die biblische Sintfluterzählung malt ihren Lesern und Hörern nicht das Ende der Welt in apokalyptischen Farben aus. Sie spricht von einer neuen Perspektive auf das Leben. Am Ende der Erzählung eröffnet sich den Überlebenden in der Arche ein veränderter Blick auf die Welt. Mit der Katastrophe im Rücken empfangen sie das Leben neu – als Geschenk, als Gabe Gottes.

 

Die Welt nach der Flut wird als eine zweite Schöpfung beschrieben – nicht, weil Gott die Welt ein zweites Mal schaffen müsste. Sondern deshalb, weil der Mensch ein zweites Mal hinschauen muss, um zu erkennen, was Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat, damit Mensch und Tier darin leben können.

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26SEP2019
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„Was haben wir mit dieser Welt angestellt?“, fragt Michael Jackson in seinem „Earth Song“. 1995 ist das Lied entstanden und veröffentlicht worden – also schon etwas älter, und trotzdem immer noch brandaktuell.

Ein Lied von der Erde. Der dazugehörige Videoclip ist – möglicherweise – bekannt. Er zeigt Bilder des Schreckens und des Elends. Aufnahmen, wie wir sie Abend für Abend aus den Nachrichten kennen.

Es geht um ökologische Probleme, um Krieg und Vertreibung, um Flucht und Hungerkatastrophen. Gebündelt ist dies alles in der zerstörerischen Macht des Menschen, dem es offenbar nicht gelingt, im Frieden mit sich und der Erde zu leben. Deshalb die Leitfrage: „Was haben wir dieser Erde angetan?“

Dann aber geschieht etwas Überraschendes in diesem Videoclip. Etwas, das nicht selbstverständlich ist, weil man es auf diese Weise nur in einem Film zu sehen bekommt: Am Ende laufen die Bilder rückwärts. Sie zeigen, wie die zuvor abgeholzten Bäume des Regenwalds einfach wieder aufstehen und sich hinstellen. Wie einem getöteten Elefanten die abgesägten Stoßzähne wieder nachwachsen.

Auf den ersten Blick wirkt das völlig naiv und weltfremd. Es geschieht ja vieles in dieser Welt, was der Videoclip zeigt, aber genau das eben nicht! Und doch steckt mehr in diesem zwar simplen, aber aussagestarken Trick. Für mich drückt sich darin eine tiefe Sehnsucht aus. Eine Sehnsucht nach Veränderung. Es müsste ja wirklich ‘mal jemand kommen, den schlimmen Film anhalten, in dem wir leben, und die Bilder einfach rückwärts laufen lassen.

Michael Jacksons „Earth Song“ ist für mich ein moderner Psalm. Eine bittere Klage und eine zornige Anklage. Aber eben auch ein Lied der Hoffnung. Es erinnert daran, dass wir nicht in einer kaputten Welt leben wollen – wahrlich nicht! Wer will das?

Die Bilder packen den Betrachter bei der Frage, welche Zukunft er für lebenswert hält. Für sich, für die nächste Generation. Und wenn der Wunsch nach einer Welt, in der Wunden heilen, nicht selbst naiv und weltfremd sein soll, dann muss es anders werden, wie wir Menschen miteinander und mit diesem Planeten umgehen. Der Teufelskreis sinnloser Naturzerstörung muss durchbrochen werden. Andernfalls gibt es keine Zukunft für den noch blauen Planeten Erde.

 

 

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25SEP2019
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„Frauen altern souveräner“, behauptete die Schriftstellerin Ildikó von Kürthy kürzlich in einem Interview. Sie selbst hat gerade die 50 überschritten und meint: „Männer um die 50 haben oft das gute Funktionieren gelernt, die definieren sich als Oberhäupter ihrer Familie oder ihrer Abteilung oder ihres Schrebergartens... Frauen um die 50 haben sich von diesem Gepose und Getue verabschiedet... Ein Mann mit dieser immer gleichen Maske der Stärke, das ist doch wahnsinnig öde.“

 

Aber sie spricht auch von den beiden Seiten des Älterwerdens: „Der Geist hat eine ganz andere Klarheit“, sagt sie, „man regt sich nicht mehr über unwichtige Dinge auf, ich spüre große Zufriedenheit mit dem Leben. Und gleichzeitig ist da diese enorme Vertrocknung des eigenen Körpers. Wie ein schrumpelnder Pfirsich! Es ist ein außergewöhnliches Auseinanderdriften von Körper und Geist.“

Na ja, denke ich, es macht sicher noch einmal einen Unterschied, ob ich als Fünfzigjährige über das Alter spreche. Oder als Siebzigjährige oder Neunzigjährige. Und trotzdem, für manche ist das Älterwerden wohl so etwas wie ein Schiffbruch.

Der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti hat in einem Gedicht über das Alter einen anderen Akzent gesetzt. „Das Alter ein Schiffbruch?“, fragt er. Und fährt fort: „Doch was kann schlimm daran sein, wenn Gott der Ozean ist?“

Ich finde, ein starker Gedanke! Dem Altern wird nichts genommen von seiner Zwiespältigkeit. Denn längst nicht immer - und vielleicht noch nicht einmal in den meisten Fällen - ist es mit zunehmender Klarheit und Gelassenheit verbunden. Viel öfter sind es andere Kräfte, die an einem älter werden Menschen zehren und ihm zu schaffen machen. Rauschte einst das Leben dahin, wie ein Schiff in voller Fahrt, so liegt in späteren Jahren das Bild von einem Schiffbruch vielleicht doch nicht so fern.

„Doch was kann schlimm daran sein, wenn Gott der Ozean ist?“ Wenn ich so denke, muss ich nicht ständig so tun, als ob ich noch immer alle Fäden in der Hand hielte. Die Pose, die so tut, als sei ich noch immer zwanzig, brauche ich nicht mehr. Ich darf meiner Zukunft getrost entgegen gehen: wenn und weil Gott der Ozean ist.

Daran steckt ja ein tiefes Vertrauen: dass Gott mich trägt wie ein Schiff übers Meer. Auch und gerade dann, wenn dieses Schiff einmal Schiffbruch erleidet. Ein solches Vertrauen wünsche ich mir und Ihnen!

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24SEP2019
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Wo Menschen sind, gibt es auch Konflikte. Zuweilen recht heftige. Das war in der Geschichte des Christentums nicht anders. Einer der folgenreichsten Konflikte hat sich gleich zu Anfang ereignet. Er war verbunden mit den Namen Petrus und Paulus. Beides impulsive Charaktere, die von dem „neuen Weg“, wie die christliche Religion in ihren Anfängen hieß, begeistert waren.

 

Petrus und Paulus waren fasziniert von der Botschaft Jesu und seinem Leben. Beide hat die Frage verbunden: wie kann man diese Begeisterung weitergeben an kommende Generationen?

Dabei war eine Grundsatzentscheidung zu treffen. Nämlich: wer sollte künftig dazugehören? Petrus war der Meinung, man solle sich vorrangig auf die Menschen aus dem jüdischen Umfeld beschränken. Paulus wollte den Kreis viel größer ziehen: bis ans Ende der Welt, um Menschen mit dem „neuen Weg“ bekannt zu machen. Ein Entweder-Oder!

An diesen Konflikt musste ich denken, als ich kürzlich einen Zeitungsartikel las. Der Autor beschreibt darin, wie sich die Menschen angesichts tiefgreifender Veränderungen in unserer Gesellschaft in zwei Gruppen spalten. 

Da sind die weltläufigen Globalisten. Und da sind die bodenständigen Lokalisten. Die weltläufigen Globalisten sehen den aktuellen gesellschaftlichen und technologischen Wandel als Chance für sich. Sie begrüßen ihn. Und sie profitieren davon.

Die heimatverbundenen Lokalisten hingegen fühlen sich an den Rand gedrängt. Die Lebensformen, die ihnen wichtig sind, gelten plötzlich als antiquiert. Sie kommen nicht mehr mit. Fühlen sich abgehängt. Und zwischen beiden Gruppierungen werden die Auseinandersetzungen immer feindseliger.

Damit beide Seiten nicht wie feindliche Stämme aufeinander los gehen, käme es darauf an, finde ich, Gelegenheiten zu schaffen, wo sich beide Seiten begegnen. Um eine gemeinsame Sprache zu finden. Um Verständnis zu entwickeln für die Sichtweise der anderen Seite.

Den beiden Kontrahenten Paulus und Petrus ist es jedenfalls zu guter Letzt gelungen, ihren Konflikt zu entschärfen. Beide haben verstanden, dass es nicht um ein Entweder-Oder geht. Sondern dass man den „neuen Weg“ des Glaubens durchaus mit unterschiedlicher Ausrüstung zurücklegen kann.

Spannungen inbegriffen. Aber doch immer im Gefühl, dass man Verantwortung füreinander trägt. Am Ende jedenfalls haben sich Paulus und Petrus die Hand gereicht. 

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23SEP2019
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Der Gernegroß. Auf dem Schulhof kannte ihn jeder. Bekannt war er dafür, dass er gerne geprahlt hat. Mit seinem Taschengeld, seinem neuen Moped, seinen wichtigen Freunden. Später im Leben war er der mit dem angeblich schnellsten Auto, dem tollsten Beruf und der schönsten Frau.

Reinhard Mey hat dem Gernegroß vor ein paar Jahren in einem Lied ein Denkmal gesetzt: „Gernegroß, immer in Siegerpose, Gernegroß, immer die Hände in der Hose. Gernegroß darf stolz auf dem geweihten, roten Teppich Ehrenkompanien abschreiten.“

Der Duden sagt über den Gernegroß: ‚jemand, der mehr gelten möchte, als er ist.‘ Wenn ich so um mich schaue, habe ich den Eindruck, dass dieser Typus auf der politischen Bühne gerade sehr erfolgreich ist. Er scheint vor Selbstbewusstsein zu strotzen, punktet mit schmissigen Sprüchen und hat für jedes Problem sofort eine Lösung parat.

Ich finde das gefährlich! Nicht nur für den, der sich an sich selbst verhebt. Sondern mehr noch für alle Anderen, die durch ihre Bewunderung für den Gernegroß ihn erst groß machen.

Dem Gernegroß hat der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti eine provokante Erinnerung entgegen gesetzt. Sie besteht nur aus wenigen Worten. Und erinnert an einen Menschen, der so ganz  anders war. „MENSCH GERNEGROSS“, schreibt Marti in Großbuchstaben, die ins Auge springen. Und setzt dagegen zwei Worte, klein geschrieben: „gott gerneklein“.

Gott gerneklein! Ich finde, das beschreibt treffend die Mitte der christlichen Botschaft. Ein Mensch, der sich immer größer macht, sich ständig wichtig tut durch allerlei Posen und Pirouetten, kommt so nicht zu Gott. Aber umgekehrt kommt Gott zum Menschen: weil und indem er sich klein gemacht hat. Und sich auf Augenhöhe zu uns Menschen begibt.

In der Gestalt des Jesus von Nazareth geht er zu denen, die sich klein und wertlos fühlen. Die am Rande stehen und an sich selbst verzweifeln.

Gott gerneklein, das heißt für mich: nicht der Größte und Beste sein zu müssen. Sondern: andere gelten zu lassen, ihnen zuzuhören. Und zuzugestehen, dass sie vielleicht manches besser können.

Und auch das: meine eigenen Grenzen zu erspüren. Und sie zu ernst zu nehmen. Und vielleicht auch einmal zu sagen: Ich weiß es nicht. Aber vielleicht weißt Du es? Ich bin sicher, dass es so leichter wird, miteinander auszukommen. In der Politik genauso wie bei der Arbeit oder zu Hause.

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