Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Angst vor Veränderung - ältere Menschen kennen sie. Sie wissen, dass das zunehmende Alter zu Einschränkungen führen kann, die ihr Leben gründlich verändern. Auch die Veränderungen in ihrer Umwelt können ihnen zu schaffen machen. Ich denke z. B. an die modernen Kommunikationssysteme, die viele von ihnen ausschließen. Sie haben die Sorge, dass auf die nachfolgende Generation Probleme zukommen, die nur schwer zu bewältigen sein werden und auf die unser stark von wirtschaftlichen Interessen bestimmtes Bildungssystem nicht genügend vorbereitet. Sie fragen sich immer wieder, ob in vielen Lebensbereichen nicht Manches auf der Strecke bleibt, was das Leben und Zusammenleben menschlich macht. Ich gehöre zu den Älteren und kann das alles gut nachvollziehen. Andererseits weiß ich, dass man bei den in der Vergangenheit gewonnenen Erfahrungen nicht stehen bleiben darf. Ich will mich jedenfalls von der Angst vor Veränderungen nicht bestimmen lassen. Ich will zu verstehen suchen und dann urteilen.
Veränderungen gibt es auch in der Kirche: Aus überschaubaren Gemeinden, in denen man sich kannte, werden große Einheiten, in denen Seelsorge durch den Pfarrer oder die Pfarrerin nur noch sehr begrenzt möglich ist und Ehrenamtliche in einem hohen Maß gefordert sind. In vielen Gemeinden ist die Zahl der Gottesdienstbesucher zurückgegangen, und ihr Altersdurchschnitt ist hoch. Das alte Pfarrhaus mit der immer offenen Tür gibt es nicht mehr. Viele kirchlich gebundene Menschen finden diese Entwicklung beängstigend, und ich teile ihre Sorge. Aber Ängste können auch blind machen für die Chancen im Neuen. Beispielsweise für die Bereicherung, wenn Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen in der Kirche Verantwortung übernehmen. Oder wenn neue Arbeitsformen gefunden wurden, die auch ferner Stehende ansprechen. Wenn Ereignisse wie der Kirchentag zeigen, dass junge Menschen offen sind für Fragen des Glaubens. Wenn, deutlich erkennbar, Religion für viele Menschen wichtig ist und durchaus einen festen Platz in unserer Gesellschaft hat.
Was nimmt die Angst vor Veränderung? Was öffnet die Augen für das Gute im Neuen auch in der Kirche?  Was macht bereit, sich auf es einzulassen? Ich denke, es ist die Erfahrung, dass sich die überlieferte Wahrheit des Glaubens auch in Veränderungen bewährt und dass die alten Worte der Bibel auch heute immer neu zu Menschen sprechen, ihnen in allen Veränderungen Halt geben, sie bestimmen, sie zusammenführen und zusammenhalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15464

Die Angst, die Liebe zu verpassen - so war ein Zeitungsartikel überschrieben, den ich neulich gelesen habe. In ihm wird berichtet, dass in amerikanischen Großstädten Online-Dating  ein gängiges Verfahren geworden ist, durch das sich Paare kennen lernen sollen. Man ruft mit dem Computer eine Website auf und bekommt, wenn man sich anmeldet, einen Fragekatalog mit 400 Fragen zugeschickt. Die Antworten werden ausgewertet. Dann werden einem Namen und Adressen möglicher Partnerinnen oder Partner genannt, deren Lebenseinstellungen und Vorlieben weitgehend mit den eigenen übereinstimmen. Jetzt kann man sich am nächsten Wochenende mit einer der genannten Personen treffen. Dabei bleibt es in der Regel aber nicht. Weitere Treffen mit anderen werden vereinbart, manchmal sogar zwei an einem Abend. Vielleicht könnte einem ja, so wird es im Artikel gedeutet, unter den verschiedenen Möglichkeiten der Partnerschaft die beste entgehen. Vielleicht würde man die große Liebe verpassen.
Ein statistischer Vorgang soll also zwei Menschen zusammenführen, die zueinander passen. Es soll schnell gehen und leicht zu realisieren sein. Aber die Angst, etwas zu verpassen, schiebt eine endgültige Entscheidung für einen Partner immer wieder hinaus. So bleiben, denke ich, Begegnungen unverbindlich, das Risiko einer langfristigen Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen wird vermieden. Aber verpasst man nicht gerade so die Liebe? Entsteht Liebe in der Regel nicht in einer zufälligen Begegnung, die man als Fügung verstehen kann? Braucht sie nicht Zeit, in der zwei Menschen miteinander vertraut und so für eine stabile Lebenspartnerschaft bereit werden?
Die Angst, die Liebe zu verpassen, verhindert Liebe. Dafür gibt es Analogien auch in anderen Lebensbereichen, überall dort, wo man Nähe und Geborgenheit in stabilen Beziehungen, erfahren möchte. Wer fürchtet, etwas zu verpassen, wird von der Sorge um sich selbst getrieben. In dieser Sorge vergisst man, dass man nicht alles haben muss, aber viel geben kann. Man übersieht, dass Beziehungen zu anderen Menschen Zeit brauchen und dass man sie pflegen muss. Dazu gehört auch, dass man sich auf Fremdes und Befremdliches einlässt, gerade nicht in allem Übereinstimmung sucht und andere annimmt. Man wird dabei selbst Annahme erfahren und diese als großes Geschenk erleben. - In allen Lebensbereichen schließen sich die Angst, etwas zu verpassen, und Liebe aus. Liebe erfährt, wer auf das Geschenk der Liebe wartet und sie dann wagt und liebt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15463

Frei von Furcht - das wäre ich gerne! Es gibt ja die Geschichte von einem, der auszog das Fürchten zu lernen, und den auf seinem Weg rein gar nichts erschrecken konnte. Aber das ist ein Märchen! In meinem Leben gibt es zu Vieles, vor dem ich mich fürchte: Unglück im Leben meiner Kinder, Krankheit, Hilflosigkeit im Alter, Sterben und Tod. Und in der Gesellschaft, in der ich lebe, machen mir und vielen Menschen Krisen und Ereignisse Angst, die unbeherrschbar scheinen und vielen Menschen unendliches Leid bringen. In diesen Tagen haben wir die Bilder der Jahrhundertflut mit ihrer Furcht erregenden und zerstörerischen Kraft vor Augen. Es gibt viele Gründe für Furcht!
Frei von Furcht - das wäre ich gerne! Aber das ist offenbar gar nicht möglich! Im Johannesevangelium bestätigt es Jesus, wenn er seinen Jüngern sagt: In der Welt habt ihr Angst. Aber dann gibt es in der Bibel auch an vielen Stellen die Aufforderung: Fürchtet euch nicht!  Wie soll man das verstehen, wie die Furcht hinter sich lassen können? Für mich ist eine Schlüsselstelle für die Antwort auf diese Fragen der Satz: Furcht ist nicht in der Liebe. Er erinnert mich daran, wie Menschen einander gegen die Furcht helfen können - so, dass sie nicht übermächtig wird. Es fängt schon in der Kindheit an: In der Angst fliehen kleine Kinder in die Arme der Mutter, die sie liebt, und verlieren die Angst. In Lebenskrisen kann der Mensch, der mich liebt, Ängste jedenfalls mindern, weil er an meiner Seite bleibt. Bei Katastrophen, wie bei den Überschwemmungen in diesen Tagen, finden Menschen Halt durch die große Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen.
Furcht ist nicht in der Liebe - der Satz steht im 1. Johannesbrief  in einem unlösbaren Zusammenhang mit einem der kürzesten Sätze über Gott. Gott ist die Liebe, heißt es da. Er ist da für mich und hält zu mir. Mit allem, was ich erlebe oder erleide, kann ich mich in seiner Liebe bergen. Alles, was mir Angst macht, kann ich ihm sagen - im Vertrauen, dass er mich damit nicht allein lässt. Ich kann ihm meine Furcht anvertrauen. Ängste werden mich zwar immer wieder bedrängen. Aber im Vertrauen auf Gottes Liebe verlieren sie ihre Kraft - so, dass sie mich nicht mehr festhalten und lähmen. Das macht mich dann auch frei und bereit, Menschen neben mir in ihren Ängsten nahe zu kommen und mit ihnen Wege zu suchen und, wenn es möglich ist, zu gehen, Wege, auf denen sie die Furcht hinter sich lassen können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15462

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört die Sonne. Sie wurde mir vom Arzt verschrieben. Als Kind des Ruhrgebiets, des staubigen und rußigen Kohlenpotts, blass und mager, immer hustend und schnupfend, wurde ich einmal in der Woche für eine viertel Stunde mit dunkler Sonnenbrille vor die Höhensonne gesetzt. „Warum?" „Damit du gesund bleibst", sagte meine Mutter. Und ich saß im Hemdchen frierend auf der Kunstledercouch in der Arztpraxis. An der Wand der Werbeslogan für die Höhensonne : „Wenn du dein Kind von Herzen liebst, so lass zur Pflicht dir werden, dass du ihm die Gesundheit gibst, als größten Schatz auf Erden. Lass durch der Höhensonne Strahl vor Krankheit es bewahren, der Dienst verzinst sich tausendmal in spätern Lebensjahren."
Ob das wirklich so gesund war - wer weiß? Sicher aber sorgte die frühe Höhensonnen-Erfahrung dafür, dass mir von allen Kirchenliedern eines das liebste wurde: „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes liebliches Licht." Zehn Minuten in Ruhe draußen in der Sonne sitzen, verschafft schon einen Hauch von Urlaub, von Muße und Glück. „Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder. Aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht." Erst im Bett, vielleicht sogar krank im Bett, müde und matt - dann aber wieder auf den Beinen: munter und fröhlich in der Sonne. Helligkeit ohne Wärme, das kann unbarmherzig sein.  Wärme im Dunkeln - das wäre ein finsteres Treibhaus. Hell und warm - das ist für uns die Sonne.
Was Paul Gerhardts Lied so deutlich von der Werbung für Höhensonne unterscheidet: Mitten im herzerquickenden Sonnenschein wagt Paul Gerhardt, an die Grenze unseres Leben zu erinnern. „Menschliches Wesen, was ist´s gewesen, in einer Stunde, geht es zugrunde, sobald das Lüftlein des Todes drein bläst." heißt es in dem Lied. Selbst der gesündeste Mensch ist nicht unsterblich. In diesem Leben ist Gesundheit ein Schatz, den wir hüten sollen. Zur Not vielleicht auch mit Höhensonne. Aber dieses Leben ist nicht alles. Erst die Sonnenstrahlen von Gottes Barmherzigkeit „heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund." In diesem heilsamen Licht die Grenze zwischen diesem Leben und einem anderen Leben sehen lernen - „das verzinst sich tausend mal in späteren Lebensjahren."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15458

„Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod." Ob der alte Herr die Bibelworte an seinem Sterbebett noch gehört hat, weiß ich nicht. Doch seine Tochter, die neben mir stand, unterbrach mich. „ Der Tod ist doch eine Erlösung für ihn. Der Tod ist sein Freund, nicht sein Feind."
Sie hatte ja Recht. Drei Wochen hatte ihr Vater im Koma gelegen. Beim Fahrradfahren war er so übel gestürzt. Doch selbst wenn die Ärzte ihn hätten retten können: er wäre nie wieder der geworden, der er gewesen war: der lebenskluge, gebildete Gesprächspartner. Für sie war der Tod ihres Vaters sicher eine Erlösung: sie hätte es nicht länger mit ansehen können, wie er in seinem Bett lag und nur noch wirre Worte von sich geben konnte. Sie war sich sicher: Auch für ihn, der Zeit seines Lebens so gesund, so aktiv, so präsent gewesen war, bedeutete der Tod eine Befreiung von der trüben Aussicht, niemals mehr gesund werden zu können. Der Tod als Freund - in der Bibel gibt es auch dieses Bild. „Herr, Gott, du bist unsere Zuflucht für und für, der du die Menschen lassest sterben und sprichst: kommt wieder, Menschenkinder." Der Tod als Freund, der uns zurückholt dorthin, woher wir gekommen sind.
Und doch heißt es eben auch: „Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod." Am Ende soll es auch noch mit dem Ende vorbei sein. Solange wir leben, müssen wir ja mit jedem Anfang das Ende mitdenken.
Ein Feind bleibt der Tod - denn würden wir nicht anders leben, wenn wir dieses Ende nicht totsicher erwartete und wir unendlich Zeit hätten? Warum sollten wir dem anderen etwas neiden? Kommen nicht die meisten Übel aus einer Angst, in dieser Zeit nicht genug zu bekommen?
Man kann vielleicht beides zusammendenken: den Tod als Freund, den Tod als Feind. So, wie es in einem Gedicht von John Donne heißt:
Tod, sei nicht stolz, hast keinen Grund dazu,
bist gar nicht mächtig stark, wie mancher spricht.
Du tust uns nichts; auch mich tötest du nicht.
Die du besiegt wähnst, warten nur in Ruh.
Wenn schon der Schlaf, dein Abbild, Freude leiht,
welch hohe Lust muss aus dir selbst gedeihn.
Und gehn auch unsre Größten zu dir ein -
Die Asche fault, die Seele ist befreit.
Nach kurzem Schlaf erwachen wir zur Ruh -
Und mit dem Tod ists aus: Tod, dann stirbst du.
In diesem Gedicht von John Donne, hat der Tod nicht das letzte Wort. „Die Asche fault" - aber die Seele ist durch den Tod befreit. Zu einem neuen Leben, in dem wir den Tod als Freund nicht mehr brauchen.

(John Donne, Nacktes denkendes Herz; Köln 1969)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15457

Vertrauen ist ein riskantes Unternehmen. Man riskiert: am Ende als der Dümmere da zustehen, enttäuscht zu werden, verletzt zu werden. Aber gerade weil es so riskant ist, lohnt es sich. Davon erzählt die Geschichte des heiligen Gerasimus.
Gerasimus war ein Christ zu einer Zeit, als es davon noch recht wenige gab. Er lebte ungefähr im 5. Jahrhundert. Eines Tages spaziert dieser fromme Mann am Jordan entlang und begegnet einem Löwen. Gerasimus nimmt nicht Reißaus - im Gegenteil. Denn der Löwe schreit jämmerlich und wie eine Katze, streckt er ihm seine Pforte entgegen. Er war aus Versehen in einen Stachel getreten! Gerasimus hat Mitleid mit dem Tier. Mutig nimmt er die Löwentatze in seine Hand, zieht vorsichtig den Stachel heraus, reinigt die Wunde und verbindet sie. Der Löwe, so müssen wir uns das wohl vorstellen, hielt die ganze Zeit über erleichtert still. Vermutlich war auch Gerasimus erleichtert, dass das Tier sich so gegen seine Natur brav gebärdete.
Auf jeden Fall macht er sich, nachdem er die Wunde versorgt hat, wieder auf den Weg. Als er sich nach einer Weile umschaut, sieht er, dass der Löwe treu hinter ihm her läuft. Von da an sind beide unzertrennlich, Gerasimus und der Löwe. Als Gerasimus in hohem Alter starb, da trauerte das Tier an seinem Grab und folgte seinem Herren kurze Zeit später nach.
Löwe und Mensch - in vielen Fällen geht diese riskante Begegnung nicht gut aus. Entweder der Löwe fällt über den Menschen her - oder der Mensch, so er denn eine geeignete Waffe besitzt, über den Löwen. Von daher gesehen lag das Risiko der Begegnung nicht nur auf der Seite des Heiligen.
Die Geschichte von Gerasimus lässt ahnen, dass es ein anderes Abenteuer als das der Jagd geben kann, bei dem entweder der Mensch oder der Löwe auf der Strecke bleibt. Nämlich das Abenteuer des Vertrauens. Von daher ist die Botschaft dieser Geschichte nicht einfach die: Gebt euch Pfötchen und habt euch lieb. Vielmehr die: Auch Vertrauen ist manchmal ein riskantes, aber doch oft lohnendes Unternehmen. Erst, als dem Löwen die Pfote so richtig weh tut, denkt er nicht mehr daran, seinen Retter sogleich zu verspeisen. In der Not riskieren wir sogar Vertrauen. Für Gerasimus aber bleibt das Restrisiko, dass der Gerettete anschließen über ihn herfällt. Aber: er tut es nicht, im Gegenteil.
Die Legende von Gerasimus erzählt das Abenteuer einer friedlichen Zähmung, das Abenteuer einer gelungenen Zivilisation. Auf dass der Mensch dem Menschen nicht länger ein Löwe bleibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15456